Die fragwürdige Kunstauffassung des ZDF - An die Künstler und Kunstschaffenden in meinem Mutterland

Die fragwürdige Kunstauffassung des ZDF - An die Künstler und Kunstschaffenden in meinem Mutterland
Die Theaterpädagogin Felicitas Rabe hat einen Debattenbeitrag an die Kunstschaffenden in Deutschland verfasst und hinterfragt in diesem die ZDF-Strategie in der 'Causa Böhmermann' à la "Wer gegen Beleidigung ist, ist gegen die Meinungsfreiheit", die darin zum Ausdruck kommenden Doppelstandards sowie den ihrer Meinung nach fehlenden Widerspruch ihrer "künstlerischen Zeitgenossen". RT Deutsch dokumentiert den Beitrag im Wortlaut.

Ein Gastbeitrag von Felicitas Rabe 

"Recht ist die Einschränkung der Freiheit eines jeden auf die Bedingung ihrer Zusammenstimmung mit der Freiheit von jedermann, insofern diese nach einem allgemeinen Gesetze möglich ist." - Immanuel Kant

Meinungsfreiheit oder Verletzung der Würde

In Anbetracht der Debatte, die uns durch die Freigabe des Beitrags des ZDF-Mitarbeiters Jan Böhmermann durch die Chefredaktion des Zweiten Deutschen Fernsehens aufgenötigt wurde, möchte ich hier meine Gedanken zum Streitfall über die Grenzen zwischen dem Recht auf Meinungsfreiheit und dem Recht auf die unantastbare Würde des einzelnen Menschen darlegen.

Zunächst möchte ich voranstellen, dass ich dies nicht schreibe, weil ich die Politik des türkischen Ministerpräsidenten Herrn Tayyip Erdogan gutheiße oder verteidigen möchte, oder mich in irgendeiner Form, so wie es der deutschen Kanzlerin unterstellt wird, mit ihm gutstellen möchte.

Vielmehr schreibe ich meine Gedanken dazu, weil ich der Auffassung vieler Kunstschaffenden in diesem Land zu diesem Thema etwas entgegensetzen möchte und offensichtlich grundsätzlich eine andere Vorstellung von Kunst und Satire habe, als einige meiner künstlerischen Zeitgenossen. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf die aktuell diskutierte Sendung im ZDF, sondern auch auf die noch präsente Diskussion über die Meinungsfreiheit anlässlich der Beiträge im französischen Satiremagazin „Charlie Hebdo“.

Außerdem möchte ich die indirekten doppelten Standards bei der öffentlichen Behandlung von Homophobie erörtern, die dieser Fall aufzeigt.

Herr Böhmermann wird entgegen seiner eigenen Auffassung bevormundet

Für mein Kunstverständnis handelt es sich bei den Äußerungen in Bezug auf den türkischen Ministerpräsidenten von Jan Böhmermann grundsätzlich nicht um Satire. Satire ist für mich eine intelligente witzige Kritik, die bissig und scharfsinnig Sachverhalte und Menschen kritisiert und dabei die Zuschauer auf unterhaltsame Weise über vom Satiriker empfundene Missstände aufklären möchte.

Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief (Ilja Repin), gemeinfrei

Herr Böhmermann hat in seiner Einleitung zu den Äußerungen über Herrn Erdogan selbst festgestellt, dass es sich bei den Äußerungen um ein Beispiel für 'Schmähkritik' handelt und nicht um Satire. Also bräuchte man die Diskussion, ob es sich um Satire handelt mit der Absicht Herrn Böhmermann zu rechtfertigen, nicht zu führen.

Dennoch gibt es erstaunlicherweise viele Künstler und Medienschaffende, die seine Äußerung entgegen seiner eigenen Kennzeichnung als Satire bezeichnen. Ich finde das bevormundend.

Aber selbst wenn andere ihn auf diese Weise bevormunden wollen, kann ich ihr Kunstverständnis nicht nachvollziehen.

Die Beleidigung von Homosexuellen wird unwidersprochen akzeptiert

Inhaltlich handelt es sich bei seinen Worten um die Zuschreibung von sexuellen Praktiken.

In einer verklemmten Gesellschaft, wie zum Beispiel der deutschen, ist das grundsätzlich die einfachste Methode um Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn man jedoch in Betracht zieht, dass er vorneweg gesagt hat, dass er den türkischen Ministerpräsidenten mit diesen Zuschreibungen beleidigen möchte (`Schmähkritik´ ausüben möchte), sind die Worte dennoch einer Untersuchung wert.

