Putin könnte, Putin dürfte, Putin hätte: Lang lebe der Konjunktiv!

Putin könnte, Putin dürfte, Putin hätte: Lang lebe der Konjunktiv!
Spekulation, Mutmaßungen und freie Fantasie: Wenn es darum geht, dem Präsidenten der Russischen Föderation irgendetwas anzudichten, sind der künstlerischen Freiheit keine Grenzen gesetzt. Aber sind Journalisten Künstler?

Am Morgen danach kennen die Schlagzeilen der meisten westlichen Medienunternehmen einen Schuldigen. Der russische Präsident hat irgendetwas mit Korruption und Geldwäsche zu tun, legt eine große Presseschau nahe. Er ziert das Startfoto für die Panama-Papers der Süddeutschen Zeitung und des Guardian. Er stellt jeden Aufmacher zum neuen Skandal.

Allein: Von den 214.000 Briefkastenfirmen gehörte nach bisherigen Informationen keine einzige Wladimir Putin. In den 11,5 Millionen Dokumenten scheint er nicht erwähnt zu werden. Das hindert Journalisten natürlich nicht daran, sich eigene Gedanken zu machen: Der russische Präsident „dürfte“, „könnte“, „möglicherweise“ und „mutmaßlich“ irgendetwas mit den Offshore-Konten zu tun haben.

Bei den Herausgebern das gleiche Bild: Das ICIJ stellt auf seiner Startseite nur einen Politiker in die Nähe einer „Rogue Industry“: Wladimir Putin. Frecher geht es nicht? Das ICIJ verbreitet ein Bild mit Darstellungen von Politikern, die etwas mit dem panamaischen Offshore-Netzwerk zu tun haben sollen. Nur ein Politiker taucht darauf zweimal auf: der russische Präsident.

Natürlich behauptet kein Qualitätsmedium, Putin sei korrupt. Sie stellen es nur so dar. Das aber umso konsequenter. Die Dreistigkeit und die Unverschähmtheit, mit der sich eine möglicherweise sinnvolle Veröffentlichung bereits mit dem Startschuss als propagandistischer Müll disqualifiziert, ist kaum noch zu überbieten.

So dürfen wir gespannt darauf warten, was das Publikum in den nächsten Wochen über die Politiker erfährt, die tatsächlich in dem Netzwerk Geld geparkt haben.

Der saudische König Salman bin Abdulaziz Al Saud gehört etwa dazu. Über diesen echten Massenmörder, der bis vor kurzem wichtigster Ansprechpartner des US-amerikanischen Außenministeriums bei Waffengeschäften war, erfährt das Publikum bisher kaum etwas. Er nutzte wohl eine Firma auf den britischen Virgin Islands, um 35 Millionen Dollar zu parken. Über die Firma wurden Luxus-Wohnungen in London gekauft.

Al-Saud und Luxuswohnungen? Da war doch was. Ach ja: Im Herbst stellte die Staatsanwaltschaft Los Angeles ein Verfahren gegen einen Prinzen aus der al-Saud-Familie ein. Majed Abdulaziz Al-Saud soll Frauen in seiner Luxuswohnungen in den USA - Kostenpunkt 37 Millionen Dollar, gekauft von einer Offshore-Firma - misshandelt, bedroht und vergewaltigt haben. Das sagten zumindest vier verschiedene Angestellte. Trotzdem verzichtet die Staatsanwaltschaft auf einen Strafprozess.

Luxus-Wohnungen und London? Da war doch was. Ach ja: Der Vater des aktuellen britischen Premierministers David Cameron hat in Genf und Panama ein eigenes Offshore-Imperium aufgebaut. Um das zu wissen, brauchte es das aktuelle Leak gar nicht. Dass Ian Cameron eine eigene Geldwäsche-Anlange betreibt, scheint den Guardian heute nicht weiter zu interessieren. Auf dem Titel steht der Präsident eines anderen Landes.

Was denken die transatlantischen Alpha-Journalisten eigentlich, wie lange die Leserinnen und Leser sich ihre Gewichtung und Kommentierung noch gefallen lassen? Angeblich haben die Macher die Headlines für die nächsten 14 Tage bereits vorgeplant. Wenn es so weitergeht mit „hätte, hätte, Fahrradkette“ und „Über unsere Freunde reden wir nicht“, dann wird dieser investigative Wurf wohl nach hinten losgehen. Einfach das Abo kündigen, bei diesen Propaganda-Kasperlen.

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