Ein Semester in St. Petersburg: Russland feiert Weihnachten im Januar

Ein Semester in St. Petersburg: Russland feiert Weihnachten im Januar
Stadt der Lichtspiele: In der Vorweihnachtszeit erstrahlt St. Petersburg in hellem Glanz.
Für den Austauschstudenten und RT Deutsch- Kolumnisten Danilo Flores beginnt Weihnachten dieses Mal erst im Januar: In Russland gilt noch der Julianische Kalender. Doch auch in der Vorweihnachtszeit präsentiert sich St. Petersburg als Stadt der Lichter.

von Danilo Flores

An Heiligabend werden hier an der Sankt Petersburger Universität Klausuren geschrieben. Weihnachten findet in Russland zwei Wochen später statt, am 07. Januar 2017. Für den ausländischen Austauschstudenten, der das erste Mal die Festtage nicht zu Hause verbringt, durchaus gewöhnungsbedürftig. Der Grund für die Verschiebung der Weihnacht ist die Verwendung verschiedener Kalender bei der Berechnung des Datums von Jesu Geburt. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hält sich, im Unterschied zu den Katholiken und Protestanten, an den um 13 Tage hinterhinkenden Julianischen Kalender. Den hatte Peter der Große in Russland zu einem Zeitpunkt eingeführt, als in Europa schon längst der Gregorianische Kalender galt. Erst die Bolschewiki stellten die russische Zeitrechnung auf den internationalen Standard um. Die „Oktoberrevolution“ ereignete sich also eigentlich am 07. November 1917.

Studenten in Sankt Petersburg bei einem Protest gegen die Universitätsreform.

Doch seit Mitte Dezember ist auch in Russland die Vorweihnachtszeit angebrochen. In den Supermärkten dudelt „Jingle Bells“, Straßen und Brücken sind mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt, Händler bieten Christbäume feil und allerorts schießen Buden aus dem Boden, bei denen man sich mit festlichem Schnickschnack eindecken kann.

Die Russen haben anscheinend ein gewisses Faible für Lichtspiele mit Überwältigungseffekt. Die Schlossbrücke über der großen Newa – eine von St. Peterburgs berühmten Klappbrücken – ist mit einer blitzgewitterartigen Lichtinstallation behängt, die beim cluberfahrenen Betrachter für Flashbacks sorgen kann. Doch bei aller Vorliebe für das Feinstoffliche schrauben die Russen auch mit Bravour an so handfestem Gerät wie etwa ihrem Jagdbomber vom Typ Suchoi SU-34.

Was andere für grässlichen Kitsch halten, muss ich sofort haben – umgerechnet 10 Euro kostet mich mein glitzernder Blumenstrauß. Mich fasziniert an diesen blinkenden Blumen ihr tieferer Symbolwert. Das russische Wort für Blume lautet „цветок“ (Zwetok). Diesem Wort liegt dieselbe Wurzel zugrunde wie dem russischen Wort „цвет“ (Zwet), dem Wort für „Farbe“. Die russischen Wörter für „Blume“ und für „Farbe“ haben also dieselbe Wurzel. Einer der vielen Sinnzusammenhänge des Russischen, die klingen wie ein stimmiger Akkord. Die Blumenwiese als Farbpalette der Natur – die Semantik des Russischen hat etwas Dichterisches.

Wenn ich jetzt bloß das in der letzten Kolumne erwähnte „Russische Etymologische Wörterbuch“ von Max Vasmer zur Hand hätte! Schon seit längerem frage ich mich, ob „цвет“ (Zwet, Farbe) mit „свет“ (Swet, Licht) verwandt ist und letzteres wiederum mit dem Adjektiv „святой“ (swiatoi, heilig). Seher berichten davon, in jener anderen Welt „Grashalme aus reinem Licht“ entdeckt zu haben. Hat sich im Wortschatz des Russischen ein Abglanz dieser Welt aus Licht erhalten? Wem es jetzt „zu bunt wird“, dem sei gesagt, dass der Ursprung der indoeuropäischen Sprachfamilie – zu der das Deutsche, das Russische und das Iranische gleichermaßen gehören – im Grunde immer noch ein großes Rätsel ist. Woher kommen wir? Linguisten sprechen von der sagenumwobenen „Urheimat“. Handelt es sich um einen „Ort“ oder war, wie es so schön heißt, „am Anfang das Wort“?

Wie dem auch sei, Blumen, auch die irdischen, erfreuen sich hier in Russland größter Beliebtheit. Viele Blumengeschäfte haben rund um die Uhr geöffnet und wer in der Stadt unterwegs ist, der sieht eigentlich immer einen Kavalier mit Blumenstrauß in der Hand vorbeieilen.

Der Lesesaal der Bibliothek der russischen Wissenschaftsakademie.

Aber Vorsicht! Wer eine schöne Russin mit Blumen beglücken möchte, der sollte tunlichst darauf achten, ihr einen Strauß mit einer ungeraden Zahl an Blumen zu schenken. Eine gerade Anzahl ist für Trauerfälle vorbehalten. Wer der Angebeteten zum ersten Date eine Aufmerksamkeit mitbringt, die sich der Landessitte nach nur für Beerdigungen eignet, der sollte sich über eine gewisse Reserviertheit ihrerseits nicht wundern. Umgekehrt lässt sich ordentlich punkten, wenn man über die einheimischen Gepflogenheiten Bescheid weiß und wie selbstverständlichen einen richtig abgezählten Strauß überreicht.

Alles dummer Aberglaube! Sagt wer? Doch nicht etwa „die Herren der gußeisernen Begriffe“? Wen Dostojewskij mit diesem Ausdrucke meinte? Jene überaus selbstsicheren Vertreter einer „rationalen Weltsicht“, die über Ereignisse vor Millionen von Jahren mit einer Detailkenntnis zu berichten wissen, als hätten sie dem sogenannten Urknall oder der Menschwerdung des Primaten höchstselbst beigewohnt. Die Wahrsagerin hat ihre Glaskugel und der Wissenschaftler sein Computermodell. Wir leben in Zeiten, in denen alles als Waffe eingesetzt werden kann – Computerprogramme, Wirtschaftssanktionen, Nachrichtenmeldungen. Aber zu den bewährtesten Mittel im Arsenal psychologischer Kriegsführung zählt es, einen unerwünschten Abweichler der Lächerlichkeit preiszugeben.

Spott brennt sich empfindsamen Seelen ein wie Napalm. Viele hochangesehene Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichen Bücher zu entlegenen Themen, die von westlichen Akademikern als abstruses Zeug abgetan werden. Hier juckt es niemanden, wenn der renommierte Professor für Optik sich nebenbei mit vorzeitlicher Antigravitationstechnik beschäftigt. Gott sei Dank hat die Vorliebe der Russen für das Feinstoffliche sie noch nie daran gehindert, etwas so handfestes wie eine Suchoi SU-34 zusammenzuschrauben. Und wie die Sowjets es geschafft haben, ihren „шквал“ (Schkwal, deutsch „Bö“) genannten Supertorpedo auf Geschwindigkeiten von bis zu 560 km/h zu bringen? Tja, das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

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