Snowden spricht in München und der Mainstream ignoriert ihn: „Man muss ja bei sich selbst anfangen“

Snowden spricht in München und der Mainstream ignoriert ihn: „Man muss ja bei sich selbst anfangen“
Großer Applaus brandet auf, als Edward Snowden live aus Moskau in die Muffathalle in München geschaltet wird. Bild: acTVism.org
Es sind die großen Fragen, um die es an diesem Abend geht. Das Onlinemedium AcTVism hat am Sonntag in die Münchner Muffathalle eingeladen. Unter dem Titel „Freiheit & Demokratie – Globale Themen im Kontext“ behandelten sechs führende Experten die Krisen der Gegenwart.

von Florian Hauschild

Kriege, Umweltzerstörung, Korruption, Überwachung, der Siegeszug der Populisten -es gäbe genug Gründe die Flinte ins Korn zu werfen und sich vom globalen Geschehen abzuwenden. Die weltweite Krise würde dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Herausforderungen, die – solange sie meisterbar sind – motivierend wirken können, führen zu Lethargie und Frust je höher sie sich auftürmen und unlösbar erscheinen.

Der Whistleblower Edward Snowden in der Berliner Volksbühne - zumindest per Videoschaltung.

In München, so scheint es an diesem Abend, will man vom Aufgeben wenig wissen. Die Veranstaltung „Freiheit & Demokratie – Globale Themen im Kontext“, organisiert von dem noch jungen aber äußerst ambitionierten unabhängigen Onlinemedium AcTVism Munich, ist mit 650 Zuschauern bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Rund 5.000 Menschen verfolgen das Ereignis gleichzeitig live auf Youtube - weltweit. Das große Interesse, so wird in Pausengesprächen schnell klar, hat auch einen konkreten Grund. Zwar ist die vierstündige Interviewreihe mit Jeremy Scahill, Jürgen Todenhöfer, Richard D. Wolff, Paul Jay und Srećko Horvat hochkarätig besetzt, doch dann fällt immer wieder ein Name: Edward Snowden.

Wie vielleicht kein zweiter Protagonist der jüngeren Zeitgeschichte wurde Snowden zum Beleg für jenen Spruch, der sonst schnell wie eine Binsenweisheit klingt: Jeder Einzelne kann etwas bewirken. Snowden hat genau das bewiesen. Und der NSA-Whistleblower gibt sich alle Mühe, den vielen Menschen, die an seinen Worten interessiert sind, genau diese Botschaft immer wieder zu vermitteln.

„Wartet nicht auf Helden. Nehmt es selbst in die Hand!“

Die Verbreitung dieser einfachen, aber schlagkräftigen Weisheit wurde so etwas wie Snowdens Mission, nachdem der junge IT-Fachmann mit seinen Enthüllungen im Jahr 2013 den größten Überwachungsskandal der Geschichte aufdeckte. Es liegt angesichts Snowdens Wunsches, selbst kein Held sein zu wollen, eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass sein Name auch noch vier Jahre nach dem großen Einschlag die Massen bewegt.

Doch - auch das ist vielen Anwesenden klar - wirklich geändert hat sich seit den Enthüllungen nichts an den umfassenden Überwachungspraktiken der Geheimdienste, dem Ausbau des Kontrollstaates, dem Gefühl, es könnte immer jemand mithören oder mitlesen. „Freiheit ist das nicht“, so Snowden per Videoschalte aus Moskau.

Die Tatsache, dass derart zentrale gesellschaftliche Fragen medial allenfalls am Rande abgehandelt werden, hat auch Marie-Luise und Elke an diesem Abend in die Muffathalle gelockt. Zwar hören die beiden Münchnerinnen wenig Neues, doch gerade weil es so wirke, als solle die Überwachungsdebatte abgewürgt werden, gelte es genauer hinzuschauen. Ob man angesichts der zahlreichen Krisen in der Welt auf die Lösungskompetenz der etablierten Politik vertrauen kann? „Ah geh!“, bayert es von Elke zurück. „Man muss ja bei sich selbst anfangen“, ergänzt Marie-Luise und ist sich sicher, dass tatsächliche Veränderungen immer im Kleinen beginnen. Diese Erkenntnis scheint ohnehin Konsens zu sein in der Halle.