So verwendet er u.a. in seiner Rede in Bezug auf Herrn Erdogan ausdrücklich mit beleidigenderAbsicht den Satz „…dieser Mann ist schwul“.

So wie Herr Böhmermann die Bezeichnung „schwul sein“ als 'Schmähkritik' und Beleidigung bewertet, gibt er damit logischerweise zu, dass Schwulsein genauso übel und beleidigend ist wie Kinderpornos ansehen, was er gleichwertig in seiner Schmährede unterstellt.

Ich finde es erstaunlich, dass die sich empörende Satirikergemeinschaft diese Form der Beleidigung als Meinungsfreiheit verteidigt. Dies steht für mich im scharfen Widerspruch dazu, dass dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeworfen wird, die Rechte von Schwulen nicht zu respektieren. Ganz abgesehen von der Frage, ob der russische Ministerpräsident tatsächlich deren Rechte nicht respektiert, sehe ich in jedem Fall durch die Akzeptanz der Bezeichnung „schwul“ als Schmähkritik, die Rechte von Schwulen seitens des ZDFs verletzt.

Ich vermute aber, dass den Vasallen des ZDFs es in ihrer blinden Verklemmtheit vor der Freigabe der Sendung nicht aufgefallen ist, dass dies ein Problem darstellen könnte. Dass dies nicht aufgefallen ist, zeigt aber auch, was für ein grundsätzliches Potential von Schwulenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft und sogar auch noch bei den Kunstschaffenden vorhanden ist. Auf diese Art und Weise wird dies so quasi im Nebenbei deutlich. Dabei geben wir doch immer vor, wir wären diesbezüglich so aufgeklärt und locker. Nun können wir sehen, wo wir bezüglich der Toleranzfrage gegenüber Homosexuellen ehrlicherweise wirklich stehen und brauchen nicht bei anderen Ländern und Regierungen deren angebliche Intoleranz und Hinterwälderischkeit zu kritisieren. Frei nach dem Motto, wer im Glashaus sitzt….

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/static/209114138 (CC BY-SA 2.0)

Taktlose Beleidigungen werden als Kunst deklariert

Aber selbst wenn es sich bei Herrn Böhmermanns Kritik nicht um die strafrechtliche Beleidigung eines Staatsoberhaupts und nicht um die Beleidigung sexueller Minderheiten handeln würde, wäre ich dennoch nicht einverstanden, dass es sich bei diesen Äußerungen um ein Beispiel von zu schützender künstlerischer Meinungsfreiheit handeln würde.

Spätestens seit den fragwürdigenden Karikaturen in der französischen Satire-Zeitschrift 'Charlie Hebdo', frage ich mich, welche haarsträubende Auffassung von Kunst und Meinungsfreiheit lassen wir uns von ein paar Medienvasallen der transatlantischen Geldelite noch aufzwingen?

Daher bezeichne ich auch das folgende Beispiel aus der Zeitung `Charlie Hebdow´ vom Januar 2016 nicht als künstlerisches Beispiel für Toleranz und Meinungsfreiheit, sondern als ein Beispiel für absichtliche `Schmähkritik´ gegenüber Migranten / ausländischen Mitbürgern und insbesondere gegenüber Eltern von gestorbenen Flüchtlingskindern:

Karikatur aus der französischen Satire-Zeitung 'Charlie Hebdo', Januar 2016
Karikatur aus der französischen Satire-Zeitung 'Charlie Hebdo', Januar 2016

"Migranten - Was wäre denn aus dem kleinen Aylan geworden, wenn er groß geworden wäre? Er wäre ein Arschgrapscher in Deutschland geworden."

Auch in diesem Beispiel verwendet man sexuelle Handlungen, um die absichtliche Beleidigung von Eltern von gestorbenen Kindern in eine angeblich unterhaltsame Satire zu verpacken. Genau wie in Deutschland gelingt es auch in Frankreich auf sehr einfache Weise, mit sexuellen Unterstellungen hohe Aufmerksamkeit für die absichtliche Abwertung und Beleidigung von Menschengruppen in der Verpackung einer Satire zu machen. Ich erkenne auch hier kein Beispiel für Kunst und Meinungsfreiheit, sondern den erfüllten Straftatbestand der Beleidigung und Verhöhnung der Eltern von Aylan Kurdi.

