Ein Semester in St. Petersburg: Von Kreuzrittern und Pragmatikern - Typologie der Austauschstudenten

Ein Semester in St. Petersburg: Von Kreuzrittern und Pragmatikern - Typologie der Austauschstudenten
Studenten in Sankt Petersburg bei einem Protest gegen die Universitätsreform.
Der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores berichtet für RT Deutsch über sein Semester in Sankt Petersburg. In seinem aktuellen Beitrag widmet er sich den Beweggründen der Gaststudenten, die es nach Russland zieht und entwickelt hierzu eine eigene fünfteilige Typisierung.

von Danilo Flores

Wer sind die Gaststudenten, die nach St. Petersburg kommen? Was führt sie hierher? Nach und nach erkenne ich ein Muster: Die Studenten, die es nach St. Petersburg verschlagen hat, lassen sich entsprechend ihrer Motivation und ihrer Haltung gegenüber Russland jeweils einem bestimmten Typus von Gaststudent zuordnen. Da gibt es  den „Kreuzritter“, den „Diplomaten“, den „Pragmatiker“, den „Ästheten“ und den „Russophilen“. Im Folgenden will ich in einer „Typologie des St. Petersburger Gaststudenten“ die Charaktereigenschaften und Beweggründe meiner Kommilitonen kurz darstellen.

Auch an Robotern wird gebastelt: Start-ups die es in Russland schaffen, schaffen es überall.

Der „Kreuzritter“ ist ein Eiferer, den die Sorge um die russische Zivilgesellschaft umtreibt. Diese sagenhafte „Zivilgesellschaft“ – aus wem setzt sie sich eigentlich zusammen? Immer ist in den deutschen Medien die Rede von der russischen „Zivilgesellschaft“ wie von einer holden Maid, die den Fängen eines Bösewichts entrissen werden muss. Dabei handelt es sich bei dem Wort eigentlich um einen klassischen Fall von „doppelt gemoppelt“, um einen sogenannten Pleonasmus (Häufung sinngleicher Wörter). Etwa wie „runder Kreis“ oder „weißer Schnee“.

Die Vorsilbe „Zivil-“ – lateinisch für „Bürger“ – verleiht dem Grundwort „Gesellschaft“ nicht den geringsten Mehrwert an Bedeutung. Es versteht sich von selbst, dass eine Gesellschaft aus Bürgern besteht. Zivilgesellschaft ist ein verhülltes Codewort für die Gesellschaft als ganzes. Dem Kreuzritter wird von seinem Prediger vorgegaukelt, es gebe in jenem fernen Land eine Schar unterdrückter Glaubensbrüder, die man vor den Häschern des herrschenden Tyrannen beschützen müsse. Mit dem Begriff „Zivilgesellschaft“ wird eine Phantommehrheit fingiert, zu deren Rettung der Kreuzritter herbeieilt. Vor Ort macht es dann keinen Unterschied mehr, ob die Einheimischen mehrheitlich mit ihrem Regenten im Zwist liegen oder nicht. Der Regimewechsel soll kommen, ganz nach dem Motto: „Beglückt sie alle. Sie werden das Gute darin schon erkennen.“

„Diplomaten“ und „Pragmatiker“ stammen zumeist aus den Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Sie haben einen nüchternen Blick auf die Dinge und sind im allgemeinen angenehme Gesprächspartner. Der Diplomat lernt fleißig Russisch und hat mehr als nur ein flüchtiges Halbwissen der Landesgeschichte. Projekte wie die „New Silk Road“ (Neue Seidenstraße) oder die „Eurasian Development Bank“ (Eurasische Entwicklungsbank) werden nicht, wie vom Kreuzritter, reflexhaft als Ablenkungsmanöver eines repressiven Regimes abgetan. Im Zusammenhang mit der Krim fällt trotzdem das Wort „Annexion“. Aber ein Dialog darüber, warum diese Einschätzung vielleicht ein bisschen voreilig ist, wird von dem Diplomaten nicht sofort abgewürgt.

Lichtspiel an der St. Isaac-Kathedrale in St. Petersburg.

Der „Pragmatiker“ interessiert sich für die russische Energiewirtschaft, weiß einem die Eigentümerverhältnisse von Gazprom auseinanderzusetzen und lobt die identitätsstiftende Rolle der russisch-orthodoxen Kirche ohne selbst überzeugter Christ zu sein. Er hält Ausschau nach potentiellen Geschäftspartnern – oder nach der zukünftigen Frau. Es stimmt ihn nachdenklich, dass vieles von dem, was in den heimischen Medien über Russland verbreitet wird, nicht den Gegebenheiten vor Ort entspricht. Der Rückhalt, den Putin in der Bevölkerung genießt, will so gar nicht mit den Schauergeschichten aus der Tagespresse übereinstimmen. Erst aus der Ferne wird so mancher Missstand im eigenen Heimatland sichtbar. Die Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft an Steven Seagal lässt ihn aufhorchen.

Dann der „Ästhet“, den ein Faible für bestimmte Aspekte der russischen Kultur hierher gebracht hat: ob für das Ballett, die Literatur, das Sowjetkino, die Landschaft oder für die „Sambo“ genannte russische Spielart des Kampfsports Jiu-Jitsu. Der Ästhet ist unpolitisch, nicht aus trägem Desinteresse, sondern weil seine alles vereinnahmende Begeisterung für sein eines Lieblingsthema keinen Raum für andere Beschäftigungen lässt. Aus Gesprächen mit Ästheten lassen sich wertwolle Insiderinformationen mitnehmen. Wer hätte gedacht, dass mit „Aelita“ im Jahre 1924 der erste Science-Fiction-Film der Welt in der Sowjetunion entstand?

Schließlich die „Russophilen“. Man ahnt es schon, ich gehöre selbst dazu. Getrieben von einer nur schwer in Worte zu fassenden Sehnsucht folgen sie dem Ruf des Ostens. Bedeutungsvolle Zufälle, jene minimalinvasiven Eingriffe des Schicksals, weisen ihnen den Weg in das geheimnisvolle Mutterland. Die Buchstaben des kyrillischen Alphabets wirken auf sie wie magische Zeichen, Jugenderinnerungen an die umwerfend schöne Russin aus der Parallelklasse mischen sich mit theologisch-philosophischem Interesse an der orthodoxen Lehre der göttlichen Sophia und Jahre des unermüdlichen Studiums geopolitischer Ereignisse hat in ihnen die Gewissheit reifen lassen, auf welcher Seite man zu stehen hat in diesem Weltgeschichte genannten Stellvertreterkrieg zwischen Gut und Böse.

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