75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion: Kanzleramt und Bellevue hüllen sich in Schweigen

Bundespräsident Joachim Gauck weilt zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion lieber in Rumänien und ehrt dort mit einer Kranzniederlegung ausgerechnet die Soldaten, die gemeinsam mit der Wehrmacht in die Sowjetunion einfielen.
Bundespräsident Joachim Gauck weilt zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion lieber in Rumänien und ehrt dort mit einer Kranzniederlegung ausgerechnet die Soldaten, die gemeinsam mit der Wehrmacht in die Sowjetunion einfielen.
Vor 75 Jahren entfesselte Hitler-Deutschland den blutigsten Feldzug in der Geschichte der Menschheit: Den Blitzkrieg gegen die Sowjetunion. Bis jetzt tut sich die deutsche Politik immer  noch schwer, sowjetische Opfer dieses Krieges zu würdigen. Dabei ist gemeinsames Gedenken der Schlüssel, um heutige Spannungen zu überwinden. Doch nicht alle haben ein Interesse daran - das lückenhafte Geschichtsbewusstsein ist ein Instrument, um den Konflikt mit dem vermeintlichen Gegner weiter anzuheizen.

von Wladislaw Sankin

In der Morgendämmerung des 22. Juni 1941 drangen deutsche Truppen samt ihren Verbündeten auf einer Frontlinie von über 2.000 Kilometern auf das Territorium der Sowjetunion vor. Ein beispiellos grausamer Krieg wurde entfesselt, dem auf sowjetischer Seite insgesamt 26,6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Davon fielen 8,7 Millonen auf den Schlachtfeldern und 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft[1]. Weitere 7,42 Millionen wurden auf dem okkupierten Territorium vorsätzlich vernichtet, über 4,1 Millionen starben durch die unmenschlichen Bedingungen des Besatzungsregimes, weitere 2,16 Millionen infolge von Deportation und Zwangsarbeit [2].

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, General Walter von Brauchitsch, General Franz Halder (von links nach rechts) beim Generalstabstreffen 1940, als Adolf Hitler die Direktive Nummer 21 zum Angriff gegen die Sowjetunion, Code-Name Barbarossa, unterzeichnete.

Diese barbarische Vernichtung war minutiös geplant und vorbereitet. Die Verluste der Sowjetunion waren das einzige Kriegsziel, das annähernd erreicht wurde. Noch Monate vor Kriegsbeginn rechnete man mit der „Dezimierung“ von mindestens 30 Millionen „Slawen“ in den eroberten Gebieten. [3]

Der Tatbestand eines Völkermordes ist heute, nach 75 Jahren, wissenschaftlich unbestritten, auch wenn der Völkermord in diesem Kontext meistens als „Vernichtung“ bezeichnet wird. [4] An Publikationen mangelt es nicht. Doch im Unterscheid zum Gedenken an den Holocaust, nahm die Erinnerung an dieses Verbrechen bis jetzt noch kaum Platz im bundesdeutschen Geschichtsbewusstsein ein. [5]

Die wenigen kritischen Stimmen, vornehmlich in der Berliner Presse, sprechen von erheblichen „Gedächtnislücken“ [6], „Sprachlosigkeit“ [7] oder gar „geschichtspolitischer Ignoranz und bodenloser Rohheit“[8]. Auch am heutigen Jahrestag, der in Russland seit dem Jahr 1996 den Namen  „Tag von Gedenken und Trauer“ trägt und überall im Land  mit zahlreichen Aktivitäten begangen wird, begnügt sich die deutsche Politik mit protokollarischen Ausweichmaßnahmen.

Dabei entsteht eine beklemmende Situation: Der Jahrestag wird mittlerweile sogar im landesweiten staatlichen Rundfunk thematisiert [9], aber kaum in den Sphären der Bundespolitik und ihrer Spitzenpolitiker. 

