Agitprop von der Resterampe: ARTE-Russlandabend zur Februarrevolution wird zum Offenbarungseid

Karte der Sowjetunion
Riesig und schrecklich. Für jedes historische Ereignis in und um Russland hat der Westen immer nur eine Erklärung parat: Moskaus Imperium will sich einfach nur alles unter den Nagel reißen. Screenshot aus dem ARTE-Film "Moskaus Imperium"
Am 28. Februar widmete sich der deutsch-französische Kanal ARTE der russischen Revolution 1917. Insgesamt vier Produktionen mit insgesamt fünfeinhalb Stunden Sendezeit sollten russische Vergangenheit und Gegenwart weisen. Geworden ist daraus eine Zumutung.

von Wladislaw Sankin

Am 28. Februar hatte ARTE in der Tat einen hervorragenden Anlass für einen Russland-Abend. Vor 100 Jahren begann dort nämlich die Februar-Revolution.

Es jährten sich jene wenigen Tage am Ende des Februars 1917 - nach dem Julianischen Kalender -, die dazu führen sollten, dass der Zar abdankte. Damit sollte er das Ende jenes Russischen Reiches einleiten, wie die Welt es gekannt hatte. Die schicksalhaften Tage lösten eine Kette von Ereignissen aus, die Monate später zur noch schicksalhafteren Oktober-Revolution führen sollten.

Der Sender blieb anfangs auch beim Thema und lieferte zwei Produktionen, die tatsächlich die Ereignisse des Jahres 1917 behandelten: Eine 60-minütige Produktion mit dem Titel "Breaking News: Zar gestürzt - Revolution in Russland" und einen 90-minütigen Film "Good Bye, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin".

Der Politiloge Dmitri Kulikow auf der V. Internationalen wissenschaftlichen Konferenz

Der Abend war aber noch lange und ob die Gäste mit dessen Fortdauer schöner wurden, blieb im Ungewissen. Deshalb hat sich ARTE offenbar gedacht, die ideale Gelegenheit zur Resteverwertung wäre gekommen und man könnte noch zwei weitere Filme anhängen, die mit dem Thema strenggenommen nichts mehr zu tun hatten.

Und so folgte der Zweiteiler "Moskaus Imperium“, gemacht von einem dafür vom MDR beauftragten Team. Beide Teile davon wurden bereits 2015 produziert, augenscheinlich sind sie von der so genannten Krimkrise inspiriert. Jetzt, nach zwei Jahren, hat der deutsch-französische Kultursender sie wieder von der Rampe gekramt.

Litauen: Russen raus, Deutsche rein

Die Gründe für die verspätete Sendung sind möglicherweise unspektakulär. Vielleicht haben sie ja eher mit einer fachlich-technischen Problematik zu tun: Bildrechte, Postproduktion, was auch immer. Aber gerade jetzt, da deutsche Truppen in Litauen angekommen sind, um unsere viel beschworenen Bündnispartner vor fürchterlichen russischen Aggressionen, Hacker-Attacken, Fake News, Muskelspielen, Gas-Kriegen, Besetzungen, Propaganda und – laut Außenminister Gabriel - vor "irrationalem militärischem Aufbäumen" jenseits der Grenze zu schützen, lässt einen das Gefühl nicht los: Der Film ist irgendwie nicht zufällig da.

Gerade im zweiten Teil ist ein umfangreicher Abschnitt Ereignissen im Litauen der Jahre 1989 und 1990 gewidmet. Er stellt die damalige abtrünnige Sowjetrepublik als tapfere Kämpferin für Freiheit und Demokratie gegen das brutale Moskauer Imperium dar. Angefragt für den Auftritt vor der Kamera wurden natürlich die Aktivisten von damals. Die Meinung der Menschen aus weitgehend entvölkerten Gegenden Litauens zum Preis der vermeintlichen Freiheit in den Reihen der NATO und nach dem anschließenden Beitritt zur EU sind an dieser Stelle nicht gefragt. Wie kommt das?

