Ein Semester in St. Petersburg: Ein etymologischer Exkurs

Ein Semester in St. Petersburg: Ein etymologischer Exkurs
Der Lesesaal der Bibliothek der russischen Wissenschaftsakademie.
Der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores berichtet für RT Deutsch über sein Semester in Sankt Petersburg. In diesem Beitrag berichtet er über die ethnische Vielfalt Russlands und begibt sich auf eine sprachliche Spurensuche.

von Danilo Flores

Was haben der Vorsitzende von Russlands größter Bank, der Sberbank, und der Gelehrte, dem wir das umfangreichste etymologische Wörterbuch der russischen Sprache verdanken, gemeinsam? Antwort: Sie beide sind Russlanddeutsche. Herman O. Gref leitet die Geschäfte der Sberbank, deren grüne Firmenfarbe einem hier in St. Petersburg genauso oft begegnet wie das Sparkassenrot in deutschen Städten. Seine Vorfahren kamen – wie so viele andere Mitteleuropäer auch – unter Peter dem Großen nach Russland. Von Stalin verfolgt, wurde Grefs Familie 1941 nach Kasachstan umgesiedelt.

Studenten in Sankt Petersburg bei einem Protest gegen die Universitätsreform.

Dort wuchs Gref auf, bis er nach Omsk zog, um Jura zu studieren. Nach Abschluss seines Studiums mit Auszeichnung zog der deutschstämmige Jurist mit dem ungewöhnlichen Geburtsnamen „Oskarowitsch“ nach Leningrad. In den frühen neunziger Jahren machte er dann in der Stadtverwaltung der nunmehr wieder St. Petersburg genannten Metropole Karriere. Im Jahr 2000 wurde Gref zum Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Russischen Föderation ernannt. Eine Bilderbuchkarriere für einen tüchtigen Deutschen, den seine Abstammung nicht daran hinderte, ein hohes Staatsamt in Russland zu bekleiden.

Der russische Verteidigungsminister Schoigu hat bekanntlich ebenfalls keine slawischen Wurzeln. Sein Vater gehört zu den Tuwinern, einem südsibirischen Turkvolk. In der Volksreligion der Tuwiner mischt sich schamanisches Brauchtum mit tibetanischem Buddhismus. Im Jahr 2015 hat sich Schoigu bei der Militärparade in Moskau anlässlich des "Tag des Sieges" am 9. Mai vor laufender Kamera bekreuzigt – obwohl er selbst Buddhist ist. Ein Ikonenfund in einem von dem Limousinenkonvoi durchquerten Torbogen war Anlass für die Geste des Verteidigungsministers.

Bekanntlich setzt sich die orthodoxe Christenheit aus sogenannten Nationalkirchen zusammen: etwa die Russisch-Orthodoxe, die Griechisch-Orthodoxe und die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche. Dieses dezentrale Organisationsprinzip wird als „autokephal“ bezeichnet – ein aus dem Altgriechischen abgeleitetes Wort, was so viel bedeutet wie „mit eigenem Kopf“. Zur Orthodoxie bekehrte Völker behalten ihren wesenseigenen Nationalcharakter. Der universelle Auftrag des orthodoxen Glaubens, der darin besteht, dem nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen das Göttliche zu erschließen, koexistiert mit der Verwurzelung des Einzelnen in einer Sprache, einem Volk, einer Heimat. Das Himmelreich ist multipolar.

Ich sitze in der Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften, vor mir die vier Bände des vom russlanddeutschen Gelehrten Max Vasmer verfassten „Russischen Etymologischen Wörterbuchs“ – ein absolutes Standardwerk der Slawistik. Unter „Etymologie“ versteht man die Lehre des Ursprung von Wörtern. Da wären beispielsweise die ins Deutsche eingegangenen Wörter „Roboter“ und „Bistro“ – beides Entlehnungen aus dem Russischen. „Roboter“ kommt von russisch „работать“ (rabotat), dem Verb für „arbeiten“. „Bistro“ vom russischen Adverb „быстро“ (bystro) für „schnell“. Mit einem muttersprachlichen Ausruf haben die ungeduldigen russischen Soldaten im besetzten Paris den französischen Kellnern in zugegebenermaßen etwas unwirscher Weise zu verstehen gegeben, doch bitte nicht so herumzutrödeln: „Schneller, schneller!“.

Auch an Robotern wird gebastelt: Start-ups die es in Russland schaffen, schaffen es überall.

Zahllose deutsche Wörter haben es ihrerseits in den russischen Wortschatz geschafft. Inbesondere fachsprachliche Begriffe aus dem Bergbau, der Medizin, der Mechanik sowie aus anderen Wissensgebieten. Modernisierungswillige Zaren haben immer wieder deutsche Experten ins Land geholt, um von deren Know-how zu profitieren. In der Alltagssprache haben sich unzählige weitere Germanismen erhalten: etwa der Besuch beim „парикмахер“ (Parikmacher, also dem Perückenmacher, Friseur), die „штраф“ (Schtraf, die Strafe) für das Falschparken oder das „фейерверк“ (Feierwerk, das Feuerwerk) an Silvester. Mein heimlicher Favorit: „штурм“ (Schturm, für „Sturmangriff“).

Das etymologische Wörterbuch habe ich mir aber nicht ausgeliehen, um nach deutschen Einsprengseln im russischen Vokabular zu fahnden. Stattdessen möchte ich der Herkunft bestimmter russischer Wörter nachspüren. „Etymologie“ ist nämlich, streng genommen, nicht bloß die Lehre des Ursprungs von Wörtern. Eher geht es um deren „wahre Bedeutung“. Wörtern, gerade den beschönigenden, wohnt ja mitunter eine geradezu magische Kraft inne. Man denke nur an die Truppenmassierung von NATO-Soldaten im Baltikum, von deutschen Medien nur als „Präsenz“ umschrieben. Früher fürchteten die Menschen durch die Nennung bestimmter Namen böse Geister herbeizurufen. Heute werden gewisse Wörter vermieden, um der Bevölkerung die Konfrontation mit unliebsamen Realitäten zu ersparen.

Was mich interessiert: Die vielsagende Mehrdeutigkeit, der Hintersinn einzelner russischer Wörter. Da wäre beispielsweise „судьба“ (Sudba), das russische Wort für „Schicksal“, das sich aber von „суд“ (Sud), dem Wort für „Gericht“ ableitet. Ist der Mensch, wie die Existenzialisten sagen, dazu „verurteilt“, er selbst zu sein? Wird die Seele des Menschen erst nach dem Tod gerichtet? Oder fällt das Urteil darüber, wer ein Mensch sein wird, was ihm im Leben schicksalhaft widerfahren wird, schon vor seiner Geburt? So steht es bei Platon.

Lichtspiel an der St. Isaac-Kathedrale in St. Petersburg.

Solche Geheimnisse birgt die russische Sprache. Aber beim Durchblättern seines Langenscheidt-Taschenwörterbuchs stößt man auch auf Erheiterndes. Das russische Wort für Nachlässigkeit lautet „халатность“ (Chalatnost), eine Ableitung vom Nomen „халат“ (chalat) – dem Morgenrock oder Bademantel. Mit so viel Humor lässt sie sich doch aushalten, die unerträgliche Bademanteligkeit des Seins!

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