Die böse Tat als Zäsur: Gedanken zum westlichen Feldzug gegen den russischen Sport

Die böse Tat als Zäsur: Gedanken zum westlichen Feldzug gegen den russischen Sport
Unser russischer Gastautor plante bereits während der Verhandlung des Internationalen Sportgerichtshofs am 22. August über den russischen Paralympics-Ausschluss, einen Kommentar zu verfassen. Es fiel ihm nach eigener Aussage schwer, statt einer Wutrede eine Analyse zu liefern. Erst vier Tage nach der Entscheidung gelang ihm eine ausgewogene Kritik.

von Wladislaw Sankin

Die Paralympics-Debatte liefert ein anschauliches Beispiel dafür, wie öffentliche Meinung hergestellt wird: Die Entscheidung eines internationalen Gremiums wird von Vertretern aus Politik und Gesellschaft ausgiebig kommentiert. Diese Kommentare gehen in Meldungen in den Medien ein und werden ein weiteres Mal, diesmal von Journalisten, kommentiert. Nicht selten unterbleibt dieser Schritt, weil diese Meldung und Kommentar gar nicht erst mehr auseinanderhalten. Am Ende werden in den Kommentaren vertretene Meinungen zu "öffentlicher Meinung".

Diese "öffentliche Meinung" ist ihrerseits wiederum Gegenstand von Kommentaren, dadurch verfestigt sie sich und wird am Ende zu einer politischen Gegebenheit. In Summe entsteht ein System, das sich permanent selbst bestätigt und am Laufen erhält. Alle Akteure, die öffentliche Meinung gestalten, sind wiederum primär an jenen Meinungen interessiert, die zum Erhalt oder zur Verstärkung ihrer Definitionsmacht beitragen. Sie werden niemals eine Meinung vertreten, die ihren derzeitigen Einfluss infrage stellen würde.

Motivation für Russland-Bashing

Nach all den Entscheidungen internationaler Sportgremien zur sogenannten Doping-Affäre in Russland unterstützten deutsche Sportler, Sportfunktionäre und der Medien-Mainstream öffentlich einstimmig Entscheidungen, die Sanktionen gegen russische Sportler aussprachen. Und viele von ihnen gaben sich damit nicht einmal zufrieden, da diese Sanktionen ihrer Meinung nach den russischen Sport immer noch nicht hart genug trafen.

Im Fall der Sportler ist diese Motivation, so bigott ihre Auftritte auch wirken mögen, vielleicht sogar verständlich. Ein Konkurrent wird aus dem Weg geräumt, so kommt man besser an die Medaillen, die Geld und Ruhm bedeuten. Und wenn man sich bei der Gelegenheit auch noch als Adept hoher moralischer Werte inszenieren kann, wer kann da schon widerstehen? Die Russen sind es nicht wert, auf solch profitable Meinungen zu verzichten. "Sie leben doch in einem Schurkenstaat, in dem jeder Unfug möglich ist, und wir leben in einer Demokratie." Also darf man die Russen treten, es ist erlaubt in unserem System, das bekanntlich auf hohen Werten basiert - Werten, denen die Russen nicht gewachsen sind.

Die Motivation der Journalisten ist auch verständlich. Sie selbst verkörpern das System. Und das System sieht bekanntlich Russland grundsätzlich als Gegner. Wenn sich beim Boxen das Gegenüber auch nur für einen Sekundenbruchteil Schwäche erlaubt, darf man mit dem Schlag nicht zögern. Außerdem war das auch unser "deutsches" Projekt, schließlich wurde "unser" furchtloser Qualitätsjournalist Hajo Seppelt in die Höhle des Bären vorgeschickt. ARD, drei Folgen, der gesamte Bienenstock war aufgewühlt. Da ist es schon Ehrensache, ein Stück des Weges mit den Wölfen mitzuheulen.

Hetze und Hass verselbständigen sich

Doch verstehen heißt nicht verzeihen. Was "das System" mithilfe seiner beflissenen deutschen Claqueure begangen hat, ist schlicht und ergreifend ein Affront gegenüber russischen Sportlern und den Russen als Nation und Staatsvolk. Wenn auf der Grundlage unbewiesener Diffamierungen Rufmord begangen wird, kann so etwas im Zivilrecht zum Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen werden.

