BILD versus Kisseljow: Merkel-Kritik als Einmischung abgetan - Armes Deutschland!

BILD versus Kisseljow: Merkel-Kritik als Einmischung abgetan - Armes Deutschland!
Vor einem Jahr besuchte der Chef-Redakteur von BILD, Kai Diekmann, Wladimir Putin, den vermeintlichen Chef von "Putins Chef-Lügner" Kisseljow in Sotschi. Nach außen hin versucht BILD das Bild eines seriösen Mediums zu liefern. Den Ruf eines Schundblattes kann es trotzdem nicht abschütteln.
Kubikmeterweise Schaum vor dem Mund der BILD-Schreiber nach Kisseljows Kritik an Kanzlerin Merkel. Gegenargumente sind aber vollständig ausgeblieben. Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass BILD seiner gesellschaftlichen Rolle nicht gerecht wird.

von Wladislaw Sankin

Wie kein anderer russischer Medienmacher wird Dmitri Kisseljow geehrt und gehasst. Für die einen bietet seine Wochenschau Westi nedeli (Nachrichten der Woche) Orientierung im chaotischen Nachrichtenmeer und ein Reservoir an Analysen, Meinungen und rhetorischen Spitzen. Für die anderen ist sie die Show eines Hofclowns und eine Ansammlung von Fake-News.

Dmitri Kisseljow hegt sehr viel Verständnis für die Politik Wladimir Putins und der russischen Regierung im Allgemeinen. Auch der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche kommt in seiner Sendung stets sehr gut weg. Das ist schwer zu bestreiten. Macht ihn das aber automatisch zum Chef-Propagandisten des Kremls? So zumindest lautet bereits seit Jahren der Vorwurf westlicher Journalisten.

Seit Dezember 2013 ist Dmitri Kisseljow Vorsitzender der Mediaholding Rossija Segodnya (Russland heute). Die Holding entstand auf Basis der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. RIA Nowosti wurde noch während des Zweiten Weltkrieges gegründet. Damit knüpft Rossija Segodnya an die Tradition der sowjetischen Auslandsberichterstattung an. Zur Holding gehört auch Informationsagentur Sputnik. 

Aufgrund seiner Position ist Dmitri Kisseljow einer derjenigen in der Russischen Föderation, die die Informationspolitik des Landes prägen. Seine zweistündige sonntägliche Wochenschau ist eine atemberaubende Tour de Force, wie die deutsche Journalistin Katja Gloger nach dem Gespräch mit Dmitri Kisseljow in ihrem Buch "Putins Welt" schrieb. Ihr imponierten Bildung und Manieren des Skandinawisten Kisseljow. Das hielt sie aber nicht davon ab, den Journalisten als Kreml-Propagandisten zu bezeichnen. Handelt es sich um Missgunst aufgrund souveräner und intellektuell aufgeladener Kommentare, oder ist doch etwas dran an den Vorwürfen?

Abseits der Diskussion darüber, wann Propaganda tatsächlich Propaganda ist, lässt sich festhalten, dass der 63-Jährige, seit er Westi nedeli moderiert, eher wie eine Mischung aus Nachrichtensprecher, Kabarettist und Prediger erscheint. Er greift kontroverse gesellschaftliche Themen auf und gepaart mit viel Körpersprache bringt er seine Meinung in politisch unkorrekter Weise auf den Punkt. Objektivität hält er für einen Mythos des westlichen Journalismus.

Die Frage ist, wie sich die staatliche Informationsagentur positionieren soll. [...] Oft verzerren wir unter dem Motto der Objektivität das Gesamtbild und betrachten unser Land als fremdes Terrain. Ich denke, diese Periode der destillierten, distanzierten Journalistik ist zu Ende. Ich predigte selbst diese Prinzipien, sie können meine Äußerungen im Internet leicht finden. Aber ich durchlief eine innere Evolution, die eine englische Redewendung auf den Punkt bringt: Wer in seiner Jugend kein Revoluzzer war, hat kein Herz. Wer aber im reifen Alter nicht konservativ ist, hat keinen Verstand.

Kisseljow erntet gleichsam im Inland wie im Ausland viel Kritik und Häme, vor allem von denjenigen, auf die er nicht gut zu sprechen ist. Daher ist er unter anderem eine Lieblingsfigur der Kiewer Comedians. Letzte Woche trat dann auch die BILD auf den Plan. Anlass war ein Beitrag über die Bundeskanzlerin Merkel. Kisseljow rügte die Kanzlerin ihrer verfehlten Ostpolitik, der Unterstützung des Staatsstreichs in Kiew und unterschwelliger Großmachtpolitik wegen. Darüber hinaus hält er sie für geschichtsvergessen und wirft ihr vor, auf Kosten der russischen Interessen zu agieren.

BILD wollte das so nicht stehenlassen und reagierte mit einer nur ihren Schreibern geläufigen Wortgewalt. "Putins Chef-Lügner, Lügen-Großangriff aus dem Kreml, Hass- und Lügentirade, Lügen- und Beleidigungsorgie" – titelte der Autor des BILD-Beitrags. Gar "Rassismus" wurde dem russischen Journalisten vorgeworfen. Auf inhaltliche Belege für den Vorwurf der Lüge verzichtete er allerdings. Dafür stellte er einige Thesen von Kisseljow vor – laut BILD sind diese anscheinend schon entlarvend genug.

