Die ZEIT und der Josef-Komplex

Opa erzählt vom Krieg. Hier noch relativ frisch, auf dem Halifx-Forum im Jahr 2012.
Opa erzählt vom Krieg. Hier noch relativ frisch, auf dem Halifx-Forum im Jahr 2012.
Führung macht einsam. Um diesen alten Erfahrungssatz sammeln sich unzählige Ratgeber und Therapieanbieter. Seit dem vergangenen Wochenende hat dieses Phänomen einen Namen: Der Josef-Komplex. Der Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, Josef Joffe, hat sich mal wieder in einem "Leitartikel" zum Thema internationale Politik geäußert: "Putins Krieg".

Innerhalb weniger Stunden hatten ihm 914 Zeit-Leser im Forum des Magazins geantwortet. Dann musste die zuständige Redaktion um Verständnis bitten, dass der Kommentarbereich dieses Artikels geschlossen ist.

Quelle: Manfred Sauke

Der alte Mann war in seinen Gedanken mal wieder zu weit aufs Meer hinausgefahren, und hatte auf dem Atlantik mit einem gefährlichen Riesenfisch gekämpft. Vom Ausmaß her muss es sich mindestens um Moby Dick gehandelt haben. Der alte Josef nennt diesen Fisch Iwan, und es ist die krankhafte Obsession von beflissenen Atlantikfahrern dieser Generation. Aber nicht nur ihre.

Und so erzählt Josef ein weiteres Mal vom Iwan, aber niemand will es hören. Seine Untergebenen müssen zu den Erzählungen des Alten natürlich höflich nicken und in ihrem Qualitätsmedium Platz für seine Halluzinationen schaffen. Niemand traut es sich zu, dem Alten einfach zu sagen: „Josef, kümmer dich doch lieber um die Rosen in deinem Garten.“ Das ist unfair und unzeitgemäß. Schließlich macht sich auch das jüngere Personal im Haus, einschließlich der mittleren Führungsebene, zum Ziel von beißendem Spott und berechtigter Häme.

Nun müssen wieder schlecht bezahlte Praktikanten dutzende Foreneinträge zensieren. Die ehrwürdige Marke Zeit nimmt irreparablen Schaden. Aber was spricht eigentlich dagegen, die oben angeführten Ratgeber zu studieren und jemanden zu suchen, der dem Alten mit gefühlvollen Worten reinen Wein einschenkt? Sollte das im Jahr 2016 nicht möglich sein?

Quelle: Screenshot ZDF

Stattdessen muss die Öffentlichkeit zum 1000sten Mal das Geseier vom großen gefährlichen Iwan anhören, gegen den der Alte gerne viel mehr Waffen einsetzen würde. Darauf läuft seit Jahren jede seiner Pointen hinaus: „Verteidigungshaushalt zu niedrig.“ Einige gähnen, die meisten schütteln nur noch den Kopf.

Auf der anderen Seite des Atlantik beschreibt unterdessen das große Vorbild, die New York Times, in großen Reportagen, was Josef und seine alten Kumpanen mit diesen Waffen alles angestellt haben. Ein Land nach dem anderen haben sie zerstört. Jedesmal plappern sie zuvor etwas von „Appeasement“ und „Killerdiktatur“, und ningeln so lange herum, bis sie endlich ihre Einmarscherlaubnis bekommen. Ergebnis: Tod, Zerstörung, Chaos.

Aber die Gesellschaft schafft es nicht, die alten Sabbersäcke mit ihrer Iwan-Neurose in die Wüste zu schicken, weder den Josef in der ZEIT noch den Josef bei den Grünen. Autoritätsglaube, Karrierismus, Gleichmut. All das mag dazu beitragen, dass das Personal es gleichgültig erträgt, wenn der Alte mal wieder von einem Anfall geschüttelt wird. Die transatlantische Gerontokratie kann es inzwischen, was ihren Altersdurchschnitt und ihre Starrsinnigkeit betrifft, locker mit dem letzten Politbüro der DDR aufnehmen. Aber man lässt sie gewähren, bis das Schiff untergeht.

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