Warum Hass nicht die Antwort sein kann - Ein Betroffener des Berliner Terroranschlags berichtet

Warum Hass nicht die Antwort sein kann - Ein Betroffener des Berliner Terroranschlags berichtet
Auch Kurden zeigten ihre Solidarität mit den Opfern des Anschlages von Breitscheidplatz
Für viele war es ein schockierendes Medienereignis, für unseren Gastautoren bittere Realität: Der Anschlag am Breitscheidplatz traf Sascha, der anonym bleiben will, im engsten Familienumfeld. Warum Hass auf den Täter nicht die Antwort sein kann und welche Rolle Religionen beim Terror spielen, beschreibt der Berliner auf RT Deutsch.

von Sascha W.

Mein Name ist Sascha und ich komme aus Berlin – dem Osten der Stadt. Geboren bin ich in den 1980er Jahren. Meine Oma ist Deutsche und mein Opa kam im Krieg damals vom Balkan. Ich schreibe diesen Text, weil der Terror nun auch bei uns in Berlin angekommen ist und meine Familie direkt erreicht hat. Hier in Berlin, einer Stadt, die mit ihren Clubs und dem exzessiven, multikulturellen Nachtleben immer so fern davon schien.

Doch dann dieses Attentat. Auf dem Weihnachtsmarkt war an diesem Abend auch der Freund meiner Schwerster unterwegs. Und nun: Alle Rippen, Steiß und Kreuzbein gebrochen, Lunge kollabiert, Arm zertrümmert. Fast tot! Frank lag zirka eine Woche im Koma und erholt sich derzeit glücklicherweise ausgesprochen schnell, wenn man den Zustand seines Körpers bedenkt.

Er war auf dem Weg ins Kino, zuvor wollte er noch ein Geschenk für seinen Sohn besorgen, und wurde im Vorbeigehen von dem Todes-Laster mitgerissen. Meine Schwester bekam an dem Abend die Nachricht, sie solle mal den Fernseher anmachen, und als sie sah was passiert war, wusste sie direkt, dass sie zum Ort des Geschehens musste. Stunden und Tage der Ungewissheit folgten. Man musste sie zum Essen zwingen, denn immer war sie im Krankenhaus, an seiner Seite.

Ich traf meine Schwester dann an Weihnachten, holte sie ab und wir redeten im Auto. Meine Nichte auf der Rückbank, waren wir auf dem Weg zu unserer Mutter, auf dem Weg zum Weihnachtsfest.

Obwohl ich eine sehr enge Bindung zu meiner Schwester habe und weiß, dass sie lange schon nicht mehr glaubt was in vielen Medien berichtet wird, war ich überrascht, wie wenig Wut sie in sich trug, bzw. wie kontrolliert diese doch war. Oder war die Erschöpfung der Grund für ihre äußerliche Ruhe?

Wir redeten viel darüber und waren uns einig: dieses feige Häufchen Mensch, welches sich da aufmachte Tod zu verbreiten ist zu verabscheuen und zu verurteilen. Und doch ist er nur Ausdruck einer weltweiten Krankheit. Dieser Krankheit war sich auch meine Schwester umso bewusster, je mehr man neben der Benommenheit auch über Gründe dessen redete. Ich konnte fast Mitgefühl in ihr entdecken. Mitgefühl zu dem Menschen, der das Leid zu ihr brachte, der innerlich so kochte und in dem so viel Negativität existierte. Ein Mensch, der so viel Schmerz im Herzen und kalte, absolut realitätsferne Ideologie im Kopf trug, dass es ihn zerriss und er diese Rolle der größten Dummheit und Feigheit annehmen musste, welche es hier auf unserem Planeten zu vergeben gab.

Ein Mensch der diametral zu dem steht, was wir als wirkliches menschliches Handeln verstehen wollen, diametral zu dem was ein Jeder selbst leben möchte. Der eigene Schmerz schickte diesen kleinen armen Jungen auf die Spur. Religion, so wie sie in den meisten Teilen der Welt nur noch bei den letzten Idioten benutzt werden kann um aufzuhetzen, ist nur Mittel zum Zweck, das vereinende Banner unter dem dieser Schmerz und das Fehlen an Tiefe gegenüber dem Leben ausgedrückt wird.

