Ein Semester in St. Petersburg: Wenn der öffentliche Nahverkehr zum Abenteuer wird

Die Fahrt auf der Rolltreppe der St. Petersburger U-Bahn dauert mehrere Minuten. Foto: Danilo Flores.
Die Fahrt auf der Rolltreppe der St. Petersburger U-Bahn dauert mehrere Minuten. Foto: Danilo Flores.
Für RT Deutsch berichtet der Jura- und Philosophiestudent Danilo Flores von seinem Austauschsemester in St. Petersburg. Die verschiedenen Transportmöglichkeiten sorgen für bleibende Eindrücke. Und wo lernt man eine Stadt besser kennen als im öffentlichen Nahverkehr?

von Danilo Flores

St. Petersburg hat die tiefste U-Bahn der Welt. Viele Fahrgäste schlagen schon während der mehrere Minuten andauernden Fahrt die Rolltreppe hinunter ihre Bücher auf. Die Russen sind ein lesefreudiges Volk. Zu Sowjetzeiten scherzte man im Westen, die Russen würden so viel lesen, weil es in der UdSSR ja sonst nichts gebe, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich glaube eher, dass die Russen aus purer Freude an der Kunst so viel lesen. Das schnörkellose Wort vermag ebenso sehr Genuss zu bereiten wie die fließenden Bewegungen einer Prima Ballerina. Um einen solchen Grad an Perfektion zu erreichen bedarf es: Bedingungsloser Selbstdisziplin und knallharten Drills von frühester Kindheit an. In den Tanzstunden, in die kleine Mädchen von ihren Müttern geschickt werden, soll es nicht zimperlich zugehen. Das mit Abstand weltbeste Ballett haben sich die Russen nicht mit einem antiautoritären Erziehungsstil erarbeitet.

Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.

Guten Empfang und mobiles Internet hat man auf seinem Handy auch im Untergrund. Im Unterschied zu Deutschland gibt es in Russland keine Mobilfunkverträge. Beim Anbieter seiner Wahl – MegaFon, MTC, Beeline – kauft man sich eine SIM-Karte und lädt dann Guthaben darauf. Keine Mindestvertragslaufzeit, keine undurchsichtigen Tarife – und die Preise sind phänomenal: 5 GB Internetvolumen gibt es für 249 RUB (3,42 EUR). Telefonieren nach Deutschland kostet umgerechnet 3 Cent pro Minute.

In der Vorliebe für das Prepaid-Modell tritt eine russische Charaktereigenschaft zutage: Die Russen wollen sich nicht binden und planen ungern weit voraus. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass es im Russischen kein Verb für „müssen“ gibt. Um den Zustand verpflichtet zu sein auszudrücken, greift man stattdessen auf grammatikalische Hilfskonstruktionen zurück. Fehlt es den Russen deshalb an Pflichtbewusstsein? Ganz im Gegenteil! Wie das Beispiel der Zähne zusammenbeißenden Ballerinas zeigt, verlangt man sich Höchstes ab. Aber dieses Streben nach Spitzenleistungen ist eben kein „Müssen“, sondern ein „Wollen“.

Der Ausbau meiner Russisch-Kenntnisse macht hingegen leider eher schleppende Fortschritte. Wenn ich mir für eine Angelegenheit, die es zu erledigen gilt, im Vorfeld ein paar Sätze zurechtlege, kann ich mich durchaus verständlich machen. Aber im spontanen Gespräch mit Russen stoße ich schnell an meine Grenzen. Da hilft wohl nur Lenins Rat: „учиться, учиться и еще раз учиться!“ („Lernen, lernen und nochmals lernen!“). Von einer chinesischen Studentin erfahre ich, dass Lenin, ebenso wie ich, Probleme damit hatte, das für die russische Sprache typische gerollte „R“ auszusprechen. Anscheinend können selbst manche gebürtigen Russen das nicht. Gehört man zu jenen Unglückseligen, wird man zum Logopäden geschickt.

Auch auf YouTube kann man sich entsprechende Übungen anschauen. Wenn aus meinem Zimmer seltsame Geräusche dringen, ringe ich wahrscheinlich gerade um eine korrekte Aussprache des gerollten „R“. Ich hoffe, dass meine Zunge bald fröhlich flattert und ich nicht aus Frust über die Tücken der russischen Sprache zum Revolutionär werden muss

Anstatt der U-Bahn kann man auch eine der zahlreichen Buslinien nehmen. Außerdem gibt es die sogenannten „маршрутки“ (Marschrutki) – Minibusse, die als Linien- bzw. Sammeltaxen bestimmte Strecken abfahren. Die Haltestellen sind vorgegeben, aber wenn man Glück hat, kann man eine Marschrutka auch einfach heran winken und sie macht einen außerplanmäßigen Stopp. Dieses Sich-Bemerkbarmachen durch Winken nennt man im Russischen „голосовать“ (golosowat) – dasselbe Wort wie für „abstimmen“. Eine Anspielung also auf das wilde Gefuchtel bei der Entscheidungsfindung in Parlamenten. Kaum hat die Marschrutka angehalten, fährt sie auch schon wieder los und man muss mit einem beherzten Sprung in das anrollende Gefährt dafür sorgen, dass man noch mitgenommen wird. Die Tür schließt sich erst im Fahren. Dann drückt man dem Fahrer den Fahrpreis von 40 Rubel (57 Cent) in die Hand und muss unter Umständen noch das von hinten durchgereichte Geld anderer Passagiere übergeben. Eine kleine Reminiszenz an das gemeinschaftliche Miteinander im Arbeiterstaat.

Während der Fahrt sollte man sich jedoch zurückhaltend verhalten. Im öffentlichen Nahverkehr laut zu reden oder zu lachen, wird als unhöflich empfunden. Wer gegen diese Etiquette verstößt, wird in durchaus rüder Weise zurechtgewiesen. Auffällig sind zudem die ernsten Gesichter der Russinnen. Öffentliche Ausgelassenheit ziemt einer eleganten Petersburgerin nicht. Erst als ich das Wort „маршрутка“ das erste Mal ausgeschrieben auf einem Fahrplan sehe, dämmert mir, woher der Name dieses Fortbewegungsmittels kommt. Wie bei so vielen russischen Wörtern handelt es sich um einen Germanismus: Lass uns die Marschroute-ka nehmen!