Wie aus einem Pups ein russischer Theater-Skandal wurde

Wie aus einem Pups ein russischer Theater-Skandal wurde
Konstantin Raikin im russischen Staatstheater.
Der bekannte russische Schauspieler Konstantin Raikin warnt vor einem Rückfall in die Zensur der Stalin-Zeit und löst damit eine aufgeregte Debatte aus. Die Schließung einer Foto-Ausstellung mit vermeintlicher Kinderpornograghie und und die Absetzung der Rock-Oper 'Jesus Christ Superstar' waren Auslöser dafür.

von Ulrich Heyden, Moskau

Im russischen Internet schlagen die Wellen hoch. Am 24. Oktober hielt der bekannte Moskauer Schauspieler und Regisseur Konstantin Raikin auf einem Theater-Kongress eine emotionale Rede. Der 66-Jährige, der das Moskauer Theater Satirikon leitet, warnte vor Angriffen auf die Kunst - insbesondere das Theater - und eine Rückkehr zur Zensur „wie zu Stalins Zeiten“. 

Anlass der Rede waren verschiedene Ereignisse der letzten Zeit. In Moskau hatten konservative Aktivisten von der Organisation „Offiziere Russlands“ die Schließung einer Foto-Ausstellung durchgesetzt. Auf der Ausstellung wurden Arbeiten des amerikanischen Fotographen Jock Sturges gezeigt. Auf den 30 Fotos – aufgenommen an Nudisten-Stränden in der westlichen Welt – waren auch nackte junge Mädchen zu sehen.  Die Emotionen schlugen hoch. Ein konservativer Aktivist hatte Fotos mit Urin bespritzt.

In der sibirischen Stadt Omsk hatten Aktivisten der religiösen Organisation „Familie, Liebe, Vaterland“ zuvor die Absetzung der Rock-Oper Jesus Christ Superstar durchgesetzt. Am Dienstag hatte der Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche, Wladimir Legojda, jedoch erklärt, die Kirche sei gegen das Verbot der Rock-Oper. Die Oper entspreche zwar nicht den kirchlichen Regeln, doch durch die Oper hätten viele Menschen „den Weg zu Gott gefunden“. Nur ein Kurzsichtiger könne den Unterschied zwischen Gotteslästerung und einer Verletzung der kirchlichen Regeln nicht erkennen.  

Wenn der Staat Geld gibt, hat er auch bestimmte Rechte

Einer der ersten, die auf die Äußerungen von Raikin reagierten, war Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Präsidenten. Er hatte erklärt, Zensur sei in der Kunst nicht hinnehmbar. Man müsse jedoch Zensur und staatlich geförderte Kunst unterscheiden. Wenn der Staat eine bestimmte Aufführung finanziell unterstütze, habe der Staat auch das Recht, das Thema zu bestimmen. Bei den Aufführungen, die privat finanziert werden, müsse man einfach nur die gesetzlichen Regeln einhalten. Peskow forderte Raikin auf, Fakten zu nennen, von wem und wann seine Arbeit als Regisseur zensiert worden sei.

Mit harten Worten reagierte auf die Raikin-Rede der Leiter des Motorradclubs Nachtwölfe, Aleksandr Saldostanow. Er erklärte, „die Raikins“ wollten „das Land zu einem Abflusskanal machen, in dem Dreck fließt“. Er werde alles dafür tun, dass Russland „vor der amerikanischen Demokratie geschützt wird“. 

Boris Schumatzki und Wladimir Kaminer am 4. Oktober in der Kulturbrauerei Berlin.

Nach diesen Äußerungen forderte Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Präsidenten, den Nachtwolf-Chef auf, sich bei Raikin zu entschuldigen, worauf Saldostanow meinte, er achte Raikin als Künstler, entschuldigen werde er sich aber nicht. 