Plumpe Beleidigungen von Minderheiten als Beweis für Toleranz und Meinungsfreiheit - Die Abwertung der Kunst

Gerade die hohe Sensibilität für die Grenze zwischen geistreicher bissig-witziger Kritik und plumper Beleidigung und Taktlosigkeit hat für mich immer die Kunst der Satire ausgemacht, die seit Jahrhunderten schon in der Form des Hofnarren gepflegt wurde.

Die aktuellen plumpen Beleidigungen auf Kosten von Minderheiten entsprechen gerade nicht diesem Anspruch und es handelt sich im Gegensatz dazu, um Beleidigungen auf primitiven Niveau und eine Abwertung der Kunstform Satire. 

Dass ausgerechnet neben den Medienschaffenden einige Satiriker die Verteidigung dieser üblen Beleidigungen übernehmen, zeigt, dass sie in die Falle der ZDF-Strategie getappt sind.

Die Strategie des ZDF: Wer gegen Beleidigung ist, ist gegen die Meinungsfreiheit

Ich unterstelle einfach mal, dass das ZDF diese Sendung mit beleidigenden Äußerungen gegenüber dem türkischen Ministerpräsidenten absichtlich geplant und ausgestrahlt hat.

Man wollte Herrn Erdogan provozieren. Dieser hat sich daraufhin plangemäß aufgeregt und zwar meiner Meinung nach nicht nur persönlich, denn er ist der gewählte Vertreter des türkischen Volks. Die türkischen Menschen sollten gleich mitbeleidigt werden. So nehme ich auch die Zuschreibung „Dönergestank“ in der Beleidigungsrede als bewussten Schlag gegen die türkischen Menschen wahr.

Außerdem empfinden viele mit Sicherheit nachvollziehbarerweise die Beleidigung ihres Präsidenten so, als wenn ihr Wahlverhalten entsprechend mitbeleidigt wurde. Aus diesem Grund wehrt sich der türkische Ministerpräsident nicht nur für sich selbst, sondern auch für die, die ihn gewählt haben.

Diejenigen Menschen, die jetzt hier in Deutschland das ZDF, dessen Satireverständnis und die Meinungsfreiheit verteidigen, schlagen jetzt im Sinne der Planung der ZDF-Vasallen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe.

  • Sie „beweisen“, dass in Deutschland die freie Kunst und die Meinungsfreiheit herrscht, im Gegensatz zur Türkei.
  • Sie verschleiern, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland auf viel subtilere und umfassendere Weise behindert wird, als die Öffentlichkeit es wahrnehmen soll. So werden Journalisten entlassen, die über Dinge berichten, die den Chefredakteuren nicht passen. Es findet eine scharfe Auswahl statt, welche Meinung grundsätzlich verbreitet werden darf. 
  • Sie lassen die amtierende deutsche Kanzlerin, die in diesem Fall entsprechend dem deutschen Grundgesetz handelt, trotzdem als Feindin der Meinungsfreiheit darstehen. Diese Kanzlerin wollen führende Meinungsmacher entsprechend meiner Wahrnehmung spätestens nach ihrer Mitwirkung in der Minsk-Initiative loswerden, und über sie sollen so viel wie möglich Negativ-Schlagzeilen verbreitet werden.
  • Es findet eine Definition von Meinungsfreiheit statt, die die Beleidigung von Minderheiten gesellschaftsfähig macht und die Spaltung der Gesellschaft im Sinne des römischen Prinzips „teile und herrsche“ befördert.
  • Es findet eine öffentliche Demontierung von Herrn Erdogan statt, den man scheinbar seitens einer herrschenden Klasse jetzt genauso abschaffen will, wie zuvor die gewählten Präsidenten von einigen arabischen Ländern, die mittlerweile zu Vasallenstaaten der USA gemacht wurden. 
  • Man kann ein weiteres Exempel statuieren, wonach in Deutschland Beleidigungen einfach hingenommen und als Meinungsfreiheit deklariert werden, (solange sie nicht den israelischen Ministerpräsidenten betreffen.) So konnte der russische Ministerpräsident Putin im vergangenen Jahr öffentlich ungestraft vom deutschen Finanzminster Schäuble mit Hitler verglichen werden, obwohl mehrere von Herrn Putins Angehörigen im Krieg von den Nazis ermordet wurden und obwohl im Krieg gegen die Nazis 26 Millionen Russen gestorben sind. Das ist alles durch unsere „tolerante“ Meinungsfreiheit abgedeckt.
  • Man kann die Auffassung und Definition von Kunst so definieren, dass alles und nichts dazu gehört und so die Kunstformen an sich noch mehr abwerten und relativieren, als es jetzt schon der Fall ist. So wie es die amerikanischen Geheimdienste bereits in den 1950er Jahren mit der bildenden Kunst gemacht haben. Es wurde mit einer Förderungsstrategie dafür gesorgt, dass hauptsächlich nur noch abstrakte Kunst und abstrakte Künstler eine öffentliche Wahrnehmung und finanzielle Wertschätzung erfuhren. Seit dem Picasso-Bild Guernica hatte man kein Interesse mehr an konkreten Kunstwerken als Spiegel der Gesellschaft.

