Michael Bays "13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" – Eine Filmkritik

Michael Bays "13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" – Eine Filmkritik
Hollywood ist berühmt für seine actiongeladenen Heldengeschichten. Immer wieder dienen den Drehbuchautoren dabei reale Ereignisse als Vorlage. In '13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi' von Michael Bay dient der Anschlag auf das US-Konsulat im libyischen Bengasi von 2012 als Inspiration. RT Deutsch-Gastautor Timo Kirez hat sich den Streifen angeschaut und über dieses Kinovergnügen der anderen Art eine Kritik verfasst.

Ein Gastbeitrag von Timo Kirez

Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de - CC BY-SA 3.0 de

In der Regel geht niemand freiwillig ins Kino um zu leiden. Das macht man eigentlich nur noch fürs Theater. Wenn überhaupt. Doch manchmal lohnt es sich doch, Zeit und Geld in einen masochistischen Kinobesuch zu investieren, wohl wissend, dass man sich für zwei Stunden, oder länger, ziemlich mies fühlen wird.

Zugegeben, das klingt jetzt ein wenig pervers, hat aber mit dem sehr interessanten Dokumentarfilm "The Pervert's Guide to Ideology" von Sophie Fiennes aus dem Jahr 2012 zu tun. Der Vorgänger von 2006, "The Pertvert's Guide to Cinema" ist übrigens nicht weniger empfehlenswert. In diesem kurzweiligen und intelligenten Dokumentarfilm beleuchtet der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek das Phänomen Kino aus der Sicht eines Psychoanalytikers Lacanscher Prägung. Žižek ist der Ansicht, dass Filme uns am besten zeigen, "wo wir ideologisch stehen." Und darüber hinaus mag er "stupide Helden" lieber, da diese "der schwierigen Politik viel besser entsprechen."

Ein besserer Übergang zum eigentlichen Thema, dem Film "13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" von Michael Bay, lässt sich nur schwer finden. Leider läuft der Film nicht mehr in den deutschen Kinos, doch wer gerne zuhause, auf der gemütlichen Couch eine SM-Session einlegen möchte, die DVD ist seit kurzem im Handel erhältlich. Kurz zum Inhalt: Es geht um den Anschlag auf das US-amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi am 11. September 2012, bei dem es vier Tote gab, darunter den damaligen US-amerikanischen Botschafter J. Christopher Stevens.

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Nach der Erstürmung des Konsulats, kam es noch in derselben Nacht zu einem weiteren Angriff, diesmal auf die geheime CIA-Basis in Bengasi, die schlussendlich evakuiert werden musste. Der Film schildert die aussichtslose Abwehrschlacht der sechs Mann starken, beziehungsweise schwachen, Kampftruppe Global Response Staff, einer der CIA unterstellten Sondereinheit.

Man könnte von einem handwerklich perfekt gemachten Actionfilm sprechen, und es dabei bewenden lassen. Zumal Michael Bay selbst davon sprach, "einen apolitischen Film" gemacht zu haben. Wobei das ein wenig an die augenzwinkernde Rechtfertigung von Bordelbesuchern erinnert, dort nur "soziologische Studien" zu betreiben. Nein, dieser Film ist natürlich ganz und gar nicht apolitisch. Er kann es bei diesem Thema auch gar nicht sein. Das fängt schon mit der Einblendung "This is a true story", ganz zu Beginn des Films, an. Denn es gibt auch heute noch durchaus verschiedene Ansichten, was genau dort passiert ist, und wie es passiert ist.

Der Film zieht einen Großteil seiner Dramaturgie aus der Behauptung, dass der damalige CIA-Chef in Bengasi, im Film nur "Bob" genannt, das Ausrücken der Global Response Staff im Augenblick des Anschlags auf das Konsulat untersagt haben soll. Im echten Leben, hat genau dieser "Bob" diese Darstellung dementiert und in einem Statement darauf hingewiesen, dass es eine sogenannte "stand-down-order" nie gegeben hat.

