Elite-Soldat im Informationskrieg: Wie der Historiker Schlögel vom Aufklärer zum Hass-Prediger wurde

Kein seltenes Phänomen: Wissenschaftler im Dienste der NATO
Kein seltenes Phänomen: Wissenschaftler im Dienste der NATO
Der Konflikt mit Russland wurde für manchen deutschen Historiker zur persönlichen Obsession, die medienwirksam ausgetragen wird. Dadurch soll die anti-russische Propaganda an zusätzlicher intellektueller Legitimation gewinnen. Eine einst respektable Zunft stellt sich in den Dienst eines aggressiven Konfrontationskurses.

von Wladislaw Sankin

Es musste geschehen: der berühmte Historiker Karl Schlögel meldete sich unverzüglich. Nach anfänglicher journalistischer Kanonade der ganzen deutschen Mainstream-Presse [1] war nun besonders schweres Geschütz an der Reihe. Für ihn war es Ehrensache: Das Putin-Russland „erdreiste sich“ (sein Wortlaut) und tappte mit seiner Initiative zum Berliner Institut „Dialog der Zivilisationen“ in das bis jetzt vom russischen Einfluss gut beschützte deutsche Intellektuellen-Metier. [2]

Der neue Kalte Krieg tobt bisweilen vor allem an der Medienfront

Der passionierte Anti-Putinist ist seit Ausbruch der Ukraine-Krise in den deutschen Medien gefragter denn je. Anerkannter Forscher, professioneller Osteuropa-Reisender und fesselnder Vielschreiber, ist er nach eigenem Bekenntnis seit Beginn der Ukraine-Krise in „den Strudel der Informationen“ hineingezogen worden und profilierte sich als wortreicher Unterstützer des Maidans. In der Russland-Frage stellte sich Schlögel kompromisslos auf die Seite der Verfechter eines harten Konfrontationskurses.  

Der Liebling deutscher Medien

Seine „Leistung“ bestand darin, dass er das ukrainische maidanistische und deutsche Leitmedien-Narrativ in seiner radikalsten Form kritiklos übernahm und aus einer Ukraine-Krise eine Russland-Krise machte, als der Historiker anstatt Aufklärung über die Geschehnisse in der Ukraine nur eine putinfixierte Geißelung Russlands zu betreiben suchte.

Sein Name und politische Präferenz sicherte Karl Schlögel ständige Medienpräsenz. Mit seinem Renommee adelte er die eintönige Floskel antirussischer Propaganda. Für die dröge Russland-Journalistik war es ein Geschenk, denn sie musste bereits damals die Wut der zweifelnden und nörgelnden Leser- und Zuschauerschaft über sich ergehen lassen: Die Bestätigung für ihr Recht bekam sie nun aus den Höhen des deutschen Intellektuellen-Himmels. „Annexion“, „Aggression“, „Destabilisierung“, „Eskalation“ - das volle Diffamierungsprogramm des deutschen Politikums bekam eine feine wissenschaftliche Note: Es redete ein ausgewiesener „Russland-Experte“, diesmal ein echter – und ehemaliger, denn mit seiner Parteinahme in solch plumper propagandistischer Manier hat er sich disqualifiziert:

Die Ukraine hat sich entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen, und die Lebensform, für die sie sich entschieden hat, zu verteidigen, der russischen Aggression Widerstand zu leisten. Der Majdan war eine Erhebung im Zeichen nicht nur der blau-gelben Flagge der Ukraine, sondern der blauen Europafahne mit den goldenen Sternen.

Nein, dies ist kein Auszug aus den unzähligen Propaganda-Reden von Europas Lieblingsoligarchen und ukrainischen Präsidenten, Petro Poroschenko und kein Barrikaden-Auftritt einer deutschen grünen Politikerin. Das ist der Wortlaut des deutschen Forschers Karl Schlögel aus seinem Oktober 2015 erschienenen Buch „Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen“.

