Migration: Deutschland ist kein afghanisches Sommermärchen

Migration: Deutschland ist kein afghanisches Sommermärchen
Shakib Mohsanyar gründete die Kampagne „Afghanistan braucht dich”. Im Interview mit RT Deutsch spricht der Afghane über Gründe, das Land zu verlassen und die Rolle von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit seiner Kampagne will er dazu beitragen, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben.

von Olga Banach

Im vergangen Jahr sind laut dem Bericht der Friedrich Ebert Stiftung 213.000 Afghanen nach Europa gekommen. Die Stiftung legte unter dem Titel „Warum und wie afghanische Familien das Land verlassen“ einen Bericht zur Auswanderung aus den nordasiatischen Land vor.

Über einen Zeitraum von 30 Jahren hielt Afghanistan den Weltrekord in Flüchtlingszahlen. Auch wenn Syrien dem Land inzwischen den Rang abgelaufen hat, findet dieser Exodus aus dem seit Jahrzehnten unter Kriegen leidenden Land weiter statt.

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, gründete Shakib Mohsanyar die Kampagne „Afghanistan braucht dich”. Die Kampagne versucht, junge Afghanen davon abzuhalten, ihr Land zu verlassen. Die Initiative begann im Jahr 2015 mit jungen Afghanen, die sich mit einem Schild „Afghanistan Needs You“ ablichten ließen.

Rasch verbreiteten sich die Bilder über die sozialen Netzwerke. Shakib Mohsanyar ist Jung-Unternehmer. Er ist stolz darauf, dass seine Familie immer an ihrem Heimatland festgehalten hat. Jüngst wurde er mit dem „Emerging Young Leaders Award“ in den USA ausgezeichnet. 

Ist es nicht naiv, zu glauben, dass ein paar Bilder die jungen Afghanen an der Flucht hindern?

So hat es begonnen. Es ist jetzt viel mehr. Wir hatten jüngst eine Konferenz verschiedenster afghanischer Gruppen, um die Probleme in Afghanistan und Lösungen zu diskutieren. Außerdem haben wir gerade eine Umfrage in Kabul unter Angehörigen der Mittelschicht abgeschlossen, um mehr über die Gründe und Bedürfnisse der jungen Generation herauszufinden. Die Umfrage wollen wir auf weitere Landesteile ausweiten. Ich arbeite nun auch für die Regierung im Bereich Innovationen.

Was sind die Hauptgründe für junge Afghanen, das Land zu verlassen?

Im Jahr 2015 wurde die neue Regierung eingesetzt. Es gab viele Versprechungen, vor allem gegenüber der jungen Generation. Die Hoffnungen wurden bald enttäuscht. Dies ist ein Grund. Ein zweiter Grund sind die ausländischen Militärs, die das Land verlassen haben. Viele Afghanen wurden dadurch arbeitslos. Dann gibt es natürlich das Sicherheitsproblem. In fünf bis zehn Provinzen regieren die Taliban. Tagtäglich gibt es Kämpfe.

Bis 2001 verließen die Menschen das Land aufgrund des Bürgerkriegs. Im Jahr 2002 ging der Trend zurück und viele Afghanen, die in den Iran oder nach Pakistan geflüchtet sind, kamen wieder in ihre Heimat. Aber im Sommer 2015 nahmen die Flüchtlingszahlen wieder zu. 

Was hat sich durch die Kampagne verändert?

Ich sehe täglich die Menschen, die sich anstellen, um einen Pass zu beantragen. Jetzt, nachdem die Kampagne Fahrt aufgenommen hat und wir mehr Unterstützung für unsere Projekte in Bildung und Arbeit erhalten, sind es weniger. Statt 2.000 Pässen pro Tag sind es nun nur noch 100. Wir haben gute Unterstützung von der afghanischen First Lady und Investoren erhalten.

Was hat die Massenflucht junger Menschen begünstigt?

Zum einen der Abzug des Militärs, aber auch kurzfristige, ausländische Programme, die mit den Wahlen eingestellt wurden.

