„Lückenpresse“: Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten

Wie bei einer Virtual Reality-Brille ist das Blickfeld des medialen Mainstreams stark eingeengt - Blickt der Nutzer nicht über den Tellerrand, fällt dies jedoch nicht auf.
Wie bei einer Virtual Reality-Brille ist das Blickfeld des medialen Mainstreams stark eingeengt - Blickt der Nutzer nicht über den Tellerrand, fällt dies jedoch nicht auf.
Die etablierten Medien stecken in einer massiven Glaubwürdigkeitskrise. Teile des Publikums proben den Aufstand, öffentliche und veröffentlichte Meinung driften auseinander. Darüber sprach Jens Wernicke mit Ulrich Teusch, Autor des Buches „Lückenpresse“.

Nicht nur hierzulande, auch in vielen anderen Ländern geraten die Leitmedien unter Beschuss. Stein des Anstoßes sind die Inhalte – Stichwort „Lügenpresse“. Doch sind Lügen wirklich das Problem? Oder gibt es nicht viel mehr strukturelle Probleme, die mit den Eigentumsverhältnissen der meisten Medien ebenso zu tun haben wie mit den von Albrecht Müller in aktueller Video-Reihe geschilderten „Methoden der Manipulation“? Liegt es wirklich am einzelnen Journalisten, dass die Medien Unliebsames unterdrücken und statt umfassender Information oftmals Desinformation liefern, die gleichwohl gewissen Kreisen in die Hände spielt?

Herr Teusch, in Ihrem aktuellen Buch „Lückenpresse“ äußern Sie scharfe Medienkritik, wenden sich zugleich aber auch gegen den Vorwurf, wir hätten es bei unseren Medien mit einer Art „Lügenpresse“ zu tun…

Rainer Mausfeld, Wahrnehmungs- und Kognitionsforscher

Ich kann verstehen, wenn Leute „Lügenpresse“ rufen. Ich ärgere mich ja auch über Medien und habe viel zu kritisieren. Aber ich halte den Begriff auf analytischer Ebene für untauglich und irreführend, auf normativer Ebene für diffamierend und ehrenrührig. Auch ganz persönlich. Ich bin ja auch Journalist und nehme für mich in Anspruch, in meiner journalistischen Arbeit noch nie gelogen, also bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben. Und ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, für die das Gleiche gilt. Der Begriff „Lügenpresse“ unterstellt dem einzelnen Journalisten ein Fehlverhalten, und weil angeblich sehr viele Journalisten nicht adäquat arbeiten, entsteht daraus ein Massenphänomen, die „Lügenpresse“ eben. Das ist mir zu simpel.

Aber der von Ihnen bevorzugte Begriff „Lückenpresse“ klingt ja ganz ähnlich?

Aber er ist sauber definiert und setzt die Akzente anders. Im Prinzip ist jedes Medium ein Lückenmedium. Jedes Medium ist angesichts des gigantischen Nachrichtenangebots gezwungen, eine kleine, oft winzig kleine Auswahl zu treffen.

Die Frage ist, wie und nach welchen Kriterien diese Auswahl vorgenommen wird. Und da ist bei den maßgeblichen Medien, also den sogenannten Leit- und Qualitätsmedien, wie sie sich selbst nennen, bzw. im Mainstream, wie er immer öfter genannt wird, Folgendes zu beobachten: Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdrückt. Drittens werden Nachrichten in tendenziöser Weise bewertet, das heißt, es wird mit zweierlei Maß gemessen, es gibt „double standards“.

Alle drei Aspekte hängen eng zusammen und verstärken sich wechselseitig. Wenn sie auf bestimmten Themenfeldern lange genug und mit ausreichender Intensität wirken, entstehen dominante Narrative, also große journalistische Erzählungen oder Deutungsmuster, in die dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet werden können – oder eben auch nicht, so sie denn nicht ins Narrativ passen.

Manchmal wächst sich das zu Kampagnen aus oder auch zu regelrechter Propaganda. Mein entscheidender Punkt ist nun: Die beschriebenen Phänomene kommen nicht zufällig zustande, sondern sie sind strukturell verankert und interessengeleitet. Das ist auch der Grund für die wachsende Homogenisierung des Mainstreams. Die Nachrichtenauswahl und Kommentierung wird immer ähnlicher und ist bei bestimmten wichtigen Themen kaum noch unterscheidbar.

