Ein Semester in St. Petersburg: Viele Chinesen zieht es nach Russland

Ein Semester in St. Petersburg: Viele Chinesen zieht es nach Russland
St. Petersburg bei Nacht - Die Stadt zieht zunehemend chinesische Touristen an.
Als deutscher Austauschstudent ist Danilo Flores in St. Petersburg eher ein Exot. Ganz anders gestaltet sich der Zustrom aus dem Riesenreich im Osten. Unter Chinesen boomt der Wunsch, Russland zu besuchen. Für RT Deutsch berichtet der Hamburger von seinen Erfahrungen.

von Danilo Flores

Schon bei der Ankunft am St. Petersburger Flughafen Pulkowo war mir eines aufgefallen: Lautsprecherdurchsagen auf Chinesisch. Bei der Passkontrolle wurden für die einströmenden chinesischen Touristengruppen eigene Schalter geöffnet. Als unser Reisebus während eines Ausflugs an der schier endlosen Schlange vor dem Eingang zur Eremitage vorbeifährt, bemerkt unser Reiseführer Juri mit kaum überhörbarem ironischem Unterton, es gebe nichts, wofür sich chinesische Touristen mehr interessierten als die Kunstschätze St. Petersburgs. Inzwischen kommt mehr als ein Drittel der nach St. Petersburg reisenden Touristen aus China. Tendenz steigend. Den lokalen Souvenirhandel freut es: Chinesische Touristen geben im Schnitt mehr Geld für Andenken aus als Touristen aus anderen Ländern. Die Schildchen in der Auslage eines großen Ladens für Bernsteinschmuck in der Innenstadt sind mit chinesischen Schriftzeichen bedruckt. In der Metro werden auf den Anzeigetafeln die Namen der nächsten Stationen auf Russisch und auf Englisch eingeblendet. Noch.

Eingeschneit: St. Petersburg ganz in Weiß.

Der Tourismus aus China ist für Russland ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Im ersten Quartal 2016 kamen 80 Prozent chinesische Touristen mehr nach Russland als im Vorjahreszeitraum. Dieser noch nie dagewesene Anstieg kommt nicht von ungefähr. Schon 2014 leiteten die russischen Behörden Maßnahmen ein, um die Einreise für chinesische Staatsbürger zu erleichtern. Touristengruppen ab fünf Personen benötigen beispielsweise kein Visum. Auch der schwache Rubel lockt die Chinesen nach Russland. Doch dürfte es eine tiefere Ursache für die Zunahme von Besuchern aus dem Reich der Mitte geben: Die Bevölkerungen der strategischen Bündnispartner beschnuppern einander. Die eurasische Integration ist in vollem Gange.

An der Juristischen Fakultät, wo ich studiere, ist ein Studiengang eingerichtet worden, der sich ganz den russisch-chinesischen Beziehungen widmet: Chinesische Sprache, chinesische Geschichte und chinesische Kultur stehen auf dem Lehrplan. Russland bildet seine Gesandten für den Dienst im Fernen Osten aus. Ohne das nötige kulturelle Feingefühl kann das Businessmeeting zwischen dem russischen Energiekonzern und dem chinesischen Industriekonglomerat schnell zum Reinfall werden: Ist es normal, dass die traditionelle chinesische Teigtasche, die es als Willkommensgeschenk gab, so schwer in der Hand liegt, oder ist da eine Rolex drin? Jetzt ist Taktgefühl gefragt.

Den künftigen Geschäftspartnern muss auf möglichst höfliche Weise klargemacht werden, dass man diese kleine Aufmerksamkeit nicht annehmen könne. Aber welchen guten Grund gibt es schon, eine solch harmlose kulinarische Köstlichkeit auszuschlagen? Der gut geschulte Firmenvertreter weiß: Die Gabe auf keinen Fall ablehnen, weil sein Gegenüber sonst „das Gesicht verlöre“. Also nimmt man die magnetische Leckerei erst einmal an und lässt sie dann ein paar Tage später unter Verweis auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit unauffällig zurückschicken. Problem gelöst.

Die Russischkurse für ausländische Studenten finden am Sprachinstitut der St. Petersburger Universität statt. Dort sieht man deutlich mehr Chinesen als Europäer. Ganze Kurse werden ausschließlich von chinesischen Studenten besucht. In meinem Kurs wiederum sitzen nur Studenten aus verschiedenen europäischen Ländern. Offensichtlich werden von der Institutsleitung bei der Zusammensetzung der Kurse die Gaststudenten aus dem Westen nicht mit denen aus dem Osten durchmischt. Aus didaktischen Gründen? Im kleinen Café im dritten Stock kommt man aber auch mit den Studenten aus Fernost ins Gespräch. Viele von ihnen studieren Russisch im Hauptfach. Ihre Sprachkenntnisse sind ausgezeichnet. Hier werden die Dolmetscher und Übersetzer für die kommenden Konferenzen der Shanghai Cooperation Organisation ausgebildet.

Die Fahrt auf der Rolltreppe der St. Petersburger U-Bahn dauert mehrere Minuten. Foto: Danilo Flores.

Die Asiaten sind zurückhaltend, aber zugleich auch neugierig auf die „Coolen“ aus dem Westen. Beim Smalltalk auf Russisch mit sympathischen jungen Chinesen weht mich auf einmal der Hauch einer nicht allzu fernen multipolaren Zukunft an. Hoffentlich erliegt die chinesische Jugend nicht dem Zuckerbombenappeal der westlichen Konsumwelt: iPhones, Bayern München, Social Media, Adidas, Hollywood-Blockbuster. Letztere ab sofort mit prochinesischen Plot Twists, weil die amerikanischen Studios neuerdings superrreichen Chinesen gehören.

Unsere Aufgabe als „entwöhnte“ Westler sehe ich in der Prävention. Wir müssen unsere unbedarften chinesischen Freunde vor den Gefahren des digitalen Opiums warnen: Was die Unterhaltungsindustrie in ihren Giftküchen zusammenbraut, umgeht jede Bluthirnschranke und springt von den Bildschirmen direkt auf den visuellen Kortex über. Lieber ganz die Finger davonlassen! Sorgen wir dafür, dass sich das Gespräch unter internationalen Studenten in Zukunft nicht mehr um amerikanische Filme oder Fernsehserien dreht, diesen kleinsten gemeinsamen Nenner des globalistischen Einheitsbreis. Bald reden wir wieder über Deutschen Idealismus, das silberne Zeitalter der russischen Dichtung und die Strategeme des großen Sun Tzu.