Putins Lieblingsphilosoph oder: Kopfstand in einer verkehrten Welt (Teil II)

Putins Lieblingsphilosoph oder: Kopfstand in einer verkehrten Welt (Teil II)
Ein Schatz, den es zu heben gilt. Die Werke der russischen Philosophie.
Der russische Philosoph Iwan Iljin lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch auch heute noch erkennt der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores das Erbe von Iljins Denken in der russischen Gegenwart. Für RT Deutsch berichtet der Austauschstudent aus Sankt Petersburg.

von Danilo Flores

Kundgebung in Moskau zum Tag der Arbeit: Marx und Lenin sind dabei.

Der von Putin gern zitierte Iwan Iljin war Jurist, Religionsphilosoph, Hegelexperte und exilierter Gegner der Bolschewiki. Nach der Absolvierung eines Rechtsstudiums an der Kaiserlichen Moskauer Universität (der heutigen Lomonossow-Universität) im Jahr 1906 schlug Iljin eine akademische Laufbahn ein. 1918 veröffentlichte er schließlich seine Dissertation über das Thema „Hegels Philosophie als Lehre über die Konkretheit Gottes und des Menschen“. Nach der bolschewistischen Machtübernahme wurde Iljin sechs Mal verhaftet, dann zum Tode verurteilt. Ein Widerruf seiner regimekritischen Äußerungen ließ sich ihm im Verhör nicht abpressen. Auf Weisung Lenins – dem an der langfristigen „Säuberung Russlands von antisowjetischem Geist“ gelegen war – verließ Iljin 1922 auf einem der „Philosophenschiffe“ gemeinsam mit anderen eminenten Köpfen sein Heimatland, in das er nie wieder zurückkehren sollte.

Wir erinnern uns an die im ersten Teil dieses Beitrags erwähnte Abhandlung Sahra Wagenknechts mit dem Titel „Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx“. Die Philosophie Hegels war für Marx und Iljin also gleichermaßen der Kristallisationskeim ihrer eigenen Ideen. Der Satz, Marx habe Hegel „vom Kopf auf die Füße gestellt“, geht auf Friedrich Engels zurück. Marx und sein Kampfgefährte Engels waren Schüler von Hegel. Mit seiner Formulierung wollte Engels sagen: Hegels Lehre, wonach der Geschichtsverlauf auf ein von der Vernunft zu erkennendes und zu verwirklichendes Endziel hinauslaufe, sei zwar grundsätzlich richtig. Doch habe erst Marx die konservative Lehre des „preußischen Staatsphilosophen“ von ihrem Geburtsfehler geheilt. Nämlicher läge darin, dass die bestehenden Verhältnisse – die preußische Monarchie – von Hegel gutgeheißen werde. In Wahrheit müsse der Mensch als Vollstrecker der erst noch zu ihrem Recht zu verhelfenden Vernunft darauf hinarbeiten, die Gesellschaft von Grund auf umzukrempeln.

Die Nachfolger von Hegel teilen sich also in ein „rechtes“ und ein „linkes“ Lager. Erstere meinen, die historisch gewachsenen Institutionen Staat und Kirche seien Errungenschaften der menschlichen Vernunft. Die anderen sind der Auffassung, der Mensch stelle seine Vernunft dadurch unter Beweis, dass er das Alte zertrümmert. Wie sein Dissertationsthema nahelegt, sieht Iljin als konservativer Hegelinterpret den Ursprung der Vernunft in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die „linken“ Hegelianer hingegen bekennen sich zum Atheismus. Wie es sein kann, dass der Mensch als ein zusammengeballter Materieklumpen denken, sprechen, fühlen, hoffen, planen kann? Da springt die Evolutionstheorie ein, um den Marxisten unter die Arme zu greifen.