Aber es gibt doch im Mainstream immer wieder „Ausreißer“, also überraschende, vom großen Trend abweichende Berichterstattung!

Ja, das bestreite ich auch nicht. Das gibt es in Deutschland insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich treffe deshalb die Unterscheidung zwischen dem „Mainstream innerhalb des Mainstreams“ und dem „Mainstream außerhalb des Mainstreams“. Letzterer bietet immer wieder journalistische Perlen, aber er hat einen schweren Stand und befindet sich eher auf dem Rückzug als auf dem Vormarsch. Tonangebend ist der „Mainstream innerhalb des Mainstreams“, also ein verflachter, plakativer, tendenziöser, oft staats- und wirtschaftsnaher Journalismus. Er ist das dominante Segment, und man kann nur hoffen, dass er das minoritäre Segment nicht vollends erdrückt.

Sind diese Probleme neu oder bestanden sie stets?

Wie gesagt, jedes Medium ist Lückenmedium, nolens volens. Und das war schon immer so. Aber wenn wir es historisch betrachten, hat das ganz unterschiedliche Ausprägungen angenommen. Wenn sich die SPD des Kaiserreichs auf die Mainstreammedien ihrer Zeit verlassen hätte, wäre sie verloren gewesen. Also hat sie Gegenöffentlichkeit geschaffen, eine Vielzahl von Zeitungen, Zeitschriften oder Verlagen gegründet. Auch zwischen den 1960er und 1980er Jahren war vieles anders als heute. Die journalistische Bandbreite, die Diskursbreite war deutlich größer. Das hat sich inzwischen dramatisch verengt.

Wie kam es zu dieser „Zuspitzung“ des Problems?

Dafür gibt es ja in der aktuellen medienkritischen Debatte viele unterschiedliche Erklärungsversuche. Also zum Beispiel Stellenabbau, Beschleunigung der Arbeitsabläufe, Abgehobenheit von Journalisten, Konformismus, Korrumpierbarkeit, vieles andere. All das spielt zweifellos eine Rolle, aber es kann das Problem in seiner Gesamtheit nicht erklären.

Aus meiner Sicht gibt es zwei wesentliche Faktoren: Zum einen die „Großwetterlage“. In den eben angesprochenen 60er und 70er Jahren waren die Rahmenbedingungen anders. Die Verhältnisse waren relativ stabil, und das auf hohem Niveau. Man konnte sich Liberalität und Offenheit leisten, auch und gerade in den Medien. Doch die Lage hat sich inzwischen grundlegend verändert. Gegenwärtig haben wir es mit einer Vielzahl von Krisen, Konflikten und Kriegen zu tun. Die gesellschaftlichen Fliehkräfte verstärken sich, die Polarisierung nimmt zu. In einer solchen Situation nimmt der Mainstream seine soziale Integrationsfunktion immer weniger wahr. Er positioniert sich aufseiten der etablierten Ordnung. Er läuft an der kurzen Leine, wird mehr denn je zum Lückenmedium. Aus Mainstream- werden Establishment-Medien.

Eine empirische Studie der London School of Economics hat das jetzt am Beispiel der total einseitigen Berichterstattung über den neuen linken Labour-Chef Jeremy Corbyn, der praktisch den ganzen Mainstream gegen sich hat und eine Kampagne nach der anderen über sich ergehen lassen muss, eindrucksvoll belegt. Die britischen Medien mutieren vom „Wachhund“ zum „Kampfhund“, heißt es in der Untersuchung pointiert.

Und warum tun sie das?

Um diese Frage machen viele Journalisten gern einen großen Bogen, denn dann müssten sie über Besitzverhältnisse und Medienkontrolle reden. Um es mal ein bisschen klassenkämpferisch zu formulieren: Diese Medien gehören natürlich nicht „uns“, sondern „denen“. Und wenn es, wie gegenwärtig, politisch, sozial und ökonomisch ans Eingemachte geht, machen sich die Besitz- und Kontrollstrukturen eben viel deutlicher bemerkbar als in ruhigen, stabilen Zeiten.

Ist es das, was Sie eingangs mit „Interessengeleitetheit“ meinten? Sprechen wir also auch von Journalisten, die der herrschenden Ideologie und den Verhältnissen, den Mächtigen sozusagen, dienen; über „Machtmedien“ vielleicht?

