Nahost-Experte im RT Deutsch-Interview: "Föderalisiertes Syrien heißt Bürgerkrieg im Libanon"

Nahost-Experte im RT Deutsch-Interview: "Föderalisiertes Syrien heißt Bürgerkrieg im Libanon"
Der aus dem Libanon stammende Islamwissenschaftler und Publizist Ralph Ghadban hat in einem Interview mit RT Deutsch-Redakteur Ali Özkök zur aktuellen Situation in seiner früheren Heimat Stellung genommen und dabei ein sehr pessimistisches Szenario hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung des Landes gezeichnet. Er rechnet damit, dass sich der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Land weiter eskalieren wird, insbesondere wenn Syrien in ein föderales Gebilde zerfallen sollte.

Sehr geehrter Herr Ghadban, der Libanon ist im Vergleich zur Lage von vor 20 bis 30 Jahren sicherer geworden, man hört zurzeit weniger über bewaffnete Eskalationen oder spektakuläre Attentate. Ist das Land tatsächlich stabiler geworden oder trügt der Schein?

Auf keinen Fall. Wir haben eine Situation, in der eine Partei bzw. eine Konfession, nämlich die schiitische, die Oberhand im Lande gewonnen hat. Sie verfügt über die einzigen bewaffneten Milizen, Hisbollah und Amal, und zögert nicht, sie einzusetzen. Diese stehen mit ihren Verbündeten, den Baathisten und den syrischen Nationalisten, hinter allen verübten Attentaten gegen Persönlichkeiten des von Saad Hariri angeführten gegnerischen Lagers sowie der Ermordung seines Vaters 2005. Diese Drohkulisse ist entscheidend für die Einschätzung der heutigen Situation.

Seit Mai 2014 ist der Posten des Präsidenten vakant. Ist in diese Problematik seither Bewegung gekommen oder eine Lösung in Sicht?

Die Konstellation der Bewerber für das Präsidentenamt und der politischen Bündnisse hat sich etwas geändert, der Kern des Problems bleibt aber bestehen: Solange keine Lösung in Syrien in Sicht ist, wird es keinen Präsidenten im Libanon geben.

Im März ist Saad Hariri nach fünf Jahren wieder in den Libanon zurückgekehrt. Wollte Saudi-Arabien seinen Schützling loswerden oder hat Hariri ein tragfähiges Konzept, um sich und seine Bewegung wieder als gestaltende Kraft im Lande etablieren zu können?

Mit Hinblick auf eine mögliche Lösung in Syrien kam Hariri zurück in den Libanon, um eine Mitsprache Saudi-Arabiens bei der künftigen Verteilung der Macht im Libanon zu sichern. Er schlug als Kandidat für das Präsidentenamt Farandjieh vor, der ein Freund von Assad und ein Verbündeter von Hisbollah ist. Im Gegenzug soll Farandjieh ihn als Premierminister nominieren. Hariri brüskierte seine christlichen Verbündeten in al-Mustaqbal, vor allem Geagea, und nahm den Konflikt mit ihnen im Kauf. Sein Vorschlag scheint eine Mehrheit unter den beteiligten Parteien zu haben. Die Voraussetzung für die Wahl Farandjiehs ist allerdings das Ausscheiden Al-Assads aus der Macht, um den alten Einfluss Syriens über den Libanon nicht zu wiederholen. Al-Assad wird aber immer noch von Russland und dem Iran unterstützt.

Die Hisbollah hat sich als wichtige Kraft in der Stabilisierung der syrischen Regierung im Bürgerkrieg erwiesen. Hat das damit verbundene außenpolitische Image in der schiitischen Welt auch Rückwirkungen auf die Bedeutung der Miliz im Libanon selbst? Wie gehen die Sunniten des Landes mit der Involvierung der Hisbollah in Syrien gegen ebenfalls sunnitische Rebellen um?

Eine bedeutende Stabilisierung der syrischen Regierung fand erst dank der russischen militärischen Intervention statt. Die Sunniten im Libanon waren von Anfang an gegen jegliche Intervention der Libanesen in Syrien, um das Land nicht in den syrischen Bürgerkrieg zu verwickeln. Außerdem solidarisieren sie sich mit allen Sunniten, angeführt von Saudi-Arabien, und haben aufs Schärfste die Verweigerung der Regierung verurteilt, der Klassifizierung Hisbollahs als terroristische Organisation durch die Arabische Liga zuzustimmen.

Im Libanon leben mittlerweile mehr als eine Million Flüchtlinge [bei einer Gesamtbevölkerung von knapp sechs Millionen]. Welche Folgen wird die Fluchtbewegung innenpolitisch zeigen? Gibt es Akteure, die davon profitieren können oder welche, für die sich aus der Entwicklung ein Risiko ergibt?

Die syrischen Flüchtlinge stehen bis jetzt unter der Kontrolle der Regierung. Langfristig können sie aber die demografische Struktur des Landes beeinflussen. Sie sind fast alle Sunniten. Ergaben sich früher die Konflikte zwischen Muslimen und Christen, sind sie jetzt, mindestens seit der Ermordung Rafiq al-Hariris 2005, zwischen den Schiiten und den Sunniten. Das wird in der Zukunft auch so bleiben. Die Christen haben ihren politischen Einfluss verloren. Sie werden in der Zukunft genau wie heute zwischen beiden muslimischen Konfessionen gespalten bleiben und ihnen als Hilfstruppe dienen.

Welche Rolle spielen die christlichen Milizen im Machtkampf? Sind sie eher ein Stabilitätsfaktor oder ist davon auszugehen, dass aus ihren Reihen Risiken im Sinne einer möglichen Eskalation der Spannungen im Land ausgehen werden?

Es gibt keine christlichen Milizen mehr und wird künftig keine geben. Niemand im Ausland ist daran interessiert, eine selbständige Politik der Christen zu unterstützen. Sie sind nur als Hilfstruppe der Muslime akzeptiert. So hat seinerzeit Saudi-Arabien Geagea als Verbündeten von Hariri empfangen und Syrien hat Aoun als Verbündeten der Hisbollah gefeiert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Regierungswechsel in Damaskus kommt, ist in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen recht gering. Sollte jedoch am Ende des derzeitigen Verhandlungsprozesses ein Ausscheiden Assads aus seinem Amt stehen, wäre das auch für den Libanon ein Faktor, der zu tiefgreifenden Änderungen führen könnte?

Das Ausscheiden Assads aus der Macht bedeutet den Zerfall Syriens bzw. dessen Aufteilung in föderale Regionen. Der Einfluss Irans und auch Russlands würde sich auf den Staat der Alewiten beschränken. Das ist ein Verlust. Das würde zur Stärkung der Herrschaft der Hisbollah über den Libanon führen. Der Iran ist nicht bereit, den Libanon preiszugeben. Langfristig ist eine Eskalation des Konflikts zwischen den Schiiten und Sunniten zu erwarten. Ein föderaler Staat in Syrien bedeutet den Bürgerkrieg im Libanon.

Sind auch aus der sunnitischen Community stammende Terrororganisationen wie IS oder Al-Kaida zu beobachten, die im Libanon Einfluss anstreben?

Bis jetzt ist es gelungen, dschiihadistische sunnitische Organisationen zu zerschlagen wie in Saida, oder ihr Eindringen in Städte wie Tripoli zu verhindern. Bei einer offenen Machtübernahme der Schiiten, was eine Unterdrückung der Sunniten gleichkommt, sind alle möglichen Dschihadisten nicht mehr zu stoppen.

Ralph Ghadban, Dr. phil. (geb.  21. April 1949 im Libanon) ist ein deutscher Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist. Er arbeitet in der politischen Bildung und hält Vorträge zum Thema Islam und Migration.
Ralph Ghadban, Dr. phil. (geb. 21. April 1949 im Libanon) ist ein deutscher Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist. Er arbeitet in der politischen Bildung und hält Vorträge zum Thema Islam und Migration.