Mit Parteinahme endet die Wissenschaft

Dieser Einsatz hat natürlich mit Wissenschaft nichts zu tun. Als bekennender Putin-Gegner hielt Karl Schlögel es offenbar für möglich, seine Autorität in den Dienst eines politischen, antirussischen Kurses der deutschen Regierung zu stellen, angeblich für einen guten Zweck. Dafür musste er genau das ablegen, was ihn zum Experten machte – den kritischen Umgang mit Quellen, die Suche nach Belegen, das Bewahren wissenschaftlicher Distanz und die Neutralität eines weisen Zeitzeugen [3] (nach seinem eigenem Wortlaut, „das ehrenwerte Ethos der Zurückhaltung“). Wenn er im Jahre 2014 in Interviews auf Putin zu sprechen kam, bebte seine Stimme. Der „Russland-Experte“ attestierte dem Objekt seiner „Analyse“ die widerlichsten Triebe, seine Emotionen überschlugen sich, er redete sich in Rage: pathetisch, wortreich, beleidigend. [4]

Der Kiewer Maidan im Dezember 2014

Es gibt dann Situationen, in denen all das über den Haufen geworfen wird und man sich neu einrichten, sich neu aufstellen muss. Diese Situation ist eingetreten mit dem Massaker an den Demonstranten (dieses lastet Karl Schlögel völlig beweislos „den dunklen Kräften“, sprich  - Janukowitsch und Putin an – W.S.) auf dem Kiewer Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz, den wir immer nur kurz »Majdan« nennen, also ganz einfach »Platz« - und mit der frechen Lüge Wladimir Putins, es gebe gar keine Annexion der Krim, wo wir sie doch mit eigenen Augen gesehen haben.

Ein typischer Karl Schlögel Satz, hier wieder aus dem Buch „Entscheidung in Kiew“. Man fragt sich, wer sind „wir“? Wohl anzunehmen, dass er jene Gutmenschen meint, die stets für Prosperität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit plädieren und sich gelegentlich für diese Werte auf diplomatisch und geheimdienstlich gut organisierte Staatsstreiche mit westlicher Medienmacht im Rücken einlassen.

Ein riskantes Spiel. Mit seiner Parteinahme in der westlichen Expansionspolitik gen Osten annullierte Karl Schlögel mit einem Schlag das, wofür er geschätzt wurde: die Neutralität eines Forschers, der in der Lage war, über das Vergangene mit vereinnahmender Empathie zu schreiben ohne eigene politische Präferenzen zu sehr offenkundig zu machen. Diese Kunst gelingt in der Regel nur wenigen Historikern. Schlögel beherrschte sie. Bis die sogenannte Ukraine-Krise ausbrach. Da verlor Karl Schlögel seine Beherrschung und seitdem streut er in seiner Publizistik selbst in die harmlosesten Themen stets eine Prise des Hasses, so wie in seinem im Januar 2016 erschienenen Artikel zum russischen Berlin, als er die russischen Einwohner der Stadt vor die absurde Wahl zwischen dem vor fast 180 Jahren gestorbenen russischen Dichter Puschkin und Putin stellte. [5]

Der Riss geht quer durch die russische Familie. Sie sieht sich vor die Wahl gestellt: Mit wem will sie es halten? Eher mit Puschkin oder eher mit Putin?

Hetze und Hass statt Diskussion und Aufklärung

Sein letzter Beitrag zur Eröffnung des Instituts „Dialog der Zivilisationen“ in Berlin, einer „Russischen Denkfabrik“, beginnt auch in der bekannten Schlögel-Manier – mit dem Blick auf die topographische Komponente der Einweihung des Instituts. Aber damit ist der Autor des „Im Raume lesen wir die Zeit“ zu Ende. Sein Ziel war es nicht, die inhaltliche Auseinandersetzung mit einer wissenschaftlichen Einrichtung zu suchen, sei es auch eine kritische. Zu den Runden, die vom offiziellen Moskau inspiriert sind, lässt er sich nicht blicken. Seine Abwesenheit sollte deutschen Intellektuellen den richtigen Umgang mit „gefährlichen Russen“ vormachen – sich fernhalten. Berührungsängste sollte man vor diesem Gremium haben und da gibt es keine sprachlichen Mittel, die dem „emeritierten Professor für Russlandgeschichte und Publizisten“ zu schrill wären. Der Weg vom Aufklärer zum Hass-Prediger kann sehr kurz sein.

