Ein Semester in St. Petersburg: Germanisches Vermächtnis in Russland

Ein Semester in St. Petersburg: Germanisches Vermächtnis in Russland
Die orthodoxe Ikonenverehrung als ein Überbleibsel paganer Götzenanbetung?
Das Verspeisen eines Pfannkuchens offenbart unserem Gastautoren Danilo Flores interessante Verbindungen zwischen der germanischen Mythologie und der russischen Sprache. In seiner Kolumne berichtet der Student, der für ein Gastsemester in St. Petersburg weilt, von interessanten Gemeinsamkeiten der Kulturen.

von Danilo Flores

„Wie viele Pfannkuchen sollen es sein?“, fragt die Kassiererin. „Один (odin)“, antworte ich: „Nur einen“. Das Russische kennt keine Artikel, weder den bestimmten noch den unbestimmten, aber wenn man sich auf eine Sache in der Einzahl bezieht, kann man sich des obigen Zahlworts bedienen – odin, der eine. Der eine – Göttervater? Erst nach Monaten dämmert mir, dass jenes im Alltag so häufig gebrauchte russische Wort zur Bezeichnung des Singulären in den germanischen Sprachen dem Namen der höchsten Gottheit in der nordischen Mythologie entspricht: Odin. Es dürfte nicht allzu abwegig sein, dass der Chef des Göttergeschlechts aufgrund seiner hervorgehobenen Stellung den Beinamen „der Eine“ trug.

Der Lesesaal der Bibliothek der russischen Wissenschaftsakademie.

Die nordische und die slawische Mythologie weisen dieselben Grundzüge auf. Von der Elbe bis zur Wolga praktizierte man eine polytheistische Naturreligion, in deren Zentrum Fruchbarkeitsriten und die Befragung von Orakeln standen. Das Pantheon – der Götterclan – war bei den Germanen und den Slawen mehr oder weniger gleich besetzt. Die launischen Götter ließen sich mit Opfern besänftigen und vor der bevorstehenden Schlacht galt es Weissagungen bei Seherinnen einzuholen. Sowohl die Germanen als auch die Slawen hinterließen in Stein oder Holz geritzte Zaubersprüche in Runenschrift. In Weliki Nowgorod, unweit von St. Petersburg, lassen sich solche Artefakte ebenso begutachten wie in skandinavischen oder norddeutschen Museen. Heute könnte man Runen als „Dual Use“-Technologie bezeichnen: Mit ihnen ließ sich Zauberei betreiben, sie dienten aber auch profaneren Zwecken, etwa dazu, den zechenden Ehemann per Kurierbrief nach Hause zu zitieren.

Die Bekehrung der Germanen und Slawen zum Christentum verlief in beiden Fällen alles andere als unblutig. Die ersten Kreuzzüge fanden, wenn man es recht bedenkt, nicht im Nahen Osten, sondern in Mittel- und Osteuropa statt. Die christlichen Reichsgründungen von Karl dem Großen im Westen und Großfürst Wladimir I. im Osten wurden mit äußerster Gewalt vorangetrieben. An beiden Fronten ging die Christianisierung Hand in Hand mit der Herausbildung zentralistisch regierter Staatsgebilde. Der flächendeckende Monotheismus sollte für eine gemeinsame Identität der eingegliederten Stämme sorgen. Aber wie viel Glauben darf man den mittelalterlichen Quellen schenken, die uns dieses Narrativ vom „grausamen, aber weitsichtigen Herrscher“ überliefert haben? Ein Direktvergleich der einschlägigen Chroniken über Leben und Wirken von Karl dem Großen respektive Jaroslaw I. weckt den Verdacht, dass die Schreiber voneinander abgeschrieben haben, so verblüffend ähnlich sind sich die Stories in manchen Details. Der am Tatort gefundene Ausweis lässt grüßen.

