Der Erdogan-Effekt: Chronik eines gigantischen PR-Desasters

Der etwas andere Erdogan-Effekt...
Der etwas andere Erdogan-Effekt...
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wandelt nicht nur auf den Spuren von Barbara Streisand, er überflügelt sie mit Hilfe von Angela Merkel und den Programmverantwortlichen beim ZDF sogar noch. Was Erdogan und die Schauspielerin gemein haben und wie es zu einem PR- und Polit-Desaster gigantischen Ausmaßes kam, beschreibt RT Deutsch in einer Chronik der Ereignisse.

Von Florian Hauschild

Hätte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einmal mit Barbara Streisand beschäftigt, wäre ihm wohl einiges an Häme erspart geblieben, Deutschland wäre um eine absurde Debatte ärmer und zwischen Berlin und Ankara würden nicht im Wochentakt die Telefonleitungen glühen, weil irgendwo, irgendwer, irgendwann schon wieder etwas satirisches über den „Boss vom Bosporus“ verbreitet hat. Gut, dass Erdogan Barbara Streisand nicht kennt!

Die Geburtsstunde des Streisand-Effektes

Um zu verstehen, was der türkische Präsident und die Filmdiva gemein haben, ist es jedoch nötig bis ins Jahr 2003 zurückzublicken. Es ereignete sich damals, dass der Fotograf Kenneth Adelman Luftaufnahmen von der kalifornischen Küste machte. Die Bilder landeten schließlich zwischen etlichen anderen in einer Fotodatenbank. Massenware, bestimmt für die mediale Weiterverwertung.

Pictopia.com hieß der Service, der mittlerweile seinen Betrieb eingestellt hat, der jedoch bis heute eine zentrale Rolle beim Grundverständnis digitaler Informationsströme spielt. Denn kurz nachdem Adelman seine Strandbilder auf den Server von Pictopia geladen hatte, flatterte bei dem Unternehmen eine Klage der Schauspielerin Barbara Streisand ins Haus. Der Vorwurf: Unerlaubterweise würde auf der Seite ein Bild ihres Anwesens gezeigt werden. Streisand fühlte sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, forderte die Löschung des Fotos und verklagte Pictopia auf 50 Millionen US-Dollar Schadensersatz – die Geburtsstunde des Streisand-Effekts.

Denn was nun geschah, sollte zur Blaupause werden, wann immer die Autorität der Freiheit des Internets in Frage gestellt wird. Das Netz wehrt sich. Das Bild von Streisands Haus verschwand nicht etwa in der Versenkung sondern verbreitete sich im Gegenteil viral bis auf die letzten Hinterzimmerserver. Hatte sich zuvor niemand für Adelmans Strandfoto interessiert, geschweige denn mit Barbara Streisand in Verbindung gebracht, führte die Intervention der Schauspielerin erst dazu, dass dieser Zusammenhang hergestellt wurde und das Anwesen weltberühmt wurde.

Seit dem beschäftigte sich sogar die Wissenschaft mit dem Phänomen und definiert:

„Wenn durch den Versuch, eine Information zu unterdrücken, genau das Gegenteil erreicht und die Information gerade dadurch besonders bekannt gemacht wird, spricht man vom Streisand-Effekt.“

Netztheoretiker, die das Internet als eine Art lebendigen Organismus begreifen, sehen im Streisand-Effekt sogar Fähigkeiten der Selbstregeneration, ähnlich wie ein menschliches Gehirn neue synaptische Verbindungen sucht, sobald alte beschädigt werden. Der Cypherpunk-Aktivist John Gilmore ist sich sicher:

„Das Internet interpretiert Zensur als Störung und benutzt eine Ausweich-Route.“

Das Internet kann jedoch auch eine gefühllose, kaltschnäuzige Bestie sein und besonders gerne nimmt es Akteure aufs Korn, denen die Grundregeln im digitalen Raum fremd sind. Seit Barbara Streisand zieht sich eine Spur digitalen Blutes als Folge gescheiterter Zensurversuche bis in die Gegenwart. Stets erreichten die Protagonisten genau das Gegenteil, von dem, was sie eigentlich beabsichtigten. Statt Unterdrückung von Information folgte die massive Multiplikation ebendieser.

