Terror weltweit: Kriegszustand für den Weihnachtsmann

Terror weltweit: Kriegszustand für den Weihnachtsmann
Nach dem Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt gehen die üblichen Verdächtigen zu martialischer Rhetorik über. Wieder einmal sind kühle Rationalität oder wahlweise christliche Werte gefragt, wenn bekennende Schlechtmenschen die Situation für Hetze und Panikmache nutzen wollen.

von Malte Daniljuk

Nachdem bei einem Angriff auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin zwölf Menschen getötet wurden, drohen Deutschland französische Verhältnisse. Der CDU-Politiker und Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon, spricht nach dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin von einem Kriegszustand.

Hilft nix? Macht nix.... Mehr Beamte, mehr Waffen und mehr Befugnisse verhindern offensichtlich keine Gewaltexzesse.

Der saarländische Innenminister erklärte:

Wir müssen konstatieren, wir sind in einem Kriegszustand, obwohl das einige Leute, die immer nur das Gute sehen, nicht sehen möchten.

Mit der inzwischen üblichen Schlechtmenschen-Rhetorik kündigte Bouillon verschärfte Sicherheitsmaßnahmen an. In Frankreich verlängerte die Regierung den Ausnahmezustand gerade zum fünften Mal. Das Land suspendierte nach den Terroranschlägen in Paris vom 13. November 2015 mit 130 Toten die Grundrechte seiner Bürger.

Seitdem führen die Behörden Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung durch. Die Geheimdienste überwachen die Kommunikation noch umfangreicher, als es zuvor ohnehin erlaubt war.

Menschen, von denen die Behörden meinen, sie seien eine Bedrohung für das Land, werden unter Hausarrest gestellt. Versammlungen werden verboten und Grenzkontrollen wieder eingeführt. Bürgerrechtler kritisieren die Beschneidung von Freiheiten und bezweifeln die Wirksamkeit der Sonderbefugnisse. Zu Recht: Trotz Ausnahmezustand fanden in Frankreich weitere Anschläge statt.

Angesichts der fragwürdigen Maßnahmen, die Sicherheitspolitiker regelmäßig ausrufen, müssen sich verunsicherte Bürger auf unbestechliche Daten zurückziehen. Zu diesen Fakten gehört, dass in Deutschland seit 1992 kein einziger Mensch mehr durch einen Terroranschlag ums Leben kam. Und auch die Opfer von psychisch auffälligen Einzeltätern - Stichwort München - gehen zurück. Schließlich: Obwohl Frankreich schon vor den Pariser Anschlägen die schärfsten Sicherheitsgesetze hatte, starben dort sehr viel mehr Menschen.

Zu dieser Art von empirischer Evidenz gehört auch, dass die Kriminalitätsstatistik seit Jahrzehnten sinkt, während der Anteil von Ausländern in Deutschland ebenso kontinuierlich steigt. Die hysterische Propaganda von Fremdenfeinden aller Art entbehrt jeder rationalen Grundlage. Bisher ist nicht einmal klar, wer den LKW auf den Breitscheidplatz steuerte. Viel spricht allerdings dafür, dass es sich um einen ersten erfolgreichen Anschlag von Dschihadisten in Deutschland handelt.

Nachdem sich in den vergangenen Wochen die Medien darüber erregten, dass erstmals ein Sexualmord von einem Flüchtling begangen wurde, steht nun das Schlimmste zu befürchten. Der Fall zeigte bereits, wohin ein Mangel an empirischem Gespür führen kann. Dass nach einem Jahr einer aus einer Millionen Flüchtlingen ein derartiges Gewaltverbrechen begeht, bestimmte landesweit die Debatte.

Im gleichen Zeitraum vergewaltigten oder ermordeten natürlich auch zahlreiche biologisch zertifizierte Deutsche unzählige Frauen, zumeist die ihnen Angetraute oder Freundinnen. Manchmal starben gleich die Kinder dazu. Aber das läuft bei Polizei und Journalisten dann unter „Familiendrama“.

Auch die Tatsache, dass es ein gewisses Paar in Höxter jahrelang Frauen misshandelte und mindestens zwei von ihnen ermordete, führt bei niemandem zur Schlussfolgerung, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe - etwa Deutsche, Heterosexuelle, Brillenträger, Christen oder Blonde - von nun an zu stigmatisieren. Das mag auch daran liegen, dass Menschen äußerliche Ähnlichkeiten eher mit positiven Eigenschaften verbinden. Wer mir ähnlich ist, muss grundsätzlich sympathisch sein.

Schnell wird in solchen Fällen lieber auf angeblich unterschiedliche Werte zurückgegriffen. Besonders schmerzhaft wird dies, wenn Menschen für ihr Bedürfnis nach quasi angeborener Überlegenheit christliche Traditionen anführen. Immerhin steht der Fremde schon in der Genesis unter einem besonderen Schutz. Im dritten Buch Mose stellt etwa Levitikus folgende Regel auf:

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.

An zahllosen Stellen bis hinein ins neue Testament verweisen Propheten und Apostel darauf, dass das Volk Israel in der Fremde lebte und auch Jesus und die Jünger Flüchtlinge waren. Matthäus sieht die Behandlung von Fremden gar als entscheidendes Kriterium für Heil oder Unheil des Menschen im letzten Gericht. Wer also Probleme mit Fremden herbeiredet, sollte sich besser nicht zu laut auf die Worte der Heiligen berufen. Und schon gar nicht zu Weihnachten.

Natürlich wenden Menschen mit einem notorischen Bedürfnis nach anstrengungsloser Anerkennung an dieser Stelle ein, dass die Gesetze der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft nur für christlich sozialisierte Menschen gelten würden. Bei diesen Fremden sei alles ganz anders. Doch nicht einmal das ist zutreffend. Jesus sagt das gleiche wie ʿĪsā. Und Īsā sagt das gleiche wie Jeschua.

Nun also ein Weihnachtsmarkt. Das führt zwangsläufig zu der Frage, ob es ein Alleinstellungsmerkmal islamistischer Extremisten ist, zu glauben, sie könnten Gutes erreichen, indem sie Böses tun. Auch bei dieser Frage müssen Christen leider lange in den Spiegel schauen. Über viele Jahrhunderte waren Vertreter des Christentums überzeugt, dass die gewaltsame Missionierung ihnen irgendeine Form von Heil bringt. 

Schließlich und endlich: Weder ist es so, dass die Dschihadisten hauptsächlich Europäer umbringen, noch sind ihr Geld und ihre Waffen vom Himmel gefallen. Dieser Dschihad ist das Ergebnis einer wirklich interreligiöse Allianz zwischen Washington und Riad. Er dauert nun schon bald 40 Jahre und ihm fielen ganz überwiegend Muslime zum Opfer. Natürlich fragt sich, warum es nun Deutschland trifft.

In den letzten Jahrzehnten konnte sich die Bundesrepublik mit ihrer Doktrin der militärischen Zurückhaltung von internationalisierten Konflikten fern halten. Anders als Frankreich, Großbritannien und die USA, die bei jedem Regime-Change voranmarschierten, und sich in Afghanistan, Libyen und Syrien tief mit den Terroristen einließen, erlebte Deutschland bisher keinen ernsthaften Anschlagsversuch.

Wenn sich dies nun ändert, sollte niemand nach schärferen Gesetzen rufen, sondern Frau von der Leyen fragen, was deutsche Soldaten eigentlich im Irak, in Syrien und Mali zu suchen haben.