Wenn der Rufmord einem Staat oder einem Volk gilt, ist das Hetze, die dem Verbrechen Tür und Tor öffnen kann. Zwei Beispiele aus meinem Umfeld zeigen, dass diese Hetze mittlerweile bereits in die Schulen eingesickert ist und auf diese Weise Kinder belastet. Sie veranlasste meinen Sohn, mit zehn Jahren seinen ersten Post mit politischem Inhalt via WhatsApp an seine Klassenkameraden zu verschicken. Ein anderes russisches Kind aus der Verwandtschaft sprach viel mit seinen Eltern darüber, wie in der Schule mit Doping-Gerede umzugehen ist.

System des Machtmonopols

Die erste Ausschlusskampagne im Vorfeld der Olympischen Spiele in Rio hatte sich als Rohrkrepierer erwiesen. Die russischen Sportler schafften es, auch ohne zahlreiche wichtige Stars der Leichtathletik einen ehrenvollen vierten Platz im inoffiziellen Medaillenspiegel zu erringen. Auf diese Weise zeigten sie, dass sie auch angesichts eines Vielfachen an Proben gegenüber den Wettbewerbern trotzdem sauber geblieben sind, was die Vorwürfe eines angeblichen staatlichen Dopingprogramms Lügen strafte. Wahrscheinlich war es diese blamable Tatsache, die das System in weiterer Folge zum Angriff auf den russischen Behindertensport veranlasste. Dieser ist ja offenbar gerade deswegen so erfolgreich, weil er vom Staat viel Unterstützung bekommt. Und der russische Staat ist der Gegner. Tiefgreifendes Unrecht, das Bedrängen der Schwächsten und das Herumtrampeln auf hunderten Menschenschicksalen waren ein Preis, den die System-Nomenklatura zu zahlen bereit war.

Und hier kommen wir zum entscheidenden Punkt. Um welches "System" geht es denn? Es geht um das System der Sicherung des westlichen Machtmonopols. Dieses System ist hierarchisch aufgebaut, wobei die anglo-amerikanischen Länder an der Spitze stehen. Das Medaillenergebnis der beiden Länder an der Spitze spricht Bände. Dass die deutsche Presse besonders aggressiv an der Bekämpfung der Konkurrenz aus Russland mitwirkt, erklärt sich aus der Stellung Deutschlands in diesem System.

Der einst unter besondere Beobachtung gesetzte Delinquent auf Bewährung spielt mittlerweile gerne den Musterknaben. Und es spielt auch das Syndrom eine Rolle, das die Abhängigen dazu verleitet, "päpstlicher als der Papst" zu sein: Auf diese Weise sind sie um das Fortkommen innerhalb des Systems bemüht.
Die Inszenierung von Recht und Moral ist für das Funktionieren des Systems von prinzipieller Bedeutung. Denn das Recht ist dem eigenen Narrativ zufolge die Grundlage der westlichen Zivilisation. Die westlichen Staaten rühmen sich, Rechtsstaaten zu sein. Auch Moral ("unsere Werte") ist in diesem Zusammenhang eine probate und angepasste Verkaufshilfe, denn das Missionarische ist der zweite Wesenszug des Westens.

Doppelstandards bei Recht und Moral

Doch die Normen des Rechts und der Moral gelten nur innerhalb des Systems, für die "Unsrigen", die vermeintlichen Gentlemen. Gegenüber der restlichen Welt, zu der auch Russland gehört, gilt nach wie vor die koloniale Rechtsauffassung. Deswegen sind westliche Einrichtungen auch absolut taub gegenüber der Forderung nach Beachtung elementarer Menschenrechte, wenn diese von russischer Seite kommen. Zu diesen elementaren Menschenrechten zählen ja streng genommen unter anderem die Unschuldsvermutung und die kategorische Ablehnung jedweder Sippenhaftung.

Das Zusammenspiel vom Westen kontrollierter Einrichtungen und das Vorgehen Russlands ähnelt einer banalen Szene auf dem Schulhof, in der die Halbstarken einander den Ball zuspielen, den sie zuvor einem Schüler weggenommen haben, während dieser vergeblich versucht, ihn sich zurückzuholen. Gegen diejenigen, die nicht zum System gehören, spielt man ohne Regeln.

