Ein Semester in St. Petersburg: Zeit zum Abschied

Ein Semester in St. Petersburg: Zeit zum Abschied
St. Petersburg bei Nacht. Danilo Flores verabschiedet sich aus einer beeindruckenden Stadt.
Das Auslandssemester von Danilo Flores ist zu Ende. Zum Abschied zieht unser Gastautor Bilanz und verabschiedet sich im letzten Teil seiner Kolumne mit einem Gedicht von St. Petersburg, eine Metropole die dem Student aus Hamburg in Erinnerung bleiben wird.

Von Danilo Flores

Eine traumhafte Zeit geht zu Ende: Am Silvestertag flog ich zurück nach Hamburg. Das Austauschsemester ist vorüber – und alle Prüfungen sind bestanden. Das russische „r“ kann ich leider immer noch nicht so richtig rollen. Hin und wieder gehorcht die Zungenspitze aber doch. Wie ein junger Spatz beginnt sie dann zu flattern und es kommt, kaum hörbar, der ersehnte Laut zustande! Die Grammatik sitzt nach vier Monaten, mehr und mehr Vokabeln stehen auf Abruf bereit und das Stimmengewirr auf der Straße hat sich von einem Sammelsurium akustischer Reize zu einem Klangteppich mit Informationsgehalt gewandelt. Auch meine Pirsch auf Germanismen werde ich fortsetzen. Für einen Gentleman kann es in vielerlei Hinsicht nützlich sein, den „бюстгальтер“ richtig „ableiten“ zu können.

Die orthodoxe Ikonenverehrung als ein Überbleibsel paganer Götzenanbetung?

Bleibenden Eindruck hat vor allem das Sprachtalent der Russen auf mich gemacht. Auf einmal parliert man mit der Bedienung im Pfannkuchen-Schnellrestaurant auf Deutsch über Goethe. Oder die schweigende Sachbearbeiterin an der Uni erbarmt sich und wechselt von einem Moment auf den anderen ins Deutsche und greift einem beim Ausfüllen des Formulars unter die Arme. Oder man wird von einem freundlichen Passanten angesprochen, der für ein kurzes Gespräch seine in der DDR erlangten Deutschkenntnisse reaktiviert. Warum sprechen eigentlich so viele Russen deutsch und so wenige Deutsche russisch? Woher kommt diese Asymmetrie? Ich erinnere mich schwach, dass es vor einigen Jahren in Hamburg eine Initiative zur Gründung eines russischen Kulturinstituts zur Förderung des Russischen als Fremdsprache gab. Haargenau dieselbe Zielsetzung, wie sie etwa auch das deutsche Goethe-Institut oder das spanische Cervantes-Institut verfolgen.

Eine kurze Googlesuche ergibt, dass das „Russkij Mir“ genannte Projekt gescheitert ist. Die ersten Zeitungsartikel, auf die ich stoße, lassen erahnen weshalb: Von einem „Propagandainstrument Putins“ ist da die Rede. Nach den russischen Hackern nun also die russischen Sprachlehrer. Nehmt Euch in Acht, die Gefahr lauert überall! Anscheinend weckt die Sprache Puschkins und Dostojewskijs bei unbedarften Lesern unterschwellig prorussische Sympathien. Zufall? Laut neuesten CIA-Berichten handelte es sich bei der „Spirale von Norwegen“, jener mysteriösen Himmelserscheinung von 2012, die weltweit für Aufsehen gesorgt hat, in Wahrheit um ein künstlich erzeugtes Wurmloch, durch das russische Agenten in die Vergangenheit zurückgereist sind. Ihr Auftrag soll darin bestanden haben, getarnt als Dichter und Denker Schriften zu verfassen, die von einer nichtsahnenden Nachwelt als „Weltliteratur“ bewundert werden würden. Nur folgerichtig, dass neben der Bekämpfung von „Fake News“ zunehmend das Phänomen der „Fake Literature“ in den Fokus der Behörden rückt.

Eine andere Erklärung, warum die russische Literatur zum kulturellen Erbe der Menschheit gehört: Das russische Volk liefert psychologisch feinfühligen Schriftstellern Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle. In Russland lässt sich die menschliche Seele noch in freier Wildbahn beobachten. Emotionale Regungen und charakterliche Eigenheiten der Menschen werden nicht, wie im westlichen Menschenzoo, unter einer Maske aus sozialen Konventionen begraben. In St. Petersburg sieht man sofort, wenn ein Mädchen traurig ist. Daraus macht es keinen Hehl, wenn es mit versteinerter Miene in der U-Bahn sitzt und ins Leere starrt. Eben noch eine Studie in Melancholie, kann sich das Gesicht des Mädchens aber auch plötzlich wieder aufhellen und einer ungekünstelten Fröhlichkeit weichen. Dagegen die Dauerhappiness hierzulande, die inneres Leid überdecken soll wie die Schminke die Narbe.

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Ich werde die Russen auch als ein ausnehmend höfliches Volk in Erinnerung behalten. „Спасибо“ (cpazibo, danke) wird hier nicht nur so dahingesagt. Auch wenn man sich bei der Kassiererin nur für die Rückgabe des Wechselgelds bedankt, geschieht das in einer betont höflichen Weise. Dadurch wird ein Mindestmaß an Menschlichkeit in diese absurde Abfertigungssituation an der Supermarktkasse gebracht. Viele Arbeiten, die in Deutschland der Automatisierung zum Opfer gefallen sind, werden in Russland noch von Menschen ausgeübt. Eingänge, wo eine Schlüsselkarte reichen würde, sind noch mit Pförtnern besetzt und im Copy Shop arbeitet eine ganze Riege von Mitarbeitern, die Kopieraufträge entgegennehmen. Nichts weiter als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen? Mag sein. Aber der Hang der Russen zum Altmodischen – der Katalog in der Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften besteht noch aus einem Zettelkasten – verrät eine instinktive Wertschätzung des Althergebrachten. „Veränderung“ als begrüßenswerte Entwicklung ist heute in aller Munde – dabei wird übersehen, dass Veränderung voraussetzt, dass an dem sich Verändernden ein Kern an Bleibendem überdauert. Denn sonst hörte die Sache auf sie selbst zu sein.

St. Petersburg ,Du wunderschöne, zum Abschied widme ich Dir ein Gedicht:

Petropols Sanktum

Am aderblaun Himmel blüht

Als durchglüht die Kerz Geblüt

Sattes wangenrotes Licht

Auf Sankt Petersburgs Gesicht

Als ob Sonne Eis durchschien

Leuchtet blau der Baldachin

Früh wird es wieder dunkel

Was bleibt: Nordsterns Gefunkel.

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