Zum Kriegsgedenken im ehemaligen Stalingrad - Deutsche Schülerin berichtet von ihrer Reise

Zum Kriegsgedenken im ehemaligen Stalingrad - Deutsche Schülerin berichtet von ihrer Reise
Die Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd
Alona Bartenschlager ist 16 Jahre alt und kommt aus Ingolstadt. Für RT Deutsch berichtete die Schülerin bereits von ihrem Austausch in der russischen Stadt Sotschi. Nun ist Alona nach Russland zurückgekehrt, doch der Grund ist kein fröhlicher. Im ehemaligen Stalingrad gedenkt unsere Gastautorin mit ihrer Familie den Kriegstoten.

Hallo, zusammen, da bin ich wieder und ich habe viel zu erzählen. Ich habe mich wieder auf den Weg nach Sotschi gemacht, dieses Mal mit meiner Mama und mit meinem Papa. Vier Wochen waren meine Eltern und ich dieses Mal in Russland. Wir sind von Memmingen mit der Fluglinie Pobeda zuerst nach Moskau geflogen, wo wir wieder im Hotel Kosmos mit seinem leckeren Frühstücksbüffet waren und sind dann mit dem Schlafzug nach Wolgograd gefahren. Von Wolgograd und warum wir dort waren, möchte ich Euch hier berichten. Der Hintergrund ist ernst und hat mit meiner eigenen Familiengeschichte zu tun. Etwa 40 Kilometer von Wolgograd entfernt gibt es einen Soldatenfriedhof, auf dem deutsche und russische Soldaten liegen, die in der Schlacht von Stalingrad - so hieß Wolgograd damals - ums Leben gekommen sind. Dort wurde eine Friedenskapelle eingeweiht und meine Familie und ich waren dabei.

Alona Bartenschlager im Gespräch mit RT-Reporterin Maria Janssen.

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. In einem Ort namens Denkendorf – das liegt im Altmühltal, an der Autobahn A9 zwischen Ingolstadt und Nürnberg - wohnt ein Arzt, der Russland schon viele Jahrzehnte kennt und sich für die Freundschaft zwischen Deutschland und Russland einsetzt. Dr. Christian Holtz, so heißt der Arzt, hat zum Beispiel eine Städtepartnerschaft zwischen seinem Ort und dem Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnaja ins Leben gerufen, auch eine Schulpartnerschaft gibt es. In Denkendorf steht sogar ein Denkmal, das einen bayerischen Jungen und ein russisches Mädchen zeigt, die zusammen tanzen. Auch dieses Denkmal geht auf die Initiative von Dr. Holtz zurück. Vor einigen Jahren war er in Wolgograd und hat sich mit Kriegsveteranen aus Russland getroffen. Diese regten an, auf dem Soldatenfriedhof in Rossoschka eine Friedenskapelle zu bauen. Dr. Holtz fand die Idee gut und ging mit einigen Freunden daran, den Plan zu verwirklichen. Er hat mir ein bisschen was davon erzählt, und es muss ziemlich schwierig gewesen sein, denn der Bau kostete eine Menge Geld und es waren auch Genehmigungen von den Behörden erforderlich.

Es hat drei Jahre gedauert, bis alles fertig war, aber er hat es geschafft und heuer konnte die Kapelle eingeweiht werden. Rossoschka ist der Name eines Dorfes, das im Krieg völlig zerstört und danach an etwas anderer Stelle neu aufgebaut wurde. Wie ich erfahren habe, hat dort die deutsche Wehrmacht schon einen Soldatenfriedhof angelegt, den aber lange Zeit niemand gepflegt hat. Erst in den 1990er Jahren wurde er wieder hergerichtet und es wurde auch ein Friedhof für gefallene sowjetische Soldaten gebaut.

Fast 70.000 deutsche und fast 20.000 sowjetische Soldaten sind dort begraben. Immer noch finden hier Begräbnisse statt, weil immer wieder die Überreste von Soldaten gefunden werden, die während der Schlacht nicht richtig bestattet werden konnten. Der deutsche Teil besteht aus einer Gedenkstätte, aus einem großen Kreis mit den Gräbern und einem Bereich mit großen Steinquadern, in denen die Namen der Vermissten eingemeißelt sind. Der Kreis symbolisiert die eingeschlossene deutsche Armee, wie der Architekt der Anlage Herr von Reuß erzählt hat. Er hat auch die Friedenskapelle entworfen. Neben dem Kreis fließt ein Bach, der für die Wolga steht.

Der russische Teil ist ein Halbkreis mit einem Mahnmal und einer Glocke in der Mitte. Die Friedenskapelle steht zwischen beiden Friedhofsteilen. Rossoschka liegt mitten in der Steppe, ein ziemlich ebenes baumloses Land; Regen fällt hier selten.

