EM 2016: Wie faschistische kroatische "Hools" trotz Warnungen unbehelligt in die Stadien gelangen

EM 2016: Wie faschistische kroatische "Hools" trotz Warnungen unbehelligt in die Stadien gelangen
Beim EM-Spiel Kroatien gegen Tschechien hat eine Gruppe kroatischer "Hooligans" mit gezielten Ausschreitungen bewusst den Abbruch des Spiels provoziert. RT Deutsch-Gastautor Zlatko Percinic enthüllt, dass es sich bei diesem Zwischenfall um einen minutiös geplanten Anschlag mit de jure "terroristischem Charakter" handelte, den Paris jedoch trotz wiederholter Warnungen aus Zagreb nicht verhinderte. Für das heutige Spiel gegen Spanien soll es ähnliche Pläne geben.

von Zlatko Percinic

Fußball ist gerade für uns in der Diaspora lebende Kroaten wichtig: es sind diese zwei Wochen während der Vorrunde eines solchen Turniers wie die Europa- oder Weltmeisterschaft, die uns in unserer zweiten Heimat daran erinnert, dass es "uns" überhaupt noch gibt. Die Wenigsten von uns, die jetzt in der Vorrunde in Sydney, Toronto, Buenos Aires, Santiago de Chile, Chicago, München oder Zürich die berühmten Trikots mit den rot-weißen Quadraten tragen, haben die Qualifikationsspiele der Vatreni (zu Deutsch: die Feurigen) verfolgt. Und es wird nicht Wenige geben, die heute mit solch einem Trikot anzutreffen sind, sich ansonsten aber überhaupt nicht für Fußball interessieren.

Aber in diesen zwei Wochen der Vorrundenspiele, denken und fühlen wir alle das Gleiche und hoffen inbrünstig auf ein Weiterkommen. Nicht nur des Spiels oder des Sieges wegen, sondern damit wir alle noch ein paar Tage länger dieses "Wir-Gefühl" erleben und genießen dürfen. Ist das Turnier erstmal zu Ende, verliert sich dieses Gefühl genau so schnell, wie es gekommen ist und der Alltag übernimmt wieder. Bis es hoffentlich in zwei Jahren erneut wieder eine Gelegenheit gibt, unsere Trikots aus dem Schrank zu holen.

Dass es bei solchen Turnieren also um mehr als den sportlichen Erfolg geht, wissen auch unsere Vatreni nur zu gut. Nicht, dass sie es der "goldenen Generation" um Davor Šuker & Co nicht gleichtun möchten, die ebenfalls in Frankreich vor 18 Jahren bei der Weltmeisterschaft den dritten Platz erreichten. Nebenbei haben sie auch noch die Aufgabe, das kroatische Volk für ein paar Wochen in sich zu einen. 

So saßen Millionen Kroaten auf der ganzen Welt und im kleinen Kroatien selbst am Abend des 17. Juni 2016 vor dem Fernseher, bei den zahlreichen Public Viewings oder eben im Stadion im französischen St. Etienne, und schauten sich das Spiel Kroatien gegen Tschechien an. Und was für ein Spiel das war! Bis zur Auswechslung unseres kleinen Superstars Luka Modrić in der 62. Minute war es eine überwältigende Vorstellung der Vatreni. Die Unsicherheit in der Mannschaft nach dessen Auswechslung sollte Vorbote eines noch größeren Dramas werden, das in der 85. Minute folgte.

Plötzlich fielen aus der kroatischen Fankurve Pyrofackeln aufs Spielfeld, die das Spiel zu einer kurzen Unterbrechung zwangen. "Schon wieder diese Idioten", brach es aus uns Zuschauern nahezu gleichzeitig heraus. Leider gehören Bengalofeuer schon fast zum kroatischen Spiel dazu, da es immer wieder diese Ewiggestrigen schaffen, diese ins Stadion zu schmuggeln. Sie besudeln mit solchen Aktionen immer wieder die ansonsten sehr gute Atmosphäre der Spiele und machen sich nicht zuletzt lächerlich vor den Zuschauern. 

Doch dieses Mal wurden nicht "nur" Bengalos in den eigenen Reihen abgefackelt, sondern eben auch aufs Spielfeld geworfen. Das hatte eine neue Qualität erreicht! Damit nicht genug. Als Feuerwehrmänner anrückten, um die brennenden Fackeln vom Rasen zu entfernen und zu löschen, wurden sie willentlich mit ziemlich großen Petarden beworfen. Bei einer der Explosionen verletzte sich sogar ein Feuerwehrmann (leider ist zu seinem Zustand nicht mehr bekannt). Schließlich entbrannte eine heftige Prügelei aus dem Flügel, aus welchem die Pyrofackeln und Petarden geworfen wurden. Als "Schlägerei unter Fans" wurde es in Medien berichtet, als ob nicht bereits genug Schande angerichtet wurde! Nicht nur, dass das Spiel am Ende unentschieden ausging, es war gefühlt eine Niederlage. Mit dieser Aktion haben diese "Fans" nicht nur der eigenen Mannschaft geschadet, sondern auch dem ganzen Spiel, den Zuschauern im Stadion und ihrem Land selbst.

