Blockchain: Eine Technologie will die Welt verändern

Das Ethereum-Logo vor Zeilen des Programmcodes: Viel heiße Luft oder das nächste große Ding?
Das Ethereum-Logo vor Zeilen des Programmcodes: Viel heiße Luft oder das nächste große Ding?
Die Kryptowährung Bitcoin ist vielen Menschen bereits ein Begriff. Weitaus weniger bekannt ist allerdings, was die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin basiert, noch so alles kann. Seit der Entwicklung von Ethereum überschlagen sich die Ereignisse. Nun erblickte mit „The DAO“ das erste Unternehmen, das nur im virtuellen Raum existiert, das Licht der Welt. Das dazugehörige Crowdfunding, bei dem über 130 Millionen Dollar gesammelt wurden, ist das erfolgreichste in der Geschichte des Internets.

Von Florian Hauschild

Am Anfang war der Bitcoin. 2009 kurz nachdem die letzte große Finanzkrise die Welt erschütterte, wuchs das Interesse an alternativen Geldsystemen schlagartig. Die kryptographische Währung Bitcoin basiert in ihrem Prinzip auf BitTorrent, einem dezentralen System für den Austausch von Dateien. Schon diese Technologie bereitete den großen Rechteinhabern von Musiktiteln und Filmen Kopfzerbrechen. Die zusammengeschlossenen Rechner bilden zusammen eine Art Supercomputer, auf dem der Dateitransfer ohne das Zutun einer Zentralgewalt organisiert wird. Das Ganze ist dabei mehr als die Summe seiner Teile. Fällt eine Komponente weg, bleibt das Netzwerk dennoch intakt.

Satochi Nakamoto – bis heute weiß niemand, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt – ging noch einen Schritt weiter. Mit Bitcoin wurde die sogenannte Blockchain in die Welt gesetzt, das Herzstück der Bitcoin-Technologie und in Tech-Kreisen das, was man „das nächste große Ding“ nennt. Zahlreiche Industrien interessieren sich mittlerweile für die Blockchain-Technologie, längst nicht mehr nur noch der Bankensektor.

Geht es nach den Fans der Erfindung, dann kann und soll die Blockchain gleich die ganze Welt revolutionieren, von der Warenlogistik bis hin zur politischen Entscheidungsfindung sollen die Codezeilen zur Software einer vollends automatisierten und digitalisierten Welt werden. Am vergangenen Wochenende wurde möglicherweise ein bedeutender Schritt in diese Richtung unternommen. Nach einmonatigem Crowdfunding hat das Projekt The DAO (Die Dezentrale Autonome Organisation) die Rekordsumme von umgerechnet 132 Millionen Dollar Investmentkapital zusammengezogen und lässt die erst sieben Jahre alte Bitcoin-Technologie schon jetzt wie eine Steinzeiterfindung aussehen.

Künftig nur noch für kleine Geschäfte erlaubt? Das Bargeld soll zurückgedrängt werden

Bitcoin – Wie funktioniert der Urcode?

Doch wie funktioniert Nakamotos Erfindung überhaupt? Vereinfacht gesagt handelt es sich bei der Blockchain um eine Kette aus Datensätzen, die fortlaufend von allen Computern, die an dem Netzwerk angeschlossen sind, weitererrechnet wird. Eine Kopie des Datensatzes wird dabei auf alle Rechner abgelegt, die verschlüsselten Daten sind somit unlöschbar und fälschungssicher, denn destruktive Kräfte müssten alle am Netzwerk teilnehmenden Computer gleichzeitig kompromittieren, was heutzutage technisch nicht leistbar ist.

