Ein Semester in St. Petersburg: Eingeschneit bei eisiger Kälte

Ein Semester in St. Petersburg: Eingeschneit bei eisiger Kälte
Eingeschneit: St. Petersburg ganz in Weiß.
Der russische Winter ist legendär. Was es bedeutet in St. Petersburg eingeschneit zu sein, erlebt der Student Danilo Flores, der ein Ausstauschsemester in der russischen Metropole verbringt, am eigenen Leib. Ein Bericht aus einer Stadt bei Minusgraden.

von Danilo Flores

Der Maler Nicholas Roerich hielt die Hanse in Russland in einem Gemälde fest.

Mit so einem Schneefall hatte ich nicht gerechnet. Letztes Wochenende rieselten die ersten vereinzelten Schneeflocken zu Boden. Die Wolkendecke blieb geschlossen und der leichte, aber pausenlose Schneefall hörte nicht auf. Dann begann das Schneegestöber – so als hätte sich im Himmel eine Lawine gelöst, die jetzt in Zeitlupentempo abgeht. Das Thermometer fällt auf -4, -7, -11 °C. Prompt friert mir das Haar ein, als ich nach der morgendlichen Dusche in Eile das Studentenwohnheim verlasse. Weht einem der Wind den Schnee ins Gesicht, meint man am Polarkreis zu sein. Der berüchtigte „Windchill-Effekt“, der die gefühlte Kälte nochmal vervielfacht. Der Pulverschnee fegt in geisterhaften Schneewehen über den Boden hinweg. Wie ein kleiner Stich fühlt es sich an, wenn die Zacken der herumwirbelnden Eiskristalle ein Stückchen nackter Haut berühren. Und es schneit und schneit und hört nicht auf.

Mit Langlauf-Ski im Straßenverkehr - man muss sich nur zu helfen wissen.

Der russische Winter ist ein elementares Erlebnis. Eine solche weiße Urgewalt kannte ich aus Norddeutschland bislang noch nicht. Man bekommt es regelrecht mit der Angst zu tun, wenn man vor der Haustür auf einmal feststellt, dass man sich doch nicht dick genug angezogen hat. Wer ohne Mütze oder Kapuze auf dem Kopf mit ungeschützter Stirn dem Wind entgegenmarschiert, dem wird auf einmal schwindelig vor Kälte. Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden. Wer nach durchzechter Nacht bei diesen Bedingungen draußen besoffen einnickt, wacht nicht mehr auf. Ohnehin ist davon abzuraten, sternhagelvoll durch St. Petersburg zu torkeln. Ich habe jetzt schon mehrfach von Überfällen gehört und jedes Mal war das Urteilsvermögen des Ausgeraubten im Vorfeld durch übermäßigen Alkoholkonsum getrübt. Immer auf der Hut sein, bei diesen extremen Witterungsverhältnissen erst recht.

Die Sicht ist gleich null. Nur mit zusammengekniffenen Lidern kann man blinzelnd etwas erkennen. Vor den U-Bahn-Stationen bilden sich braune Tümpel vom abgetretenen Schnee. Es gibt Blitzeis auf den Gehwegen und auf den Straßen. Streufahrzeuge sehe ich keine. Ist der Schnee erst einmal festgetreten, werden die Wege aber auch schnell wieder gangbar. Als seien sie Teil einer Choreographie, sieht man Mitarbeiter vom Winterdienst mit riesigen Schneeschiebern über die öffentlichen Plätze tanzen. Dann werden die schweren Geschütze aufgefahren: Bulldozerartige Räumfahrzeuge schaffen die Schneemassen beiseite. Am Straßenrand türmen sich meterhohe „Eisberge“. Am Newa-Ufer, wo keine Gebäude einen schützenden Windschatten bieten, wird das Schneegestöber geradezu unheimlich: Dies ist eine lebensfeindliche Kälte, die kein Erbarmen kennt. Russlands Schutzwall ist das Klima.

Ich frage mich, wie die Menschen früher diese Winter überleben konnten – ohne Atomenergie, ohne Elektrizität, nur mit Brennholz und Ofen. Wie muss es zu Zeiten Dostojewskis gewesen sein, als die kalte Jahreszeit über die Stadt hereinbrach? St. Petersburg war ja kein karger Außenposten, sondern die prächtige Hauptstadt des Zarenreiches. Man kann sich kaum vorstellen, wie hier, Winter um Winter, das Leben nicht nur nicht zum Erliegen kam, sondern weiter glanzvolle Feste gefeiert wurden, wie die hohe Gesellschaft einander Besuche abstattete, wie die Schriftsteller und Gelehrten unbeirrt die Bibliotheken aufsuchten, wie auf vereisten Wegen Nachschub herangekarrt wurde, etwa Wachs für die Kerzen, die einzige Lichtquelle in den lange Nächten, oder haltbare Nahrungsmittel, das Jahr über wohlweislich gehortet, wie die Kinder hier schon vor zweihundert Jahren mit Schneebällen geworfen haben und auf Schlitten gefahren sind, wie der Dichter im Kerzenschein der beim Schlittschuhfahren erblickten Schönheit ein Gedicht schreibt. St. Petersburg – Märchenstadt in der Schneekugel.

Schon in wärmeren Tagen war mir die Vorliebe der Petersburger für ungewöhnliche Fortbewegungsmittel aufgefallen. Da sieht man im Spätsommer ein Mädchen auf ihrem Pferd einen Sonntagsritt durch die Stadt machen. Oder man spaziert an einem der Kanäle im Stadtzentrum entlang, da jagen auf einmal mit heulenden Motoren zwei Jetski-Piloten vorbei, die sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen bieten. Im Winter holt manch einer seine Langlaufskier raus. Während ich in meinen Sneakern unbeholfen durch die Gegend rutsche, gleitet der urbane Wintersportler mit geübten Zügen an mir vorüber. Die Damen legen ihre Pelze an und mit roten Bäckchen auf der Porzellanhaut sehen die Mädchen noch hübscher aus als sonst. Russische „Soft Power“, der keiner widerstehen kann. Nach mehreren Tagen ununterbrochenen Schneefalls hört es eines Abends unvermittelt auf zu schneien. Das Wetter klart auf und nach dem Schneesturm kehrt Ruhe ein. Begleitet vom knirschenden Geräusch des Schnees stapfen die Menschen nach Hause, ins Warme.