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In dieser Hinsicht ist der Regisseur Michael Bay übrigens ein Wiederholungstäter. In seiner gleichnamigen Verfilmung des japanischen Angriffs auf Pearl Harbour, aus dem Jahre 2001, wimmelt es nur so von historischen Ungenauigkeiten. Und zwar so sehr, dass es den Historiker Lawrence H. Suid zu der recht harschen Aussage verleitete:

"Der Film ist so schlecht, dass man nicht viel über Geschichte wissen muss, um seine Absurdität zu erkennen. Nur wer gar nichts weiß, wird ihn für geschichtstreu halten. Und das ist ein Teil des Problems."

Doch die mangelnde Geschichtstreue von "13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" ist gar nicht das verstörendste an diesem Film. Auch nicht die Tatsache, dass sich der Film in keiner Szene um den politischen Kontext, die vorausgehende Bombardierung Libyens, oder den darauf folgenden Bürgerkrieg schert. Nein, das wirklich verstörende und abstoßende an diesem Film ist die Art und Weise, wie die amerikanischen Kämpfer von der Global Response Staff heroisiert und stilisiert werden.

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Wer sich noch an "Rambo" und die 1980er Jahre erinnern kann, wird, mit etwas gutem Willen, sagen können, dass selbst Sylvester Stallone seine Rambo-Figur, als eine zumindest in Teilen gebrochene und widersprüchliche Figur angelegt hat. Dass es trotzdem dafür gereicht hat, um den Namen Rambo für alle Ewigkeit als Synonym für rücksichtsloses Vorgehen zu etablieren, spricht für die ungeheure Wirkung des Films.

Doch wer in "13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi" nach Nuancen von Reflektion, oder auch nur ein wenig inneren Konflikten bei den Protagonisten sucht, hat größere Chancen, eine Hegel-Gesamtausgabe unter dem Tresen des Ballermann 6 zu finden.

Mit der Subtilität einer Arschbombe im überfüllten Schwimmbecken versucht uns Michael Bay seine Protagonisten als unbeugsame, übermenschliche Helden zu verkaufen. Alles coole, smarte Typen, zielgerichtet und hart wie der polierte Lauf eines M60-Maschinengewehrs. Natürlich hätten diese Supermänner den Botschafter retten können, wenn man sie denn gelassen hätte. Bei jeder Niederlage sind natürlich immer die Bürokratenärsche in Washington Schuld. So wie jeden Samstag auch die Schiedsrichter in der Bundesliga.

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Der mehr als deutlichen Hinweis auf das Unvermögen der Bürokraten im Film, wurde übrigens von einigen amerikanischen Medien als verkappte Spitze gegen Hillary Clinton interpretiert, die damals während des Anschlags Außenministerin der USA war. Es ist schließlich Wahljahr in Amerika. Doch zurück zur Finesse dieses Films, die sich unter anderem in Sprüchen der Protagonisten über die Einheimischen, wie zum Beispiel "They are all bad guys, until they are not", ausdrückt, was einen natürlich an die alte amerikanische Faustformel denken lässt: "Nur tote Indianer, sind gute Indianer."

Während des schmachvollen Abzugs lässt ein US-Kämpfer einen alliierten Libyer noch schnell wissen: "Your country's gotta figure this shit out", vielleicht der beste Satz in der jüngeren Filmgeschichte, der die amerikanische Interventionspolitik mit anschließendem Chaos perfekt zusammenfasst. Ja, das sind ganz andere Helden, als die auf Facebook, die einen Fisch vorm Ertrinken retten. Überhaupt scheinen Helden wieder Konjunktur zu haben, wenn man sich die unzähligen Superhelden-Verfilmungen der letzten Zeit so anschaut.

Nur leider ist das Bedürfnis nach Helden noch nie ein gutes Zeichen gewesen. Als sich Galileo Galilei in Bertolt Brechts Stück "Das Leben des Galilei" der Inquisition beugt, sagt einer seiner Schüler "Unglücklich das Land, das keine Helden hat!" Die Antwort von Galilei lautet "Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!" In diesem Sinne leben wir vielleicht in sehr unglücklichen Zeiten.

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