Geplanter Angriff

Schnell wurden diese Randalierer als "kroatische Hooligans" bezeichnet, von denen es in der Tat mehr als genug gibt. Doch wie sich immer mehr herauskristallisiert, waren es keine Hooligans. Laut Definition sind Hooligans „meist im Gruppenverband auftretende Jugendliche, dessen Verhalten von Randalen und gewalttätigen Übergriffen bei öffentlichen Veranstaltungen (z.B. Fußballspielen) gekennzeichnet ist“. 

Wie sich jetzt herausgestellt hat, wurde dieser Angriff von langer Hand geplant. Eine große Rolle spielt nach wie vor Europas ältester Fanclub Torcida Split, der eine prominente Rolle in der europäischen Ultraszene einnimmt und nahezu faschistische Grundelementie wie Führerschaft, Ultranationalismus und zum Teil auch Rechtsradikalismus befürwortet. Sie kündigten über die sozialen Netzwerke an, dieses Spiel zwischen Kroatien und Tschechien "stören" zu wollen und nach Möglichkeit eine Spielunterbrechung zu provozieren. 

In diesem Facebook Eintrag wird angegeben, dass sich die Fackeln unterhalb der Osttribüne, Eingang F, Reihe 3, Sitz 24 befinden.
In diesem Facebook Eintrag wird angegeben, dass sich die Fackeln unterhalb der Osttribüne, Eingang F, Reihe 3, Sitz 24 befinden.

Diese Karte erschien zwei Stunden vor Spielbeginn auf der Facebook-Seite von Torcida Split und weiteren Netzwerken, die einen, wenn auch kruden, aber dennoch detaillierten Plan für die Angriffe auf das Spiel im Stadion Geoffroy-Guichard in St. Etienne zeigt. Wie man unschwer auf der Karte erkennen kann, war ein viel größeres Chaos geplant als das, was schließlich tatsächlich durchgeführt wurde. 

Insider aus dem Torcida-Umfeld haben die kroatische Polizei bereits Mitte April über diesen Plan informiert und Innenminister Vlaho Orepic bestätigte am Samstag bei einer Pressekonferenz, dass die französischen Sicherheitsbehörden am 30. April 2016 über das Risiko zu diesem spezifischen Spiel in Kenntnis gesetzt wurden. Seitdem wurde ihnen auch eine Liste von mindestens 326 Personen zugesandt, die als "potenzielles Risiko" eingestuft wurden. Desweiteren entsandte die kroatische Polizei auch ein "Beratungsteam" zur EURO 2016, um mit den französischen Behörden und Stadionbetreibern dieses Risiko möglichst zu minimieren. Seit Dienstag gingen immer wieder Warnungen bei den französischen Behörden ein und am Freitagmorgen, dem Spieltag zwischen Kroatien und Tschechien, informierte dieses Team die französische Polizei und den Stadionsdirektor über die Facebook-Einträge und deren konkrete Angaben. Ein kleiner Teil der Torcida-Anhänger wurde am selben Tag bereits an der kroatischen Grenze zu Slowenien gestoppt, bei denen jeweils eine große Menge an Pyrofackeln gefunden wurde.

Was allerdings im Nachhinein als völlig unverständlich erscheint, ist die Tatsache, dass die Polizei in St. Etienne einen Kombi aus Kroatien gestoppt hat, bei dem man ebenfalls Pyrofackeln und Teleskopwerfer fand und die Personen trotzdem weiterfahren lassen hat. Wie Innenminister Orepic weiter mitteilte, entschied der Stadiondirektor entgegen der Einwände des kroatischen Teams, 25 Personen, die man anhand der personalisierten Eintrittskarten und der Facebookeinträge in Verbindung bringen konnte, ins Stadion zu lassen. 

Andy Mitten, Sportjournalist für den britischen BBC, war live bei dem Spiel dabei und saß mitten im kroatischen Fanblock, als in der 85. Spielminute der minutiös geplante Angriff startete. Das waren seine Worte nach dem Spiel:

"Das Team spielte wirklich gut, alles war gut, die Leute um mich herum waren glücklich, aber dann bemerkte ich, wie sich eine große Linie von Polizisten und Soldaten vor dem kroatischen Block aufbaute. Es wurde klar, dass sie wussten, dass irgendetwas geschehen wird und es passierte auch was. Ich sah Kämpfe. Es war schrecklich mit anzusehen."

Auch der Sicherheitsbeauftragte des kroatischen Fußballverbands (HNS) Miroslav Marković gab nach dem Spiel bekannt, dass man über die Pläne des Angriffs in der 85. Minute im Vorfeld wusste. 