Ja, so würde ich das sehen. Wobei man allerdings hinzufügen müsste, dass viele Journalisten, insbesondere auf den mittleren und unteren Ebenen, das nicht mit vollem Bewusstsein und absichtsvoll betreiben. Sie sind Teil hierarchischer Strukturen, sie sind in diese Zusammenhänge verstrickt und in der Folge gleichsam betriebsblind. Damit sind sie aber keinesfalls exkulpiert. Im Gegenteil.

Wenn meine Analyse zutrifft, müssten sich Journalisten dringend die Frage vorlegen, ob wahrhaftiger, integrer Journalismus innerhalb solcher Strukturen überhaupt möglich ist, zumindest die Frage, warum sie mit den Strukturen nicht viel öfter in Konflikt geraten.

Eines Ihrer Buchkapitel heißt „Lücken und Lügen“. Lügen die Medien also doch?

Objektiv und „von außen“ betrachtet laufen Lücken und Lügen am Ende – also in ihrer Funktion, ihrer Wirkung – auf das Gleiche hinaus. Verschwiegene Information, unten gehaltene Information, künstlich hochgespielte Information, dominante Narrative etc. Das alles verzerrt die Wirklichkeit, trägt letztlich zu einem unwahren Bild bei.

Aber ich glaube nicht, dass es allzu viele Journalisten gibt, die absichtsvoll und bewusst die Unwahrheit sagen, also lügen. Der eigentliche Grund für den unbefriedigenden Gesamtzustand sind nicht die einzelnen Journalisten. Der eigentliche Grund ist ein Mediensystem, das es dem einzelnen Journalisten immer schwerer macht, wahrhaftig und nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten.

Die Ursache der Misere liegt nicht in massenhaften individuellen Verfehlungen oder Unzulänglichkeiten, die Ursache ist systemischer Natur.

Können Sie die Problematik bitte anhand von konkreten Beispielen skizzieren? Wie entsteht aus etwas Realem eine schließlich lückenhafte und ggf. manipulative Meldung, die die ursprüngliche Realität verzerrt wiedergibt?

Ach Gott, wo soll man da anfangen, wo aufhören? Nehmen Sie den Krieg im Jemen. Wenn Sie da eine Straßenumfrage machen würden, was käme dabei heraus? So gut wie nichts. Was kein Wunder ist angesichts des Blackouts in der Berichterstattung. Oder der Krieg in Syrien, ein Konflikt von unglaublicher Komplexität. Wann wurde er je im deutschen Mainstream angemessen dargestellt? Wann haben amerikanische Medienrezipienten zum letzten Mal Bilder von den Folgen eines Drohnenangriffs gesehen? Was wissen deutsche Mainstreamkonsumenten über die Schrecken des Kriegs im Donbass? Oder über den Coup d’État in Brasilien? Oder nehmen Sie das Messen mit zweierlei Maß: Über einen „Amnesty“-Bericht, der als nützlich gilt, wird breit berichtet; wenn er Unangenehmes enthält, fällt er unter den Tisch. Das furchtbare Massaker im Gewerkschaftshaus von Odessa hätte Stoff für mehrere ARD-Brennpunkte und ZDF-Spezials geboten. Stattdessen wurde es mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt, weil es nicht ins Narrativ passte.

Im Buch befasse ich mich näher mit einem „Tagesschau“-Beitrag von Ina Ruck über Polizeigewalt in den USA – 1.000 Todesopfer allein im Jahr 2015. Frau Ruck führt das auf zu viele Schusswaffen und unzureichendes Konfliktmanagement zurück. Was wären ihr, der ehemaligen Moskau-Korrespondentin, wohl für unangenehme Fragen eingefallen, wenn die russische Polizei im letzten Jahr 1.000 Menschen erschossen hätte? Oder das Thema Sprachregelungen: Im Mainstream herrscht Konsens darüber, dass Russland die Krim „annektiert“ hat. Wollte ein Nachrichtenjournalist einen neutralen Begriff verwenden, zum Beispiel „Anschluss“ der Krim an Russland, käme das einer kleinen Mutprobe gleich. Aber man darf natürlich weiterhin ungestraft vom „Anschluss“ Österreichs an Dritte Reich sprechen…

Sie schreiben auch, „der ganze Rest“ sei „Werbung“ Wie meinen Sie das? Neben der parteinehmenden Einseitigkeit gibt es einzig noch marktkonforme Indoktrination?

