Bundespräsident Gauck gedenkt Holocaust in Kiew: Was man mit einer richtiger Tat falsch machen kann

Bundespräsident Gauck gedenkt Holocaust in Kiew: Was man mit einer richtiger Tat falsch machen kann
Am 29. September reiste Joachim Gauck nach Kiew, um der Opfer der Massenerschießungen in Babyn Jar im Jahr 1941 zu gedenken. Es bleibt offen, ob es ihm um Trauer oder um eine reine propagandistische Veranstaltung zur "Unterstützung der Ukraine" geht.

von Wladislaw Sankin

Bundespräsident Joachim Gauck machte noch nie ein Geheimnis daraus, dass er der festen Überzeugung ist, das "moralische Deutschland" zu repräsentieren. Er redet viel über deutsche Verantwortung, wenn es um nazistische Verbrechen der Jahre von 1933 bis 1945 geht. Er gedenkt immerhin sogar jener NS-Opfer, die sonst so gut wie nie ins Licht der Öffentlichkeit rücken, etwa am 8. Mai 2015 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener. Und natürlich ist er Stammgast und gefragter Redner bei Veranstaltungen, in deren Rahmen der Holocaust-Opfer gedacht wird. In allen Ländern - außer Russland. Nun ist er in der Ukraine zu Gast.

Bundespräsident Joachim Gauck weilt zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion lieber in Rumänien und ehrt dort mit einer Kranzniederlegung ausgerechnet die Soldaten, die gemeinsam mit der Wehrmacht in die Sowjetunion einfielen.

In 36 Stunden 33.771 Menschen ermordet

Der Anlass ist ein heikler. Am 19. September 1941, also vor fast genau 75 Jahren, nahmen deutsche Truppen Kiew ein. Am 28. September wurden die jüdischen Einwohner der Stadt per Aushang aufgefordert, sich am nächsten Tag an einem bestimmten Ort zu sammeln. Getarnt war die Aktion als "Evakuierung". Die neuen Autoritäten eskortierten die versammelten Menschen in Kolonnen zu einer Schlucht namens Babyn Jar am Rande der Stadt, unweit des Jüdischen Friedhofs.

Als die betroffenen Menschen ahnten, was sich gerade abspielte, war es auch schon zu spät: In einem Spalier aus SS- und Polizeikräfte wurden allen die Wertgegenstände abgenommen. Komplett ausgezogen mussten die Opfer anschließend reihenweise an die Schlucht herantreten und wurden mit Pistolen und Maschinengewehren erschossen. In den darauffolgenden Monaten exekutierten die Erschießungskommandos außer Juden auch noch tausende Menschen aus anderen Opfergruppen, vor allem sowjetische Kriegsgefangene und Angehörige der Roma-Volksgruppe.

Am 1. Oktober lautete die Ereignismeldung UdSSR Nr. 101 der Einsatzgruppe C:

Das SS-Sonderkommando 4a, hat in Zusammenarbeit mit dem Gruppenstab und zwei Kommandos des Polizei-Regiments Süd am 29. und 30.9.41 in Kiew 33.771 Juden exekutiert."

Daniil Granin im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016

Nur wenige konnten durch Zufall und Glück überleben. Sie erzählten später, wie Menschen angesichts des Grauens, das sich vor ihren Augen abspielte, graue Haare bekamen, einige verloren ihren Verstand. Die Anzahl an Tötungen so vieler Menschen in so kurzer Zeit wurde später selbst in den Mordfabriken wie Sobibor oder Auschwitz nicht erreicht.

Den Bewohnern Kiews blieb das Verbrechen nicht verborgen. Im 16-bändigen Sammelwerk "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" des Münchner Instituts für Zeitgeschichte sind auch die Aufzeichnungen der Einwohner Kiews zu finden.

So schrieb Irina Chorosunowa am 2.Oktober in ihr Tagebuch:

Gibt es irgendetwas Vergleichbares in der Geschichte der Menschheit? Niemand hätte sich etwas Ähnliches auch nur ausdenken können. Ich kann nicht weiterschreiben, es ist unmöglich zu schreiben, unmöglich zu versuchen, das Geschehene zu verstehen."

Durchpolitisierter Reisekalender des Herrn Gauck

Es ist durchaus denkbar, dass Bundespräsident Gauck in seiner Rede anlässlich des Gedenkens an dieses Grauen ähnliche Worte sagen wird. Und damit wird er sogar richtigliegen. Ein Verbrechen zu verurteilen, das in der NS-Zeit im eigenen Land ausgeheckt und mit eigenen Leuten durchgeführt wurde, ist es schließlich auch, was man zu Recht in der Welt vom "moralischen Repräsentanten" Deutschlands erwartet. Und es ist niemals zu spät und niemals zu viel. Immerhin erlebt dieser Ort zum ersten Mal einen so hohen deutschen Besucher.