Der türkische Präsident baut einen Erdogan-Effekt

Zurück zur Gegenwart: Erdogans Streisand-Desaster begann vor rund drei Wochen mit diesem Liedchen der Satire-Sendung extra 3:

Am 17. März hatte die NDR-Sendung ihr Ständchen für Erdogan hochgeladen, der Clip stieß zunächst auf eher mäßiges Interesse, wie die folgende Youtube-Statistik zeigt:

Youtube-Statistik von: Erdowie, Erdowo, Erdogan | extra 3 | NDR
Youtube-Statistik von: Erdowie, Erdowo, Erdogan | extra 3 | NDR

Als ab dem 29. März bekannt wurde, dass Erdogan sich durch die Satire in seiner Ehre verletzt sah und persönlich gegen das Lied polterte, brachen alle Dämme. Der deutsche Botschafter zu Ankara wurde einbestellt und Brüsseler Bürokraten mussten sich Erdogans Beschwerden nebst Forderungen nach Konsequenzen anhören. Ein bis heute andauernder diplomatischer Eklat wurde ausgelöst, und natürlich stieg so das Interesse an dem Stein des Anstoßes rasant an. Derzeit bewegt sich das Video im Bereich von rund sechs Millionen Klicks, Tendenz weiter steigend. Streisand-Effekt, Stufe 1.

Die nächste Stufe: Jan Böhmermanns satirisches Kunststück

Doch damit nicht genug. Zum 31. März griff der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann die Geschichte auf, sah, dass der Ball auf dem Elfmeterpunkt lag, und setzte zum fulminanten Treffer an:

Wieso echauffierte sich Erdogan überhaupt über das Stück von extra 3, fragte Böhmermann in seiner ZDF-Sendung Neo Magazin Royal. Natürlich wird Satire in Deutschland von der Meinungs- und Pressefreiheit abgedeckt. Oder weiß der türkische Präsident vielleicht nicht, wo im hiesigen Recht die Grenze zwischen Verballhornung und Diffamierung verläuft? Um dies zu demonstrieren, gab Böhmermann ein äußerst anschauliches Beispiel für eine sogenannte „Schmähkritik“, worunter übelste personenbezogene Beleidigungen jenseits der Sachlichkeit gemeint sind, und erklärte lehrreich, dass derartiges natürlich nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt wird.

Wahrscheinlich werde der Beitrag deshalb auch aus der ZDF-Mediathek gelöscht werden, so Böhmermann. Gesagt, getan: Die Programmbürokraten im ZDF ließen nun im besten Apparatschik-Deutsch wissen, das Stück entspreche „nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt“ und entfernten ihn von den hauseigenen Servern. Die Krone bekam Böhmermann allerdings aufgesetzt, als sich gestern selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel tadelnd zu dessen Werk äußerte und Richtung Ankara vorauseilend signalisierte, dass man mit solch einer Form von Satire natürlich nicht einverstanden sei.

Kein Wunder, gilt es schließlich, den zu Jähzorn neigenden Staatschef ruhig zu halten, auf dass der brüchige europäisch-türkische Deal hält, mit dem die EU hofft, sich der Flüchtlingsproblematik entledigen zu können. Eine entscheidende Notwendigkeit für Angela Merkels politische Zukunft.

Doch auch scheint es, als haben weder die Programmverantworlichen im ZDF, noch Angela Merkel je von Barbara Streisand gehört. Denn während Böhmermann genussvoll schweigt, werden dessen Chefs und die Kanzlerin unfreiwillige Protagonisten in seiner Meta-Satire. Denn mit der Intervention von höchster Stelle wurde direkt die nächste Stufe des Streisand-Effekts gezündet, ein Phänomen das künftig wohl auch als „Erdogan-Effekt“ bekannt sein wird. Die gesamte deutsche Medienlandschaft diskutiert über Pressefreiheit in Deutschland, politische Einflussnahme auf die Medien und die Zustände beim ZDF. Und natürlich verbreitet sich Böhmermanns "Schmähgedicht" in Folge der Löschung nun erst recht im Netz: