Nanny-Journalismus: ARD-Moderatorin Anja Reschke polemisiert gegen Volksabstimmung zu TTIP

Wie das Schaf so braucht auch der gemeine Bürger Führung und Betreuung - so der selbst erteilte Auftrag vieler Mainstream-Journalisten
Wie das Schaf so braucht auch der gemeine Bürger Führung und Betreuung - so der selbst erteilte Auftrag vieler Mainstream-Journalisten
Ein ansehnliches Beispiel von Nanny-Journalismus liefert die ARD-Moderatorin Anja Reschke in einem aktuellen Videobeitrag. Darin agitiert die „Journalistin des Jahres 2015“ nach der Brexit-Klatsche gegen Volksabstimmungen und Referenden in Deutschland – insbesondere auch beim Thema TTIP. Ein Grund mehr, sich für direkte Demokratie einzusetzen.

Von Florian Hauschild

Nein, der deutsche Journalismus nimmt keine objektive Haltung zu den zentralen Fragen der Zeit ein. Lange und breit wurde bereits darüber debattiert, ob Journalismus frei von subjektiven Wertungen überhaupt möglich ist. Immerhin ist jeder Medienmacher auch ein Mensch mit eigenem Wertekonzept und einer spezifischen Weltsicht.

Weniger problematisch als die mangelnde Objektivität an sich ist im Falle deutscher Mainstreammedien daher die Tatsache, dass diese bei entsprechender Kritik fast schon autistisch darauf beharren, der Neutralität verpflichtet zu sein. Es wäre alles viel weniger skandalös, wenn deutsche Journalisten eingestehen würden, dass sie interessengeleitet handeln. Doch wem dienen die Schreiber und Reporter in Tageszeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien? Der Bundesregierung? Der NATO? Der Atlantik-Brücke? Konzerninteressen? Oft all diesen, doch die eigentlich ideologische Verhärtung im deutschen Politik-Medienwesen ist ganz anderer Natur: Meist handelt es sich einfach um Nanny-Journalismus.

Die Rede ist von Medienvertretern mit einer Nähe zum links-grünen Spektrum, wobei dieses mit ursprünglich linker Politik rein gar nichts mehr zu tun hat. Das Weltbild sieht im Grunde so aus: Kriege sind in Ordnung, solange dafür ein guter Grund genannt wird, „Menschenrechte“ zum Beispiel. Kritik an den Eliten ist per se „rechts“, das Volk ist dumm und gefährlich. Eigentlich darf man gar nicht Volk sagen. Das wäre völkisches Denken. Auch wieder Rechts. Man darf auch nicht Eliten sagen. Das ist „populistisch“.

Die wichtigsten Fragen, mit denen sich die Gesellschaft zu beschäftigen hat, sind hingegen korrekt gegenderte Straßennamen und der möglichst breitgefächerte öffentliche Betrieb von Unisex-Toiletten, auf denen sich auch das dritte, vierte, fünfte oder zehnte Geschlecht nicht diskriminiert fühlt, wenn es einmal unterwegs ist und seine Notdurft verrichten muss. Wenn jemand etwas „sexistisches“, „rassistisches“ oder „homophobes“ auf Facebook postet, ist dazu ein massiver Mediensturm auf allen Titelseiten völlig angemessen.

Wo

Im Grunde geht es Neulinken und ihren medialen Vertretern nicht um Informationsverbreitung und klassische journalistische Arbeit. Der selbst erteilte Auftrag ist vielmehr erzieherischer Natur. Man weiß natürlich alles besser und die anderen müssen vor ihresgleichen geschützt werden. Das einzige Bollwerk gegen die tumben Massen: Die erzieherisch tätige Journalistengilde mit „emanzipatorischem Bewusstsein“. Das erinnert schwer an die alternative Grundschullehrerin, die den Jungs in der Klasse das Fußball-Spielen auf dem Pausenhof verbietet, weil bei dem rabiaten Spiel Verletzungsgefahr drohe. Das Problem: Die Lehrerin weiß eigentlich nicht, wovon sie spricht, weil sie das Spiel nur vom Hörensagen kennt und einen Ball nie angefasst hat. Deswegen nimmt auch niemand in der Klasse die Lehrerin für voll.

Ganz so verhält es sich, wenn die Moderatorin der ARD-Sendung Panorama, Anja Reschke, in einem Videostatement auf Facebook nun über direkte Demokratie sinniert. Auslöser für Reschkes Statement ist natürlich der „Brexit-Schock“. Die Mehrheit sei ja so klein gewesen, dass das doch alles irgendwie gar nicht richtig zählt, beginnt die preisgekrönte Journalistin. Natürlich hätte es im Falle eines knapp gescheiterten Referendums von gleicher Stelle genießen: „Die Mehrheit hat entschieden, wenn auch knapp, das muss respektiert werden. Unsere demokratischen Grundwerte….usw. usf.“

Nun endete das Referendum allerdings mit einem klaren „Ja“ für einen EU-Austritt Großbritanniens und so liegt es für Reschke praktisch auf der Hand, dass die meisten Wähler eigentlich gar nicht wussten, wofür sie abgestimmt hatten. Angeführt für diese steile These wird die unbelegte Behauptung, dass einige Briten ihre Wahl nun bereuen würden. Eine Online-Petition, mit der deutsche Mainstreammedien diese Theorie in den vergangenen Tagen stützten, stellte sich allerdings längst als Fake und Internetgag heraus. Kein Wort davon bei Reschke.

Stattdessen die direkte Ableitung - verpackt in eine Frage - dass Volksabstimmungen eigentlich nicht der richtige Weg sind, wenn die Mehrheit der Bevölkerung andere Vorstellungen hat als die politische und mediale Elite. Nächster Sprung: TTIP. Das Volk ist doch viel zu uninformiert, um über ein derart komplexes Thema abzustimmen. „Man muss dazu tausende Dokumente gelesen haben“, so Reschke und fragt suggestiv: „Können Sie das?“

Kim Il Sung unterzeichnet für den Bremain - wie auch 23.000 seiner nordkoreanischen Landsleute. Quelle 4chan

Nein, das kann natürlich niemand, weil die TTIP-Verhandlungen streng geheim geführt werden und die besagten Dokumente vor dem kritischen Blick der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Genau aus diesem Grund lehnt die überwiegende Zahl der Bürger und Verbraucherschutzorganisationen im Übrigen das Freihandelsabkommen ab. Ohnehin: Wieso überhaupt noch wählen, wenn niemand die Parteiprogramme liest?

Ihren Beitrag lässt Reschke mit dem versöhnlich wirkenden Aufruf ausklingen, ihre Zuschauer sollten ihre Meinung zum Thema auf Facebook posten.

Solange Bürgerbeteiligung nicht über Kommentare in sozialen Medien hinausgeht, scheint diese also auch der ARD genehm zu sein. Warum nun der dumme Plebs genug Fachkenntnis haben soll, Reschkes Videostatement angemessen zu beurteilen, bleibt allerdings im Dunkeln.

Mit dem Wunsch, die Entscheidung über das Freihandelsabkommen TTIP den "Experten" zu überlassen, liegt Reschke im Übrigen ganz auf Linie mit dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Dieser forderte gestern, die nationalen Parlamente sollen von der Abstimmung über das fast baugleiche CETA ausgeschlossen werden. Auch hier fürchtet man Blockaden. Es gibt eine einfache Lösung für derartige Probleme: Die Diktatur. Nur sollte man das Kind dann auch beim Namen nennen.

Trends: # Medienkritik