Bis zur Erfindung der Blockchain war stets eine zentrale Autorität von Nöten, die die Echtheit von sensiblen Daten garantierte. Wer über sein Online-Banking-Konto eine Überweisung tätigt, ist darauf angewiesen, dass die Hausbank auf die notwendige Deckung achtet und den Auftrag so ausführt wie er in das System eingegeben wurde. Alle Kunden verlassen sich dabei darauf, dass die Bank nicht betrügt und sich heimlich Gelder von den Überweisungen abzweigt – oder wie die Deutsche Bank es in einem frühen Werbespot ausdrückte: „Vertrauen ist der Anfang von allem.“

Die Blockchain, so könnte man sagen, hat das Vertrauen automatisiert, an die Stelle einer Zentralgewalt tritt nun die technologische Unmanipulierbarkeit des Verrechnungs-Datensatzes. Es ist kein Mittelsmann mehr nötig, der garantiert, dass eine bestimmte Information wahr ist.

Eine erste Anwendungsmöglichkeit fand diese teils abstrakte Technologie dann mit Bitcoin. Für das Errechnen neuer Datenblöcke erhalten die teilnehmenden Computer vom Netzwerk so genannte Coins – digitale Münzen, die trotz ihrer völligen Virtualität letztendlich noch eher mit realem Wert gedeckt sind als das heute übliche Bankengeld. Denn für das Emittieren neuer Euros ist lediglich ein Knopfdruck nötig, in die Berechnung jedes neuen Bitcoins fließen hingegen längst Unmengen von Strom. So pendelt der Wert eines einzigen Bitcoins derzeit bei rund 500 Dollar.

Gleichzeitig entsteht durch den Anreiz, seine Rechenkraft dem Netzwerk zur Verfügung zu stellen, eine Art dezentraler Supercomputer. Längst gibt es Blockchains wie Primecoin, die diese Ressource nutzen, um neue Primzahlen zu errechnen oder Gridcoin, das quasi „nebenbei“ komplizierte Berechnungen für die Krebsforschung durchführt.

Besonders von technikaffinen Nutzern wird Bitcoin zudem längst als alternatives Bezahlsystem genutzt, wenn auch als Nischenprodukt. Immer gilt jedoch: Wenn Akteur A Bitcoins an Akteur B schickt, können sich beide sicher sein, dass die Zahlung nicht unterwegs verloren geht, dass der Absender die Zahlung nicht einfach im Nachhinein rückgängig machen kann und dass der Empfänger nicht behaupten kann, er hätte den Betrag nie erhalten. In der Blockchain sind alle Transaktionen – die über beliebig oft neu einrichtbare Nummernkonten getätigt werden - jederzeit von jedem transparent einsehbar.

Bitcoin versetzt Staaten und Banken in Nervosität – aber Bitcoin ist erst der Anfang

Bereits diese erste Anwendungsmöglichkeit der Blockchain-Technologie schlug bei einigen Bankenvertretern und Staatsbeamten ein wie eine Bombe. Das ist beachtlich, sind die Coins letztendlich lediglich eine Art „Abfallprodukt“ der eigentlichen Entwicklung, um die es geht: Den Aufbau nicht-kompromittiertbarer, dezentraler Supercomputer.

So gilt auch: Wer die Blockchain-Technologie lediglich unter dem Aspekt des alternativen Währungssystems sieht, hat sie nicht verstanden. Potenziert durch die in Zeiten der Digitalisierung ohnehin kürzeren Entwicklungszeiten wirkt es wie eine Debatte aus einer anderen Epoche, wenn Staaten – darunter auch Russland – nun immer noch darüber diskutieren, wie sie mit Bitcoin nun eigentlich umgehen wollen. Das Rad hat sich längst weitergedreht.

Während in den frühen Tagen auch in westlichen Staaten nicht wenige Platzhirsche versuchten, Bitcoin mit Verboten und Regulationen vom Markt zu drängen, haben diese Akteure längst einen anderen Weg eingeschlagen: Praktisch alle Großbanken – darunter ein Konsortium von Goldman Sachs, JP Morgan, UBS und Credit Suisse – sondieren bereits in Projektgruppen, ob Trading-Systeme oder die interne Buchführung künftig auf Blockchain-Basis laufen können. Nicht wenige Bankenkritiker hoffen verzückt, dass die ganze Branche im Begriff ist, sich selbst abzuschaffen.

