Dreier-Gipfel zwischen Russland, Aserbajdschan und Iran: Ein wichtiger Wurf im neuen „Great Game“?

Dreier-Gipfel zwischen Russland, Aserbajdschan und Iran: Ein wichtiger Wurf im neuen „Great Game“?
Auf den ersten Blick war das Gipfeltreffen der drei Staatsoberhäupter Putin, Alijew und Rohani diese Woche in Baku ein routiniertes Treffen, bei dem Präsidenten von Anrainer-Staaten ihre gemeinsame Interessen bekunden. Auch innerhalb der EU gibt es ähnliche regionale Formate wie die Visegrád-Gruppe. Doch in diesem speziellen Format ist es das erste Treffen seiner Art. Damit hat der Gipfel in Baku aus geopolitischer Perspektive historische Bedeutung.

von Wladislaw Sankin

Mitglied der militanten Gruppe

Es ist kein Zufall, dass am nächsten Tag des Treffens in Baku ein vieldiskutierter „Tauwetter-Besuch“ vom türkischen Präsident Erdogan in Sankt-Petersburg folgte und am 10. August ein Treffen des russischen Präsidenten mit dem armenischen Präsident Sagsjan stattfand. Nach der militärischen Wiederbelebung des Konflikts um Berg-Karabach seitens Aserbajdschan in März und der geopolitisch inspirierten Unruhen in Eriwan in Juli gibt es auch zwischen Russland und Armenien dringenden Gesprächsbedarf.

Das russische „Gipfel-Marathon“ mit seinen südlichen Nachbarn ist nicht nur eine Übung in diplomatischer Äquilibristik. Es ist vielmehr ein Schritt, der Kräfteverhältnisse in der Region zwischen Nahem Osten und Zentralasien nachhaltig verändern kann. Wenn Russland, Iran und Aserbaidschann, die als Konkurrenten im Gas- und Ölgeschäft um das Gasfelder-Gebiet im Kaspischen Meer streiten, zu Bündnispartner werden, dann muss sie etwas außerordentlich Wichtiges zusammenschweißen.

Denn bei den bi- und trilateralen Treffen wurden zahlreiche Projekte verkündet, die weit über die viel beschworene und sicher ganz aktuelle gemeinsame Terrorbekämpfung und Friedensbemühungen im Konflikt um Berg-Karabach hinaus gehen: es geht um die Ausweitung des Transithandels und Ausbaus der logistischen Systeme, Kreditvergabe, Atomprogramme, militärische Zusammenarbeit sowie den touristischen, kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zwischen den angrenzenden Regionen aller drei Länder.

Auch die Wahl des Ortes setzt wichtige Akzente. Aserbaidschan sieht sich als direkter Profiteur dieser verkündeter Zusammenarbeit. Das Land könne nicht nur als Transitland im Eisenbahn-Projekt „Nord-Süd“ Hunderte Millionen Dollar verdienen, meint der aserbaidschanische Politologe Sarduscht Alisade, sondern dadurch auch seinen politischen Status in der Welt erhöhen. Die westlichen Staaten hätten kein Grund zur Sorge, denn alle sollten profitierten wenn einige Nachbarstaaten enger zusammenarbeiten, setzt er mit etwas Vorsicht fort.

Damit spricht der Politologe einen heiklen Aspekt an. Das durch dieses Bündnis veränderte Verhältnis zu den westlichen Staaten ist das erste, das viele Analytiker aller drei Länder bewegt. Denn alle drei stehen derzeit im Westen in Ungunst. Russland und Iran werden wirtschaftlichen Sanktionen unterzogen, und der aserbaidschanische Präsident wird unter dem Vorwand von Menschenrechtsverletzungen von westlichen Staaten isoliert.

Dass dies mehr als ein Zweckbündnis ist, darüber sind sich vor allem die russischen und iranischen Kommentatoren einig. Dem liegt ein grundsätzlich anderes Verständnis zu Grunde, wie Politik gemacht wird.

„Es ist offensichtlich, welche Kräfte vor einigen Wochen die Staatsstreiche in der Türkei und Armenien versucht haben mit dem Ziel, die Entwicklung, die auf die Annäherung der Länder der Region und den Beginn eines selbstständigen transregionalen Dialogs ohne Intrigen jeglicher Art aus Übersee, zu verhindern. Ich denke, die Eliten in unseren Ländern begreifen langsam, dass der Westen immer mehr von der Rolle der Quelle der Investitionen und wirtschaftlichen Entwicklung abrückt und zur Quelle des Kopfschmerzens und Kriegseskalation wird“, meint der Politologe und Direktor des Instituts der Eurasischen Wirtschaftsunion Wladimir Lepjochin.

Distanziert: Barack Obama und Wladimir Putin beim G8-Gipfel 2013

Noch deutlicher wird sein iranischer Kollege Hadi Dechan Badarafschan. Das Treffen sei auch deshalb historisch, weil die einzigen Länder, die der USA in der Verfolgung ihrer Ziele offen im Wege stehen, Russland und Iran seien. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern stärke die Position des Teherans und Moskaus und habe große Bedeutung für die Änderung des Internationalen Systems.

Dieser wirtschaftliche und politische Zusammenschluss läuft den verdeckten Spielen der USA und ihren Verbündeten in der „Umformatierung“ des nahen Ostens und ihren Versuchen in den Regionen Kaukasus und „Groß-Zentralasien“ zuwider, Russland „am Unterleib zu kitzeln“. Der Ausbau der logistischen Infrastrukturen entlang des Korridors Nord-Süd von Australien bis nach Oslo würde Russland helfen der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der EU und China einen Riegel vorzuschieben. Damit wird das Szenario, zum Beispiel die Wirtschaftsmacht Indien in den gemeinsamen wirtschaftlichen Raum zu integrieren viel realistischer.

Man braucht nicht Hellseher zu sein, um bei dem Dreier-Gipfel in Baku einen Bruch in der Wiederauflage des berühmten „Great Game“ zu sehen, diesmal jedoch zu Ungunsten der angelsächsischen Welt. Denn mit diesem Projekt wird das Eurasien, das „Kernland“ der Geopolitik, ergänzend zum chinesischen Projekt „Seidenstraße“, zusätzlich vom Süden nach Norden vernetzt. Diese Vernetzung wird den wirtschaftlichen und politischen Räumen, die in Eurasien ihren Ursprung haben, ein Stück Stabilität verleihen. Und das ist in Zeiten der Wirren ein Friedensfaktor.