Sei es im Islam, im Judentum oder im Christentum, was all diese Religionen verpasst haben, ist ihren Anhängern eine echte Methode mit auf den Weg zu geben, um die Welt auf all ihren Ebenen, geistig und materiell, wirklich zu verstehen. Der Buddhismus ist da deutlich weiter.

Natürlich, da stehen in jedem der großen Bücher ein paar tolle der Liebe entsprechende Sätze, die angeblich ihr Gott diktierte und alle dürfen es dann auswendig lernen. Das Problem ist nur, dass der ganze idiotische trennende Quatsch, der zu den Kreuzzügen führte und Dschihadisten ermuntert zu morden, ebenso mit auswendig gelernt wird. Statt wirklich verstanden, wird nur wiederholt.

Echte Weisheit, fehl am Platze. Du kannst dich dazu entscheiden friedliebend zu leben, wie es unsere fundamentalste Natur ist, im Einklang mit den positiven menschlichen Regeln, die da nieder geschrieben stehen, aber an sich überhaupt keine Ahnung haben woher Mitgefühl, Liebe und die tiefere Verbundenheit aller Dinge rühren. „Gib mir dein Kind bevor es 6 Jahre alt ist, und es wird nie wieder an einen anderen Gott glauben!“.

Nach diesem Motto wird der Schmerz schon früh in diese Jungsoldaten geimpft und verklebt so ihre wahre Identität, macht sie zu verbalen und mechanischen Mitteln der Idiotie, des stumpfinnigen, zerstörenden Handelns - des Hasses.

Auf der anderen Seite der Medaille stehen wir, die Menschen in der sogenannten aufgeklärten, freien Welt. Doch wie oft sehe ich, wie sich hier die unreflektierte Trägheit des Denkens wiederholt? Dumme Sprüche, Parolen. Schaut man den Menschen in die Augen, sieht man, dass sie meist selbst nichtmehr glauben, was sie von sich geben.

Wir wissen, dass durch die Geschichte hinweg vom alten imperialen Europa ausgehend, nun maßgeblich über Amerika waltend, verbrüdert mit dem Schmerz, dem Geiz und der Naivität die dort vorherrschen, eine Kraft wirkt, die heute den Nahen Osten teilen und beherrschen will.

Diese Kraft ist nicht Amerika, nicht Frankreich oder Deutschland, sie ist transnational und hat ihre Agenten und die Effekte der Dummheit überall zu ihren Diensten. Probleme werden geschaffen, eine zwangsläufige Reaktion folgt, und die schon lange vorbereitete Lösung wird angeboten. „Kampf gegen den Terror“ sind Schlagworte, die das erkennende Denken spalten.

Entweder der Deutsche, der Franzose, der Japaner, der Nigerianer oder welcher Mensch auch immer, lernt die Grundregeln dieses Kampfes um unsere Wahrnehmung kennen, lernt seinen Geist kennen, oder die geistigen Bauernfänger werden uns - in welchem Land sie auch immer, und in welcher Funktion sie auch immer auftreten - durch eine schmerzhafte und hasserfüllte Zukunft peitschen. Viele Dinge hängen von der Frage ab, welchen Weg wir gehen wollen.

Ich möchte auf keinen Fall mehr von dem erleben was meine Familie, zusammen mit vielen Angehörigen der Opfer dieses Attentats, dieses Weihnachten erleben musste. Frank wird heilen, auch wenn es noch dauern wird, doch viele sind eben nicht mehr hier, bei uns, sinnlos von uns gerissen. Die Wahrheit ist, wir sind eine Spezies, ein Organismus, wer das verstanden hat verletzt nichtmehr seinen eigenen Körper und hört auf zu töten!

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

ForumVostok
MAKS 2017