Meinung

Die moderne Kriegstreiberei der USA macht selbst Henry Kissinger Angst

Henry Kissinger, ehemaliger Sicherheitsberater der USA und ausgewiesener Kriegstreiber, zeigt sich über die zunehmende Konfrontation des Westens gegenüber Russland und China besorgt und sieht die Welt am Rande eines gefährlichen Ungleichgewichts. Zur Lösung dieser Spannungen hat er jedoch kein einfaches Rezept anzubieten.
Die moderne Kriegstreiberei der USA macht selbst Henry Kissinger AngstQuelle: AFP © BRENDAN SMIALOWSKI / GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Ein Kommentar von Caitlin Johnstone

In einem Interview mit dem Wall Street Journal (WSJ) sagte der anscheinend unsterbliche – und vom Internationalen Strafgerichtshof verschonte – Henry Kissinger, dass die USA außenpolitisch derzeit auf eine verrückte und irrationale Weise handeln, was sie an den Rand eines Krieges mit Russland und China gebracht hat.

Kissinger sieht die heutige Welt in ein gefährliches Ungleichgewicht kippen. "Wir stehen heute am Rande eines Krieges mit Russland und China, wegen Problemen, die wir teilweise selbst geschaffen haben, ohne jedoch eine Vorstellung davon zu haben, wie das alles enden wird oder wohin es führen soll", sagte er dem WSJ. Aber könnten die USA ihre beiden Kontrahenten mit einer "Dreiecksstrategie" handhaben – so, wie es Washington während der Ära unter Präsident Richard Nixon auch schon mal getan hat? Kissinger hat dazu kein einfaches Rezept anzubieten.

"Man kann heute nicht erwarten, dass man China und Russland spalten und gegeneinander aufbringen kann. Alles, was Washington tun kann, ist, die Spannungen nicht zu erhöhen und Optionen anzubieten, aber diese müssen einen Zweck haben."

In der Taiwan-Frage befürchtet Herr Kissinger, dass die USA und China auf eine Krise zusteuern, und er rät Washington zur Beständigkeit. "Die Politik, die von beiden Parteien bisher verfolgt wurde, hat den Fortschritt Taiwans hin zu einer autonomen, demokratischen Einheit hervorgebracht und ermöglicht sowie den Frieden zwischen China und den USA 50 Jahre lang bewahrt", sagte er. "Man sollte daher sehr vorsichtig sein bei Handlungen, die diese Grundstruktur verändern."

Anfang dieses Jahres sorgte Kissinger für Kontroversen, nachdem er angedeutet hatte, dass eine unvorsichtige Politik seitens der USA und der NATO die Krise in der Ukraine ausgelöst haben könnte. Er sieht keine andere Alternative, als die von Russland geäußerten Sicherheitsbedenken ernst zu nehmen, und er glaubt, dass es ein Fehler der NATO war, der Ukraine zu signalisieren, dass sie dem Bündnis eventuell beitreten könnte: "Polen und alle traditionell westlich ausgerichteten Länder, die Teil der westlichen Geschichte sind, waren prädestiniert, Mitglieder der NATO zu werden", sagt Kissinger weiter. Aber die Ukraine ist seiner Ansicht nach eine Ansammlung von Territorien, die einst zu Russland gehörten, die von den Russen als ihre eigenen betrachten werden, obwohl "nicht wenige Ukrainer" dies nicht so sehen.

Der regionalen Stabilität wäre besser gedient, wenn die Ukraine als Puffer zwischen Russland und dem Westen fungieren würde:

"Ich befürwortete die vollständige Unabhängigkeit der Ukraine, aber ich war immer der Meinung, dass ihre beste Rolle jene wäre, die Finnland bisher eingenommen hat."

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist eine solche Warnung viel, viel ernstzunehmender, wenn sie von einem blutgetränkten Monster wie Kissinger kommt, als wenn ein antiimperialistischer Friedensaktivist sie aussprechen würde, der nicht im Bauch der imperialen Maschinerie gesessen hat. Kissinger ist buchstäblich ein Kriegsverbrecher, der als führender Manager des Imperiums dazu beigetragen hat, auf der ganzen Welt unermessliche Schrecken zu verbreiten, deren Folgen noch heute zu spüren sind.