Denn während bisher die Herrscher über das Geld es waren, die mit ihren Milliarden-Investitionen und Venture Capital-Geschäften andere Branchen durchwirbelten und Millionen von Arbeitsplätzen durch Digitalisierung überflüssig machten, scheint es, als ob sich nun der Kreis schließt. Plötzlich ist es die Finanzwelt selbst, die in ihrer jetzigen Form, durch die Blockchain-Technologie „wegrationalisiert“ werden könnte.

Doch auch staatliche Macht geht seit jeher mit ihrer Anerkennung als Zentralgewalt einher. Das „Angebot“, das Regierungsvertreter ihren Bürgern machen ist, dass alle sich sicher sein können, dass gemeinsame Regeln eingehalten werden. Seit Jahrhunderten thematisiert die Staatstheorie diese Rolle des Staates als anerkannte Autorität. Was, wenn solch eine Zentralgewalt künftig einfach nicht mehr nötig ist, weil diese Aufgaben ebenfalls automatisiert wurden? So ist die Blockchain-Technologie gleichzeitig der Albtraum eines jeden Etatisten, wie auch der Traum eines jeden Anarchisten.

Ethereum – Die Evolution der Blockchain

2012 und 2013 waren die Jahre der so genannten Altcoins – alternative Kryptocoins, die es dem Bitcoin gleichtun oder ihm gar den Rang ablaufen wollten. In der Regel handelte es sich dabei aber meist eher um billige Kopien und Betrugsmodelle, die an das Geld leichtgläubiger „Investoren“ kommen wollten.

Rund 1.000 dieser Bitcoin-Substitute gibt es heute, die wenigsten davon haben die Blockchain-Technologie mit eigenen Entwicklungen weitergebracht. Lediglich Litecoin und Dogecoin werden heute in Insider-Kreisen tatsächlich als Währung genutzt, so genannte „Second Generation-Projekte“ wie Next oder NeuCoin konnten sich nicht nachhaltig auf dem Markt positionieren oder scheiterten noch bei der Entwicklung. Seitdem steht die Altcoin-Szene auch unter dem Ruf, ein einziges großangelegtes Betrugsmodell zu sein. Vermutlich mangelte es allerdings vor allem an Genialität und den notwendigen Ressourcen, um einen wirklichen Schritt nach vorne zu machen. Bis vor zwei Jahren ein ehemaliger Bitcoin-Entwickler begann, Verbündete um sich zu scharen und einen – nach derzeitigen Erkenntnissen - großen Coup landete: Vitalik Buterin erschafft Ethereum.

Der in der Schweiz – genauer gesagt im Internet - lebende Russe Buterin erkannte früh, dass sich Bitcoins Blockchain-Technologie für weit mehr nutzen lässt als für den Transfer digitaler Münzen. In die Ethereum-Blockchain implementierte er deshalb eine Art Betriebssystem, für das sogar eine eigene Programmiersprache entwickelt wurde, die es anderen Entwicklern ermöglichen soll, komplexe Anwendungen für die Ether-Chain zu kreieren. So wundert es nicht, welchen Beinamen Ethereum in Szenekreisen trägt: „Der Weltcomputer“.

Buterin nennt diese Weiterentwicklung der Nutzungsmöglichkeiten der Blockchain „Smart Contracts“ (schlaue Verträge). Fortan sollen nicht mehr nur noch digitale Geldbuchungen von der Blockchain ausgeführt und verifiziert werden, sondern ganze Programme und komplexe Handlungsabläufe. Beispielsweise könnte ein Schiffscontainer am Hafen erst dann verladen werden, wenn die Blockchain den Zahlungseingang des Empfängers registriert. Ein entsprechender „Smart Contract“ führt dann alle weiteren Schritte aus – so die Theorie.

