Omran aus Aleppo: Krieg um unsere Herzen

Auf allen Titelseiten: Das Bild des kleinen Omran aus Alappo
Auf allen Titelseiten: Das Bild des kleinen Omran aus Alappo
Das Foto von Omran aus Aleppo dominierte vergangene Woche die Titelseiten der Tageszeitungen. Nur Zufall oder werden damit gezielt Emotionen beim Zielpublikum geschürt für die Entscheidungsschlacht um Aleppo?

Ein Gastbeitrag von Zlatko Perčinić

Das Bild des kleinen syrischen Jungen Omran Daqneesh ging um die Welt. Wie er augenscheinlich verletzt, verstört und verängstigt auf einem orangenen Sitz eines Krankenwagens sitzt. Wer sich nebst dem Foto, das in unzähligen Zeitungen groß auf der jeweiligen Titelseite gezeigt wurde, noch das dazugehörige Video angeschaut hat, sieht dort, wie Omran, umringt von dutzenden Männern mit Waffen und Kameras, zum Krankenwagen getragen wird und auf diesen orangenen Sitz gesetzt wird.

Omran Daqneesh, in einem Krankenwagen

Wo sich normalerweise Ärzte, Sanitäter oder einfach nur Menschen mit einigen medizinischen Grundkenntnissen um den Verletzten kümmern, sieht man im Video nur Männer, die sich um die besten Bilder von Omran reißen, der auf dem orangenen Sitz wie auf einem Präsentierteller sitzen muss. Anschließend werden noch zwei weitere Kinder in den Krankenwagen getragen, ein Mädchen und ein Junge. Von ihnen haben wir gar nichts erfahren. Nicht, weil es uns vielleicht nicht interessiert hätte, sondern weil die Fotos von ihnen nicht die gleichen Emotionen in uns ausgelöst hätten, wie es eben der Fall bei Omran ist.

Dass Emotionen zu den größten Stärken, aber auch Schwächen eines Menschen gehören, haben die sogenannten "Rebellen" in Syrien längst verstanden. Sie machten und machen sich nach wie vor den Umstand zunutze, dass wir, die nicht vor Ort sind, keine Ahnung haben, was sich in Syrien tatsächlich abspielt. Sie wissen auch sehr gut, dass der syrische Präsident Bashar al-Assad von den westlichen Regierungen und Medien von Anfang an als Schlächter, Diktator oder Gewaltherrscher stigmatisiert wurde, so dass die sogenannten "Rebellen" nichts anderes als die "Guten" in diesem Krieg sein können. Natürlich wurden irgendwelche fehlgeleiteten Versuche unternommen, um diese "Rebellen" noch in "moderat" oder "extremistisch" zu unterteilen.

Wir wollen eben an das Gute glauben. Fans der US-Kultserie "Akte X: Die unheimlichen Fälle des FBI" aus den 1990er-Jahren erinnern sich bestimmt noch an das Poster im Büro des ebenso an nicht zu fassende Phänomene glaubenden Fox Mulder, auf dem ein UFO und der prägende Satz "I want to believe" zu sehen war. "Ich möchte glauben" - dieser Satz beschreibt im Grunde perfekt unseren aufrichtigen Wunsch, den Krieg in Syrien (oder Ukraine, Irak, Jemen, etc.) zu verstehen, mit den Menschen dort Anteil zu nehmen und uns vielleicht noch darüber Gedanken zu machen, wie man selbst etwas tun könnte.

US-amerikanische Fairchild-Republic A-10 Thunderbolt II (deutsch Donnerkeil), unter Piloten auch Warthog (Warzenschwein) genannt, bombardierten am Mittwoch die syrische Metropole Aleppo, doch für Westmedien war

Bundeskanzlerin Angela Merkel war es, die mit einem Appell an ihr Volk, Flüchtlinge aus Syrien freundlich aufzunehmen, genau diese Emotion bediente. Endlich konnten wir, die täglich nur die schrecklichen Bilder aus Syrien im Fernsehen, in den Zeitungen oder im Internet zu sehen bekamen und dem Vorwurf der sogenannten "Rebellen" ausgeliefert waren, nichts gegen Assad zu unternehmen, unser gutes Herz zeigen. Schnell mussten wir aber lernen, dass uns angesichts der Dimension der Flüchtlingswelle, nicht alles gesagt wurde.

