Internationaler Tag der Pressefreiheit: Fünf Tendenzen, die ein plurales Mediensystem zerstören

Internationaler Tag der Pressefreiheit: Fünf Tendenzen, die ein plurales Mediensystem zerstören
Die moderne Medienökonomie – der Kapitalismus – hat keinen Platz mehr für dieses zentralistische und schwerfällige Modell privatwirtschaftlicher Verlage. Die Zeit der zentralen Verteilstationen für politische Informationen und Meinungen ist vorbei. Wenn die Gesellschaft weiterhin professionell erarbeitete Inhalte verbreiten will, benötigt sie ein öffentliches finanziertes Modell für eine wichtige öffentliche Aufgabe, die politische Debatte.

von Malte Daniljuk

Jedes Jahr bietet der 3. Mai einen hervorragenden Anlass, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger hat deshalb den einzigen Chinesen, den alle Deutschen namentlich kennen, gebeten, etwas Künstlerisches zu diesem Thema abzuliefern. Ai Weiwei produzierte jedoch keine bluttriefenden asiatischen Despoten, in deren Kontrast sich westliche Medienunternehmer sonnen könnten.

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Stattdessen erscheinen die deutschen Tageszeitungen heute mit einem vergoldeten Panoptikum der Überwachung. Goldene Videokameras und Twitter-Vögelchen, Goldketten und vergoldete Handschellen bilden ein Netzwerk, einen goldenen Käfig, den der Künstler „Golden Age“ nennt. Außerhalb von diesem Käfig bewegen sich viele Arme, die allesamt in einem ausgestreckten Mittelfinger enden.

Dieses Motiv hindert die deutschen Verleger natürlich nicht daran, sich heute wieder ausgiebig um die Verfehlungen anderer Länder zu kümmern. Dass in Deutschland und Europa die Pressefreiheit verschwindet, ohne dass Journalisten im Gefängnis landen, das diskutiert heute kaum jemand.

Allerdings erschienen pünktlich mehrere Studien, die das bestätigen, was Journalisten ohnehin seit zwei Jahren wissen: Die wichtigste Währung der Medien, das Vertrauen des Publikums schwindet. Der Bayrische Rundfunk musste erfahren, dass die Mehrheit des Publikums keine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit bei Journalisten vermutet. Kritik gebe es, räumt der BR ein,:

…an den Journalisten selbst, noch mehr aber am „System Medien“. Viele Nutzer kritisieren angebliche Zwänge, Abhängigkeiten und eine mangelnde Kontrolle der Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, dass die Mächtigen im Land – Staat, Regierung, Wirtschaft, einflussreiche Personen und Interessengruppen – die Nachrichtenmedien kontrollieren. Die Studie stellt fest, in Deutschland existiert ein allgemeines „Unbehagen gegenüber Politik, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Eliten“.

Im Zuge der verschiedenen Krisen in den vergangenen Jahren manifestiert sich dies „nun auch offensiv“. Dieses Unbehagen betrifft auch die Medienmacher, weil sie als „Teil des Systems“ wahrgenommen werden. „Der Eindruck, dass die Medien das Establishment stützen oder gar von ihm gelenkt werden, gibt diesem Dilemma weitere Nahrung.“

Kurz und gut: Knapp die Hälfte der Deutschen geht davon aus, dass „in den Medien häufig absichtlich die Unwahrheit gesagt wird“. Und was hat das mit dem internationalen Tag der Pressefreiheit zu tun? Einfach mal das Publikum fragen….

Genau zwei Drittel sagen, dass Medien die dargestellten Sachverhalte zu sehr vereinfachen und damit „Vorurteile verbreiten“. Journalisten gehen zu wenig auf die Folgen ein, welche Entscheidungen von Politikern und Wirtschaftsführern für die Menschen haben (61 Prozent). Medien blenden berechtigte Meinungen aus, die sie für unerwünscht hielten. Davon gehen immer noch 60 Prozent der Befragten aus.

Wie konnte es nur so weit kommen? Die Verlage und selbst die öffentlich-rechtlichen Anstalten verlieren zunehmend Einnahmen aus den Werbeetats und auch die Bereitschaft, sich durch eine Abonnement an eine feste Redaktion zu binden, geht deutlich zurück. Dass die Verleger bis heute keine Antwort auf die Digitalisierung gefunden haben, führt zu den großen Tendenzen, die den Journalismus immer stärker zur Mainstreamfabrik werden lassen:

Weniger Vollredaktionen: Die Zahl der selbständigen Redaktionen geht radikal zurück. Die Verlage und die öffentlich-rechtlichen Medien legen Redaktionen zusammen, so dass der Inhalt unterschiedlicher Medien von immer weniger Journalisten produziert wird. Das Zauberwort heißt „Redaktionsgemeinschaft“.

Stärkere Konkurrenz: Die Konsequenz ist, dass immer weniger Vollstellen von immer mehr interessierten jungen Menschen umlagert sind, die „irgendwas mit Medien“ machen wollen. Zudem sinkt die für Recherche zur Verfügung stehende Zeit. Im Ergebnis stellen Agenturen immer mehr Inhalte.

Zunehmende Hierarchie: Seit den 1990er Jahren hat die hierarchische Kontrolle in den Redaktionen, besonders in den Ressorts Politik und Wirtschaft radikal zugenommen. War es damals noch die Ausnahme, dass ein Journalist seine Texte dem Redakteur oder sogar dem Chefredakteur vorlegen musste, dann ist es heute die Normalität. Dies führt dazu, dass sich der Parallelismus zwischen Eliteninteressen und Journalisten massiv verschärft hat.

Schweigespirale in den Redaktionen: Zusammen führt diese Entwicklung zu einem enormen Anpassungsdruck in den Redaktionen. Egal, was Journalisten glauben, wissen oder meinen: Die Zwänge der Medienökonomie führen zu einem massiven Mainstream-Effekt. Dinge, von denen Journalisten erwarten, dass sie der Meinung der anderen nicht entsprechen könnten, werden auch nicht mehr ausgesprochen.

Unabhängiges Publikum: In den alten Medien wird alles, was mit digitalen Netzmedien zu tun hat, bis heute gerne noch als „neue Medien“ bezeichnet. Die Zeiten, als alternde Redakteure auswählen konnten, was für die Bevölkerung wissenswert ist, sind unwiederbringlich vorbei. Niemanden interessiert, wie der Chefredakteur etwas gewichtet oder kommentiert. Das entscheidet die mündige Bevölkerung, die in den alten Medien immer noch „Publikum“ genannt wird, mithilfe ihrer digitalen Netzmedien.

Um es kurz zu machen: Die moderne Medienökonomie – der Kapitalismus - hat keinen Platz mehr für dieses zentralistische und schwerfällige Modell privatwirtschaftlicher Verlage. Die Zeit der zentralen Verteilstationen für politische Informationen und Meinungen ist vorbei. Wenn die Gesellschaft weiterhin professionell erarbeitete Inhalte verbreiten will, benötigt sie ein öffentliches finanziertes Modell für eine wichtige öffentliche Aufgabe, die politische Debatte. Und zwar ein Modell, dass nicht die Beute der regierenden Parteienvertreter in den Rundfunkräten ist.

Malte Daniljuk ist Online-Redakteur bei RT Deutsch. Er schreibt schwerpunktmäßig zu den Themenfeldern Medienpolitik, Energiepolitik und Internationale Beziehungen.

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