Und soweit man es aus seinen eigenen Bemerkungen entnehmen kann, ist er völlig uneinsichtig geblieben. Im Rückblick auf seine lange und oft umstrittene Karriere neige er nicht zu Selbstkritik, schrieb Laura Secor vom Wall Street Journal. "Ich quäle mich nicht mit Dingen, die wir vielleicht anders hätten machen können", gibt Kissinger unumwunden zu. Also bleibt Kissinger ein kompromissloser kriegstreibender Psychopath. Aber wenn er sich als Person nicht verändert hat, warum warnt er jetzt vor einer US-Aggression und davor, dass das Imperium zu weit gegangen ist?

Nun, wenn Kissinger sich nicht verändert hat, können wir nur vermuten, dass es das US-Imperium selbst ist, das sich verändert hat. Dessen Verhalten ist jetzt so verrückt und so unlogisch, dass es selbst einen 99-jährigen Psychopathen wie Henry Kissinger nervös macht. Und wenn man wirklich darüber nachdenkt, dann ist das eines der gruseligsten Dinge, die man sich vorstellen kann.

Der Abschied des Imperiums von der Endlosschleife des mörderischen Wahnsinns eines Henry Kissinger hin zu seiner derzeitigen Form des Wahnsinns scheint um die Jahrhundertwende begonnen zu haben, als der Zustrom von Neokonservativen ins Weiße Haus begann, die den Chauvinismus der Ära nach 9/11 in die Ära eines Interventionismus und militärischen Expansionismus führten. Dies geschah mit solch einer Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit, dass selbst viele aus der alten Garde davor zurückschreckten.

Kissinger unterstützte zwar 2003 die Invasion in den Irak, sagte aber bereits, lange bevor sie begann, dass er ernsthafte Bedenken habe wegen eines Mangels an klarem Denken und vorausschauender Planung, den er an dieser Front sehe. Das neokonservative Ziel einer planetaren Hegemonie der USA um jeden Preis, was zu dieser Invasion – und der Planung vieler weiterer – geführt hat, ist seitdem in der US-Außenpolitik zum Mainstream-Konsens in den Washingtoner Hallen der Macht geworden und verantwortlich für jene Eskalationen, vor denen Kissinger jetzt warnt.

"Die Planspiele der neokonservativen Denkfabrik PNAC sehen eine strategische Konfrontation mit China und eine noch größere permanente Militärpräsenz in jedem Winkel der Welt vor", schrieb Michael Parenti 2004 in seinem Buch "Superpatriotism". "Das Ziel ist nicht nur die Macht um ihrer selbst willen, sondern die Macht, die natürlichen Ressourcen und die Märkte der Welt zu kontrollieren; die Macht, die Volkswirtschaften aller Nationen der Welt zu privatisieren und zu deregulieren; die Macht, die 'Segnungen' eines ungehinderten globalen 'freien Marktes' auf die Rücken der Völker zu binden – einschließlich jener in Nordamerika."

Mit "Planspiele der PNAC" meinte Parenti die Ideen der Neokonservativen, die hinter der berüchtigten Denkfabrik Project for the New American Century (Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert) stehen und deren unipolare militaristische Vorhaben sie ausdrücklich befürworteten.

Henry Kissinger warnt also vor den Gefahren der US-Kriegstreiberei – nicht etwa, weil er vernünftiger geworden ist, sondern weil die US-Kriegsmaschine verrückter als er selbst geworden ist. Dass wir jetzt auf Konfrontationen zusteuern, die selbst jemandem nicht mehr rational erscheinen, der den größten Teil seines Lebens damit verbracht hat, die Mechanismen des Imperiums aus seinen inneren Kammern zu beobachten, sollte uns alle beunruhigen. Wenn man über Waghalsigkeit zwischen großen Weltmächten spricht, insbesondere über nukleare Waghalsigkeit, dann ist das Letzte, was man braucht, dass eine der beteiligten Parteien unberechenbar und unsinnig handelt.

Wir brauchen Deeskalation und Entspannung, und wir brauchten sie schon gestern. Wenn jemand wie Henry Kissinger, der zeitlebens nie eine Taube war, die Leute in Washington als Falken bezeichnet, dann sind sie verdammt noch mal Falken.

Übersetzt aus dem Englischen

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