"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!" - Tsipras' Besuch bei Putin erzürnt Mainstream

“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!” – Tsipras’ Besuch bei Putin erzürnt EU-Politiker und medialen Mainstream
“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!” – Tsipras’ Besuch bei Putin erzürnt EU-Politiker und medialen Mainstream
Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras (SYRIZA) reist für zwei Tage nach Moskau zum Antrittsbesuch bei Wladimir Putin. Ein regulärer diplomatischer Vorgang. Hochrangige EU-Politiker und Teile des deutschen medialen Mainstreams zeigen sich dennoch empört und wittern eine eurasische Verschwörung.

Seit dem 26. Januar 2015 ist Alexis Tsipras amtierender Ministerpräsident Griechenlands. Es gehört zu den üblichen Aufgaben seines Geschäftes im Zuge der Regierungsübernahme Amtskollegen und Präsidenten anderer Staaten zu besuchen. Derlei Antrittsbesuche sind ein wohl bekanntes Standardprozedere in der internationalen Beziehungen. Für hochrangige EU-Politiker, Teile der deutschen Regierung und einige Publikationen des medialen deutschen Mainstreams kommt der Besuch allerdings einem Affront gleich. "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!", so die kaum verhohlene Warnung, die aus einer Vielzahl von Wortmeldungen zu dem Treffen heraus gelesen werden kann. Die Front, die sich für die Verbreitung dieser Botschaft aufgebaut hat, kann sich sehen lassen. RT Deutsch zeichnet den Weg der Kampagne nach:

Screenshot: Bild.de

Begonnen hat alles - wie üblich - mit einem reißerischen Beitrag auf bild.de, eine Minute nach Mitternacht. Der verschwörungstheoretisch angehauchte Artikel "Schmieden Putin und Tsipras den Anti-Merkel-Pakt?" des Boulevard- und Kampagnenblattes aus dem Hause Springer spart schon eingangs nicht an Hähme:

"Alexis Tsipras (40) konnte es gar nicht erwarten. Gestern Abend schon landete der griechische Regierungschef in Moskau, checkte mit seinen Außen- und Energieministern im Hotel „Metropol“ ein – Zimmerpreis 270 Euro, die Suite für 1.200 Euro, Panorama-Blick Richtung Moskwa inklusive."

Leicht durchschaubar, dass hier gleich zum Einstieg versucht wird Alexis Tsipras als unauthentischen Luxus-Linken darzustellen, eine Karte die auch gerne gegen Sahra Wagenknecht (DIE LINKE) gespielt wird - man erinnere sich nur an die "Hummer-Affäre".

Im weiteren Verlauf des Kampagnenartikels konzentrieren sich die BILD-Redakteure ganz in McCarthy-Ära-Manier darauf sowohl Putin als auch Tsipras als für die EU gefährliche (Ex-)Kommunisten darzustellen. Die nach Ansicht der BILD besonders verwerflichen Stationen im Lebenslauf der Staatsmänner sind dabei leicht eingängig fett gedruckt. So etwa aus der Jugend des Griechen:

"Alexis TSIPRAS: ► Jugendsekretär der „Reformkommunisten“"

Als Grund für den an sich völlig gewöhnlichen Staatsbesuch wittert die BILD derweil nicht weniger als eine auf die EU zielende Großverschwörung zwischen Russland und Griechenland. So fragt das Blatt: "Schmieden die Ex-Kommunisten womöglich einen Pakt gegen die starke Frau der EU: Angela Merkel?" und scheint mit der dazugehörenden Artikelgrafik diese Frage auch gleich beantworten zu wollen. Natürlich, was auch sonst. Als Stichwortgeber für diese Interpretation des Treffens stellt sich Henning Otte, der verteidigungspolitische Sprecher der CDU, bereit. Dieser verkündet:

„Tsipras sollte es nicht wagen, Russland einen Keil in die Nato treiben zu lassen.“

Offen bleibt bei der direkten Drohung Ottes die Frage warum dieser bei seinem Einwurf von der NATO und nicht von der EU spricht, wie der Rest der medialen und politischen Campaigner.

EU-Präsdident Martin Schulz (SPD) hält sich hingegen fehlerfrei an das Kampagnen-Protokoll und gibt der Droh-Geschichte diplomatisches Gewicht:

"Ich kann Griechenland nur raten, die Einigkeit der Europäer nicht aufs Spiel zu setzen."

Weiter geht es in Springers zweitem Geschütz, der Welt. In den frühen Morgenstunden des heutigen Tages veröffentlichte Andre Tauber dort den Artikel "Tsipras' Besuch in Moskau ist eine Drohgebärde", der die von BILD eingeschlagene Linie fest klopft. Die Überschrift des Beitrages ist ein direktes Zitat vom Chef des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament Elmar Brok (CDU). Brok gilt über sein parlamentarisches Engagement hinaus gehend auch als einflussreicher Lobbyist der Bertelsmann-Gruppe und dürfte das Seine dazu beitragen, dass der Druck auf Tsipras und Putin auch in den Programmen von RTL und Co. Widerhall findet.

Nur wenige Stunden später titelt Zeit Online "EU-Politiker schicken Tsipras scharfe Warnungen" und fasst die Beiträge von bild.de und welt.de zusammen. Nun kommen EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) und Elmar Brok (CDU) übereinstimmend und gemeinsam zu Wort. Gleichzeitig sorgt Zeit Online mit diesem Artikel für eine ökonomisch-argumentative Unterfütterung der "offiziellen" Lesart. Faz.net, Spiegel Online steigen diesmal eher lustlos in die Kampagne ein, die Süddeutsche Zeitung scheint es vorzuziehen sich gänzlich herauszuhalten. An die Spitze der organisierten Empörung scheint sich Jan Gänger von n-tv setzen zu wollen. In seinem Kommentar "Tsipras zu Gast bei Putin. Was soll das?" merkt der Leiter des n-tv-Wirtschaftsressorts unter anderem an:

"Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras besucht Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Damit bleibt sich der Gast aus Athen treu. Denn die Reise nach Moskau fügt seinen zahlreichen schlechten Ideen eine weitere hinzu."

Um einen neutralen Blick auf den Staatsbesuch bemüht sich die etablierte linke Presse, so etwa das Neue Deutschland in einem Ticker mit dem Titel: "Kritik an Moskau-Reise: Athen kritisiert Bevormundung". Hier werden die Fakten des Staatsbesuches zusammengefasst, ebenfalls wird die oben nachgezeichnete Mainstream-Kampagne kritisiert.

Zeitungen des Axel Springer-Verlages

Recht leise erklingt da die gewohnt vernünftige Stimme von Georg Restle vom WDR-Magazin "Monitor". In einem kurzen Facebook-Statusbeitrag verkündet dieser:

"Athen trifft Moskau: Kein Grund zur Panik!"

[...]

"Griechenlands Regierungschef besucht Moskau. Das ist sein gutes Recht. Wer befürchtet, Europa könne deshalb auseinander brechen, leidet an politischen Wahnvorstellungen. Aber die scheinen den griechisch-europäischen Diskurs ja schon seit längerem zu bestimmen." Sollte Restle Recht behalten, ist die Sache gerade noch einmal gut gegangen: Doch keine eurasische Meta-Verschwörung. Einfach nur ein Staatsbesuch.

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