Mit dem Foto des kleinen Omran, wie er staubbedeckt auf diesem Sitz im Krankenwagen sitzt, ist es nicht anders. Wir wissen, dass sich in Syrien die "Mutter aller Schlachten" um Aleppo abspielt. Wir wissen, dass in Aleppo seit vier Jahren ein schrecklicher Krieg tobt. Dass in diesem Krieg täglich Menschen ums Leben kommen; meist unschuldige Kinder, Mütter, Väter und Großeltern. Es sind aber erst Bilder wie die von Omran, die uns auch betroffen machen. Omran steht in diesem Moment stellvertretend für alle anderen Kinder, die in diesem Krieg schrecklich verstümmelt wurden, deren Wunden und Leid aber so unbeschreiblich groß sind, dass wir sie gar nicht erst anzusehen vermögen. Tief im Innersten sind wir uns dessen auch bewusst, weshalb wir es nicht wagen, das in Frage zu stellen, was uns als "Symbol" des Krieges präsentiert wurde.

Dieses Symbol soll also ein kleiner Junge sein, der von einem angeblichen russischen oder syrischen Luftangriff in erhebliche Lebensgefahr gebracht wurde. Das ist die Botschaft an uns, an die wir uns (bald?) erinnern und halten sollen. Es kann kein Zufall sein, dass gerade dieses eine Bild von Omran in diesem Ausmaß um die Welt geht.

Doch es geht hier nicht darum, das Leid dieses kleinen syrischen Jungen zu schmälern, der in seinem bisherigen Leben nichts anderes als Krieg, Tod und Zerstörung kennengelernt hat. Es gibt hunderte solcher Bilder wie die von Omran, die es aber nie auf die Titelseite unserer Zeitungen geschafft haben. Deshalb sollte man immer das Timing dieses übermittelten "Symbols" berücksichtigen und dessen Umstände oder Urheber hinterfragen. 

Der "Fotograf"

Obwohl das nun weltberühmte Bild von Omran dem Video entnommen wurde, welches Mustafa al-Sarout aufgenommen und vom Aleppo Media Center (AMC) produziert und online gestellt wurde, konzentrieren sich die meisten Medien auf ihn: Mahmoud R(a)slan.

Ein Bild das um die Welt ging - Doch der Fotograf hat dubiose Kontakte zu Extremisten.

Rslan ist Auge und Ohr für eine ganze Reihe von Medienunternehmen, wie etwa AFP, Al Jazeera oder Reuters, um nur einige von den Größten zu nennen. Er (oder wer auch immer für ihn schreibt) versteht es hervorragend, Worte zu finden, die wir gerne hören. So auch am Tag nach dem angeblichen Luftangriff auf das Nachbarhaus von Omrans Familie. Allerdings wurden diese Worte nicht auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht, sondern auf der Seite der Organisation The Syria Campaign. Auf Rslans Seite befindet sich nicht der geringste Hinweis über dieses nun so berühmte Foto.

Dasselbe gilt auch für den Produzenten des Videos, das AMC. Es gibt lediglich einen Artikel zu diesem Vorfall: Omran wird darin aber nur einmal als Referenzpunkt erwähnt, der Rest ist eine reine Verhöhnung Russlands.

Und hätte Mahmoud Rslan an diesem Mittwochabend, an welchem er sein vielleicht berühmtestes Bild in seiner "Karriere" machen sollte, ein anderes Kleidungsstück als dieses dunkelblaue, mit weißen Sprenkeln durchsetzte T-Shirt getragen, dann wäre vermutlich alles mehr oder weniger nach Plan gelaufen. Er hätte weiter ungehindert seiner Arbeit nachgehen können, seine Medienkunden hätten auch weiterhin ohne Probleme seine Bilder und Interviews gekauft und wir hätten ein "Symbol" ohne Skandal gehabt.

Doch manchmal ist das Schicksal eben ein mieser Verräter, um ein Zitat aus Shakespeares "Julius Cäsar" heranzuziehen. Denn das auffällige T-Shirt, scheint ganz offensichtlich ein Lieblingsstück von Rslan zu sein, welches Beobachter der sogenannten "Rebellen" schnell wiedererkannt haben. Dieses T-Shirt trug er bei auch bei einem Selfie, welches ihn zusammen mit kaltblütigen Mördern zeigt.