Vielleicht war ja alles ganz anders. Die von 2007 bis 2012 stattfindenden Bauarbeiten an den Anbindungsleitungen für die Ostseepipeline Nord Stream hatten einen unverhofften Nebeneffekt: Vor der Verlegung der Rohre durften Archäologen entlang der geplanten Trasse das Erdreich nach archäologischen Fundstücken durchwühlen. Mit Erfolg: Zutage gefördert wurde ein 5000 Jahre alter Goldschatz von unschätzbarem Wert. Analysen der chemischen Zusammensetzung deuten darauf hin, dass das Gold einen erstaunlichen Reinheitsgrad besitzt und aus Afghanistan stammt. Keiner der beteiligten Archäologen hätte sich träumen lassen, dass die auf deutschem Boden siedelnden Stämme derart früh Handelsbeziehungen bis nach Zentralasien unterhielten.

Stadt der Lichtspiele: In der Vorweihnachtszeit erstrahlt St. Petersburg in hellem Glanz.

Das wirft die gängige Version der Geschichtsschreibung über den Haufen. Der zufolge war damals gerade einmal die „Jungsteinzeit“ angebrochen. Vielleicht sollte man russische Archäologen zu Rate ziehen, die ihrerseits bereits zu Sowjetzeiten in den mongolischen Steppen auf Hügelgräber des sagenumwobenen Reitervolkes der Skythen gestoßen sind – der Permafrost des Tundrabodens hat teilweise die blonden Haarbüschel der mumifizierten Leichen erhalten.

In gewisser Weise hat das orthodoxe Christentum mit dem Heidentum inzwischen seinen Frieden geschlossen: Ostern – oder wie man in Russland sagt: Pascha – gilt als höchster kirchlicher Feiertag. Für Orthodoxe hat der Tag der Wiederauferstehung Jesu Christi einen höheren Stellenwert als Weihnachten. An Bräuchen wie der Ostereiersuche oder dem Osterfeuer lässt sich unschwer erkennen, dass an Ostern die christlichen Feierlichkeiten von vorchristlichen Traditionen überlagert werden. Das Ei ist ein uraltes Fruchbarkeitssymbol und Feuer werden auch am Tag der Sommersonnenwende entzündet. Aus Gründen, über die man streiten kann, fällt die Wiedergeburt des Heilands mit einem heidnischen Frühlingsfest zusammen: Der Gottessohn und die Natur erwachen zeitgleich wieder zum Leben. Jacob Grimm führte die Bezeichnung „Ostern“ auf den Namen der germanischen Frühlingsgöttin „Ostara“ zurück.

Auch die orthodoxe Ikonenverehrung gilt in protestantischen Kreisen als ein Überbleibsel paganer Götzenanbetung. Die Bilderstürmer und ihre Nachfahren berufen sich auf das 2. Gebot Moses, das da lautet: „Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“ (5. Mose 5,9) Das theologische Argument, das die Orthodoxen dem protestantischen Bilderverbot entgegenhalten, läuft, zusammengefasst, darauf hinaus, dass die den Ikonen entgegenzubringende Ehrerbietung und die allein Gott vorbehaltene Anbetung beim Gebet innerlich auseinanderzuhalten seien.

Lichtspiel an der St. Isaac-Kathedrale in St. Petersburg.

Bei der Ikonenmalerei kommen ganz bestimmte, beispielsweise aus Eigelb oder zerriebenen Beeren zusammengerührte, Pigmente zum Einsatz. Die Erschaffung der Ikone aus grober Materie sei vor dem Hintergrund zu verstehen, dass die stoffliche Welt mit der „Fleischwerdung“ Christi geheiligt wurde. Auch aus Materiellem könne somit, quasi im Umkehrschluss, Heiliges entstehen. Aber genauso wie das Kind das von den Eltern zu Lernzwecken angeschaffte Bilderbuch nach und nach von der Wirklichkeit zu unterscheiden lernt, so dient die Ikone dem Menschen als Wegweiser in eine unsichtbare Welt. Den Götzen huldigt letztlich nur derjenige, der die bunten Bildchen der Werbung und die Filmchen in den Abendnachrichten für real hält.

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