Olympia: Es geht um die Zukunft

Russische Athletin bei den Spielen in Peking
Russische Athletin bei den Spielen in Peking
Die Debatte um die russische Olympia-Teilnahme hat sich von einer sportlichen längst zu einer politischen Frage entwickelt. Die Ankündigung des Internationalen Olympischen Komitees, nicht alle russischen Sportler von den kommenden Spielen in Rio auszuschließen, stieß teils auf Unverständnis in deutschen Medien. RT Deutsch-Gastkommentator Thomas Fasbender hält diese Entscheidung jedoch für richtig.

von Thomas Fasbender

„Kreuzige ihn, kreuzige ihn“ schallte es schon vor der IOC-Entscheidung zur russischen Olympia-Teilnahme 2016 aus den Leitmedien. Seit bekannt wurde, dass doch nicht alle russischen Sportler in Sippenhaft genommen werden, ist die Enttäuschung groß. Von Feigheit und Verrat ist die Rede und von der Selbstaufgabe der olympischen Idee. Die Bild-Zeitung hatte sich schon im Vorfeld vollmundig verpflichtet, die russischen Medaillen, sollte das Team in Rio doch teilnehmen dürfen, in ihrem Medaillenspiegel nicht zu berücksichtigen.

Russland weckt derzeit wie kein anderes Land aufbrausende Emotionen, und zwar ausgerechnet in der Mitte der deutschen Gesellschaft. Weder links noch rechts fällt das Urteil so harsch und negativ aus wie zu beiden Seiten der Mitte, vom Springer-Verlag bis zum WDR. Da wirken uralte Stereotype, die sich mit enttäuschter Liebe verbinden – immer eine explosive Mischung. Denn die Liebe wäre nicht enttäuscht, hätte man ihr Objekt zuvor besser verstanden.

Dabei hätte das Internationale Olympische Komitee, ungeachtet aller deutschen Befindlichkeiten, gar nicht anders entscheiden können. Dass Russland ein weitreichendes Dopingproblem hat, in das auch Teile des Staatsapparats verwickelt sind, wird niemand leugnen. Nationale Vorgaben für die Medaillenzahl – so viel Gold, Silber, Bronze –, wie sie auch in Deutschland Usus sind, werden je nach den Verhältnissen in verschiedenen Ländern unterschiedlich umgesetzt. Man darf davon ausgehen, dass in Russland spätestens seit der Vorbereitung auf die Winterolympiade in Sotschi 2014 ein Dopingsystem entstanden ist, dass mit staatlicher Hilfe viele Sportarten erreicht. Erreicht es aber jeden einzelnen Sportler, jede Sportlerin? Sicher nicht. Und gibt es in anderen Ländern kein Doping, sind alle nicht-russischen Sportler „clean“? Ein Ausschluss des russischen Teams hätte bedeutet, dass die sauberen russischen Sportler gar nicht hätten starten dürfen – die gedopten Sportler anderer Länder, jedenfalls bis zu ihrer Überführung, hingegen schon. Ein Ausschluss wäre unverantwortlich gewesen.

Der „Geist von Olympia“ ist schon seit vielen Jahrzehnten tot. Spötter behaupten, auch in der Antike habe es ihn eigentlich nie gegeben. Schon die damaligen Spiele waren Foren, auf denen die weltanschaulich divergierenden griechischen Kleinstaaten sich miteinander maßen. Es ist bezeichnend, dass die neuzeitlichen Spiele 1896, im Zenit der europäisch-westlichen Weltherrschaft, ins Leben gerufen wurden. Gut einhundert Jahre später existiert diese Weltherrschaft nur noch in einigen Köpfen. Olympia ist professionalisiert, politisiert und kommerzialisiert. Ein Vierteljahrhundert lang schien es, als ob zumindest die weltanschauliche Divergenz nach dem Ende des Kalten Krieges keine Rolle mehr spielt. Inzwischen wurden wir eines Besseren belehrt. Dem westlichen Konzept der „Einen Welt“ stellt sich zunehmend der eurasische Anspruch auf Multipolarität entgegen. Die neue Konfrontation lässt auch den Sport nicht unberührt. Russland ist der Protagonist in dieser Auseinandersetzung, kann aber in der nicht-westlichen Welt auf eine Menge schweigender Unterstützung bauen.

Es geht letztlich um die Zukunft der Olympiade und ähnlicher Veranstaltungen. Ausschlüsse und Boykott dienen nur den zentrifugalen Kräften, die überall am Werke sind. Auch in Deutschland glauben manche, man käme ohnehin nicht nur in der Politik, sondern auch im Sport viel besser ohne Russland aus. Was die Politik betrifft, gehört inzwischen auch die Türkei dazu. Der Kreis dieser Länder wird wachsen. Wollen wir als Westen auch weiter Einfluss auf den Gang der Dinge haben, dann stoßen wir Antagonisten wie Russland nicht vor den Kopf. Niemand lernt eine Lektion, wenn er zuvor sein Gesicht verloren hat. Erst recht nicht in (Eur)Asien. Das IOC unter dem Deutschen Thomas Bach hat mit seiner Entscheidung einer konditionierten russischen Teilnahme den unerlässlichen Pragmatismus an den Tag gelegt. Die großsprecherische Kritik daran ist so überflüssig wie ein Kropf.