Klar ist auch, warum das Blatt so vorgeht und nicht anders: Den Lesern die Meinungen aus Russland zu erklären, gehört nicht zu den Aufgaben des Springer-Blattes. Es geht allein um die Botschaft: Russland strebt danach, Deutschland zu destabilisieren und sich in die Wahlen der westlichen Staatengemeinschaft einzumischen. Leute, fürchtet die Russen!

Diese Art der Verleumdung veranlasste RT Deutsch dazu, den Beitrag von Kisseljow in voller Länge zu veröffentlichen. Jetzt verbreitet sich die Meinung von Dmitri Kisseljow über Merkel noch schneller. Das Urteil ist aber gefällt: Der Kreml missbilligt die Merkel-Kandidatur, man kann nach Hause gehen.

Aber Ruhe! Es ist halb so schlimm. Putin ist seit anderthalb Jahrzehnten in Deutschland, spätestens seit Ende der Schröder-Ära, als das Böse schlechthin in aller Munde. Der Bundestag widmet sich Ereignissen in Russland, teils sogar in eigenen Sondersitzungen, wie es nach dem Mord an Boris Nemzow der Fall war und verurteilt, kritisiert oder ist besorgt. Aber der russische Präsident ist immer noch da.

Möglicherweise denkt man, die deutschen Medien müssten immer noch lauter schreien, um auch in Russland gehört zu werden. Dann würden sich die Russen schon von ihrem Präsidenten abwenden. Das Gegenteil ist der Fall: In Russland sind die Meinungen aus dem Westen bestens bekannt und zugänglich. Darüber empört man sich, streitet, macht sich lustig.

Verschiedene Nachrichtenmagazine mit dem Top-Thema Putin

Deutschland ist robust genug, um ausländische Kritik an der Kanzlerin zu überstehen. Solange aber Produkte wie BILD die Liste der meistkonsumierten Medien anführen, steigen die Chancen, im unreflektierten Sumpf aus Verleumdung und Hetze zu versinken. Parallelen in der Geschichte gibt es zur Genüge.

Und wenn zum Teil herbe Kritik an Merkel Hetze sein soll, wie verhält es sich dann mit BILD-Publikationen zu Putin, russischen Sportlern, den Donbass-Rebellen usw. – zu allem, was mit Russland zu tun hat? Hinter der Mauer aus Abneigung und Phobie, die BILD gegen Russland errichtete, verliert sich nicht nur die Fähigkeit, jegliche Entwicklungen in Nachbarländern richtig einzuschätzen. Auch die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke.

Fleischgewordene Doppelmoral und neo-wilhelminisches Überlegenheitsgehabe, wie sie von BILD und ihresgleichen ausgehen, haben in den letzten Jahren enormen Schaden für das Zusammenleben der Völker angerichtet. Seitdem das Blatt die russischen Medaillen in Rio nicht mehr zählte, ist es auch in Russland bekannt und steht sprichwörtlich für die deutsche Presse.  

Die These von Kisseljow ist im Übrigen nicht erst gestern entstanden. Bereits zu Beginn des Ukraine-Konflikts am 6. April 2014 hatte er einen Beitrag mit dem Titel "Annexion" veröffentlicht, in dem er auf das Interesse der westlichen Länder und insbesondere Deutschlands an der Ukraine einging. In diesem Beitrag ordnete Kisseljow die Ukraine in das Konzept Mitteleuropa ein und zitierte die Aussage Friedrich Naumanns über das "deutsche" Mitteleuropa noch ausführlicher als im letzten Beitrag, der BILD so nicht gefiel.

Krim-Frühling: Die Bevölkerung der Krim feiert den ersten Jahrestag der

Im einem anderen Wochenbeitrag aus dem April 2014 fragte er, was deutsche Aufklärer im Rebellengebiet in der Ostukraine machten. Damals hielten die Volkswehrangehörige sie für einige Tage fest, was für einen diplomatischen Eklat sorgte. Kisseljow zog Parallelen zum Weltkrieg: "Wieder da, im Osten?".

Außerdem liefert der Berlin-Korrespondent Michail Antonow seit Jahren Woche für Woche gut recherchierte Beiträge für die Sendung von Kisseljow, die Merkels Politik gegenüber Russland genau verfolgen. Waren die Macher von Westi nedeli deshalb aber nun vom Anfang an vom Kreml beauftragt, Angela Merkel zu stürzen?

In ihrem paranoiden Wahn merken die hassverblendeten Trendsetter der deutschen Meinungsbildung gar nicht, dass Dmitri Kisseljow so etwas wie das tiefsitzende russische Unbehagen ausdrückt. Nicht gegen die Deutschen, sondern gegenüber jener deutschen politischen Klasse, die Angela Merkel vertritt.

Dieses Gefühl konnte sogar der einstige Leiter der Moskauer Spiegel-Redaktion, Matthias Schepp, seit dem Jahr 2014 bei den Russen registrieren. "Warum gönnen Sie uns die Krim nicht?", fragte einmal eine gute Bekannte des über lange Jahre in Moskau sozialisierten Deutschen im Hinblick auf die stramme "Annexions"-Theorie, an der Deutschland von Anfang an festhielt. Nach dem Krieg, der Wiedervereinigung und der Freundschaft der Schröder-Jahre. Sehr viele Russen halten deutsche Medien und die deutsche Politik für amoralisch. 

Nein, BILD ist nicht dafür da, um solche Prozesse zu registrieren. Wofür ist BILD überhaupt da, wenn sie sogar ihre treuen Leser nicht ernst nimmt? Diese Frage sollten sich die Deutschen 43 Jahre nach der Erstausgabe von Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre von Katharina Blum" wieder stellen. Leider. Denn Deutschland verdient eine bessere Presse. 

 

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