Zar Nicolaus II mit Gemahlin Prinzessin Alix von Hessen

An diesem Punkt sollten wir die Etikette „links“ und „rechts“ von den beiden Hegel-Schulen abziehen und uns auf die Kerninhalte ihrer Lehren konzentrieren. Auf der einen Seite Iljin, der für folgende Grundwerte eintritt: Heiliges Erbe der Russisch-Orthodoxen Kirche, bedingungsloses Lebensrecht der russischen und jeder anderen Nation, Staatliche Souveränität als Ausdruck gottgegebener Freiheit, christliche Moral, unumschränkte Herrschaft des Rechts, Heilserwartung. Auf der anderen Seite der Marxismus: Atheismus, Internationalismus, revolutionsdienlicher Pragmatismus im Umgang mit rechtlichen Normen, Auflösung der Kernfamilie, Kollektivismus, Fortschrittsglaube.

Da fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Im „Westen“ haben wir eine Art „Marxismus light“. Wie stellt man die Vorherrschaft einer atheistischen Weltanschauung sicher? Nicht, indem man, wie Stalin, Kathedralen niederreißt und Priester verfolgt. Es reicht, eine wissenschaftliche Theorie aus dem 19. Jahrhundert zum unanfechtbaren Dogma an den Universitäten zu erheben. Kritisches Hinterfragen der Evolutionstheorie? Fehlanzeige. Abweichler gibt man der Lächerlichkeit preis und entzieht ihnen den Lehrauftrag. Wird in den einschlägigen Debatten eigentlich jemals der Name „Erasmus Darwin“ erwähnt – der Großvater von Charles Darwin?

Erstaunt stellt man fest, dass die Evolutionstheorie ein Multigenerationenprojekt der Familie Darwin war. Man mache sich einmal die Mühe den Wikipedia-Artikel über Darwins Opa aufzuschlagen, lese nach, welchen Vereinigungen er angehörte, und es wird einem schnell klar werden, wessen Geistes Kind die Evolutionstheorie ist. Kein Wort an deutschen Biologie-Fakultäten über Forscher wie Karl Ernst von Baer, jenen deutsch-baltischen Naturforscher, der die Eizelle entdeckte und ganz und gar nicht mit Darwin hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Lebens übereinstimmte. In St. Petersburg, wo von Baer jahrzehntelang als Zoologe und Anatom an der Akademie der Wissenschaften arbeitete, nannte man ihn die „Seele der Akademie“.

Und die Aushöhlung nationaler Souveränität – ist das für uns in die EU Hineingeborene nicht schon eine Selbstverständlichkeit? Müssen wir uns über die eigene Machtlosigkeit angesichts von Bankenrettung, Freihandelsabkommen und demographischen Zwangsmaßnahmen wundern, wenn wir die von Iljin für unantastbar erklärte nationale Souveränität längst aufgegeben haben? Und wer hat in der EU das Sagen? Der „Rat“ der Europäischen Union. Das russische Wort für „Rat“ lautet bekanntlich „совет (Sowjet)“, wie in „Sowjetunion“. Nomen est omen. Von der kommunistischen Karrierefrau und EU-Außenvertreterin Federica Mogherini ganz zu schweigen.

Schließlich das von den USA und der NATO routinemäßig missachtete internationale Recht. Warum pochen Putin und Lawrow unermüdlich darauf, dass man es einhalten müsse, wenn doch die anderen keine Anstalten machen, sich an die Spielregeln zu halten? Wäre es unter realpolitischen Gesichtspunkten nicht klüger diese ganzen UN-Regularien in den Wind zu schlagen, wenn ihnen ohnehin keiner Beachtung schenkt? Die Engelsgeduld der russischen Außenpolitik erklärt sich mit der Iljinschen Hochachtung für das Recht. Für Iljin war selbst der Monarch an geltendes Recht gebunden. Es gibt nach russischem Verständnis keinen „höheren Zweck“, der die Mittel heiligen würde. Ganz anders der Westen, der sich mit der Nonchalance des Revolutionärs über die Regeln des internationalen Rechts hinwegsetzt.

Russland interveniert in Syrien – zur Verteidigung der nationalen Souveränität eines verbündeten Staates. In Russland nimmt die Familie einen hohen Stellenwert ein – denn nach russisch-orthodoxer Tradition ist die Familie heilig. Russland hält sich an internationales Recht – weil anderenfalls die weltweite Wolfszeit begönne. Die Welt, sie muss nicht auf dem Kopf stehen.

  

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