Die Künstler und Satiriker tappen in die Falle

Das Allerbeste an der ganzen Geschichte für das ZDF ist aber, dass die Satiriker selbst diese Strategien mit ihrer scheinbaren Verteidigung der Freiheit der Satire und der Meinungsfreiheit umsetzen. So ist das Konzept der ZDF-Strategen voll aufgegangen.
Man könnte dazu nur gratulieren. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich hätte gedacht, dass es in Deutschland viel mehr kunstschaffende Menschen gibt, die diese Strategie durchschauen und sich ganz klar hinter unser Grundgesetz stellen, das für diesen Fall eine eindeutige Regelung vorsieht, an das die deutsche Regierung sich zum Glück hält. So halte ich es für perfide, dass man der Bundeskanzlerin vorwirft, sie halte sich nur an das Gesetz, um es sich nicht mit dem türkischen Ministerpräsidenten zu verderben! 

Der etwas andere Erdogan-Effekt...

Selbstverständlich ist auch Herr Erdogan in die Falle des ZDF gegangen. - Er hätte sich auch ganz souverän zu der plumpen Provokation äußern können, und zum Beispiel mit Erstaunen feststellen können, auf welches Niveau denn die deutsche Satire gesunken ist?

Oder er hätte öffentlich äußern können, dass er sich von deutschen pubertierenden Möchtegern-Künstlern nicht angesprochen fühlt? Oder mal trocken feststellen, es handele sich dabei um typisch deutsches Kulturgut, da wolle er sich nicht einmischen etc.

Aber möglicherweise wäre das für ihn als Repräsentant des türkischen Volkes auch keine politisch sinnvolle Option gewesen.

Allerdings wäre ich an seiner Stelle auch nicht so souverän.

Ich bin jedenfalls froh, dass wir zumindest noch eine gesetzliche Unterscheidung zwischen Freiheit der Meinung und der Kunst und dem Straftatbestand der Beleidigung haben. Ich gehe davon aus, dass echte Künstler diesen manchmal sensiblen Unterschied in den meisten Fällen wissen und ich bin froh, dass uns das Recht auf unsere Würde vor falschen Künstlern und Meinungsfreiheitshysterikern schützt.

Es geht nicht nur um Recht und Gesetz, es geht auch um moralische Werte

Und selbst wenn diese primitive Art der Beleidigung von sexuellen Minderheiten, ausländischen Präsidenten und Eltern verstorbener Kinder nicht unter das Strafgesetzbuch fallen würden, finde ich sie moralisch unakzeptabel und sie entspricht nicht meiner Auffassung von Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit ohne die Berücksichtigung menschlicher Werte wie der Würde des Menschen ist für mich nicht erstrebenswert. In meiner pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen versuche ich zu vermitteln, dass in Auseinandersetzungen sexuelle Beleidigungen zu unterlassen sind, weil sie nichts konstruktives zur Lösung beitragen. Viele Eltern in diesem Land versuchen ihren Kindern beizubringen, wie man ohne plumpe Beschimpfungen Konflikte führt.

Nun wird in diesem Land von den Medienmachern des ZDF erwirkt, dass diese pädagogischen Ziele der Meinungsfreiheit widersprechen!

Ich bin nicht Charlie Hebdo – und ich bin schon garnicht ZDF!

"Es gibt zwei friedliche Gewalten:

Das Recht und die Schicklichkeit"

Johann Wolfgang von Goethe

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