Der Leiter von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, solidarisierte sich mit seinem „Freund“, dem Nachtwolf-Chef und verschärfte den Ton gegen den Moskauer Regisseur, als er sagte, eine „Kaste von Kulturschaffenden“ meine, „sie könne das religiöse Gefühl von Millionen Christen und Moslems verletzen.“

Diejenigen Menschen in Russland, welche sich in der Debatte um die abgesetzte Foto-Ausstellung bisher zurückgehalten hatten, weil sie sich keinem der beiden streitenden Lager zugehörig fühlen, ergreifen nun auch das Wort. Unterstützung erhielt Raikin von den Regisseuren Oleg Tabakow, Jewgeni Mironow und Andrej Swjaginzew sowie dem bekannten Fernsehmoderator Wladimir Posner.

Was Raikin eigentlich gesagt hatte

Was hatte Raikin, der Sohn des berühmten Arkadi Raikin, eigentlich gesagt? Er sei besorgt über die „Angriffe auf die Kunst, insbesondere auf das Theater“ von „angeblich besorgten Bürgern“. Das sei ein Angriff auf die Freiheit der Kunst. Offenbar gäbe es Leute, welche die errungene Freiheit der Kunst wieder stoppen wollten. Diese wollten Russland nicht nur in die Breschnjew- sondern in die Stalin-Zeit zurückbefördern. 

„Ich glaube diesen Leuten nicht“, welche die Schließung der Foto-Ausstellung durchsetzten, so Raikin. Sie würden ihre wahren Ziele, nämlich ein Russland wie zu Stalins Zeiten „mit Worten von Moral, Heimat und Volk verdecken“. Leute, die Fotos mit Urin bespritzen, hätten selbst „keine Moral“ und seien „bezahlt“. Er sei sehr besorgt, dass sich die Macht von diesen Leuten nicht eindeutig distanziere. Eine „kluge Macht“ – so Raikin -  brauche Künstler, die ihr den Spiegel vorhalten, „damit sie ihre Fehler sehen kann“. Wer entscheide, was schädlich für das Volk ist? Politiker? Die Künstler müssten sich untereinander beraten und selbst dafür sorgen, dass ethische Normen eingehalten werden. Das dürfe man nicht der Macht überlassen. 

Schon der Vater witzelte gegen die Macht 

Raikin gehört zu den bekanntesten Schauspielern in Russland. Schon sein Vater, Arkadi Raikin, Gründer des Theaters Satirikon, machte in tiefsten Breschnjew-Zeiten als Regisseur und Schauspieler mit gewagter Ironie (Die Pumpen und die Reifen, 1974) aber auch klassischen Stücken von sich reden. 1996, in Zeiten des tiefsten Gangster-Kapitalismus, brachte sein Sohn, Konstantin Raikin, dann Brechts Dreigroschenoper auf die Bühne des Satirikon.

Im liberalen Moskauer Radio-Sender Echo Moskwy, der von westlichen Medien als letzte Insel aufrechter Demokraten in einem Meer von Unfreiheit gepriesen wird, äußerte man sich über die Rede von Raikin zunächst geringschätzig. Der Regisseur sei bekanntermaßen „ein Putinist“. Er haben einfach nur „einen Pups gelassen“. 

Doch nun reitet auch Echo Moskau auf der großen Raikin-Welle, die nicht abebben will. Es gibt kaum jemand, der sich zu der Rede des Schauspielers noch nicht geäußert hat. 

Es fehlen auch nicht die gehässigen Stimmen. Die Zeitung Moskowski Komsomolez schrieb, Raikin habe sein Ziel erreicht. Die von der Kulturbehörde geforderte zusätzliche finanzielle Unterstützung des Theaters werde es nach dem öffentlichen Skandal nun wohl geben. 

Raikin hatte geklagt, seinem Theater stehe „der Tod“ bevor. Zurzeit könne man pro Saison nur ein Stück auf die Bühne bringen. Das „Satirikon“ werde renoviert und für einen anderen Spielort müsse man sehr hohe Mieten zahlen. 

 

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