Putins Lieblingsphilosoph oder: Kopfstand in einer verkehrten Welt (Teil I)

Putins Lieblingsphilosoph oder: Kopfstand in einer verkehrten Welt (Teil I)
Kundgebung in Moskau zum Tag der Arbeit: Marx und Lenin sind dabei.
Russland – das ist auch ein Land der Philosophen. Ins Sinnieren über Teilchenphysik und historischen Materialismus kommt auch unser Gastautor Danilo Flores, der für ein Semester die Universität von Sankt Petersburg besucht.

von Danilo Flores

Bekanntlich ist Angela Merkel studierte Physikerin. Früher galt ihr Forschungsinteresse der „Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen“ – so lautet die Kurzfassung Ihres Promotionsthemas. Während Merkels Augenmerk also anfänglich mikroskopischen Vorgängen galt, experimentiert sie heute lieber mit Verfallserscheinungen auf makroskopischer Ebene. Von unbändiger Neugier getrieben hat sich die passionierte Wissenschaftlerin an die Spitze eines großen Freilichtlabors in Mitteleuropa emporgearbeitet. Dort untersucht sie nun unter kontrollierten Bedingungen die Auswirkungen nationaler Kernspaltung und demographischer Protonen-Kollisionen. Wissen ist Macht!

Zar Nicolaus II mit Gemahlin Prinzessin Alix von Hessen

Sahra Wagenknecht, die vom Naturell eher geisteswissenschaftlich veranlagte Oppositionsführerin im Bundestag, widmete sich ihrerseits schon in jungen Jahren den theoretischen Grundlagen des Marxismus. Als gelehrige Schülerin des Meisters galt es zu ergründen, warum das kommunistische Wundermittel in den Humanstudien, die man den Ostblockstaaten hatte angedeihen lassen, nicht die gewünschte Wirkung gezeigt hatte. Keine dreißig Jahre alt, verfasste Wagenknecht eine Abhandlung mit dem Titel „Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx“. Wie ihre naturwissenschaftliche Kollegin hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits den Spielertransfer in die BRD vollzogen.

In ihrem Werk befasst sich Wagenknecht mit dem sogenannten „Dialektischen Materialismus“. Dabei handelt es sich um ein von Marx entworfenes philosophisches System, gewissermaßen eine atheistische Gegentheologie, die den Glauben an einen geistig-göttlichen Ursprung der Welt endgültig widerlegen soll. Marx verkündet die alleinige Realität der Materie und will damit das kommunistische Weltverbesserungsprogramm auf eine „wissenschaftliche“ Grundlage stellen. Die Freiheit, die der Verfasser von „Das Kapital“ dem Proletariat bescheren will – was bedeutet sie überhaupt noch, wenn der Mensch nur ein Materiehaufen ist, ohne Seele, die frei sein könnte?

Die vom Kommunismus in Aussicht gestellte Befreiung der Menschheit kommt der Belohnung des Pawlowschen Hundes gleich, dem sein Herrchen nach gelungener Konditionierung das ersehnte Leckerli verabreicht. Der Mensch als dressierbares Nervenbündel mit sperrangelweit geöffnetem Unterbewusstsein – eine hervorragende Arbeitshypothese auch für die Versuchsleiterin in einer technokratisch regierten „Demokratie“. Warum nicht mit scharfgemachten Reizworten die öffentliche Meinung lenken und alle vier Jahre das Glöckchen läuten, um zur Wahl zu bitten?

Was die Werbeindustrie kann, das kann das Bundespresseamt schon lange. Störend nur, dass manche unbelehrbaren Querulanten darauf beharren, dass Sprache nicht beliebig als Manipulationswerkzeug eingesetzt werden dürfe. Diese altbackenen Prinzipienreiter empfinden es als ungehörig, wenn als Teil der staatlichen Informationspolitik neurolinguistisch geschulte PR-Fachleute Wörter waffenfähig machen und wie psychische Lenkflugkörper mit unterschwelligen Botschaften bestücken.

Dostojewskij-Denkmal in Sankt Petersburg

Aber warum sollte man es mit der „Wahrheit“ überhaupt so genau nehmen? Wird an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten Deutschlands nicht mittlerweile einhellig gelehrt, das starre Festhalten an „absoluten Wahrheiten“ sei völlig unzeitgemäß? Es liegt alles im Auge des Betrachters. Dem modernen Menschen vorzuschreiben, was richtig und was falsch ist, hieße, ihn zu bevormunden. Es können doch auch viele Wahrheiten friedlich nebeneinander existieren – so wie jedes Zootier sein eigenes Gehege hat.

Obendrein kann es so etwas wie die „eine ewige unveränderliche Wahrheit“ gar nicht geben. Bekanntlich existiert einzig und allein die – sich stetig wandelnde – Materie und sonst nichts. Folglich unterliegen auch „Wahrheiten“, diese flüchtigen Bewusstseinszustände von Säugetiergehirnen, einer unaufhörlichen Veränderung. Nur die Materie ist real. Kaum überraschend, dass der junge Marx seine Doktorarbeit in Philosophie über antike Atomtheorien schrieb – ein physikalisches Thema.

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich Merkels Polit-Physik und Wagenknechts Dialektischer Materialismus als deckungsgleiche Weltbilder: Die Politik ist bloß eine Fortsetzung der Naturbeherrschung mit anderen Mitteln. Der Staat wird als Maschine zur effizienten Bedürfnisbefriedigung von Stoffwechseleinheiten gedacht. Und wie ließe sich das Ganze am besten managen? Wenn die Maschine möglichst groß – global – wäre!

Wenn wir den Mangel an Wahrhaftigkeit in den deutschen Medien beklagen, wenn wir entsetzt darüber sind, dass Nachrichtensprecher regungslos offenkundige Lügen herunterrattern, so als hätte man eine Vorlesesoftware mit einem absurden Text gefüttert, wenn wir zürnen ob der grotesken Biegsamkeit des politischen Personals, das aus synthetischem Kunststoff fabriziert zu sein scheint – beschleicht uns dann nicht das Gefühl, in einer verkehrten Welt zu leben?

Und wenn wir dann nach Russland blicken, wo Taten und Worte harmonisch übereinstimmen, wo der Machthaber noch aus Fleisch und Blut ist, wo in außenpolitischen Angelegenheiten, die Menschenleben kosten, Klartext geredet wird – stellen wir dann nicht erleichtert fest, dass man die Dinge doch noch vom Kopf auf die Füße stellen kann? Hören wir, statt auf Marx, auf den Lieblingsphilosophen von Wladimir Putin, auf den großen Iwan Iljin.

Weiter geht es mit Teil II

 

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