Der Startschuss für eine Überwindung dieser Ignoranz kann, wie es nach der Weizsäcker-Rede am 8. Mai 1985 der Fall war, nur von der Spitzenpolitik kommen, also auf Ebene des Kanzlers oder Bundespräsidenten. Doch scheinen beide Repräsentanten Deutschlands mit anderen Dingen beschäftigt und haben sich bisher kaum angemessen zu Wort gemeldet.

 „Am 13. November 1941 erklärte General Eduard Wagner, späterer Mitverschwörer des 20. Juli 1944, 'nichtarbeitende Kriegsgefangene' der Roten Armee 'haben zu verhungern', und fügte hinzu, 'es kann keinem Zweifel unterliegen, dass insbesondere Leningrad verhungern muss'.

Höchst fraglich, ob solche Tatsachen den sonst so wortreichen Bundespräsidenten Joachim Gauck dazu bewegen werden, am 22. Juni nach St. Petersburg-Leningrad zu reisen, um dort auf dem Piskarjowskoje-Friedhof der 470.000 russischen Hungertoten jeden Alters und Geschlechts zu gedenken und dort über die deutsche Schuld zu sprechen.“ [10]

Offener Brief von Stalingrad-Veteranen an Bundeskanzlerin Angela Merkel

So am 3. Mai 2016 der Historiker Götz Aly in seiner Kolumne in der „Berliner Zeitung“, als er vom Terminkalender des Bundespräsidenten [11] noch nichts wusste. 

 „Was tut unser Bundespräsident am 22. Juni, dem 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion? Er wird in Rumänien weilen – also in dem Staat, der am selben Tag vor 75 Jahren gemeinsam mit Deutschland in der Sowjetunion einfiel. Am Nachmittag des 22. Juni wird Joachim Gauck nach Bulgarien weiterreisen – zu jenem Ex-Verbündeten, mit dem die Wehrmacht 1941 Jugoslawien und Griechenland niedermachte. Dort wird er 'am Ehrendenkmal des Unbekannten Soldaten' einen Kranz niederlegen.

Die rumänischen Kriegskameraden von einst, darunter tausende Massenmörder, wird er bereits am 20. Juni am Bukarester Grabmal des Unbekannten Soldaten ehren. Die Terminierung der Reise, die Kranzroutinen zur falschen Zeit an falschen Orten zeigen bedenkliche Defizite an Geschichtsbewusstsein. Mit seinem Programm verletzt Gauck die Gefühle von Millionen Familien, deren Angehörige in der damaligen Sowjetunion dem deutschen Terror anheimfielen, in Zwangsarbeit und viele Notjahre getrieben und zu Millionen ermordet wurden“[12].

Mit diesen Worten fasst Aly in seiner Kolumne am 19. Juni seine Enttäuschung zusammen.

Wie bedeutend symbolische Gesten sein können und was sie bei den Politikern selbst bewirken können, hatte der deutsche Außenminister Steinmeier gezeigt, der am 7. Mai 2015, am Vorabend des „70. Siegertages über das faschistische Deutschland“, so der russische Duktus, in Wolgograd eintraf und gemeinsam mit seinem russischen Kollegen den deutsch-russischen Soldatenfriedhof besuchte.

Er war auch im Ehrensaal auf dem Mamajew-Hügel – der wichtigsten Gedenkstätte des Landes[13] und hinterließ dort seinen Eintrag in das „Goldene Buch“:

„Wir sind nicht allein in unserer Erinnerung. Russen und Deutschen können und sollen gemeinsam gedenken“

Ähnliche Worte fand er auch vor den Kriegsveteranen bei der Eröffnung des gemeinsamen deutsch-russischen Friedenskonzerts [14].

Die Bewohner von St. Petersburg hören der Erklärung vom Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion

Den Kameras blieb nicht verborgen, dass der Außenminister den ganzen Tag über, wie er es auch selbst zugab, „tief bewegt“ [15] war. Auch in diesem Jahr äußerte er wieder seine besondere Verbindung zur russischen, in diesem Sinne auch belarussischen, ukrainischen Erinnerungskultur im heutigen Artikel im „Kommersant“[16], einer der führenden russischen Zeitungen.