Aber die reine Moral gibt es nicht, und schon gar nicht in der Politik, erst recht nicht in der heutigen weltpolitischen Großwetterlage. Entsprechend wurde die Veranstaltung von PR-Agenturen des Gastgeberlandes konzipiert und mit der Einladung der Präsidenten der Ukraine, Israels, Ungarn und des Europäischen Rates sowie Gaucks in einen aktuellen politischen Kontext gelegt. Und Gauck ist nicht derjenige, der vor weitreichenden politischen Gesten zurückschrecken würde.

Im Gegenteil: Der "moralische Repräsentant Deutschlands" hat sich im Laufe seiner bisherigen Amtszeit stets in die vordersten Reihen gedrängt, wenn es um das Russland-Bashing und die politische Profilierung auf Kosten der Russischen Föderation ging. Wohl alle können sich noch an seine effektvoll erteilte Absage zur Teilnahme an der feierlichen Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotchi erinnern.

Die Gründe waren gar gewichtig: Aus einer relativ bedeutungsarmen Erweiterung des Jugendschutzgesetzes wurde im deutschen Mainstream-Narrativ eine vermeintliche "Verfolgung der Minderheiten", konkret: der Homosexuellen in Russland. Damals war Gaucks Schritt selbst dem Kanzleramt zu schrill. Was als Problem noch dazukam: Selbst die in solchen Sachen sehr befangene westliche Presse vermochte es bis jetzt nicht, wenigstens einen Vorzeige-Verfolgten zu präsentieren.

Menschenrechtler Gauck in der Ukraine: Augen zu und durch

In der Ukraine, in die Gauck so gerne reist, gibt es hingegen mehr als genug an Verfolgten, die sich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte samt wortreichen Darstellungen zu deren Universalität gut und gerne als Wandschmuck in ihren Zellen aufhängen können. In ukrainischen Gefängnissen sitzen hunderte Menschen ohne Anklage, die vermeintlich oder tatsächlich eine die Interessen des Staates beeinträchtigende Meinung zum Euromaidan und zum Krieg im Donbass haben. Folter ist dort an Tagesordnung.

Andersdenkende, prominente Intellektuelle und Politiker werden auf offener Straße erschossen und die Mörder werden nicht selten nicht einmal inhaftiert, sondern bisweilen gar als Helden gefeiert.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, General Walter von Brauchitsch, General Franz Halder (von links nach rechts) beim Generalstabstreffen 1940, als Adolf Hitler die Direktive Nummer 21 zum Angriff gegen die Sowjetunion, Code-Name Barbarossa, unterzeichnete.

Schlägertrupps stürmen in regelmäßigen Abständen die Büros der aus ihrer Sicht nicht ausreichend "patriotischen" Parteien oder Medien und setzen diese in Brand. Und das vermeintlich aufgeklärte, "europäisch" und obligatorisch "demokratisch" gesinnte Publikum, wie es im Duktus der Maidan-Apologeten heißt, spendet in Medien und sozialen Netzwerken Beifall, wenn die man "Separatisten" beseitigt, wie am 2. Mai 2014 in Odessa.

Auf einen erhobenen Zeigefinger oder gar nur eine vorsichtige Aussage dazu vonseiten des Moralapostels Gauck durfte man bis dato vergeblich warten. Aber wenn Herr Gauck so sachkundig bei Thema Nazismus ist, dann hat er ja da vielleicht doch auch mal genauer hingeschaut?

In den letzten Jahren ist in der Ukraine eine eigentümliche, im Grunde rassistisch gefärbte Hass-Kultur gegen Russland und all seine Sympathisanten entstanden. Bürger, die die Werte der postmaidanen Ukraine nicht teilen, werden voller Verachtung als "Wattjacken" oder "Kolorados" bezeichnet – was eine Anspielung auf Ungeziefer darstellt.

Vor allem aber sind die willfährigen Hitler-Kollaborateure, die sich damals auch an der Ermordung ebenjener Juden beteiligt hatten, derer Präsident Gauck heute gedenkt, nun gefeierte Helden. Als Angehörige der Polizei-Kommandos, die während der Besatzung vorwiegend aus einheimischen Kräften gebildet wurden, nahmen sie auch am Babyn-Jar-Massaker teil.