Es gibt im englischen Sprachraum ein Bonmot – übersetzt: „Nachrichten sind Dinge, von denen jemand nicht möchte, dass sie gedruckt werden. Alles andere ist Werbung.“ Man kann sich die Nachrichten ja mal unter diesem Gesichtspunkt anschauen. Warum wird selbstverständlich darüber berichtet, wenn die Bundesregierung neue Kita-Plätze schafft? Und warum fällt so manche brisante WikiLeaks-Enthüllung durchs Raster?

Es gibt Personen, Institutionen und Organisationen, die ein Interesse daran haben, dass wir bestimmte Sachen erfahren – und andere nicht. Oft ist das, was wir erfahren, einfach Werbung, PR, Propaganda. Echte Nachrichten haben es hingegen schwer.

Nun eskaliert die Lage zwischen Medienschaffenden und kritischen Nutzern aktuell zunehmend. Gerade die Alphajournalisten wollen von Kritik nichts hören und diskreditieren diese oft als tumb oder sogar Verschwörungstheorie. Handelt es sich hier um Borniertheit – oder wo ist das Problem?

Die Alphajournalisten sind nicht mein Problem und auch nicht meine Zielgruppe. Ich glaube nicht, dass man die mit guten Argumenten erreichen kann. Meine Befürchtung ist, dass der Mainstream innerhalb des Mainstreams weitgehend kritik- und beratungsresistent ist, also so weitermachen wird wie bisher, eher noch die Gangart verschärfen wird.

Eigentlich müsste er sich auf breiter Front öffnen, aber das wird er nicht tun, weil er es – aus den eben geschilderten Gründen – nicht tun darf. Das kann natürlich nicht gutgehen. Und das heißt: Der Mainstream wird weiter erodieren; er wird sich zwar noch Mainstream nennen oder so genannt werden, aber es nicht mehr sein. Ähnlich wie die Volksparteien, die sich noch so nennen, aber es nicht mehr sind.

Was können die Mediennutzer denn tun, um die Medien wieder, ja, seriöser zu machen?

Es gibt ja neben dem dominanten Mainstream auch noch den von mir so genannten „Mainstream außerhalb des Mainstreams“, der hierzulande insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beachtliche Refugien hat. Die gilt es unbedingt zu verteidigen! Daneben gibt es die wachsende Zahl internetbasierter Alternativmedien – bestes Beispiel vielleicht die NachDenkSeiten selbst. In Deutschland ist das diesbezügliche Engagement noch relativ unterentwickelt, aber im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, ist die Zahl solcher Alternativmedien kaum noch überschaubar und bereits eine echte Macht. Dieser Trend wird sich mit ziemlicher Sicherheit fortsetzen.

Foto: pk210 / Flickr / CC-BY-SA-2.0

Diese Medien liefern jede Menge Informationen und Meinungen, die man in der „New York Times“ oder der „Washington Post“ vergeblich sucht. Betrachtet man also nicht nur den Mainstream, sondern das in stürmischer Entwicklung befindliche Mediensystem in seiner Gesamtheit, kann man sich eigentlich nicht beklagen. Historisch gesehen, gab es wahrscheinlich noch nie so umfassende Informations- und Recherchemöglichkeiten wie heute. Sie setzen allerdings den „aktiven Nutzer“ voraus, also Menschen mit ausreichender Kompetenz und Zeit, um sich das alles zu erschließen.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Das Gespräch ist zuerst auf den NachDenkSeiten erschienen. Die Zweitveröffentlichung durch uns erfolgt im Rahmen der Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial, unter welcher er publiziert wurde. Weitere Veröffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage jenswernicke.de.

Ulrich Teusch, Prof. Dr., lebt als freier Publizist in Edermünde bei Kassel. Er schreibt Sachbücher und ist Hörfunkautor. Für sein SWR-Feature „Nicht schwindelfrei – Über Lügen in der Politik“ erhielt er 2013 den Roman-Herzog-Medienpreis. Im Dezember 2015 lief dann sein viel beachtetes Feature im SWR mit dem Titel „Vertrauen ist gut … Die Medien und ihre Kritiker“. Bücher zuletzt: „Die Katastrophengesellschaft: Warum wir aus Schaden nicht klug werden“ und „Jenny Marx: die rote Baronesse“.