Die Schlagzeilen der von ihm stammenden Beiträge in den deutschen Medien sprechen Bände: „Diese kleine ehrgeizige Lügner Putin“, „Schamloser Angriff“, „Dieser Russland-Aufruf ist ein peinliches Dokument“, „Wer versteht den Schurken?“, „Putins Fantasievolk ‘die Russen‘ gibt es gar nicht“, „Die gefährliche neue Liebe der Deutschen zu Russland.“

Steckten hier etwa nicht bereits die Anzeichen der gesetzlich geahndeten Volksverhetzung? Bei Schlögel, könnte man sich denken, ist diese Frage unmöglich. Immerhin gilt er als einfühlender, kenntnisreicher Schreiber, der einen einmaligen Blick auf die russische Kultur- und Gesellschaftsgeschichte hat. Doch, er entthronte sich selbst und das war wenigstens ein ehrlicher Schritt. Im November 2013 wurde er mit der russischen staatlichen Puschkin-Medaille für „die Annäherung und zur wechselseitigen kulturellen Bereicherung der Nationen und Völker“ ausgezeichnet. Im Mai 2014 weigerte er sich mit einem Brief an den Botschafter, diese Medaille anzunehmen und nutzte seine Weigerung für Boykottforderungen in der deutschen Presse gegen russische kulturelle Einrichtungen. [6] Mit dieser Geste verabschiedete er sich amtlich von der Rolle des Brückenbauers und nahm öffentlich die Rolle als Hetzer an.

Auf einer Linie: NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen

In diesem Betätigungsfeld ist Karl Schlögel nicht allein. Neben ihm erklärten in den letzten zweieinhalb Jahren einige in Fachkreisen bekannte Namen in kleinen und großen Runden, was Russland zurzeit für „eine Nummer abliefert“. Wie z.B. Gerd Koenen, der lange mit dem bekannten deutsch-russischen Forscher und Schriftsteller Lew Kopelew zusammenarbeitete. Sein preisgekröntes Buch, „Russland-Komplex“, war eine der fundiertesten Forschungen zu einem schier unüberschaubaren Geflecht der gesellschaftlichen deutsch-russischen Kontakte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch er hetzte in für einen Wissenschaftler überraschend scharfem Ton gegen Russland. [7]

Weltrevolution aus dem Westen

Außer des Forschungsfeldes ist den beiden Historikern etwas Wesentliches gemeinsam. Beide waren in den 1970er Jahren in den maoistischen Linken-Splittergruppen aktiv. Und beide haben um die Wende in den 1980ern, zur Zeit der Solidarność-Proteste, mit der kommunistischen linken Szene gebrochen. Scheinbar sind sie aber immer noch die Weltrevoluzzer geblieben, nur sollte die Revolution nicht vom Osten, sondern vom Westen ausgehen und die Welt mit einer globalen neoliberalen Ordnung beglücken.

Daher ihre Bewunderung der westophilen sowjetisch-russischen Dissidenten, die in ihren Augen einen romantischen Kämpfer-Nimbus hatten, die „zivilgesellschaftliche“ Rhetorik vom Schlage einer Marieluise Beck und insbesondere bei Schlögel, die Neigung zur „progressiven“ Diversität und Abneigung gegen das angeblich unfortschrittliche „völkische“ und „orthodoxe“.