Die Verherrlichung der Nazi-Schergen aus OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) ist in der Ukraine seit dem September 2015 sogar gesetzlich verankert. Doch auch dazu hatte Gauck nichts zu melden. Merkwürdig, aber wahr: Aus dem Osten der Stadt kann man zum Gedenkort Babyn Jar nur über den "Stepan-Bandera-Prospekt" gelangen, in den der frühere "Moskauer Prospekt" umbenannt wurde. Wird auch Gaucks Präsidentenkohorte diesen Weg zur Anreise nehmen?

Wenigstens die israelische Delegation muss sich über diesen grauenhaften Witz nicht mehr den Kopf zerbrechen. Der israelische Präsident Reuven Rivlin brach sein Besuch in der Ukraine ab und reiste gestern infolge des Todes von Ex-Staatspräsident Shimon Peres in die Heimat zurück. Zuvor hatte er für Unmut in Kiew gesorgt, als er Kritik an der Rehabilitierung und Verherrlichung der Nazi-Kollaborateure übte, die in der Ukraine Einzug gehalten hat.

Unbelehrbarer Maidan-Apologet

Es ist hingegen kaum zu erwarten, dass der deutsche Staatspräsident diesem Beispiel folgen wird. Schon bis dato hat er sich nur allzu gerne und bereitwillig für die Propaganda-Zwecke der ukrainischen Regierung einspannen lassen. Dazu würden keine Misstöne passen, auch nicht vor den Hintergrund, dass Gauck im nächsten Jahr nicht mehr für eine zweite Amtszeit kandidieren wird. Seine Konfrontationshaltung gegenüber Russland ist ihm keine aus Sachzwängen herrührende Last, sondern eine Herzensangelegenheit.

Das war auch schon im Zusammenhang mit seiner Teilnahme am ersten Jahrestag der so genannten "Revolution der Würde" auf dem Maidan deutlich zu erkennen. Damals lauschte Joachim Gauck hingebungsvoll und ergriffen einer mit Lügen und übelsten Unterstellungen gespickten Rede des ukrainischen Präsidenten, der die Tötungen durch Heckenschützen auf dem Maidan am 18. und 20. Februar ohne jedweden Beweis dem Ex-Präsidenten Wiktor Janukowytsch und damit auch indirekt der Russischen Föderation anlastete.

Zahlreichen Indizien sprechen jedoch dafür, dass es sich dabei um eine False-Flag-Aktion eines Geheim-Kommandos der Aufständischen handelte, um Janukowytsch zu belasten und den Regime-Change im Rausch des allgemeinen Entsetzens über die Bühne bringen zu können. Damit stünde Gauck in einer Reihe mit Nutznießern eines zynischen Verbrechens, was ihn zum Mittäter macht.

Heute bemüht sich die Ukraine um einen respektablen Platz in der Staatengemeinschaft "zivilisierter" Staaten. Zum Bild eines zivilisierten Staates gehört auch das Gedenken an den Holocaust, zumal dann, wenn dieser sich zu einem nicht unerheblichen Teil auch innerhalb der eigenen Grenzen ereignet hatte. Vor einem Jahr stellte die Stadtregierung 30 Millionen Griwna (ca. eine Million Euro) für die Rekonstruktion der Gedenkstätte Babyn-Jar und der umliegenden Parkanlage zur Verfügung. In Zukunft soll dort ein großer Memorial-Komplex mit Museum und Forschungszentren entstehen, Investoren sind angefragt.

Quelle: Ruptly

Schein und Sein

So schafft es Kiew auch, ein perfektes Bild von sich nach außen herzustellen, damit westliche hohe Gäste wie Gauck regelmäßig dorthin reisen und die Ukraine über den grünen Klee loben können. Dass die Ukraine aber tatsächlich auf dem besten Weg ist, sich selbst in einen quasi faschistischen Staat umzuwandeln, wird diese Gäste, wie üblich, nicht interessieren. Oder nehmen diese Gäste diese Diskrepanz wohlwissend in Kauf?

Wenn dem aber so ist, wäre es nicht ein versöhnlicher Abschluss der Präsidentschaft für Herrn Gauck, sich irgendwann einzugestehen, was ihn wirklich bewegt und welche Interessen er wirklich vertritt?

Wäre es nicht besser, zu sagen: Ich bin kein Moralapostel und kein Menschenrechtsaktivist, ich bin bloß der Vertreter transatlantischer interventionistischer Eliten, denen bei der Verfolgung ihrer Ziele jedes Mittel recht ist, solange die gelenkten Medien nur ein gewünschtes Propaganda-Bild liefern können?

Dann würde ihm von seinen schärfsten Kritikern, zu denen auch ich mich zähle, wenigstens Respekt für die Ehrlichkeit entgegengebracht. Ich befürchte jedoch, Gauck zählt zu jenen, die zwischen dem einen und dem anderen nicht einmal einen Widerspruch erkennen können.

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