Die neue Demut - Selbstkasteiung in den Mainstreammedien nach Trump-Erfolg

Die neue Demut - Selbstkasteiung in den Mainstreammedien nach Trump-Erfolg
Deutsche Zeitungen auf einem Verkaufsständer, Berlin, Deutschland, 16. April 2014.
Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, sagt der Volksmund. Einen Tag nach dem überraschenden Sieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen entdecken die Mainstreammedien plötzlich ihr Herz für "die da unten" und für die "Unvernünftigen".

von Timo Kirez

Als Matrjoschka-Puppe gibt es ihn bereits. Donald Trump in einem russischen Souvenir-Shop.

England entscheidet sich gegen die Europäische Union, Amerika wählt Donald Trump zum Präsidenten. Beide Male wurden die Mainstreammedien auf dem falschen Fuß erwischt. "Wie konnte das nur passieren?", war die einhellige, reflexartige Reaktion. Nachdem sich der Pulverdampf des Wahlkampfs verzogen hat und alle kummervollen Tweets und Facebook-Posts abgeschickt worden sind, kehrt nun tatsächlich so etwas wie Demut ein.

"Es könnte sein, dass das an uns liegt. Wir haben die Hinweise nicht übersehen, wir haben sie ignoriert", schrieb zum Beispiel Elisabeth Raether in der Zeit, und zwar schon im August, als Donald Trump die Vorwahlen für sich entscheiden konnte.

In der Online-Ausgabe des jetzt-Magazins der Süddeutschen Zeitung lässt Philipp Matheis in einem Kommentar wissen, dass die "Komfortzone" verlassen werden müsse.

Und selbst die Wirtschaftswoche, die nun nicht gerade für klassenkämpferische Töne bekannt ist, schreibt, "dass der Journalismus in Amerika wie hierzulande den Draht zu weiten Teilen der Gesellschaft verloren hat. Kritische Distanz zu den Eliten und ein offener Blick auf die Gründe des Volkszorns tun not."

Das eigentlich Erstaunliche an diesen Reaktionen ist jedoch, dass so getan wird, als ob diese Entwicklungen praktisch über Nacht, wie ein unerwartetes Erdbeben, die Welt erschüttert haben. Dabei gärt und brodelt es schon Jahrzehnten in Deutschland und in der Welt. Doch war man sich in den Beletagen des Journalismus oft zu schade, um sich in die vermeintlich trostlosen Niederungen der Wirklichkeit zu begeben. Das rächt sich jetzt.

Statt sich konstruktiv und auf Augenhöhe mit den als "dumm" und "ungebildet" abqualifizierten Menschen auseinanderzusetzen, sonnte man sich lange im trügerischen Schein der eigenen moralischen Überlegenheit. Was dabei besonders schmerzt, ist die Ignoranz und Arroganz der sogenannten "linksliberalen" Intelligenzija.

Es ist ein Zynismus sondergleichen, dass ausgerechnet diejenigen, die vorgeben, sich für die "Schwachen" und "Abgehängten" einzusetzen, kaum ihren Würgereiz unterdrücken können, wenn sie auf den "Mann auf der Straße" blicken. In den perwollweichen Wohlfühlwolken der sozialen Netzwerke, wo Algorithmen alles "Peinliche" und "Verstörende" herausfiltern, lebt es sich eben wunderbar ungestört.

Und man fühlt sich als Elite, in der Politik und auch in den Medien. Im Stern heißt es:

Offensichtlich blicken wir, die liberalen Eliten, es schlicht nicht mehr […] Der Siegeszug der Populisten zeigt, dass sich die politische Tektonik verschoben hat, ohne dass wir es mitgekriegt oder auch nur im Ansatz begriffen hätten.

Und selbst in der Welt lässt sich lesen:

Die deutsche Politik wie die Publizistik stehen vor den Scherben ihrer Weltanschauung, ihnen ist der Bezug zur Realität verloren gegangen. Der Schlag ist härter als noch beim Brexit. Er scheint vielen noch verrückter.

Es ist erstaunlich, dass es für so viel Einsicht und Reue erst einen Donald Trump gebraucht hat.

Die Frage mag erlaubt sein, was diese selbsterklärten Eliten die letzten Jahrzehnte so getrieben und gelesen haben. Wer nur ein wenig neugierig ist, hätte schon durch die Lektüre von Soziologen wie Zygmunt Bauman oder Ulrich Beck sehr früh eine Idee davon bekommen können, was auf uns zukommt. Buchtitel wie "Die Krise der Politik. Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit", Bauman, 1999, oder "Risikogesellschaft", Beck, 1986, lesen sich heute wie tagesaktuelle Schlagzeilen.   

Jetzt, wo man nicht mehr draufhauen und abkanzeln mag, sucht man offenbar den Dialog. So schreibt die Wirtschaftswoche weiter:

Gerade wir Journalisten können oder wollen dieses Ergebnis kaum fassen. Vermutlich auch, weil wir zwar über Trump schreiben, aber kaum jemals mit seinen Anhängern sprechen. Für französische Journalisten und den Front National gilt das ähnlich wie für deutsche und die AfD.

Der Maulwurf, der die RT Deutsch-Redaktion unterwanderte (Symbolbild). Quelle: Dieder Plu - Mol, CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Mit anderen Worten: Das, was man immer wieder mal, etwa im Zuge von Live-Streams der Pegida-Demonstrationen, auch RT Deutsch vorgeworfen hat, nämlich einfach nur die Wirklichkeit abzulichten, wird jetzt zum neuen Mantra der Mainstreammedien erklärt. Sinkende Auflagenzahlen und wegbrechende Werbeeinnahmen mögen ihr Übriges zum Sinneswandel beigetragen haben.

Dass es sich lohnt, erstmal zuzuhören, bevor man die Keule auspackt, ist im Übrigen keine besonders neue Erkenntnis. Schon der liberale Historiker Ludwig Häußler schrieb im 19. Jahrhundert:

Haben wir einmal jenen Zustand erlangt, wo sich alle Elemente, auch die der Opposition, ohne Nachteil für das Ganze entfalten können, - was bis jetzt nur im Krieg der Fall ist, - so wird auch eine Fülle von Kräften, die zuvor nur auflösend auf das Ganze einwirken konnten, einen normalen und wohltätigen Einfluss ausüben.

Doch das letzte Wort sei ausnahmsweise der Welt überlassen:

Die Dinge werden anders, und wir mit ihnen. Das ist auch eine Chance, wenn wir dazulernen und die Abgehängten anhören und ernst nehmen, ohne sie abzuwerten.

Wir werden Sie beim Wort nehmen, liebe Kolleginnen und Kollegen!

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