Wird das reibungslose Zusammenspiel von einem der Spieler gestört, wird dieser von den Wächtern des Systems, den Medien, strengstens zurechtgewiesen. So etwa im Fall Thomas Bachs, der durch sein stures Beharren auf allgemeinen Verfahrensregeln die selbst ernannten "Verfechter des sauberen Sports" enttäuscht hat. Als dieser sich erlaubte, bei der immer mehr nach eigenen Regeln operierenden Anti-Doping Agentur WADA nach Belegen für die schweren Vorwürfe zu fragen, die sie als Grundlage für globale sportpolitische Entscheidungen heranzogen, reagierten die westlichen Medien mit eisernem Schweigen. Wofür braucht man irgendwelche Nachweise, wenn wir doch die Gentlemen sind? Bei Gentlemen muss doch das Vertrauen auf deren Wort ausreichen.

Systemmedien klagen Russland an

Dass die Medien der Haupttäter der olympischen Großoffensive gegen Russland waren, hat sich vor allem während der Verhandlungen beim Internationalen Sportgerichtshof gezeigt. Laut Angaben des Leiters des russischen Anwaltsteams, Alexej Karpenko, hat sich die Gegenseite zur Hälfte auf bloße Publikationen aus der westlichen Presse gestützt. Diese Medien haben mittlerweile so viel Macht, dass sie durch ihre bloße Definitionshoheit bei der Herstellung der "öffentlichen Meinung" sogar enormen Einfluss auf systemrelevante Entscheidungen selbst haben.

Deswegen ist das Wegretuschieren der Ergebnisse russischer Olympioniken durch "Bild" – das an die nachträgliche Entfernung Leo Trotzkis aus offiziellen Bilddokumenten während der Stalin-Ära erinnert – nicht nur die bloße Verrücktheit einer Boulevardzeitung. Sie ist Teil einer Inszenierung nach einem orwellschen Szenario. Das tägliche Wegretuschieren der für das System missliebigen Personen aus den Zeitungen gehört genauso zur Verfertigung der Wahrheit wie der regelmäßige, obligatorische "Fünf-Minuten-Hass" gegen diese.

Colin Powell lässt grüßen

Die Rezeption des Beschlusses durch das Sportgericht in Russland war dementsprechend einhellig: Es war nicht nur eine russlandfeindliche, sondern auch eine menschenfeindliche Entscheidung des Westens, die auf die langfristige Schädigung russischen Sports abzielt. Dieses Vorhaben ist ein Teilaspekt des Bemühens, das Land für einen Regime Change zu unterminieren. Der nächste Schritt wird zweifellos der Versuch sein, dem Land im letzten Moment die Fußball-WM 2018 wegzunehmen.

Die Reagenzglas-Nummer, die man von Colin Powell kennt, soll nun auch mit Blick auf Russland abgezogen werden. Die Bemühungen sind dabei so durchsichtig, dass immer mehr Menschen den Braten riechen. Illusionen, wonach das westliche Herrschaftssystem eines der Menschenfreundlichkeit ist, machen sich in Russland immer weniger Menschen.

Ausschluss entgültig: Russische Athleten dürfen nicht bei den Paralympischen Spielen in Rio teilnehmen.

Mit den Olympia-Ausschüssen hat dieses System zum wiederholten Mal eine rote Linie übertreten, die den Westen in seiner heutigen Form von einer solidarischen menschlichen Zivilisation trennt, die auf gegenseitigem Respekt und Akzeptanz basiert.

Die Chance. Vielleicht die letzte.

Der Vorschlag, nein, die Forderung des russischen Präsidenten Putin, das internationale System der Doping-Kontrolle zu reformieren, klingt in der gegenwärtigen verbitterten Atmosphäre als Chance, das korrupte und interessengeleitete System der höchsten Sportbürokratie zu erneuern. Das System, das offenbar auf Zuruf via Telefon funktioniert, könnte so wieder zum Instrument des Weltsports als Friedensstifter werden. Man könnte den Begriff des Dopings neu definieren und damit die Chancengleichheit im Sport für alle Länder wiederherstellen.

Dieser Vorschlag ist auch ein Appell an alle hier erwähnten Akteure des westlichen Systems, noch einmal nachzudenken, ob es sich lohnt, den Weg des Hasses und der Konfrontation zu gehen. Dies sogar in deren eigenem Interesse. Sonst wird in unserer heutigen Welt bald jedes Tor zum Eigentor. Um mit Peter Scholl-Latour zu sprechen: Den Fluch der bösen Tat gibt es tatsächlich und es ist noch möglich, ihm aus dem Weg zu gehen.