Widerstand, Zivilcourage und Medien - Podiumsdiskussionen zum "Lügenpresse"-Vorwurf in Berlin

Ort des Geschehens: Das Café Haberland am Bayerischen Platz in Berlin. Bildquelle: Andre_de,  Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International
Ort des Geschehens: Das Café Haberland am Bayerischen Platz in Berlin. Bildquelle: Andre_de, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International
Der Verein Quartier Bayerischer Platz lud am gestrigen Montag in das Berliner Café Haberland um gemeinsam mit Journalisten und Bürgern den "Lügenpresse"-Vorwurf zu diskutieren. Wenngleich die entscheidenden Fragen ausgeklammert wurden, war dies ein Anfang zumindest. RT Deutsch war vor Ort und konnte erstaunt feststellen: Ausnahmsweise wurde einmal nicht dem Russen die Schuld für die Misere in den deutschen Medien gegeben. Ein Bericht.

von RT Deutsch-Redakteur Florian Hauschild

Dass die Debatte um die Glaubwürdigkeit deutscher Medien nicht bloß bei Anne Will oder Frank Plasberg geführt werden kann, liegt auf der Hand. Deshalb ist es durchaus lobenswert, dass zivilgesellschaftliche Gruppen sich dem Thema annehmen und dem Mediendiskurs Raum geben.

So geschehen gestern im Bayerischen Viertel in Berlin. Unter dem Titel "Widerstand, Zivilcourage und Medien" als Teil der Kulturreihe "Wir sind Nachbarn" lud der Verein Quartier Bayerischer Platz zum Austausch zwischen Kiezanwohnern und Journalisten ins Café Haberland.

44 Prozent der Deutschen teilen laut einer Forsa-Umfrage vom Oktober vergangenen Jahres den "Lügenpresse"-Vorwurf von Pegida, glauben, dass die Medien von oben gesteuert sind und gezielt die Unwahrheit sagen. Neben dem Kanzleramt, das eine Verschwörung des Kremls und russischer Geheimdienste hinter der wachsenden Medienkritik vermutet, verstieg sich jüngst auch der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert in die Theorie, der "Lügenpresse"-Vorwurf könne vom bösen Russen in die Welt gesetzt worden sein, um die ansonsten eigentlich tadellos arbeitenden deutschen Journalisten zu diskreditieren.

Falls die russische Kampagne zu laut wird: Kopfhörer für BND-Mitarbeiter an einer Wand im neuen BND-Gebäude in Berlin Mitte. Aufgenommen während der Eröffnungszeremonie, am 31. März 2014.

Doch offenbar steckt mehr hinter dem Vertrauensverlust, mit dem der Mainstream zu kämpfen hat. Grund genug für eine Aussprache. Auf dem Podium nahmen Platz:

  • Peter Grabowski, langjähriger kulturpolitischer Reporter im ARD-Hörfunk und Mitglied netzwerk recherche e.V.
  • Markus Hesselmann, Chefredakteur der Online-Ausgabe des Tagesspiegels
  • Burkhard Bornemann, seit 20 Jahren evangelischer Pfarrer und engagiert in einem Viertel, das einerseits von Prostitution und Drogenmissbrauch geprägt ist und andererseits durch Gentrifizierung bedroht wird.
  • Fritz Lloyd Wetzel, 18-jähriger Informatik-Student an der TU Berlin und Internetmediennutzer
  • Moderiert wurde die Debatte von der freien Journalistin Ingrid Apel.

Der Einstieg der Gesprächsrunde ließ dann auch durchaus Potenzial vermuten, denn an Worten der branchenbezogenen Selbstkritik mangelte es bei ARD-Mann Grabowski zunächst nicht. Viele Journalisten missachten die Grundregeln ihres Berufes, die da seien: Abstand halten, umfassende Recherche auf Grundlage aller zur Verfügung stehenden Quellen, Einseitigkeit vermeiden, beide Seiten gleich behandeln. Und ganz entscheidend: Die wichtigste Journalistenfrage, so Grabowski, müsse immer lauten "Cui bono? - Wem nutzt es?"

Beachtliche Worte, wenn man bedenkt, dass heute jeder Journalist, der in geo- und machtpolitischen Themenbereichen dieser Frage nachgeht, von sogenannten Kollegen, linksgrünen Parteigängern und dem vorauseilenden Gehorsam verpflichteten Mediennutzern postwendend als "Verschwörungstheoretiker" verunglimpft wird.

Sollte im Berliner Café Haberland also ein erster wichtiger Schritt im notwendigen Reinigungsprozess verkrusteter deutscher Medienstrukturen gelingen? Medien, deren Vertreter sich vor allem durch Klientelismus und eine teils obszöne Nähe zur Macht auszeichnen? Es konnte weiter gehofft werden.

Pfarrer Burkard Bornemann beklagte, dass er oft die Erfahrung machen musste, dass er in Interviews, welche er deutschen Medien zu geplanten Bauprojekten oder zur Prostitution in seinem Kiez gegeben hatte, teilweise völlig falsch wiedergegeben wurde. Dabei wurden Aussagen teils ins Gegenteil verdreht, damit sie in die gewünschte und vorher festgelegte Erzählung passten. Bornemann weiß heute nicht mehr, welchem Blatt er vertrauen kann. Für den Kirchenvertreter ist alles unübersichtlicher geworden. Marken, die früher noch für Qualität und seriöse Recherche standen, praktizieren heute nicht selten eine interessengeleitete Verfälschung der Tatsachen, so der Pfarrer.