Auch der Ruf Merkels? Das deutsche Sommermärchen einer Willkommenskultur?

Sicher hat dies dazu beigetragen. Frau Merkel sollte nun Verantwortung für die Afghanen übernehmen, die nach Deutschland gekommen sind.

In Deutschland wird viel diskutiert, ob die afghanischen Flüchtlinge zurückgeschickt werden sollten oder nicht. Im Jahr 2016 haben bereits 30.000 Afghanen Asyl in Deutschland beantragt. Innenminister De Maizière hat auf seiner Reise im Februar dieses Jahres nach Afghanistan verlauten lassen, dass es in Afghanistan sichere Orte gibt, an denen es sich leben lässt.

Zuvor hat die deutsche Regierung leichter Visa für diejenigen ausgestellt, die für die Deutschen in Afghanistan tätig waren. Er sagte wörtlich: „Wenn jemand, der mit sehr viel Geld der westlichen Weltgemeinschaft zum ersten Mal seit vielen Jahren eine gute Ausbildung bekommen hat, seine Heimat verlässt, dann ist es auch ein Verrat an der Zukunft Afghanistans."

Die Menschen, die Afghanistan verlassen haben, haben alles verkauft. Die Eltern der jungen Männer, die zurückbleiben, glauben, dass sie bald ihren Söhnen folgen können und dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Das afghanische Außenministerium lehnt es ab, diese Menschen wieder aufzunehmen. Und wozu sollen diese Menschen zurückkehren? Die Rückkehrer stellen eine sehr große Gefahr für uns dar.

Sie könnten sich dem IS anschließen. Dies ist eine Krise in Kabul. Ich stimme De Maizière nicht zu. Afghanistan ist ein Konfliktgebiet. Menschen, die in Gefahr sind, sollten in ein anderes Land gebracht werden. Es gibt verschiedene Arten der Auswanderung. Sicherheit ist ein großes Problem. Der Einzelfall muss hier geprüft und das Risiko für den Betroffenen abgewogen werden.

Denken sie selbst an Auswanderung aufgrund ihrer Sicherheitslage?

Nein. Als ich meine Auszeichnung in den USA erhalten habe, habe ich mir gesagt, dass ich diese Anerkennung für mein Land und die jungen Menschen bekomme. Meine Familie hat noch nie das Land verlassen. Ich werde für ein stabiles Afghanistan und ein besseres Morgen arbeiten. Sie wollten meinen Bruder und mich entführen.

Ich habe zwei Arten von Feinden: die Taliban und die Menschenschmuggler. Ich erhalte Morddrohungen. Ich versuche, meine Familie und mich weitestgehend zu schützen, wir haben um einen Wachschutz gebeten und planen einen Umzug in einen anderen Teil der Stadt.

Ich bewege mich möglichst wenig in der Stadt. Vorher war ich oft mit Freunden aus und hatte ein Sozialleben. Jetzt gehe ich nach der Arbeit heim.

Die deutsche Regierung investiert im Jahr 430 Millionen Euro in Afghanistan.

Ich wüsste nicht, in welche wirkungsvollen Projekte dieses Geld fließt. Wir brauchen Langzeitprojekte. Aber wir haben die bevorstehende Brüssel-Konferenz im Bezug auf Afghanistan und ein Elektrizitätsprojekt. Dies lässt hoffen. Das Elektrizitätsprojekt wird durch die Asiatische Entwicklungsbank gefördert und soll Strom von Turkmenistan nach Afghanistan befördern. Das ist vielversprechend, hat aber im Mai zu Protesten unter der Minderheit der Hazara geführt, die sich durch die geplante Route benachteiligt fühlen.

Was wünschen sie sich in der ausländischen Presse über Afghanistan zu lesen?

Ich wünsche mir positive Berichte. Mein Ziel ist es, auch ein anderes Bild von Afghanistan zu zeigen.

Herr Shakib Mohsanyar, vielen Dank für das Gespräch. 

Weiterführende Links

Afghanistan Needs You-Kampagne

Brüssel Konferenz zu Afghanistan