Als den echten kroatischen Fans bewusst wurde, was gerade passiert ist, griffen sie rund ein Dutzend Männer an, die ihnen nach ihren Aussagen schon während des Spiels aufgefallen sind. Sie hätten das ganze Spiel hindurch nur getuschelt und sich nicht auf das Spiel konzentriert, waren nicht mit irgendwelchen Fantrikots ausgestattet und trugen alle graue oder schwarze Kapuzenpullover. Kurz vor dem Angriff zogen sie sich die Kapuzen über den Kopf und wirkten recht nervös. Der allererste Wurf einer Pyrofackel erfolgte von einem maskierten Mann im kroatischen Trikot.

Wenn also alle wussten, dass so ein Angriff bevorsteht, stellen sich einem viele unbequeme Fragen. Wie konnte dieser Plan in Frankreich, wo seit November letzten Jahres der Ausnahmezustand herrscht, in die Tat umgesetzt werden? Wieso versäumte es die kroatische Polizei und das Innenministerium, die 326 Personen, die auf der Liste standen, die man den Franzosen übermittelt hat, an der Ausreise aus Kroatien zu hindern? Wieso gestattete der Direktor des Stadions Geoffroy-Guichard in St. Etienne gegen die ausdrücklichen Einwände des kroatischen Polizeiteams vor Ort den Einlass der 25 Personen zum Spiel? Wieso wurden die Insassen des kontrollierten Fahrzeugs in St. Etienne nicht zu einem Verhör festgesetzt, obwohl man bei ihnen verbotene pyrotechnische Produkte fand? Wieso wurden keine persönlichen Kontrollen beim Eingang durchgeführt, obwohl es personalisierte Tickets gibt? Wieso gibt es überhaupt in einem Land, das sich offiziell seit sieben Monaten im Ausnahmezustand befindet und in dem man Angst vor einem Terrorangriff hat, so lasche Eingangskontrollen die ihren Namen nicht verdienen?

Weiterhin kommt dazu, dass eine gewisse Anzahl von Eintrittskarten durch den französischen Fanclub des AS Saint-Etienne erworben wurde und den kroatischen Angreifern zur Verfügung gestellt wurden, um eine Identifikation zu umgehen. Ihnen sollen nach Zeitungsangaben sogar die Reisekosten nach Frankreich bezahlt worden sein. 

Diese Fakten zusammengenommen, entsprechen der Definition von Terrorismus. Denn das operative Ziel der Angreifer war es, das Spiel so sehr ins Chaos zu stürzen, dass es ganz unterbrochen wird. Das übergeordnete Ziel ist aber ein anderes: die Suspendierung der kroatischen Nationalmannschaft von der EURO 2016. Damit möchte Torcida und andere sogenannte "Fanclubs", die sich in einem regelrechten Krieg mit dem kroatischen Fußballverband HNS befinden, dem man massive Korruption vorwirft, welche sich bis in die kroatische Regierung hinein erstrecken soll, den Druck maximal erhöhen. Dabei spielen auch andere Miseren in Kroatien eine zentale Rolle, wie die hohe Arbeitslosigkeit, politische Inkompetenz und die Verarmung der Landbevölkerung. Diese gut organisierten "Fanclubs" - und eine ominöse Gruppierung, die sich "Iza gola" (hinter dem Tor) nennt und die Verantwortung für den Hakenkreuz-Skandal vor dem EM-Qualifikationsspiel Kroatien gegen Italien übernommen hat  - erhoffen sich, durch solche Skandale einen internationalen Ausschluss der Nationalmannschaft zu erzielen und damit natürlich das öffentliche Bild Kroatiens zu besudeln. Rassistische Beleidigungen und Übergriffe, alte faschistische Parolen und Ustascha-Fahnen dienen dabei genauso diesem Zweck.

Für das nächste Spiel am Dienstagabend gegen Spanien in Bordeaux soll es ähnliche Pläne geben wie für St. Etienne. Innenminister Vlaho Orepić hat der französischen Regierung indes angeboten, eine Spezialeinheit der kroatischen Polizei nach Bordeaux zu entsenden, um sich selbst um mögliche Angreifer zu kümmern. Doch die Regierung von Francois Hollande lehnte dieses Angebot mit der Begründung ab, man hätte alles im Griff. 

Für die Zuschauer im Stadion, für die Spieler beider Länder, aber auch für uns Auslandskroaten, bleibt es zu hoffen, dass die Franzosen tatsächlich alles im Griff haben. Wir möchten nämlich daran glauben, dass es dieses "uns" weiterhin geben wird und wir stolz darauf sein dürfen, auch wenn es diese "Terroristen", wie sie Kroatiens Nationaltrainer nennt, am Freitagabend dieses unsichtbare Band stark erschüttert haben.

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