Edward Snowden zu Gast auf der Berliner Volksbühne – Ein Abend mit dem Whistleblower

Der Whistleblower Edward Snowden in der Berliner Volksbühne - zumindest per Videoschaltung.
Der Whistleblower Edward Snowden in der Berliner Volksbühne - zumindest per Videoschaltung.
Demokratie im Zeitalter der Überwachung - und auch Edward Snowden saß mit auf dem Podium. Exilbedingt per Videoschaltung. Der Whistleblower sorgte für eine ausverkaufte Volksbühne an einem Abend, der so manches Licht auf die gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit warf.

von Florian Hauschild

Auch mehr als drei Jahre nach seinen Enthüllungen, zieht Edward Snowden weiterhin das Interesse der Öffentlichkeit auf sich. "From Moscow with Love" betitelte die Berliner Volksbühne ihren gestrigen Veranstaltungsabend mit dem NSA-Whistleblower. Gekommen waren viele, so viele, dass die Besuchermassen problemlos auch einen Nebenraum des Theaters füllen konnten, in den die Gesprächsrunde direkt übertragen wurde.

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Doch näher dran an Snowden war man auch im Großen Saal selbst nicht. Denn die digitalen Dissidenten der Neuzeit zeichnen sich vor allem durch eines aus: Sie treten regelmäßig nur in zweidimensionaler Form, meist über eine große Videowand, an die Öffentlichkeit. Ein Schicksal, das auch WikiLeaks-Gründer Julian Assange mit seinem Kollegen teilt und das uns in seiner Symbolik die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft vor Augen führt. Ein Abend mit Snowden, das heißt, dessen überlebensgroßer Kopf thront hoch über dem Podium mit Jakob Augstein, der die Moderation des Abends übernahm, Snowdens Anwalt Wolfgang Kaleck und der Regisseurin und Aktivistin Angela Richter.

Wie immer ein bisschen selbstverliebt in seine eigene Metaphorik, wirft der Spiegel-Anteilseigner und Kolumnist Jakob Augstein im späteren Verlauf des Abends den Gedanken in den Raum, ob das nicht alles ein wenig an einen Gottesdienst erinnere. Die Massen pilgern in der Hoffnung auf Antworten zu ihrem ikonengleichen Helden und statt auf ein Kruzifix starren alle auf den "Erlöser" auf dem Bildschirm. Eine Interpretation, gegen die sich der Whistleblower ebenso verwahrt wie die Künstlerin und Aktivistin Angela Richter.

Es sei eben von zentraler Bedeutung, jene, die Widerstand gegen Überwachung, Kriegsverbrechen und den millionenfachen Bruch von Grundrechten leisten, nicht als Helden zu feiern. Was zählt ist, die Tat selbst, beschwor Snowden die Zuhörer eindringlich. Trotz seines Charismas, das auch durch die Glasfaserkabel im Raum spürbar ist, ist er geradezu erpicht darauf, als "normaler Mensch von nebenan" wahrgenommen zu werden. Snowdens Botschaft: "Was ich getan habe, kann jeder tun. Es gibt keinen Grund, zu warten." Die Worte sind auch als Aufforderung eines Mannes zu verstehen, der niemals aus der Masse hervorstechen wollte und der überzeugt davon ist, dass noch viel mehr Schmutz verborgen wird.

Angesichts der weltweiten Diffamierungskampagne, die gegen den Whistleblower betrieben wird, und an der sich in Deutschland an vorderster Front neben Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen vor allem BILD hervorgetan hat, verlangt es durchaus Respekt ab, mit welcher Leichtigkeit der US-Amerikaner seine Entscheidung auch heute noch als richtig ansieht. Der Versuch, Snowden als russischen Agenten zu denunzieren, kann bisher als peinlicher Höhepunkt der Kampagnenschreiber aus dem Springer-Verlag bezeichnet werden.

Dabei hätte es für Snowden durchaus besser laufen können. Zwar führten die Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters zu dem, was man diffuserweise als "Problembewusstsein" bezeichnet, doch welche Konsequenzen hat dies? Während Snowden berichtet, wie die immer umfangreichere Nutzung digitaler Gadgets und schlauer Gerätschaften ein immer engmaschigeres Netz der Überwachung um uns alle spinnt, scrollt der ein oder andere Zuhörer im Raum wie konditioniert über seinen Smartphone-Screen. Überwachung ist ein Problem, ohne Privatsphäre ist Demokratie nicht möglich. Neben Geheimdiensten und Hackern bedrohen vor allem auch großen Internetkonzerne die Deutungs- und Verfügungshoheit über die eigenen Daten und damit letztendlich auch über das eigene Leben. Soweit ist das bekannt. Von den positiven Utopien, die den Diskurs über die digitale Vernetzung noch vor wenigen Jahren geprägt hatten, ist heute wenig geblieben.

