Ein Semester in St. Petersburg: Ausflug in eine russische Hansestadt – Teil 1

Der Maler Nicholas Roerich hielt die Hanse in Russland in einem Gemälde fest.
Der Maler Nicholas Roerich hielt die Hanse in Russland in einem Gemälde fest.
Der Student Danilo Flores hat sich für ein halbes Jahr an der St. Petersburger Uni eingeschrieben. Fernab der Heimat findet der Austauschstudent Vertrautes und kommt beim Blick auf russische Sommerresidenzen ins Grübeln über Geschichte und Zukunft.

von Danilo Flores

Wir Hamburger nennen uns gerne „Hanseaten“. Der offizielle Name unseres schönen Stadtstaates lautet „Freie und Hansestadt Hamburg“. Dass das Kfz-Kennzeichen „HH“ für „Hansestadt Hamburg“ steht, weiß jedes Kind. Was mir bis vor kurzem noch unbekannt war: Die Hanse, jene nordeuropäische Handelsorganisation aus dem Mittelalter, die so prägend für Hamburgs Stadtgeschichte war, zählte auch eine Stadt im heutigen Russland zu ihren Mitgliedern: Weliki Nowgorod. Heute nur mehr eine kleine Provinzstadt 180 km von St. Petersburg entfernt, war Nowgorod einst Hauptstadt der Nowgoroder Rus, eines Herrschaftsgebietes, das als Vorläufer des modernen russischen Staates gelten kann.

Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.

Die Legende erzählt von zerstrittenen slawischen Stämmen, die um 861 n. Chr. einen Fürsten aus dem hohen Norden ersuchten, sie zu einen und über sie zu herrschen. Der Waräger – lies: Wikinger – Rurik folgte dem Ruf und ließ sich in Nowgorod nieder. Die von ihm begründete Rurikidendynastie herrschte bis ins 16. Jahrhundert über das russische Reich. Danach traten die Romanows auf den Plan. Deren letzter Spross, Zar Nikolaus II., wurde samt seiner Frau und den fünf gemeinsamen Kindern von den Bolschewisten im Keller einer Jekaterinenburger Villa ermordet. Lenin persönlich hatte die Exekution angeordnet. Kein Romanow sollte übrig bleiben, um als Galionsfigur des royalistischen Widerstandes dienen zu können. Wenn der Zar beim Volk so unbeliebt war – warum fürchtete man dann die Symbolkraft eines überlebenden Thronfolgers?

In den Außenbezirken St. Petersburgs weicht die glanzvolle Architektur der Innenstadt einer eher tristen Plattenbaueinöde. Auf Russisch bezeichnet man die riesigen Wohnhäuser aus der Sowjet-Ära auch als „корабли“ (Korabli) – als „Schiffe“. Auf dem Weg aus der Stadt durchquert man Pulkowo, einen früheren – inzwischen ins Stadtgebiet eingegliederten – Vorort, wo während des Zweiten Weltkriegs die Front verlief. Von hier aus belagerte die Wehrmacht Leningrad. Das Gedenken an den „Großen Vaterländischen Krieg“, wie die Russen den Zweiten Weltkrieg nennen, gehört in Russland zum Alltag. Auf den zahlreichen Kriegsdenkmälern liegen stets frische Blumen.

Fährt man noch weiter aus der Stadt heraus, erblickt man die ersten „Datschas“, die allseits bekannten russischen Sommerhäuser auf dem Lande. Von fünf Millionen St. Petersburgern nennen zwei Millionen einen solches Landhaus ihr eigen. Das Wort „дача“ (Datscha) leitet sich ab vom Verb „дать“ (dat), russisch für „geben“. Die Datscha ist also etwas Gegebenes oder Verschenktes. Die Holzhütten, die man Städtern in der Sowjetunion als Ferienhaus überließ, hießen Datschas. Das Wort gab es aber schon vorher. Peter der Große war es, der die die Datschas im ursprünglichen Sinne einführte. Es handelte sich dabei um Grundstücke im Umkreis der imperialen Hauptstadt St. Petersburg, die an Adlige verschenkt wurden, damit diese darauf ihre Sommerresidenzen errichteten. Die Datscha war also gewissermaßen eine staatliche Maßnahme, um den Zuzug bedeutender Familien in die neu gegründete Hauptstadt zu befördern. Man könnte meinen, die Sowjets hätten sich beim Zaren inspirieren lassen, wie man die eigene Bevölkerung bei Laune hält.

Die Immatrikulationsfeier für Erstsemester auf dem Akademiker-Sacharow-Platz

Eines der gängigen Argumente, warum der „Fortschritt“ ein großer Segen für die Menschheit sei, besteht darin, aufzuzählen, welche früher der reichen Oberschicht vorbehaltenen Privilegien – fließendes Wasser, Hygiene, medizinische Versorgung, Bildung, Freizeit, etc. – dank technischer Errungenschaften nunmehr für jedermann zugänglich seien. So wie die Datscha zunächst ein Geschenk an den Adel, dann an den Genossen war. Ich frage mich, ob sich nicht die Massen von heute mit den Annehmlichkeiten des modernen Lebens genauso bestechen lassen wie der Adel von damals. Die Demokratisierung des Luxus hat auch den kleinen Mann zum Genießer aristokratischen Wohllebens werden lassen: Schlaraffenlandgleiche Supermärkte, All-Inclusive-Urlaube ins abgeschottete „Resort“, Gratis-Amüsement dank gestreamter Filme. Unterdessen schuften Milliarden von Leibeigenen in den „Billiglohnländern“ für den Wohlstand der anderen.

Was tun? Umverteilen? Einer wohlmeinenden Weltregierung, die endlich für globale Gerechtigkeit sorgt, das Zepter überlassen? Der Legende nach riefen die Slawen: ,,Unser Land ist groß und gesegnet, aber keine Ordnung herrscht darin und einer steht da wider den andern; komm denn und regiere uns!“ Der Ruf nach „Ordnung“ erschallt auch heute noch. Die verfeindeten Stämme der Neuzeit – neoliberale Kapitalisten und internationalistische Kommunisten – sind sich bei allen Unstimmigkeiten doch in einem einig: Die nationalen Grenzen müssen weg.

Bis nach Russland reichte das Handelsimperium der Hanse.
Bis nach Russland reichte das Handelsimperium der Hanse.

Wer wird kommen, um, wie Rurik, für Eintracht zu sorgen? Vielleicht, denke ich mir, sollten wir einem anderen Mythos den Vorzug geben: Manche Sprachwissenschaftler leiten „Rus“ vom altiranischen Wort Raochschna ab, was so viel bedeutet wie „weiß, Licht“. Man beachte hierzu die Ähnlichkeit des iranischen Vornames „Rustam“ mit dem russischen Vornamen „Ruslan“. Nach rund dreistündiger Fahrt kommen wir auf dem Parkplatz vor dem Nowgoroder Kreml an. Nicht nur in Moskau, sondern auch in Nowgorod gibt es einen „Kreml“. So heißt auf Russisch die innere Befestigungsanlage einer Stadt. Da mache ich eine Entdeckung, die für die Stichhaltigkeit der unter seriösen Historikern eher belächelten „iranischen Theorie“ spricht: An den Souvenirständen werden Medaillons mit aufgeprägten Sonnenrädern verkauft. Repliken echter Fundstücke, die man bei archäologischen Ausgrabungen im Boden Nowgorods gefunden hat. Wer sie wohl hinterlassen hat?