Während der Tagesspiegel-Journalist Markus Hesselmann Bornemann beipflichtete, dass dergleichen natürlich nicht passieren darf, brachte Peter Grabowski, selbst vor allem als kulturpolitischer Reporter tätig, sogleich das Beispiel an, dass seine Kollegen aus der Musikredaktion über Jahre nie in der Unternehmens-Kantine gesehen wurden. Der Grund: Jeden Tag wurden sie von einer anderen Plattenfirma zum Mittagessen eingeladen - was dann natürlich die Radio-Playlist, sowie Konzert- und Plattenempfehlungen beeinflusste.

Peter Lavelle, RT

Wer hier nun zwei Schritte weiter denkt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass auf diese oder ähnliche Weise nicht nur die neuesten Popsongs in den Medien platziert werden, sondern dass in geopolitischen Auseinandersetzungen so auch der Takt der Marschmusik seinen Einzug in das Mediensystem findet. Nicht zwangsweise mit direkten Befehlen aus von der Leyens Verteidigungsministerium oder dem Kanzleramt, aber sehr wohl über Konferenzen, Treffen, informelle Mittagessen, Abendveranstaltungen, Pressedinner, etc.

Dass der deutsche Medienmainstream auf diese Weise stringent auf deutsche Regierungs- und NATO-Linie gebürstet wurde, liegt auf der Hand und ist eigentlich für jeden Mediennutzer klar ersichtlich. Als eines der zahllosen aktuellen Beispiele hierfür kann der Leitartikel in der aktuellen Ausgabe des Spiegels genannt werden. Unter dem Titel „Putins Aggressionen“ wird ein kaum verhohlener Kriegsaufruf gegen Russland formuliert, der eine gefährliche Eskalation in der äußerst angespannten Situation um Syrien propagiert.

Gekommen waren rund 100 Interessierte: "Lügenpresse"-Debatte in Berlin
Gekommen waren rund 100 Interessierte: "Lügenpresse"-Debatte in Berlin

Genau diesen Schritt war der ARD-Vertreter Grabowski dann aber offenbar nicht bereit zu gehen, was wiederum den Kern des Unmutes der Mediennutzer ausmacht. Gegen Subjektivität sprach sich keiner der Zuschauer aus. Auch betonte der 18-jährige Student Fritz Lloyd Wetzel auf dem Podium, dass im Vergleich zahlreicher subjektiver Ansichten eigentlich eine große Chance liegt. Nur sollen die Medienmacher doch bitte nicht behaupten, objektiv zu berichten wenn dies eindeutig nicht der Fall ist.

Über seine Kollegin Claudia Zimmermann, die jüngst im niederländischen Radio aussagte beim WDR gäbe es Weisung "pro Regierung" zu berichten, äußerte sich der Kulturreporter abfällig. Anweisungen gäbe es natürlich keine und er selbst habe auch nie irgendwelche Anrufe aus dem Kanzleramt erhalten - freilich ein Strohmann, den Grabwoski hier verbrannte.

Im Publikum führte dies zu Protest und der Aufforderung der ARD-Kulturreporter solle mit der "Selbstbeweihräucherung" aufhören. Die versöhnliche Stimmung, die noch zum Einstieg herrschte, war gekippt.

Ohnehin drehte sich Grabowskis Argumentation nun immer mehr darum, dass die Medien früher auch nicht besser gewesen und es vor allem junge, unerfahrene Kollegen seien, die die Grundregeln des Handwerks nicht beachten und so das ganze ehrbare Journalisten-Volk in Verruf bringen.

Eine Handvoll der Anwesenden verließ an diesem Punkt die Veranstaltung und bezeichnete das Gesehene abfällig als "Geschwätz". Die große Aussprache zwischen Mediennutzern und Medienvertretern sollte es also nicht mehr werden. Doch immerhin: Deutschland beginnt zu diskutieren, was in den Medien falsch läuft. Dass zahllose Defizite bei der journalistischen Arbeit das Grundvertrauen in die etablierten Medien erschüttert haben, lässt sich nicht mehr leugnen.

Dass es nicht ausreicht, alle Stimmen, die das sagen, schlicht als Wutbürger oder Pegida-Anhänger abzukanzeln, darüber scheint ebenfalls mittlerweile Konsens zu herrschen.

Foto: pk210 / Flickr / CC-BY-SA-2.0

Tatsächlich fruchtbar wird die Debatte aber erst werden, wenn sich die deutschen Medienvertreter selbstkritisch fragen, welchen Beitrag sie in den vergangenen 14 Jahren eigentlich bei der Zerstörung zahlreicher Länder des Nahen Ostens geleistet haben; wenn es um die Frage geht, wieviel Blut eigentlich an den Edelfedern klebt, nachdem sie unter dem Deckmantel der "Demokratieförderung" und für die Verbreitung "westlicher Werte" Bombenteppiche auf den Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien herbeigeschrieben haben.

Kriege, die nicht nur die Ursache für unzählige Leichen sind, sondern die auch seit dem vergangenen Jahr zur größten Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg führten. Ein Zusammenhang, den die etablierten deutschen Medien heute gerne so wenig wie möglich thematisieren.

Bis zu diesem Kern des "Lügenpresse"-Vorwurfes vorgedrungen wird, mag noch einige Zeit vergehen. Doch erfrischenderweise wurde gestern in Berlin mal ausnahmsweise nicht "dem Russen" die Schuld für all das gegeben.

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