Laut BILD und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen ein Spion im Auftrag des Kremls: Der NSA-Whistleblower Edward Snowden.

Man erkennt, welche Schwierigkeiten es Augstein bereitet, halbwegs strukturiert durch den Abend zu führen. Aber wenn nichts mehr geht, bleibt ja immer noch ein wenig Putin-Bashing. Welch dialektischer Widerspruch, dass der Freiheitskämpfer und Menschenrechtsaktivist ausgerechnet Putin um Schutz ersuchen musste, der ja nicht gerade als "lupenreiner Demokrat" bekannt sei. Zustimmendes Lachen beim Publikum, Putin funktioniert immer. Es ist ein wenig wie mit den Ostfriesenwitzen in den 1980er Jahren oder wenn der Vulgärkomiker Mario Barth von Frauen beim Schuhekaufen berichtet: "Frauen…Schuhe…kennste, ne?".

Dass das Bild vom dunklen Russland, wo Willkür und Unterdrückung herrschen, selbst dann keine Skepsis hervorruft, wenn ein westlicher Dissident nur dank seines Moskauer Exils überhaupt noch am Leben ist und zeitgleich auf der Leinwand prangt, ist durchaus beeindruckend. Bei Augsteins späterer Frage, ob Snowden sich durch eine mögliche Präsidentin Hillary Clinton Amnestie erhofft, bleiben die Lacher im Publikum hingegen aus.

Es wäre schwer, ein russisches Pendant zu Snowden zu finden, obwohl der Westen immer wieder versucht hat, eine solche Figur aufzubauen. Etwa den korrupten Oligarchen Michail Borissowitsch Chodorkowski, der quartalsmäßig zum blutigen Umsturz in Moskau aufruft, oder die Aktivistengruppe Pussy Riot. Doch lässt sich der Disput um ein sogenanntes "Punkgebet" in einer Kirche wirklich mit der Tragweite der Enthüllungen eines Snowdens vergleichen? Lässt sich eine knapp zweijährige Haft tatsächlich mit einer lebenslangen Verbannung gleichsetzen? Klar ist dank Snowden vor allem auch: Von Washington bis Berlin gäbe es mehr als genug vor der eigenen Haustür zu kehren.

Es ist eine Enthüllung auf zweiter Ebene, die anhand der Menge an technischen Details zu Massenüberwachung und Datenklau zwar schnell in den Hintergrund rückt, doch die keineswegs weniger an Wirkungskraft auf das Selbstverständnis westlicher Gesellschaften entfaltet: Die Zeiten in denen Dissidenten stets aus China, Nordkorea, dem Ostblock oder einem anderen "Schurkenstaat" flüchten mussten sind vorbei. Die moralische Erhabenheit, mit der die Staaten des Okzidents den Zeigefinger auf andere Länder richten, hat damit keine Grundlage mehr.

Russlands Präsident Wladimir Putin äußerte sich über die Anschuldigungen gegen Edward Snowden

Doch ins kollektive Bewusstsein hat diese Erkenntnis noch nicht Einzug erhalten. Nicht wenige Zuschauer überrascht daher wohl auch die Aussage Snowdens, dass er es anfangs zwar schrecklich gefunden habe, nach Russland flüchten zu müssen, das Leben in Moskau mittlerweile allerdings als "ziemlich warmherzig" beschreibt. Ein regelrechtes Plädoyer für Völkerverständigung und ein friedliches Miteinander hält Snowden zum Abschluss der Veranstaltung: Die Menschheit müsse sich als Familie begreifen, als globale Gemeinschaft, welche die dringlichsten Probleme der Gegenwart, wie Krieg und Massenarmut, nur gemeinsam lösen kann. Auch wenn viele Reaktionen – oder das Ausbleiben dieser - auf seine Enthüllungen den Whistleblower schockiert und enttäuscht haben müssen, lässt der überzeugte Humanist kein Zeichen von Verbitterung erkennen.

Ein wenig war es am Ende dann doch wie eine kleine Pilgerfahrt - mal "Snowden gucken" gehen. Vielleicht sogar eine persönliche Frage an den 33-Jährigen richten. Wer zuvor große Antworten auf große Fragen erwartet hatte, wurde jedoch enttäuscht. So bleibt jedoch die nicht minderbedeutende Erkenntnis des Abends: Der Westen muss erst noch lernen, damit umzugehen, dass auch er Dissidenten hat.