"Zufälle" und westliche Propaganda: Terroranschlag auf UN-Hilfskonvoi in Syrien

Ein zerstörter LKW des Hilfskonvois des arabischen Halbmondes und unter Schirmherrschaft der UN stehend.
Ein zerstörter LKW des Hilfskonvois des arabischen Halbmondes und unter Schirmherrschaft der UN stehend.
Der blutige Angriff auf einen Hilfskonvoi schockierte die Welt. Die üblichen Verdächtigen in den westlichen Medien waren umgehend mit Schuldzuweisungen bei der Hand. Allerdings weist die Propaganda bei genauerem Hinsehen einige entscheidende Schwächen auf.

von Zlatko Percinic

Wieder mussten unschuldige Menschen sterben. Wieder traf es jene, die doch eigentlich bloß helfen wollten. Und wieder zeigte sich das Bild eines Informationskrieges, der an Hässlichkeit und Zynismus kaum mehr zu überbieten ist. Die Rede ist von jenem Hilfskonvoi, der am späten Montagabend in der Nähe der syrischen Stadt Aleppo in Flammen aufging.

Bis dato gibt es keine belastbaren Erkenntnisse über den Hergang des folgenschweren Angriffs auf einen humanitären Hilfskonvoi am Samstag bei Aleppo. Leidtragende sind Zivilisten, die bis auf Weiteres keine neuen Hilfslieferungen erhalten.

Ausnahmslos alle deutschen Massenmedien berichteten am Dienstag über einen angeblichen russischen oder syrischen Luftangriff auf einen aus 38 LKWs bestehenden Hilfskonvoi der Vereinten Nationen oder "einer anderen Hilfsorganisation". Das war der allgemeine Tenor, mit dem die Menschen in Deutschland - und nicht nur dort - den ganzen Tag lang über sämtliche Kommunikationskanäle beschallt wurden. Mit von der Partie waren einmal mehr Spiegel Online, Zeit Online, Süddeutsche ZeitungFAZ oder auch die Schweizer NZZ.

Den mit Abstand widerwärtigsten Artikel schrieb aber einmal mehr die BILD. Bereits im Titel heißt es da: Steinmeier: Russen-Angriff auf Konvoi "terroristische Tat"! Was dieser Artikel, wohl allerdings ohne dies zu wollen, wunderschön zeigt, ist, wie Propaganda funktioniert. Schon der Titel impliziert nicht nur, dass die Russische Föderation tatsächlich für den Angriff verantwortlich wäre. Die Überschrift suggeriert vielmehr, dass sogar der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier die behauptete Verantwortung Russlands für bewiesen hält und die Tat als einen Terroranschlag verurteilt. Das Blatt legt dem deutschen Chefdiplomaten die eigene Spekulation als vermeintliche Tatsachenbehauptung in den Mund.

Erst im letzten Absatz dieses recht langen Artikels erfährt der Leser, was Steinmeier tatsächlich gesagt hat: Der Angriff auf den Konvoi sei "eine abscheuliche, eine terroristische Tat" die er "auf das Allerschärfste" verurteile. Von einem "Russen-Angriff" war nie die Rede. Nur die wenigsten werden dies jedoch erfahren: Laut einer neuen Studie lesen bei Online-Artikeln 59 Prozent der Leserinnen und Leser nur noch den Titel. In diesem Fall würde dies bedeuten, dass mindestens jede(r) Zweite als den Eindruck gewinnt, Außenminister Steinmeier gehe von einem "Russen-Angriff" auf und verurteile einen solchen als terroristische Tat. In abgeschwächter Form kehrt diese Darstellung den ganzen Tag über in Radio, Fernsehen oder Internet wieder. So wird die Behauptung, ein "Russen-Angriff" sei Ursache für die Tragödie rund um den Hilfskonvoi, zwar nicht explizit wiederholt, dennoch aber der durch die Bild-Überschrift vermittelte Eindruck bestätigt. Das ist höchst effiziente Propaganda!

Aber kommen wir zurück zu den Fakten dieses schrecklichen Vorfalls.

Als allererstes muss festgehalten werden, dass es sich bei den angegriffenen Fahrzeugen nicht um einen UN-Hilfskonvoi gehandelt hat - was einzelne Medien auch korrekt wiedergaben. Es handelte sich präzise gesagt um einen Konvoi des Syrisch Arabischen Roten Halbmondes. Das bedeutet nicht, dass dieser Terrorangriff, denn nichts Anderes war es, in irgendeiner Form verharmlost werden soll. Es geht nur darum, die Fakten korrekt zu benennen.

