Ein Semester in St. Petersburg: Was Regierungsgegner von Dostojewskij lernen können

Dostojewskij-Denkmal in Sankt Petersburg
Dostojewskij-Denkmal in Sankt Petersburg
Für RT Deutsch berichtet der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores von seinem Austauschsemester in St. Petersburg. Die Bilder von den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden erreichten auch Sankt Petersburg und inspirierten unseren Kolumnisten zu einem Gedankenspiel.

von Danilo Flores

Der Umzug aus der Zwischenunterkunft im Stadtzentrum in das etwas außerhalb gelegene Studentenwohnheim ist getan. Den alten Stadtkern, wo ich die ersten Wochen verbrachte, nennt man auch „Dostojewskij-Viertel“. Hier lebte und schrieb der große Schriftsteller. Seinen Geschichten und Romanen diente die Gegend als Schauplatz. In jungen Jahren brachte Dostojewskijs Liebäugelei mit sozialistischen Ideen ihm ein Todesurteil ein. Gerade nahm das in Reih und Glied aufgestellte Erschießungskommando das erste Grüppchen von Todgeweihten ins Visier – da stellte sich sich die Exekution als Scheinrichtung heraus.

Die Fahrt auf der Rolltreppe der St. Petersburger U-Bahn dauert mehrere Minuten. Foto: Danilo Flores.

Der Zar höchstpersönlich hatte die Begnadigung Dostojewskijs und seiner Mitangeklagten angeordnet. Die Willkür des Alleinherrschers vermochte die Mühlen der Justiz im allerletzten Moment zum Stillstand zu bringen. Nach dem Willen des Zaren sollte Gnade vor Recht walten.

Der bürokratische Justizapparat von heute würde eine solche wundersame Fügung, wie sie Dostojewskij das Leben rettete, mit Sicherheit zu verhindern wissen. Nach deutschem Strafrecht darf ein Verurteilter, der in einem gesetzlichen Verfahren für schuldig befunden wurde, nicht einfach so begnadigt werden. Nun ließe sich einwenden, dass ein Rechtssystem wie das unsrige der Begnadigung als Korrektiv auch gar nicht bedürfe. Das  ausgeklügelte Prozedere des Strafverfahrens sei nämlich ein Garant dafür, dass eine Bestrafung nur aufgrund erwiesener Schuld und in angemessener Härte erfolge.

Die gerichtliche Entscheidung sei wasserdicht und solle deshalb durch das Machtwort eines Einzelnen auch nicht rückgängig gemacht werden können. Zumal niemand Schlimmes zu befürchten haben, der bloß, wie Dostojewskij, seine politische Überzeugung zum Ausdruck bringt. Doch was ist mit den „Justizirrtümern“ –  jenen von heute auf morgen ausgehebelten Lebensläufen, Menschen, die hinter Gittern verschwinden wie vom Geheimdienst abgeholte Dissidenten?  Der Kollateralschaden eines „rationalen“ Justizwesens, das die Unberechenbarkeit des menschlichen Willens mit der Fehleranfälligkeit eines Präzisionsluftschlags ersetzt hat.

Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.

Am Tag der Deutschen Einheit habe ich auf RT Deutsch Aufnahmen vom Merkelbesuch in Dresden gesehen. Aus der Ferne kommt einem das Geschehen im Heimatland schon sehr unheimlich vor. Scharfschützen auf den Dächern, Polizisten in Kampfmontur, abgeschirmte Politiker. Wieso sind russische Oppositionelle unter wohlmeinenden Stipendiaten deutscher Stiftungen eigentlich so angesagt, während in Deutschland jedem Kritiker des Establishments der Ruch anhaftet, ein unverbesserlicher Demokratiefeind zu sein? Vielleicht sollte man den Spieß einmal umdrehen und die Technologien, mit denen in fremden Ländern Oppositionsbewegungen hochgepusht werden, vor der eigenen Haustür ausprobieren.

Man könnte auf die Vorliebe junger umweltbewusster Städter für „Produkte aus der Region“ setzen und eine Color Revolution nach dem Do-It-Yourself-Prinzip direkt vor Ort in Hamburg oder Berlin starten. Hipper Protest gegen NATO-Befürworter und Stasi-Dinos! Keimzelle des Widerstandes wird ein YouTube-Kanal mit dem Namen „Deutschland Vergissmeinnicht“ – in Anlehnung an den arabischen Frühling mit seiner „Jasminrevolution“.

Mit den ersten crowdgesourcten Geldern laden wir syrische Soldaten ein, die aus erster Hand berichten, welch unvorstellbares Leid die westliche Außenpolitik in ihr Heimatland getragen hat. Dann holen wir noch russische Geopolitik-Experten ins Wohnzimmerstudio, die für uns die Funktionsweise des transatlantischen Eliten-Klüngels analysieren. Unsere Verbündeten: Syrien, Russland, China. Als Oppositionsbewegung darf man sich schließlich Hilfe aus dem Ausland holen! Auf einmal wird es ernst: Ein Oppositionsmitglied begeht einen fatalen Fehler und postet auf seiner Facebook-Seite das folgende Zitat:

„Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk. Dann gnade Euch Gott!“ ― Theodor Körner

Der Maler Nicholas Roerich hielt die Hanse in Russland in einem Gemälde fest.

Ein Hate Crime gemäß dem neuen „Hasskriminalitäts“-Paragraphen, der im Januar 2018 nach langjähriger Lobbyarbeit engagierter Antidiskriminierungsaktivisten ins Strafgesetzbuch eingeführt worden ist. Für den Staatsanwalt ist der Fall klar: Hier wird unter dem Deckmantel schöngeistigen Bildungsgetues zu einem politisch motivierten Verbrechen aufgerufen!

In Zeiten akuter Terrorgefahr müsse man wachsam sein und dürfe regierungskritische Äußerungen nicht als Bagatelle abtun. Als Facebook den Nachfragen der Staatsanwaltschaft nachkommt und Chat-Verläufe zur Verfügung stellt, in denen von einem „eurasischen Jahrhundert“ die Rede ist, steht schließlich noch das Staatsschutzdelikt des Hochverrats im Raum.

Der vorsitzende Richter pflichtet dem Staatsanwalt vorbehaltlos bei. Zudem sei die Bezugnahme auf „Gott“ ein klares Anzeichen für die fundamentalistischen Tendenzen des Angeklagten. Schuldig im Sinne der Klage! Einen Zaren, auf dessen Gnade unser Regimegegner hoffen dürfte, gibt es nicht mehr.