Ausgerechnet Steinmeier sorgte vor wenigen Tagen mit seiner NATO-Kritik in Deutschland für eine regelrechte mediale Entrüstung [17]. Manche Beobachter sahen darin gar eine neue parteipolitische Aufstellung der SPD [18]. Das mag sein. Aber stellen wir uns vor, er wäre im letzten Jahr der Gedenkfeier in Wolgograd ferngeblieben. Es ist durchaus zu bezweifeln, ob er ohne diese Erfahrung den nötigen Mut für seinen Coup aufgebracht hätte.

Der deutsche Außenminister, der mit den Russen gemeinsam des Leides gedenkt, das von deutschem Boden einmal ausging, würde schwerlich ein neues deutsches Truppenaufgebot entlang der russischen Grenze akzeptieren. Der Mensch Steinmeier siegte für einen Tag über den Außenminister eines NATO-Staates.

Deutsche Spitzenpolitiker wissen, welche Kraft solche symbolische Gesten gerade an Gedenkorten auf die Beteiligten ausüben. Sie wollen aber keinen Wandel. Deswegen bleiben sie so vehement Gedenkorten östlich der polnischen Grenze fern, wenn sie dadurch ihre machtpolitische Position gefährdet sehen [19]. „Härte zeigen“- sollte um jeden Preis der vermeintlichen „Russlandnähe“ nicht weichen. Politiker siegt dann über Mensch. 

Die im Krieg hart umkämpfte Krim war insgesamt mehr als zwei Jahre in deutscher Hand. Auf der Halbinsel agierten mehr als 200 Partisanenverbände. Zur Bestrafung der gefangenen Kämpfer und zur Abschreckung der zivilen Bevölkerung wurden dort mehrere Konzentrationslager errichtet. Im größten dieser Lager „Krasny“ bei Simferopol, wurden bis zu 15.000 Menschen auf grausame Weise ermordet, darunter zahlreiche Frauen und Kinder.

Die neu eröffnete Gedenkstätte [20] auf dem ehemaligen Lagergelände wartet nun auf hohe deutsche Besucher. Über Herz und Seele ist oft mehr zu erreichen, als über zähe Verhandlungen. So möchte man am Tag von Gedenken und Trauer hoffen.    

Fußnoten:

[1] http://www.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/geschichte/auslaendisch/russlandfeldzug/

[2]  http://ria.ru/spravka/20160622/1449289486.html 

[3]https://www.jungewelt.de/2016/03-31/050.php 

[4] http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/229431/unternehmen-barbarossa

[5] http://www.bpb.de/apuz/59643/22-juni-1941-kriegserinnerung-in-deutschland-und-russland?p=all#footnodeid_12-12

[6] http://www.tagesspiegel.de/politik/unternehmen-barbarossa-im-zweiten-weltkrieg-deutsche-erinnerungskultur-hat-gravierende-luecken/13760010.html

[7] http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/229431/unternehmen-barbarossa

[8] http://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/goetz-aly-75-jahre-deutscher-vernichtungskrieg-23994906

[9]http://www.heute.de/75-jahre-nach-russland-feldzug-politiker-fordern-offizielles-gedenken-44065394.html

[10] http://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/goetz-aly-75-jahre-deutscher-vernichtungskrieg-23994906

[11]http://www.spiegel.de/politik/ausland/joachim-gauck-in-rumaenien-von-wegen-auslaufmodell-a-1098806.html 

[12] http://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/goetz-aly-der-krieg-gegen-die-sowjetunion-iv-24255936

[13]  https://www.youtube.com/watch?v=b8i20vtQs3s 

[14]https://www.youtube.com/watch?v=zqRMqhgvGtY 

[15]http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Aktuelle_Artikel/RussischeFoederation/150507_BM_Wolgograd_Gedenken.html

[16]http://www.kommersant.ru/doc/3018829

[17] https://deutsch.rt.com/inland/39014-mainstream-presseschau-nach-steinmeiers-kritik/

[18]https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/steinmeier-ungewohnt-laut 

[19] https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/betrogenes-vertrauen

[20] http://de.sputniknews.com/panorama/20150508/302241768.html