Der eigentliche UN-Hilfskonvoi steht noch immer an der türkisch-syrischen Grenze, weil die syrische Regierung den Bedingungen der sogenannten "Rebellen" und deren Unterstützer Türkei und USA zur Freigabe für den Transport nicht zustimmen kann. Diese Bedingungen lauten, dass die LKWs verplombt und ohne Möglichkeit zur Inspektion durch syrische Regierungsbeamte ins Land gelassen werden. Das Misstrauen gegenüber den in der Türkei beladenen und verplombten LKWs rührt nicht zuletzt daher, dass deren Zieldestination unter anderem auch Ost-Aleppo ist, wo sich Dschihadisten der Dschabhat Fatah asch-Scham (frühere Dschabhat al-Nusra) und weitere Gruppierungen einen mörderischen Kampf gegen Regierungstruppen liefern.

Dazu kommt - und das wird nicht einmal von der UN, geschweige denn von unseren Medien berichtet -, dass die Dschihadisten in Ost-Aleppo und ganz offensichtlich auch ein Teil der Bevölkerung diese Hilfslieferungen gar nicht wollen. Um dies zum Ausdruck zu bringen, waren am 14. September 2016 Anhänger der Freien Syrischen Armee (FSA) und der Dschabhat Fatah asch-Scham mit wehenden Fahnen demonstrierend durch einige Straßen von Ost-Aleppo gezogen.

Quelle: Screenshot Tagesschau

Was unsere Medien im Zuge der Berichterstattung über die Waffenruhe ebenfalls selten bis gar nie erwähnt haben, ist die Tatsache, dass sich die stärksten Dschihadistenfraktionen von Anfang an gegen eine solche ausgesprochen haben. Wie unter solchen Umständen ein Hilfskonvoi, der nicht einmal erwünscht war, durchgeführt werden sollte, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Da helfen auch vielleicht gut gemeinte, aber polemische und mit faktischen Fehlern behaftete Artikel wie jener von Jan Rübel nicht weiter.

Noch viel weniger hilfreich waren die Reaktionen des Noch-UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon bei seinem Auftritt vor der UN-Vollversammlung sowie die umgehenden Beschuldigungen und Anfeindungen aus dem US-Außenministerium, dem Pentagon und dem Weißen Haus. Sowohl Vertreter der US-Regierung wie auch die BILD sind sich darin einig, dass, "wer auch immer zugeschlagen hat", Russland dafür verantwortlich wäre. Das wären die Schlüsse, die man "nach den ersten Auswertungen" der Informationen ziehen könne, hieß es aus Washington. Welche Informationen das aber genau sein sollen, wollte keiner der verschiedenen Sprecher weiter erläutern. Mit einer einzigen Ausnahme: In der ersten Pressekonferenz noch am Montagabend, zu der sich ein nicht namentlich genannter "hoher Regierungsbeamte" per Telefonkonferenz zuschaltete, wurde die bislang einzige von den USA öffentlich genannte Quelle der "Beweisführung" identifiziert.

Dazu hieß es:

Wir verfügen über starke Indikatoren, nicht nur durch unsere eigenen Informationen, sondern (auch) von den Vereinten Nationen, vom Syrischen Arabischen Halbmond, von den Weißhelmen, die als Ersthelfer dem syrischen Volk so mutig dienen, dass es sich um einen Luftschlag handelte, der zu diesen Todesopfern führte."

Das sind die also die "starken Indikatoren", die Washington haben will, um zu wissen, dass es sich um einen Luftschlag handelte, für den niemand anderes als Russland die Verantwortung zu tragen habe. Die Informationen kommen also von den Vereinten Nationen, die von Anbeginn des Syrienkrieges an vor allem auf die suspekte Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) als Quelle zurückgegriffen hat.

Diese wurde sogar vom Schweizer Fernsehen als "mächtige Nachrichtenquelle zum Syrienkrieg" bezeichnet, ehe Personen, die näher hinschauten, feststellen mussten, dass es in der One-Man-Show doch nicht so neutral und objektiv hergeht wie angenommen. Dennoch benutzte auch die UNO zuerst das Wort "Luftangriff", nur um später zurückzurudern und stattdessen nur noch von einem nicht näher definierten "Angriff" zu sprechen.

Bleiben also nur noch der Syrische Arabische Halbmond und die Weißhelme übrig. Die Erstgenannten enthielten sich von Anfang an einer allgemeinen Beschuldigung, sondern sagten immer wieder, es wäre noch zu früh, um über irgendwelche Details zu sprechen. Die Weißhelme hingegen, die ich in diesem Artikel schon etwas näher beschrieben habe, waren ziemlich präzise: Es war ein Luftangriff, durchgeführt von Kampfjets. Dumm nur, dass auf dem Video auch die berühmten "Allahu Akbar"-Rufe zu hören sind, die von Islamisten und Dschihadisten gleichermaßen verwendet werden, wenn sie in fast schon exstasischer Erwartung einer Explosion beiwohnen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Bericht der BBC, der ebenfalls einen Weißhelm zitiert. Dieser will sogar einen Helikopter gesehen haben, der vor den Kampfjets Brandbomben auf den Konvoi geworfen haben soll.

