Ein Semester in St. Petersburg: Im größten Land der Welt hat Genfood keine Chance

Ein Semester in St. Petersburg: Im größten Land der Welt hat Genfood keine Chance
Der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores berichtet von seinem Austauschsemester in St. Petersburg. Wieso sind die Russen eigentlich so zufrieden mit Putin? Liegt es vielleicht auch daran, dass genetisch veränderte Lebensmittel in Russland keine Chance haben?

von Danilo Flores

Der Maler Nicholas Roerich hielt die Hanse in Russland in einem Gemälde fest.

Das Studentenwohnheim, in dem die internationalen Gaststudenten untergebracht sind, liegt auf der größten der St. Petersburger Inseln, der Wassiljewski-Insel, einer Landmasse, die sich der Fließbewegung der in die Ostsee mündenden Newa entgegenstemmt und den Fluss in die große Newa und die kleine Newa aufspaltet. Ganz am nordwestlichen Rand der Insel, fast direkt am Finnischen Meerbusen, erstreckt sich ein ausgedehntes Plattenbaugebiet. In einem der dortigen Hochhäuser liegt das Studentenwohnheim. Der Name der nächsten U-Bahn-Station lautet „Приморская (Primorskaja)“ – die „beim Meer gelegene“. Man hört die Möwen kreischen und es weht eine herrlich frische Brise durch die Häuserschluchten.

Das Gebiet hier wurde aufgeschüttet und der Ostsee entrissen. Im Falle einer Sturmflut würde sich das Meer wütend das Seinige zurückholen – gäbe es nicht den Petersburger Damm, jenes titanische Bauwerk, das die vorgelagerte Insel Kotlin, auf der sich die Stadt Kronstadt befindet, mit dem Festland verbindet. Bei drohendem Hochwasser werden die – ansonsten den Schiffsverkehr durchlassenden – Schleusentore geschlossen, damit das vom Westwind in die Newabucht gepeitschte Wasser nicht den Abfluss der Newa hemmt. In der Stauung des Newastroms durch in die Bucht gedrücktes Meereswasser liegt der eigentlich Grund für die mehr als dreihundert Überschwemmungen, die St. Petersburg in seiner Geschichte heimgesucht haben.

Die Arbeiten an dem gigantischen Damm wurden 1978 begonnen und erst im Jahre 2011 fertiggestellt. Präsident Putin höchstpersönlich hatte für eine Wiederaufnahme der streckenweise jahrelang ausgesetzten Bauarbeiten gesorgt. „Das hat er gut gemacht“, sagt unser Reiseleiter bei einem Ausflug nach Kronstadt dazu. Könnte Putin sich so für das Projekt eingesetzt haben, weil es ihm als gebürtigem Petersburger besonders am Herzen lag? – Wie bitte? Ein Politiker, der sich bei seinem staatsmännischen Handeln von emotionaler Verbundenheit mit der eigenen Heimatstadt leiten lässt, der mit der ihm verliehenen Macht nach eigenem Gutdünken dieses oder jenes Vorhaben fördert?

Dostojewskij-Denkmal in Sankt Petersburg

Und das wird dann auch noch gut geheißen von einer Mehrheit der Bevölkerung? Ob man diese armen Totalitarismusopfer aus dem Osten immer noch mit psychotronischen Techniken aus geheimen Sowjetlaboren bearbeitet, um sie zu unkritischen Diktatorenfans umzuerziehen? Anders ist es nicht zu erklären, wie dieses Land der Schachgroßmeister, genialen Schriftsteller und Spitzenwissenschaftler derart einem Despoten verfallen sein kann. Drum lasst uns endlich mit der Missionsarbeit beginnen: Mögen unsere NGOs und Stiftungen hinausziehen in die Länder der Ungläubigen und die frohe Botschaft der westlichen „Zivilgesellschaft“ verkünden! Nein, wir sind keine Sekte, wir sind bloß davon überzeugt, dass der unsrige Lebensstil der einzig richtige ist. Wir wollen Euch dabei helfen, dass Ihr endlich Eurer primitiven Götzenanbeterei abschwört! „Familie“, „Tradition“, „Nation“, „Souveränität“, „Mütterchen Russland“, „Kirche“ – das ist alles Hokuspokus. Wir bringen Überfluss, Gleichheit und Zufriedenheit. In unserer Augmentierten Realität wird jeder glücklich sein, auch Du.

Warum erwähnt keiner von den heimischen Ökos eigentlich jemals das ebenfalls unter Putins Ägide verabschiedete russlandweite GMO-Verbot, das im Juni dieses Jahres endgültig in Kraft getreten ist? Kein Genfraß für Russland. Unterdessen gibt Bayer bekannt, den Saatgutkonzern Monsanto übernommen zu haben. „Saat“ wie in „Saat des Bösen“. Aber GMOs unappetitlich zu finden, grenzt ja schon an Hysterie. Als informierter Bürger lässt man sich vom gesunden Menschenverstand nicht in die Irre führen und vertraut auf die beschwichtigenden FAZ-Artikel, in denen die Gegner gentechnisch manipulierter Nahrungsmittel für ihre psychotisch anmutende Technophobie gescholten werden.

Die Studien, die der nette Herr von der Lobbygruppe dem verantwortlichen Redakteur beim Abendessen nach Redaktionsschluss vorgelegt hat, überzeugen ihn allemal! Zu Hause kommt indes nur Bio auf den Tisch – aber nur, weil das etwas esoterisch angehauchte Frauchen das so will. Man selbst hätte als Mann der Wissenschaft kein Problem damit, nur noch Genfood aus Übersee zu verzehren. Hoffen wir mal, denkt sich unser den Idealen der Aufklärung verpflichteter Redakteur, dass mit TTIP ein Bewusstseinswandel bei den ungebildeten Massen einsetzen wird.

Hier in St. Petersburg sind die Supermärkte prall gefüllt und die Tomaten, die ich heute Morgen gegessen habe, waren vorzüglich. Die russische Landwirtschaft wird von den verhängten Sanktionen letztlich nur profitieren. Zur Selbstversorgung gezwungen, wird Russland wieder zum Agrarstaat und zur unangefochtenen Getreidegroßmacht. Das größte Land der Erde ist genfoodfreie Zone und beglückt mit ökologischen Erzeugnissen erster Güte bald auch den Rest der Welt. Das ist die Ironie der Geschichte oder auch die „List der Vernunft“, von der Hegel sprach: State Department und EU, versessen darauf, Russland zu schaden, erreichen nur das Gegenteil und entpuppen sich als „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

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