Auch Wolfgang und Robert berichten, angesprochen auf die Schlagworte des Abends „Freiheit & Demokratie“, schnell von Urban Gardening und lokalen Währungen. Die beiden 50-Jährigen haben das Veranstaltungsprogramm der Eventlocation abonniert und kommen sonst eher zu Musikveranstaltungen in die Muffathalle. Heute also Snowden, Todenhöfer und Co. Frust lassen die beiden nicht aufkommen.

Dabei sind die Themen des Abends alles andere als leichte Kost. Neben dem Damoklesschwert der Massenüberwachung, sind da ja noch die Kriege, an denen auch Deutschland aktiv beteiligt ist.

Neben Jürgen Todenhöfer, dessen klare Botschaft des Abends ist: „Der Westen will überhaupt gar keinen Frieden im Mittleren Osten“, brilliert Jeremy Scahill als Experte auf diesem Gebiet. Der Journalist und Filmemacher gründete zusammen mit den beiden Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald und Laura Poitras die Enthüllungsplattform The Intercept. In seinem Bestseller „Blackwater: Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt“ untersuchte Scahill die Umtriebe der berüchtigten Söldnertruppe. Jüngst beschäftigte sich der 42-Jährige US-Amerikaner verstärkt auch mit Obamas Drohnenkriegen, die nicht denkbar wären ohne Ramstein. „Deutschland ist hier nicht nur ein passives Opfer“, so Scahill in München, „Deutschland unterstützt die Drohnenmorde aktiv.“ Die globale Bedrohung ist wahrlich gut vernetzt.

Für Srećko Horvat liegt daher auf der Hand: Jede Gegenbewegung, die erfolgreich sein will, muss ähnlich gut vernetzt sein. Einen „radikalen, progressiven Internationalismus“ wünschst sich der kroatische Philosoph und Aktivist, der gemeinsam mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis die paneuropäische Demokratiebewegung DiEM25 gegründet hat. Auch Größen wie Slavoj Žižek, Antonio Negri und Noam Chomsky haben sich der Initiative angeschlossen. Das Grundproblem, so Horvat, heißt Kapitalismus. Flüchtlingskrise, Ökokrise, Kriege und Gewalt seien allenfalls Symptome eines zum Scheitern verurteilten Wirtschaftssystems, welches es zu überwinden gilt.

Jürgen Todenhöfer präsentiert seinen Doku-Film

Eigens angereist aus Stuttgart ist Sandra. Die 37-Jährige verfolgt schon länger die Arbeit von AcTVism und wollte sich die Veranstaltung nicht entgehen lassen. Angesprochen auf den Zustand der Welt, der offenkundig eher zum Aufstieg des Populismus führt als zu substanzieller Problemlösung, wie sie sich Horvat wünscht, reagiert sie eher gelassen. Ja, das sei schon alles nicht ideal, aber früher oder später wird eine Gegenbewegung einsetzen. Zuversicht.

Wirkliche Enttäuschung macht sich an diesem Abend nur in einem Punkt breit: Obwohl das ehrenamtlich arbeitende Team von AcTVism zahllose Einladungen und Pressemitteilungen versendet hat, verschmäht der Mainstream die Gelegenheit, dem internationalen Experten und Snowden einmal ganz nahe zu sein. Dem AcTVism-Gründer und Chefredakteur Zain Raza stößt dies im Gespräch bitter auf. Auch etablierte Protestverwalter wie attac oder Campact reagierten nicht auf Kooperationsangebote. Man bleibt in diesen Kreisen wohl lieber unter sich. Snowdens Worte - „Wartet nicht auf andere“ - klingen da noch nach. Anstatt über den Mainstream zu meckern, anstatt ewig über den Vertrauensverlust der Mainstreammedien zu debattieren, sind Raza und seine Mitstreiter aktiv geworden und haben, mit Hilfe der Unterstützung von Spendern, begonnen eine Alternative aufzubauen. Sie haben es einfach selbst in die Hand genommen.

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