Zieht man die aktuellen außenpolitischen Diskussionen, z. B. über höhere Militärausgaben und über Militärmanöver und Truppenverlegungen ins Baltikum in Erwägung, dann kann die Antwort darauf wohl leider nur lauten, dass sich nun offenbar auch ARTE am weiteren Aufbau des Feindbilds Russland und damit am Kalten Krieg beteiligt, schreibt NachDenkSeiten dazu.

Propaganda? Immer gerne, Hauptsache russlandkritisch

Oder sieht alles viel trivialer aus? Der Sender musste das Machwerk ausstrahlen, weil das Geld bezahlt war? Man musste die Sendezeit füllen? Nun: Spätabends an einem Wochentag sind die meisten der neun Millionen erreichbaren Zuschauer ohnehin schon im Bett. Ein penetranter russophober Propaganda-Film, den man in das Programm reinschmuggelt in der Hoffnung, dass ihn keiner sieht.

Anders ist die Motivation des Kulturkanals nicht zu verstehen, dessen Kulturprogramm nach eigenen Angaben dazu da ist, die Menschen in Europa zu verbinden.

Als Unterhändler unterschreibt der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Abkommen zur Regelung der politischen Krise am 21. Februar 2014. Auf dem Hintergrund sind die ukrainischen Politiker Witali Klitschko und Oleg Tjagnibock zu sehen. Am Tag darauf war das Abkommen Altpapier.

Die ersten zwei Produktionen zur Russischen Revolution am 28. Februar waren zwar inhaltlich fragwürdig, aber sie hatten ihre Berechtigung und waren wenigstens unterhaltsam. Man kann dazu stehen, wie man will, aber sie lieferten immerhin Histotainment in seiner reinsten Form. Dann käme wenigstens der Zweiteiler "Moskaus Imperium" als kostenlose Beilage irgendwie als Füllmaterial daher. Oder als Satire.

Das ist aber ein Wunschdenken. Die Damen und Herren von ARTE meinen es ernst. Viele kaufen dem Film offenbar doch das ab, was er bezweckt. Nicht von ungefähr kommt der Zweiteiler beispielsweise bei der Neuen Osnabrücker Zeitung sehr gut an:

Die Dokumentation ist bewundernswert präzise und endet auf einem Level, der im deutschen Fernsehen nur selten erreicht worden.

Memetische Virusdatei

Wobei die Aussage, das Machwerk hätte ein Level erreicht, das im deutschen Fernsehen nur selten erreicht worden wäre, durchaus zutreffen könnte - wenn auch nicht im Sinne der Erfinder. Immerhin gab es doch früher auch mal die ZDF-Doku 2015 "Machtmensch Putin", und der ist zweifellos auch für hauptberufliche Russlandkritiker eine propagandistische Benchmark. Und überhaupt: Was bezweckt denn der Film wirklich, warum verrät das der Autor dieser Zeilen bis jetzt noch nicht?

Nun, überlegen wir gemeinsam: Was kann ein Film bezwecken, wenn er jedes Mal, wenn er Moskau zeigen will, die Kremlmauern aus der Froschperspektive zeigt, begleitet von lauten, aggressiv in das Ohr stürzenden Tönen von Blasinstrumenten? Oder man endlos marschierende Soldaten zeigt, rollende Panzer, Bajonette, Kanonen? Man sieht oft Tote im Bild, sehr oft, wenn es um die Sowjetunion geht, sogar wenn diese Tote auf das Konto anderer Mächte wie Hitlerdeutschland gehen. Die Urheber werden nicht gezeigt. Die Toten werden gezeigt und die Off-Stimme sagt "sowjetische Nation".

Aber der Film besteht nicht nur aus den düsteren Bildern. Man zeigt auch Blumen, Fontänen, Parkbänke und fröhliche Gesichter. Man zeigt sie, wenn die Off-Stimme so etwas sagt wie: "Der erste belorussische Präsident wollte die Marktwirtschaft einführen wie in Polen." Die Botschaft, die sich mittels dieser Methoden als Mem im Gehirn einnisten soll: Westen – Leben, Osten (Russland) – Tod.