Dieses Foto ist es, welches die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hat. Wie man sieht, steht er grinsend und mit einem blauen Stirnband versehen vor einer Gruppe Männer, die als Mitglieder der Nureddin al-Zinki Brigade identifiziert wurden. Es sind die gleichen Männer, die am 19. Juli einen vermutlich palästinensischen Jungen mit einem Küchenmesser auf der Ladeflache eines Pick-Ups enthauptet haben. In diesem Video sieht man die letzten Momente des Jungen, während der Kommandeur der Gruppe ein Gespräch mit einem anderen führt.

Ob Mahmoud Rslan zum Zeitpunkt seines Selfies gewusst hat, was diese Männer getan haben, kann natürlich niemand wissen. Das plötzliche und unbequeme Interesse um seine Person veranlasste ihn aber, der australischen Journalistin Sophie McNeill eine Stellungnahme zukommen zu lassen:

Diese Stellungnahme mag zwar Sophie McNeill zufriedengestellt haben, aber ist nichts weiter als ein Versuch, mit schwacher Argumentation und Lügen sich aus dieser Affäre zu ziehen.

Rslan behauptet, nicht gewusst zu haben, mit wem er da grinsend posiert und wessen Stirnband er sich über den Kopf gezogen hat. Oder dass diese Stirnbänder ein typisches Erkennungszeichen für die Kämpfer der Nureddin al-Zinki Brigade sind, die laut US-Angaben zu den "Moderaten" gehören und mit TOW-Panzerabwehrraketen ausgestattet wurden. Für einen "Fotografen", der nach eigener Auskunft seit 2011 das Kriegsgeschehen in Syrien verfolgt, wäre das ein Armutszeugnis sondergleichen. Nein, Mahmoud Rslan weiß ganz genau, mit welchen sogenannten "Rebellen" er sich trifft und was sie tun. Er freut sich sogar darüber, dass die Selbstmordattentäter, mit denen er sich in einem zerbombten Haus aufhält, bald das tun werden wofür man sie vorbereitet hat.

In der Stellungnahme an die australische Journalistin erwähnt Rslan auch den "19-jährigen Palästinenser", der enthauptet wurde. Dass dieser ermordete Junge 19 Jahre alt und angeblich ein Angehöriger der palästinensischen Al-Quds Brigade sein soll, diente den Mördern lediglich als Entschuldigung, um vor ihren eigenen Vorgesetzten nicht als Kindermörder dazustehen, die die Tat als "Einzelfall" bezeichneten und eine "Untersuchung" angekündigt haben. Als Beweis brachten die Mörder einen ganz offensichtlich manipulierten Ausweis mit einem Bild des getöteten Jungen, der ihn als 20-jährigen Offizier der syrischen Luftwaffe ausweist. Schon hier ist das Lügenkonstrukt zusammengebrochen.

Für alle, die im journalistischen Bereich tätig sind und ihre Informationen von Quellen wie Mahmoud Rslan und anderen Aktivisten dieser Art beziehen, stellen solche Fakten ein großes Ärgernis dar. Es diskreditiert ihre "Berichterstattung" und bestätigt viel mehr die Behauptungen der Gegenseite, die von ihnen als im Unrecht stehend empfunden wird. Die einen versuchen, solche Tatsachen eher auszublenden und sich einzureden, dass ungeachtet dessen die gelieferten Informationen korrekt sind, während sich bei anderen ihre ganze ideologische Verdrehtheit zeigt.

Auch die US-Regierung bekleckert sich nicht mit Ruhm, indem sie entgegen allen "Experten"-Meinungen bis zuletzt die Nureddin al-Zinki Brigade unterstützt. Aus dem Außenministerium hieß es dazu lediglich, man wolle, nach der für sie unbequemen Episode mit der Enthauptung, "die Unterstützung überdenken".

An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika noch nie irgendwelche Gewissensbisse hegten, wenn sie mit allgemein angenommenen "Feinden der Demokratie" zusammenarbeiteten. Ob Nazis, Diktatoren oder Dschihadisten, es spielt für Washington keine Rolle. Solange diese Beziehungen den eigenen Interessen dienen, sind die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit willkommen. Und sie werden immer gleich beschrieben: als "moderat".