Daher auch die Bequemlichkeit, in der sich die respektablen Herren die ganze postsowjetische Zeit wähnten. Denn in dieser Zeit ging alles bestens für den neoliberalen Westen und die fetischisierte „europäische Nachkriegsordnung“ (natürlich ohne Sowjetunion und seinen Satelliten). Diese schien nun für die Ewigkeit zu bestehen als „die bessere Welt“, die vom Leibe der ehemaligen Sowjetunion ein Stück nach dem anderen verschluckte. Bis Putin die Wende ankündigte. Als erster erkannte Gerd Koenen die von Putin ausgehende Gefahr für diese schleichende Weltrevolution, als er noch in den Artikeln vom Jahre 2007 vor ihm warnte. Bei Schlögel dauerte es bis zur „Annexion der Krim“ im März 2014, die ihn „wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf“. Seitdem ist er bei allen Russland-Hassern wie bei dem berüchtigten „Die Welt“-Autor Bernd Ratzinger eine willkommene Figur. [8]

Berufsethik beiseite geräumt

Es wäre natürlich naiv von der Fachwelt, die zum großen Teil auf westlichen Fonds, NGOs und Stipendien gewachsen ist, zu erwarten, dass sie sich in einem geopolitischen Konflikt parteilos verhält. Bekannt ist der offene Brief der selbsternannten Forscher der „postsowjetischen ukrainischen radikalen Rechten“, der am Tag des bis jetzt nicht aufgeklärten Maidan-Massakers am 20. Februar 2014 auf der Homepage der Heinrich-Böll Stiftung veröffentlicht wurde. [9] Zaghaft und entschuldigend wirkte die Bitte, die ukrainischen Nazi-Schläger nicht allzu scharf zu kritisieren. Unter den Unterzeichnern war auch Andreas Umland, der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Euro-Atlantische Kooperation in Kiew. Seitdem veröffentlicht der Politologe in regelmäßigen Abständen putinkritische Artikel in deutschen Mainstream-Medien. Sein Einsatz ist legitim, denn wir wissen, wer sein Arbeitgeber ist und wessen Interessen er vertritt.

Die Einmischung von freiberuflichen Autoren wie Schlögel und Koenen in brisante Fragen der Außenpolitik ist hingegen fragwürdig. Sie werden zugegebenermaßen von der eigenen Obsession geführt. Doch beide Historiker scheinen der eigenen Verantwortung entweder nicht bewusst zu sein oder sie lassen die Berufsethik bewusst beiseite. Denn allein ihre Berufsbezeichnung suggeriert die Aktivierung historischer Ressentiments. Und an diesen wird nicht gespart, insbesondere Stalin- und Hitler-Vergleiche in Bezug auf das heutige Russland sind bei den beiden beliebt. In der politisch aufgeladenen Situation kann jedes historische Detail, auch wenn es angeblich faktisch korrekt ist, viel Gift beinhalten. Der Kontext ist entscheidend.

Schlögels „Deutscher Osten“ und Eurorassismus

Russland und der Westen - eine schwierige Beziehung

So wird Schlögel nicht müde, die Gesamtzahl der 27 Millionen sowjetischer Bürger nach ethnischer Zugehörigkeit aufzuteilen, es hätten viel mehr Ukrainer unter deutscher Besatzung gelitten als Russen. [10] Fakt ist, dass das Territorium der heutigen Ukraine vollständig zum Kriegsschauplatz wurde. Aber dass die Nazis gerade den Ukrainern unter den sowjetischen Kriegsgefangenen Sonderbehandlung anboten im Gegenzug zur Kollaboration und zur etwas besseren Stellung in der Hierarchie der besiegten Völker, was jetzt über 70 Jahre danach die Beziehungen zwischen Russen und Ukrainern am nachhaltigsten beeinträchtigt, das verschwiegt der Historiker. Er verschweigt auch, dass die russische Erinnerungskultur ausschließlich von sowjetischen Opfern spricht und keinerlei Ansprüche erhebt, die Opfer seien nur russisch gewesen. Mit seiner Ethnisierung der Opfer tappt Schlögel in die Fußstapfen der Nazis.