Der menschliche Faktor wird zunehmend minimiert. Eine Idee, die nicht nur Freunde hat und die, man ahnt es schon, neben großen Entwicklungsmöglichkeiten auch das Potential hat, die dunkelsten Cyber-Dystopien Hollywoods in den Schatten zu stellen. Dies kann spätestens dann eintreten, wenn sich das heimische Licht nicht anschalten lässt, weil die Bezahlung der Stromrechnung im Verzug ist. Ein Anruf beim Kundenservice? Zwecklos, denn die Aktion wird vorprogrammiert und ohne menschliches Zutun von der Blockchain ausgeführt. Es hat wohl seine Gründe, warum der Stromriese RWE zu den ersten großen Interessenten der Ethereum-Technologie gehört.

Ethereum zog, seit es im Juli 2015 die Welt erblickte, schnell die talentiertesten Entwickler der Szene an. In einem im Vorjahr durchgeführten Crowdsale wurde ein Teil der von Buterin und Co. zuvor „produzierten“ Ether-Coins an Interessierte verkauft. So zog das Ethereum-Kernteam ein Startkapital von 18 Millionen Dollar zusammen. Pro Coin legten Erstinvestoren, die vom Konzept überzeugt waren, umgerechnet rund 30 Cent hin, heute notiert der Token bei 12,50 Dollar. Die 80 Millionen bereits emitierten Ether-Coins haben einen Gesamtwert von einer Milliarde US-Dollar. Für Erstinvestoren eine Rendite von rund 4000 Prozent innerhalb von zwei Jahren.

Ethereum wurde damit in Rekordgeschwindigkeit zur Nummer Zwei hinter Bitcoin. Noch immer streiten Insider jedoch darüber, ob Ethereum mit seiner moderneren Technik, aber höheren Inflation, langfristig den Pionier verdrängen kann, oder ob es sich um von Hype genährte heiße Luft handelt, die an der Realität scheitern wird. Diese Frage wird die Zukunft beantworten. Doch in der schnelllebigen Kryptoszene kann diese Zukunft immer schon heute sein.           

The DAO – Die erste dezentrale, autonome Investmentfirma ist geboren.

Bis vor kurzem konnte man Ether-Coins lediglich dazu nutzen, um sie gegen Bitcoin zu tauschen oder um damit die kleinteiligen Transaktionskosten auf der Ether-Chain zu bezahlen. Mit der Entwicklung von The DAO änderte sich dies schlagartig. DAO steht nicht nur im Chinesischen für „Straße“ oder „Pfad“, sondern neuerdings in Blockchain-Kreisen auch für „Dezentrale Autonome Organisation“. Die DAO ist am ehesten als eine Art profitorientierter Investmentfonds oder virtuelles Unternehmen mit integriertem E-Voting-System zu verstehen. Seit vergangenem Wochenende ist die Gründung abgeschlossen.

Foto: Creative Commons by Images_of_Money.

Doch die DAO wurde nicht bei einem Notar als GmbH eingetragen und hat auch keine Briefkastenanschrift in Panama. Die DAO existiert einzig und allein auf der Ethereum-Blockchain.

Rund 20.000 Investoren konnten die beiden Sachsen Christoph und Simon Jentzsch innerhalb eines Monats überzeugen, Startkapital in den Fonds einzuzahlen. Bezahlt wurde in Ether-Coins und das Ergebnis überstieg alle Erwartungen. 12 Millionen Coins im Wert von 132 Millionen Dollar wurden in The DAO eingezahlt, es ist das größte Crowdfunding in der Geschichte des Internets. Jedoch: Das Firmenvermögen liegt nicht in Form von US-Dollar oder Euro auf einer Bank, sondern als Ether-Coins auf der Blockchain. Der Wert des Fonds steht und fällt auch mit dem Erfolg oder Misserfolg von Ethereum.