Und so der ganze Film, jede Minute. Allein der Titel ist schon eine Provokation. Ein klassisches Imperium besteht aus Metropolen und Kolonien. Wenn Moskaus Imperium ein Imperium sein sollte, dann eines in umgekehrter Richtung: Die Ränder wurden vom Zentrum besser versorgt als Binnengebiete. Auch ins Baltikum, das in dem Film so intensiv zur Sprache kommt, wurde gerade vor dem Zerfall der Sowjetunion sehr viel investiert. Die Nationalisten warfen das alles um. Manche Fachleute nennen die Sowjetunion deshalb auch ein umgekehrtes Imperium. Doch von diesen Überlegungen gibt es im Film keine Spur.

Die Pächter der vermeintlichen Wahrheit

Für eine vermeintlich objektive Wahrheit im Film sorgen politisch engagierte Menschen, zahlreiche Ex-Präsidenten oder Aktivisten und Politemigranten. Ihre vereinfachten und oft falschen Aussagen liefern einfache Erklärung für historisch komplexe Ereignisse der internationalen Politik wie den Molotow-Ribbentrop-Nichtangriffspakt oder den Krieg im Afghanistan. Aussagen wie man hätte "die ukrainische Sprache verdrängt" aus dem Munde eines edel aussehenden Greises, von dem man nicht weiß, um wen es sich dabei handelt, hinterlassen beim uninformierten Zuschauer ihre Wirkung. Die Botschaft ist klar: Die Ukraine war schon immer Opfer Moskaus.

Der zweite Teil des Machwerks "Moskaus Imperium" fällt differenzierter aus. Dennoch bleiben starre einseitige westliche Narrative. So machen die Filmemacher allein die Polizei für die Eskalation auf dem Kiewer Maidan verantwortlich. Bild: Maidan-Schläger zünden am 25.01.2014 Molotow-Cocktail an.

Man erfährt an dieser Stelle nicht, dass gerade die Sowjetmacht die ukrainische Sprache, wie viele andere Sprachen im Züge der Wurzelungspolitik der 1920er Jahre, oft sogar gegen den Willen der Bevölkerung massiv unterstützte. Viele Nationalsprachen in der Sowjetunion und in den Teilrepubliken sind zu Zeiten der Sowjetunion überhaupt erst als Literatursprachen geschaffen worden.

Die vielen falschen Details werden mit Behauptungen aufgerundet wie dass die russische Mentalität so beschaffen sei, dass sie "immer nach einem Führer verlangt".

Ganz offensichtlich besteht die Aufgabe der Filmemacher nicht darin, ihre Zuschauer sachlich aufzuklären. Vielmehr arbeiten sie an der Verfestigung der extrem negativen, geradezu rassistischen Feindbilder, die in Europa über Russland nun mal seit Jahrhunderten kolportiert werden. Was ein so offensichtlicher Agitationsfilm im Programm eines deutsch-französischen Kanals sucht, dessen Alleinstellungsmerkmal ist, sich für Kultur, Aufklärung und Ausgewogenheit einzusetzen, bleibt ein Rätsel.

Unheimliche Schäden

Das Fazit ist verstörend: Es gibt keinen Raum mehr in Europa, der von einer Stimmungsmache gegen Moskau als vermeintlichem Gegner frei ist. Auch die Kultur nicht. Ebenjene Kultur, die "Länder und Nationen zusammenbringen soll".

Es bleibt zu hoffen, dass die mediale Mündigkeit der Bürger sowohl in Deutschland als auch in Frankreich groß genug ist, solche Propaganda im Kern zu erkennen. Ist dies nicht der Fall, sind die Gefahren sehr groß, wie uns die Geschichte lehrt.

Manipulative Nachrichten können unheimliche Schäden einrichten", sagte der ehemalige ARD-Programmdirektor Volker Bräutigam im RT-Interview.

Hoffentlich werden die Macher solcher Filme, deren es in Deutschland mittlerweile jede Menge gibt, sowie Menschen in den Redaktionen erkennen, welchen Fehler sie begehen. Die Vorlage für das Hinterfragen ihres eigenen Tuns gibt es sogar in dem Material, das sie verbreiten, selbst. Im ersten Teil des Zweiteilers ist mehrmals von einer "unbeliebten Propaganda" in der späten Sowjetunion die Rede. Merken sie selber aber nicht, wie unbeliebt ihre Propaganda ist?