Und überhaupt sein Wirken in Sachen Ukraine, das genüssliche Herauslösen dieses Landes, dieses Territoriums und dieser Nation aus der „russischen Perspektive“ zugunsten der europäischen „mental map“ klingt verdächtig nach einer schon so altbekannten Begründung für deutsche östliche Expansionspolitik. So etwas gab es zur Zeit des Ersten Weltkrieges und kurz danach, so etwas gab es unter der Hitler-Verwaltung und in Nord-Amerika im Milieu der geflüchteten nationalistischen Diaspora. Nur jetzt tut sich diese „gutgemeinte“ Loslösung im Gewand einer staats- und bürgerrechtlichen Rhetorik auf.

Doch der Ansatz des Historikers hat mit wahren Menschenrechten nichts zu tun. Das eklatanteste Beispiel für seine Blindheit ist seine so oft wiederholte Behauptung, das Sprachproblem existiere in der Ukraine gar nicht, es sei lediglich russische „Manipulation“, das Land zeige das Beispiel einer gelebten Zweisprachigkeit. Er übersieht aber dabei, dass diese Tatsache von der ukrainischen Gesetzgebung völlig ignoriert wird. Englisch hat nun sogar höheren Status in der Ukraine als Russisch, das für die Mehrheit der Ukrainer die Muttersprache ist. Auch aus den Schulen wird Russisch gegen den Wunsch der Bürger verdrängt. Im so um Muttersprachen bemühten Europa ein Verbrechen, wenn eine lebendige Sprache und damit verbundene Kultur so zielgerichtet eliminiert wird. Aber „europäisch“ ist die neue Ukraine trotzdem.

Um diese neue europäische Ukraine „dringend“ zu unterstützen und die inhaltliche Leere zu verschleiern, übt sich Karl Schlögel in rhetorischer Äquilibristik, bei der eine simple und wortreiche Aufwertung der Banalitäten, wie die tägliche Straßenpflege oder die Schönheit der Städte, die übrigens zu Zeiten des Zaren-Russlands oder der Sowjetunion gebaut worden sind, auch für Europa sprechen. Der Wunsch der Bürger, in einem nicht-korrupten, gut funktionierenden Staat zu leben, wird als passionierte „europäische“ Wahl gedeutet. Diese Bürger sind Schlögels Gutmenschen. Diese Ansicht ist die Tragsäule der ganzen deutschen Maidan-Story. Diese Vorstellung suggeriert, dass, wenn jemand etwas Gutes will, wird einer automatisch zum Europäer. Für diejenigen, die Europa z.B. in der EU-Form kritisieren, bleibt nach dieser Logik nur eines übrig: Schlechtes zu wollen. Das ist der Part der „Russen“, die unter der „Putins Fuchtel“ so gerne leben und die das Gegenteil der „guten“, europäisch gesinnten Russen darstellen. Dieser Eurorassismus schlägt sich auch in tiefer Verachtung nieder, die den Gegnern des Maidan und ukrainischen „Pro-Russen“ (der Begriff ist eine propagandistische Erfindung) gebührt: sie sind nicht der Rede wert, das sei doch nur ein Haufen durchgeknallter Krimineller.

Selbstdemontage einer Legende

Die propagandistischen Methoden des Forschers Schlögel in seinen Artikeln und Auftritten der letzten 2,5 Jahre stellen auch seine vorherige Forschertätigkeit in Frage. Seine Auslassungen offenbaren die Oberflächlichkeit seines Denkens, Selektivität und Einseitigkeit, die Unfähigkeit politische Faktoren zu analysieren, sowie seine emotionale Befangenheit. Die oben erwähnte Wahl „Puschkin oder Putin“ zeigt - wenn wir annehmen, es sei kein reiner Propagandatrick gewesen - seine Unkenntnis heutiger russischen Kulturszene in ihrer Gesamtheit, über das Milieu seiner kremlkritischen Freunde hinaus, und seine schlechte Vernetzung unter den wirklichen Flaggschiffen der russischen Meinungsbildung. In Wirklichkeit sind einflussreiche Personen, die man zu Vordenkern des sogenannten Putin-Russlands zählen könnte, mit der Pflege des russischen Hauptkulturgutes in der „Vereinigung der russischen Sprachkultur“ beauftragt. Das russische Kirchenoberhaupt Patriarch Kirill [11], der weltberühmte Filmregisseur Nikita Michalkow und der Direktor des traditionsreichen Filmstudios „Mosfilm“ und ebenso der berühmte Regisseur Karen Schachnasarow sind die Vorstände im Verein.