Dass sich die beiden Programmierer mit den Millionen nicht einfach aus dem Staub machen, dafür sorgt der „Smart Contract“ auf der Blockchain. Jeder Investor erhielt eine entsprechende Menge an neu geschaffenen DAO-Coins, die - ähnlich wie eine Aktie -  den Gegenwert der Einlagen repräsentieren und die bereits selbst gehandelt werden.

Der Deal fand jenseits aller rechtlicher Regularien oder Gesetze statt. Alle Anwälte, die sich mit der Frage der Legalität der DAO beschäftigen, waren schlichtweg von der Komplexität der Materie überfordert. Verschiedene Szeneblogs versuchen sich dennoch an einer Erklärung:

Stellt euch ein Auto, das sich selbst vermietet. Oder ein Marktplatz, der sich selbst verwaltet, ein Sensor, der Daten selbst verkauft, ein Trading-Algorithmus, der unablässig in seine eigene Optimierung investiert. Oder, wie Christoph Jentzsch im DAO-Whitepaper schreibt, etwas abstrakter:  “… eine Organisation, in der (1) die Teilnehmer direkt und in Echtzeit die Einlagen verwalten und (2) Regeln formalisiert, automatisiert und durch Software durchgesetzt werden.”

Und auch wenn die DAO bisher nicht einmal eine Anschrift, noch Angestellte, geschweige denn ein Management oder überhaupt ein Geschäftskonzept hat, so verfügt sie dennoch über ein Startkapital von dem andere Firmengründungen nur träumen können. Heutige Riesen wie Facebook wurden mit weit weniger aus der Taufe gehoben.

Jeder Anteilseigner der DAO kann sogenannte Proposals (Vorschläge) einreichen, und alle anderen Investoren darüber abstimmen lassen, was mit dem gemeinsam gesammelten Geld geschehen soll. Sollen freiberufliche IT-Entwickler beauftragt werden, um die eigene Infrastruktur weiterzuentwickeln? Soll an einem Medikament für eine unheilbare Krankheit geforscht werden oder sollen in Kambodscha Sweat-Shops angeheuert werden, damit diese in Kinderarbeit Landminen herstellen? Denkbar ist sowohl eine Entwicklung in die eine, wie auch in die andere Richtung. Was passiert, entscheidet die Mehrheit, wobei jeder Token eine Stimme repräsentiert. Wer reich ist, hat also mehr zu sagen. Abgestimmt über den künftigen Unternehmenskurs wird natürlich - wie könnte es anders sein - per blockchainbasiertem und damit fälschungssicherem E-Voting.

Utopie oder Dystopie? Ein soziales Experiment das größer wurde als erwartet

Einiges von der Idee der DAO erinnert an die Cyber-Dystopie „The Circle“ von Dave Eggers. Ein Unternehmen, welches wie eine Synthese aus Apple, Google und Facebook auf Speed wirkt, schickt sich in dem Roman an, die Welt mit den Verheißungen der völligen Digitalisierung zu beglücken. Ist es am Anfang noch der Terror der Sozialen Netzwerke, der vielen Menschen sauer aufstößt, will „The Circle“ schnell mehr: Erst die ständige digitale Überwachung von gewählten Politikern, dann aller Menschen, die Digitalisierung demokratischer Abstimmungsverfahren und natürlich die Optimierung des Konsums. Am Ende steht ein totalitärer Cyber-Faschismus, in dem intelligente Computersysteme die Kontrolle übernommen haben und die Hauptaufgabe des Menschen es ist, den technologischen Überwachungssystemen nicht negativ aufzufallen.

Würde sich die Mehrheit der DAO-Anteilseigner entscheiden, dass ihr Unternehmen einen solchen Weg einschlagen soll, es gäbe keine Zentralgewalt, die es daran hindern könnte. Denn zu verhindern, dass zentrale Autoritäten ihren Einfluss geltend machen können, ist sozusagen das Kernprinzip der Blockchain-Idee.