Wie diese Berichte der Weißhelme und die "Allahu Akbar"-Rufe mit den Drohnenbildern des russischen Verteidigungsministeriums zu vereinbaren sind, auf denen man einen Pick-Up mit montierter Kanone neben dem Konvoi sehen kann, ist sicherlich ein Punkt, der hinter verschlossenen Türen noch zwischen den USA und Russland zu besprechen sein wird.

Fest steht aber, dass die so genannten Rebellen bereits angefangen haben, ihnen freundlich gesinnte westliche Redakteure - böse Zungen sprechen von Propagandisten - mit Bildern wie diesen zu füttern:

Sinn und Zweck der Übung ist es natürlich, einen nach Möglichkeit zweifelsfreien Beweis für eine Bombardierung des Konvois durch die russische Luftwaffe zu finden. Mithilfe dieser Fotos soll dieser Beweis erbracht werden. Auf dem ersten Bild, das eine zerstörte Lagerhalle des Syrisch Arabischen Roten Halbmondes zeigt, will man etwas entdeckt haben, was einer Sprengbombe sowjetischer Bauart mit der Bezeichnung OFAB-250-270 gleichen könnte. Diese Bomben werden auch tatsächlich von der russischen Luftwaffe in Syrien benutzt. Deshalb soll auf diese Weise der "Slam Dunk", der ultimative Beweis, erbracht worden sein.

Ein großes Problem bei dieser Theorie ist aber, dass den Leaks von CyberBerkut zufolge genau solche Bomben einst von der Ukraine an Katar geliefert wurden – auf Grund der Dringlichkeit der Lieferung sogar für einen drei Mal so hohen Preis wie marktüblich. Statt etwa 700 US-Dollar pro Bombe bezahlte die Golfmonarchie gleich 2100. Katar hat auch schon russische Luftabwehrraketen über die Ukraine bezogen, unter dem Verdacht, diese nach Syrien an "Rebellen" zu liefern. Auch in Kuwait wurde eine IS-Zelle ausgehoben, die chinesische FN-6 "MANPADS" aus der Ukraine nach Syrien geschmuggelt hatte. Es ist also kein großes Geheimnis, dass auch "Rebellen" in Syrien über hochexplosive Raketen und Bomben solchen Typs verfügen.

Und einmal mehr ist es der Zeitpunkt dieses Terroranschlags, der Fragen aufwirft und der es schwermacht, an einen Zufall zu glauben. Nur zwei Tage zuvor führten Kampfflugzeuge der US-Koalition einen Angriff auf syrische Truppen in Deir Ez-Zor durch, bei welchem 62 Soldaten starben und 100 weitere zum Teil schwer verletzt wurden.

Ein folgenschwerer und mutmaßlich von US-geführten Einheiten geflogener Angriff auf Stellungen der Syrisch Arabischen Armee bei Deir ez-Zor könnte die Bestandschancen der jüngst erzielten Waffenstillstandsvereinbarung schwer belasten.

Selbst auf internationaler Ebene wurde scharfe Kritik an den USA laut. Und plötzlich ist da dieser menschenverachtende, tödliche Angriff auf einen humanitären Hilfskonvoi. Alle Finger zeigen sofort in Richtung Russland und es hebt ein politisch-mediales Getöse an, das für die erforderliche Lautstärke sorgt, um den US-Luftangriff wieder in Vergessenheit geraten zu lassen.

Ein weiterer Aspekt, der den USA dabei zufällig in die Hände spielt, ist, dass die im Grunde unerwünschte Waffenruhe und die noch viel weniger gewollte Zusammenarbeit in Syrien schon wieder der Vergangenheit angehören. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es im Wesentlichen nur zwei Gründe gab, weshalb US-Außenminister John Kerry einer Waffenruhe und Zusammenarbeit mit Russland zugestimmt hat. Einerseits wollte man den Dschihadisten eine Pause zur Reorganisation - mit allem, was dazugehört - verschaffen, andererseits wollte man in Washington verhindern, dass Russland die Amerikaner noch weiter aus Syrien zurückdrängt. Immerhin ist diese Entwicklung gleichbedeutend mit einem Zurückdrängen Washingtons aus der gesamten Region.

Es ist nicht US-Präsident Barack Obama, der die Interessen des Landes definiert, sondern es sind die verschiedenen Interessengruppen in den USA. Allen voran steht dabei der Militärisch-Industrielle Komplex. Dessen Vertreter sind an keinem Frieden in Syrien oder sonstwo interessiert, sondern an permanentem Krieg. Und dafür würde man vieles tun. Auch für "Zufälle" Erforderliches.

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