Zur Einweihung sind Dr. Holtz und etwa 40 andere Deutsche gekommen. Dabei waren auch Schüler aus Denkendorf mit einem ehemaligen Schulrektor namens Willibald Schels. Die Schüler hatten zuvor ein paar Tage in Moskau ihre Partnerschule besucht und sind dann auch nach Wolgograd gekommen. Von Moskau sind auch russische Schüler mit einigen Lehrern mitgekommen. Herr Schels hat mich eingeladen, mich seiner Gruppe anzuschließen, was mich sehr gefreut hat.

Die Denkendorfer waren schon einen Tag früher als wir gekommen, aber mitten in der Nacht. Wir kamen am nächsten Tag sehr früh mit dem Zug an und konnten das gesamte Programm mitmachen. An diesem Tag haben wir die Stadt Wolgograd besichtigt und uns natürlich mit der Schlacht von Stalingrad beschäftigt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Wir waren im Panoramamuseum, das so heißt, weil es dort ein riesiges Rundpanorama von der Schlacht von Stalingrad gibt. Dort sind Szenen von einem bestimmten Tag dieser Schlacht dargestellt: Abstürzende Flugzeuge, zerstörte Panzer und Kanonen, kaputte Unterstände, ein sowjetischer Soldat, der brennt, aber dennoch einen deutschen Panzer angreift, deutsche Soldaten, die in Gefangenschaft gehen, ein völlig zerstörte und tote Landschaft und Stadt. Außerdem sind in dem Museum noch andere Szenen dargestellt und originale Überreste von der Schlacht wie Uniformen, Gewehre, Pistolen, Fahrzeuge und vieles mehr.

Danach sind wir dorthin gegangen, wo der Oberbefehlshaber der deutschen 6. Armee, Paulus, von den sowjetischen Truppen gefangen genommen wurde. Es war der Keller eines ehemaligen Kaufhauses, der jetzt als Museum dient. Dort gibt es ebenfalls viele Darstellungen und Szenen, wie die zeigen, wie die Soldaten gelebt haben, unter welchen Umständen Ärzte operierten oder wie Paulus und seine Offiziere die letzten Tage vor der Kapitulation verbrachten. Anton, ein junger Mitarbeiter des Museums führte uns durch die Räume und Gänge, die noch im Originalzustand sind; er sprach sehr gut Deutsch und hat uns alles mit großem Engagement gezeigt.

Am meisten beeindruckt hat mich der Besuch auf dem Mamajew-Hügel, auf dem die riesige Figur von "Mutter Heimat" steht, die ein Schwert in die Höhe hält. Zu ihr führen genau 200 Stufen hinauf. 200 Tage hat auch die Schlacht gedauert. Die Treppen sind sehr breit, Fahnen sind links und rechts aufgestellt. In Stein gemeißelte Szenen zeigen den Verlauf der Schlacht und die Opfer, die sie gekostet hat. In Deutschland ist allgemein bekannt, dass in Stalingrad eine komplette Armee mit etwa 350.000 deutschen Soldaten gefallen ist, aber nur wenige wissen, dass dieser Sieg die Rote Armee etwa eine Million Soldaten gekostet hat. Auch viele Zivilisten sind ums Leben gekommen. Auf dem Mamajew-Hügel ist ihnen eine eigene Halle gewidmet. In der Mitte brennt eine Ewige Flamme, vor der Soldaten Ehrenwache halten. An den Wänden, die goldfarben schimmern, stehen die Namen der gefallenen Soldaten, soweit sie bekannt sind. Es sind so viele Namen und Stalingrad war nur eine von so vielen Schlachten im Zweiten Weltkrieg. Meine Mama und ich haben lange nach einem bestimmten Namen gesucht: Mein Urgroßvater, der Großvater meiner russischen Mama, ist in Stalingrad gefallen. Meine Mama und ich haben dann Blumen an der Ewigen Flamme niedergelegt.

Sehr nachdenklich habe ich die Halle verlassen und bin noch ganz hoch zur Mutter-Heimat-Statue gegangen. Nicht weit davon entfernt ist eine russische Kirche, die wir auch besucht haben.

Am Abend war eine Messe in einer katholischen Kirche. Gehalten haben die Messe der einheimische Priester, der Pfarrer von Denkendorf und Bischof Walter Mixa, der frühere Bischof von Eichstätt und Augsburg. Mein Papa kennt Bischof Mixa ganz gut, weil dieser mehrere Jahre sein Religionslehrer war und mein Papa hat großen Respekt vor ihm. Ich habe mich längere Zeit mit dem Bischof unterhalten.

Am Abend waren wir noch in einem Restaurant, das "Bamberg" heißt. Dort gab es deutsche und bayerische Spezialitäten. Alle sehr lecker und es ist ein wirklich schönes Restaurant. Sie machen dort ein eigenes Bier. Zu der Gruppe aus Denkendorf gehörte auch der Chef einer bayerischen Brauerei, Fritz Gutmann, und er hat das Bier sehr gelobt.

Das war der erste Teil meines Reiseberichts. Wenn Ihr mögt, schaut bald mal wieder hier rein. Ich erzähle dann von der Einweihung der Friedenskapelle.

Eure Alona

   

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.