Ein weiteres, für uns als Zielpublikum im Krieg um unsere Herzen sehr wichtiges Element sind die sogenannten "Weißhelme" (White Helmets). Man sieht sie im Omran-Video, wie in vielen anderen Videos und Fotos von Rettungsaktionen in syrischen Städten, wie sie mit weißen Helmen ausgestattet nach Opfern suchen. Diese "Weißhelme" sind nach eigenen Angaben Freiwillige, die "neutral" und "unbewaffnet" sind. Und es spielt für sie keine Rolle, zu welcher Religion oder politischen Gesinnung die Opfer gehören.

Obwohl sich die Weißhelme selbst als neutral sehen, widersprechen sie der Bedeutung dieses Wortes bereits in der eigenen Beschreibung. Sie sind - wieder nach eigenen Angaben - "die größte Bürgervereinigung, die in Gebieten außerhalb der Regierungskontrolle operiert". Des Weiteren behaupten sie, für "fast 7 Millionen Menschen die öffentliche Versorgung sicherzustellen."

Für diese gigantische Aufgabe wähnen sich die Organisatoren der Weißhelme berechtigt, den diesjährigen Friedensnobelpreis zu beanspruchen. Und tatsächlich: am 9. August berichtet der schon oben gezeigte BILD-Redakteur Julian Röpcke als Einziger in der deutschen Medienlandschaft, dass die "Weißhelme" für den Nobelpreis nominiert wurden. Abgesehen von AlJazeerahat sonst niemand weiter darüber berichtet, was seinen guten Grund hat. Das Komitee in Oslo veröffentlicht keine Nominierungen

Das humanitäre Verdienst der Weißhelme soll auf keinen Fall durch die weitere Analyse geschmälert werden. Es soll aber zeigen, dass diese Menschen, die direkt am Einsatzort ihr Leben riskieren um anderes Leben zu retten, von ihren Organisatoren für eine fremdgesteuerte Propaganda instrumentalisiert werden.

Die Organisation hinter den Weißhelmen ist The Syrian Campaign (Die syrische Kampagne), welche laut eigener Auskunft als ein Unternehmen mit dem Namen "The Voices Project" in Großbritannien registriert ist. Dieses Projekt The Syrian Campaign wird als "absolut unabhängig" beschrieben, das "kein Geld von Regierungen, Unternehmen oder irgendjemandem, der direkt im syrischen Konflikt involviert ist, akzeptiert. Das erlaubt uns volle Autonomie, um das zu tun, was auch immer notwendig ist, um Leben zu retten."  

Doch das ist eine glatte Lüge, nicht die Einzige wohlgemerkt. Mark Toner, Pressesprecher des US-Außenministeriums, bestätigte am 27. April 2016, dass die USA 23 Millionen US-Dollar über die dem Ministerium unterstellte USAID an die Organisation überweisten. Auch die britische Regierung gehört zu den Geldgebern der Weißhelme bzw. The Syrian Campaign. Kein Wunder, ist doch der Gründer der Weißhelme nicht etwa ein Syrer, sondern ein Brite: James Le Mesurier. Als ein mit einem für ehrenvolle Dienste mit einer Queens Medal dekorierter Offizier der britischen Armee und Berater des Außenministeriums ist Le Mesurier nicht aus Spaß an der Freude oder etwa rein zufällig in Syrien aufgetaucht.

Omran Daqneesh und die Weißhelme sind das, was wir sehen sollen. Damit wir für die bevorstehende Schlacht um Aleppo auch richtig eingestellt sind, wenn es dann weitere Bilder wie Omran mit den Rettern mit weißen Helmen (die übrigens nicht wirklich Freiwillige sind, da sie einen Monatslohn von 150 US-Dollar erhalten) geben wird. Es wird von Assad, von Putin, den Iranern und Hezbollah berichtet werden, die Syrien in Schutt und Asche bomben. Das ist die Botschaft. Von den sogenannten "Rebellen" erfährt man wenig bis gar nichts, als ob sie Geister wären. Auch das ist die Botschaft.

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