Denkbar ist jedoch auch ein evolutionärer Durchbruch, der die Missstände im heutigen Wirtschafts- und Finanzsystem überwindet. Für Optimisten ist die Blockchain das ideale Werkzeug gegen Korruption und für eine effiziente Ressourcennutzung und -verteilung.

So nennt Christoph Jentzsch seine Schöpfung auch ein „soziales Experiment“, welches größer als gedacht wurde und sich verselbstständigt hat. Denkbar ist auch, dass sich im Laufe der Zeit unter den Investoren Fraktionen bilden, die harte Entscheidungskämpfe ausfechten. Darüber hinaus erlaubt der Code, dass sich weitere Dezentrale Autonome Organisationen aus dem Mutterschiff abspalten.

Die Frage, was 20.000 Menschen, die sich nicht kennen mit 130 Millionen Dollar anstellen, wird die DAO wohl bald beantworten. Denn, so Jentzsch: "Niemand ist in der Lage, der Organisation den Stecker zu ziehen und ihren Betrieb einzustellen".

Auch in Deutschland werben zahlreiche Aktivisten für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Foto: Rosalux

Wenn Ethereum der „Weltcomputer“ mit zugehörigem Betriebssystem ist, dann ist die DAO die Software. Oder besser gesagt eine Software, denn alles deutet darauf hin, dass künftig zahllose Dezentrale Autonome Organisationen auf Blockchain-Basis gegründet werden. Viele werden bei dem Versuch scheitern, Bedeutung zu erlangen oder Gelder anzuziehen. Der Entwicklungsprozess in der Kryptoszene ist stets auch immer ein unerbittliches Auswahlverfahren, bei denen der überwiegende Teil der angekündigten Innovationen sich erst noch in der Praxis beweisen muss. So finden die teils astronomischen Renditen für „Early Adopters“ ihr Gegenstück in den kaum kalkulierbaren Verlustrisiken. Meist gibt es nur hop oder top: Die totale Revolution oder den totalen Fehlschlag.

Setzt sich die Blockchain-Technologie durch, stellt dies die ganze Welt auf den Kopf

Für Staaten stellt sich ebenso wie für klassische Unternehmen die Frage, wie sie mit den neuen Playern auf dem Spielfeld umgehen sollen. Die Erfahrung zeigt, dass sich große Entwicklungen nicht aufhalten lassen. Verbote, Restriktionen und Regularien fordern den Erfindergeist eher zusätzlich heraus und es spricht vieles dafür, dass die Entwicklungen der Blockchain-Technologie längst den “Point of no Return“ erreicht hat. Wenn es nicht Bitcoin, Ethereum oder The DAO sind, die den Massenmarkt erobern, stehen die nächsten Projekte schon in den Startlöchern. Auffallend häufig an diesen beteiligt sind im Übrigen deutsche Entwickler, meist noch im Studentenalter, wie etwa bei Lisk oder Waves, zwei Blockchain-Projekten, die sich bereits an die Fersen von Ethereum geheftet haben.

Sollte die Entwicklung im bisherigen Tempo weiterverlaufen, stellt sich für alle Gesellschaften weit früher als gedacht die Frage, wie diese mit der Automatisierung selbst hochkomplexer Arbeiten umgehen wollen. Wenn ganze Unternehmen sich künftig autonom selbst leiten, bleiben am Ende nur noch wenige Berufe, mit denen sich noch für das tägliche Auskommen sorgen lässt. Durch die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung werden jedoch auch immer mehr Werte ohne menschliches Zutun geschaffen. Die große Frage – mit deren Beantwortungen sich Staaten nun beschäftigen sollten – lautet daher, wie diese Werte am besten möglichst gerecht verteilt werden und wie sich Massenarmut als Folge des Wegfalls von Arbeitsplätzen verhindern lässt.

Eine Idee hierfür wäre ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Organisiert und ausgezahlt werden könnte ein solches Grundeinkommen mit Leichtigkeit über eine DAO oder einen entsprechenden "Smart Contract" auf der Blockchain.