Ein Semester in St. Petersburg: Anarchokapitalisten & Monarchisten

Ein Semester in St. Petersburg: Anarchokapitalisten & Monarchisten
Zar Nicolaus II mit Gemahlin Prinzessin Alix von Hessen
Die Monarchie wirkt wie ein Relikt der Vergangenheit. Doch ein Bild von Zar Nikolaus II. lässt die Gedanken unseres Gastautoren schweifen. Für RT Deutsch berichtet der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores von seinem Austauschsemester in St. Petersburg.

Dostojewskij-Denkmal in Sankt Petersburg

Der Winter ist da. Das Thermometer wagt erste Vorstöße in den Bereich unterhalb des Gefrierpunktes und wenn der Wind bläst, ahnt man, wie kalt es noch werden wird. Höchste Zeit, sich an einem Markstand einen todschicken Hoodie mit vollflächigem Bärenaufdruck zuzulegen. Das Motiv auf der Vorderseite zeigt einen brüllenden Bären mit aufgerissenem Maul. Auf dem Rücken sieht man denselben Bären, dieses Mal etwas tappsiger, mit Stuppsnase und jenem sanften, beinahe lächelnden, Gesichtsausdruck, den Raubtiere so an sich haben, wenn sie nicht gerade die Zähne blecken. 2000 Rubel – da kann ich einfach nicht widerstehen.

Der neue Pulli passt bestimmt hervorragend zum kürzlich in Kronstadt unweit des dortigen Marinestützpunktes erstandenen T-Shirt, auf dem die blauweiße Flagge der russischen Nordflotte prangt. Die neue Modelinie vom Kalaschnikow-Konzern ist bislang leider nur im Flagship-Store am Moskauer Flughafen erhältlich. Vielleicht ergibt sich ja noch eine Gelegenheit.

Auf meinem Schreibtisch steht eine Postkarte, die Zar Nikolaus II. zeigt, lässig aus einem Fenster des imperialen Zuges lehnend, neben ihm das Emblem des Doppeladlers. Gekauft habe ich das Bildchen – mit dem ich mich gegenüber meinen Mitbewohnern in kaum verschleierter Weise als Royalist zu erkennen gebe – im „Дом книги“ (Dom Knigi), dem „Haus des Buches“, der größten Buchhandlung der Stadt. Das Geschäft befindet sich in einem spektakulären Jugendstilbau am Newski-Prospekt, das zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt.

In demselben Gebäude hat „VKontake“, das russische Facebook, seinen Hauptsitz. Von hier aus hat Pawel Durow, der Gründer des sozialen Netzwerks, zu Papierfliegern gefaltete Geldscheine aus dem Fenster geworfen. Inzwischen musste der gebürtige Petersburger Durow seine Sachen packen, weil er sich mit den russischen Behörden überworfen hat. Seitdem tingelt er als „Nomade“ durch die Welt und werkelt an seinem neuen Projekt – dem Messenger und WhatsApp-Konkurrenten „Telegram“.

Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.

Ich bin gespannt, was man noch so von Durow hören wird. Eine interessante Persönlichkeit ist er ja: Abschluss in Linguistik mit Auszeichnung an der Sankt Petersburger Universität, mit kaum 25 Jahren Multimillionär und obendrein bekennender „Anarchokapitalist“ – will heißen: Staaten als solche erachtet er als Relikte der Vergangenheit. Genau wie Marx übrigens, für den der Endzustand der Geschichte ja auch ein staatenloser war. Ultraliberale und stramme Kommunisten sind geeint in ihrer Geringschätzung des Nationalstaates.

Andere Leute jubeln der Queen zu, ich hege Sympathien für die Romanows. Dass Monarchie ein Erfolgsmodell sein kann, beweist das früher unter dem Namen Königreich Siam bekannte Thailand, das gerade um seinen König Bhumibol Adulyadej trauert. Die Thais verehren ihren König – nicht zuletzt, weil die Beständigkeit der königlichen Herrschaft dafür gesorgt hat, dass Thailand als einziges südostasiatisches Land von westlicher Kolonialisierung verschont geblieben ist. Übrigens: Der Betriebswirt Georg Friedrich Prinz von Preußen – Chef des Hauses Hohenzollern und im Falle einer Restauration der deutschen Monarchie berechtigter Thronfolger – hatte eine Romanowa als Großmutter. Auf dem Stammsitz des Adelsgeschlechts, der Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg, gibt es überdies eine russisch-orthodoxe Kapelle. Deutsch-russische Familienbande, die zu dem ein oder anderen Gedankenexperiment verlocken.

Die Immatrikulationsfeier für Erstsemester auf dem Akademiker-Sacharow-Platz

Ein Blick ins Grundgesetz bereitet der Träumerei ein jähes Ende. Laut Artikel 79, Absatz 3 GG, der sogenannten „Ewigkeitsklausel“, gelten manche Verfassungsprinzipien bis in alle Ewigkeit. Ein großmündiges Versprechen von den Machern eines Gesetzeswerkes, von dem nicht einmal feststeht, ob es sich um eine vollwertige Verfassung handelt. Im Gegensatz zur russischen Verfassung ist das Grundgesetz niemals in einer Volksabstimmung legitimiert worden. Und was meinte der Staatsrechtler Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, als er im Jahre 1948 in einer Rede vor dem Parlamentarischen Rat von einer „Organisationsform einer Modalität der Fremdherrschaft“ sprach?

Nach dem Verfassungsrang des Grundgesetzes gefragt, fangen die meisten Juristen an herumzudrucksen. Man hört Worte wie „quasi“ oder sieht den Gefragten mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft malen. Erstaunlich, dass die Juristenzunft, sonst peinlich genau auf unzweideutige Formulierungen bedacht, keine klare Antwort auf die Frage zu geben weiß, ob unser Land eine Verfassung hat oder nicht. Die „Ewigkeitsklausel“ jedenfalls bleibt vorerst Grundpfeiler der deutschen Staatsräson. Somit wird sich wohl folgender – einem deutschen Kaiser zugeschriebener – Satz bewahrheiten: „Die Monarchie gleicht der Jungfräulichkeit, einmal verloren, kehrt sie nie wieder zurück.“

 

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