Es wird wieder maschiert. NATO-Truppen bei einer Übung

In Russland gibt es eine gängige ironische Selbstbezeichnung unter Bloggern, die den liberalen Oppositionellen kritisch gegenüberstehen: „Kettenhund des blutigen Regimes“. Bei Karl Schlögel kann man die Ironie beiseitelassen, da zu ernst, kompromisslos und aggressiv sein Gebaren und seine Sprache sind. Als „NATO-Kettenhund“ macht er aber keine gute Figur. Als professioneller Putin-Hasser hat er alle Chancen zur tragischen Gestalt deutscher Russland-Forschung zu werden. Er weiß selbst zu gut, was aus den zahlreichen deutschen Russland-Experten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geworden ist und in wessen Dienst viele von ihnen im Endeffekt tätig waren. Er schrieb Bücher dazu. Wenn er das weiß, warum tut er sich das an?

Seine letzten Veröffentlichungen zeigen, dass er durch seine Negation elementarer Erfordernisse einer halbwegs wissenschaftlich geführten Diskussion bereitwillig seine eigene Degradierung von einem anerkannten Wissenschaftler zum militanten Propagandisten in Kauf nimmt: Das Ziel rechtfertigt in seinen Augen die Mittel, denn er handelt aus Obsession. Sein Ziel ist einerseits, die Annäherung der Russen und Deutschen zu verhindern, da aus seiner Sicht die falschen Russen sich mit den falschen Deutschen annähern. Und andererseits ist die Installation einer neoliberalen westlich gesinnten Führung á la Ukraine in Russland tatkräftig zu unterstützen.

Das bedeutet doppeltes Scheitern: als Forscher hat er sein Forschungsobjekt vom falschen Pfade aus untersucht (was er auch selbst zugibt). Und als politischer Schreiber hat er sich der Partei des Krieges verschrieben. Das ist eine bittere Niederlage nicht nur für einen einzelnen Kulturhistoriker, der immer gerne seine Anhängerschaft humanistischer Idealen betonte, sondern auch für breite Schichten deutscher Intellektueller, die ihren Kollegen bei diesem Wandel bejubeln.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Verweise:

[1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article156676468/Putin-laesst-in-Berlin-riesige-Denkfabrik-gruenden.html

[2] http://www.welt.de/debatte/kommentare/article156758789/Die-gefaehrliche-neue-Liebe-der-Deutschen-zu-Russland.html

[3]  https://www.novo-argumente.com/rezension/zerrbild_der_ukraine

[4] https://m.facebook.com/ZDFheute/posts/10152673364845680

[5] http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/russen-in-deutschland-berlin-charlottenburg-russlanddeutsche-wuensdorf

[6] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-126830940.html

[7] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gastbeitrag-russland-ist-kein-baer-sondern-eine-sau-die-ihre-jungen-auffrisst-13165754.html

[8] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article147367418/Wenn-Russlandversteher-fuer-die-Ukraine-streiten.html

[9] https://www.boell.de/de/2014/02/20/euromaidan-freiheitliche-massenbewegung-zivilen-ungehorsams

[10]  https://www.youtube.com/watch?v=GxkMpa32cvQ

[11] http://www.pravmir.ru/patriarh-kirill-uchredil-obshhestvo-russkoy-slovesnosti/