Meinung

Lenin, der Häuptling aller Indianer

Lenin war ein herausragender Marxist, der die Theorie erstmals in die Praxis umsetzte. Das allein erklärt jedoch nicht, warum seine Person zu einem Markenzeichen geworden ist und auch 100 Jahre später noch die Gemüter erregt. Sachar Prilepin gibt eine polemische Antwort auf Wladimir Putins Lenin-Thesen.
Lenin, der Häuptling aller Indianer© Wiktor Deni

von Sachar Prilepin

Einer der berühmtesten russischen Dichter der Revolutionszeit, Sergei Jessenin, widmete Lenin in seinem Poem "Anna Snegina" diese markante Passage: Es stellen die versammelten Rjasaner Bauern im Frühjahr 1917 dem Autor  Fragen und er sucht vergebens nach Antworten: 

"Das Gesicht von grimmem Lächeln verzerrt,

Hat ein jeder zu mir geschaut;

Ich aber, in schweres Brüten gekehrt,

Bracht’s nicht einmal zu einem Laut.

Es zitterten mir die Knie,

Meine Gedanken dröhnten wirr.

Einer fragte dann: Was ist dieser Lenin?

Leise sprach ich: Er – das seid ihr."

Jessenin, Russlands Genie aus dem Volk, zog mit dieser Strophe des 1925 gedichteten Poems Bilanz einer Epoche: Wladimir Iljitsch Lenin war Ausdruck, Gesicht und Name der gigantischen, erschreckenden, unaufhaltsamen Naturgewalt, die Russlands Bauerntum und Russland selbst sind. So erklärte es Jessenin, und auch wenn man ihm nicht glauben will, so ohne weiteres wegwischen kann man seine Erkenntnis auch nicht. 

Was Lenin ist, versuchte in aller Kürze und in aller Klarheit, auch der rechtskonservative Publizist, Ideologe und überhaupt ein bemerkenswerter, großartiger Mann, Alexander Iwanowitsch Kasinzew, zu erklären. Kasinzew war, ich wiederhole, ein echter russischer Intellektueller, ein direkter ideologischer Erbe der Klassiker des russischen Slawophilismus und ein russischer Nationalist.

Lenin, schrieb Kasinzew, habe im Jahre 1917 der Welt bewiesen, dass man den "weißen Herrn" mit Erfolg herausfordern kann. Für die Chinesen, Inder, Afrikaner, Asiaten, Lateinamerikaner, Bewohner Ozeaniens – für alle Schwarzhäute und überhaupt alle Farbigen, für alle Gedemütigten und Erniedrigten war dies ein Schock. Das war eine Offenbarung quasi religiöser Natur. Ihre ganze Geschichte, die vielen Jahrhunderte der Erniedrigung und Sklaverei schienen der Beweis zu sein, dass der weiße Herr unbesiegbar ist. Dass er sie für immer an der Kette führen und Ihnen die Früchte Ihrer Arbeit rauben würde.

Die Russen hielt der "weiße Herr" nie für Seinesgleichen, weißhäutig waren Russen für ihn nur aus einer unachtsamen Laune der Natur heraus. Innerlich aber seien sie genauso Schwarzhäute wie alle anderen Farbigen auch – und haben ganz sicher keinen Anspruch auf ihr viel zu reiches Land, ein Land, über das zu verfügen nur dem weißen Herrn zustehe.

Wenn nun gesagt wird, Lenin habe das Russische Reich zerstört, kann man das allenfalls als eine rhetorische Figur stehenlassen. Tatsächlich fügte Lenin das russische Imperium neu zusammen und – was am Wichtigsten ist – leitete damit den Prozess der weltweiten Entkolonialisierung ein. Allein zu Lebzeiten Lenins brachen vier Großreiche zusammen – während er energisch die vom Zarenreich abgefallenen Gebiete an das bereits sowjetische Russland wieder anfügte. Und dann, in den folgenden Jahrzehnten, verloren die weißen Herren in London, Rom, Paris, Madrid auf katastrophale Weise gegen die Farbigen und Schwarzen und verloren ihre kolonialen Eroberungen. Das alles ist Lenin.

Wenn versucht wird, Lenin für immer mit der marxistischen Theorie zu vermählen, ist dies nur teilweise richtig. Lenin ist nämlich ganz unabhängig vom Marxismus die Weltmarke schlechthin: der Vater von Che Guevara. Und zwar eine immer noch wirkende Weltmarke – er ist nicht nur der geistige Vater von Che Guevara, sondern auch neben ihm weiterhin der ewige Gegner der weißen Herren: Der Napoleons, Mussolinis, Hitlers oder auch Bidens.

Ihr Kampf gegeneinander läuft auch heute weiter.

Klar, wohl haben auch die weißen Herren dazugelernt – und können nun, um die Karten zu verwirren, auch mal einen Obama als ihren "schwarzen" Anführer präsentieren. Doch das vermag kaum jemanden in die Irre zu führen.

Um es ein für allemal klarzustellen: Obama ist ein weißer Sahib. Lenin hingegen – ja, Lenin ist ein Neger, wo auf der Welt auch immer. Lenin ist Indianer und Inder, Lenin ist Russe, Lenin ist Chinese, Mongole und Burjate, er ist Kubaner und Venezolaner. Lenin ist ein Serbe, denn natürlich sind auch Serben ebenso "nicht wirklich und nur aus Versehen" weiß, wie die Russen. Lenin ist Zentralafrikaner und auch Nordafrikaner – Araber und Berber.

Und zu guter Letzt ist Lenin auch ein Bergarbeiter aus dem Donbass.

Die Tatsache, dass die Figur Lenins sich über den ersten Kundgebungen des "Russischen Frühlings" 2014 erhob, ist kein historisches Paradoxon, sondern ein Ausdruck des wahren Hintergrunds dieser Ereignisse. Das politische Kiew beschloss, dem weißen Herrn die Treue zu schwören, die Judassünde der "europäischen Wahl" zu begehen – und übte damit Verrat an allen Kolonisierten. Die Naivlinge in Kiew wollten eine Eintrittskarte zum exklusiven Gentlemen-Club der NATO- und EU-Kolonisatoren – ohne zu wissen, dass die weißen Herren sie niemals als gleichberechtigt akzeptieren würden.

Der politische Donbass aber antwortete: Nein. Wir sind anders.

Und 100 Jahre später sind erst die Aufständischen des Donbass und dann ganz Russland in ihrer altgewohnten Rolle aufgestanden: als die Kraft, die den Globalismus der weißen Herren herausfordert.

Bei all dem sollten wir uns nicht nur an die Entscheidungen Lenins erinnern, die tragische Folgen hatten, sondern auch an seinen großrussischen, adeligen, imperialistischen, wohlmeinenden Zynismus: Während er den weltweiten Kolonialismus zertrümmerte, war er zugleich aufrichtig überzeugt, dass Sowjetrussland alles dürfe, weil Sowjetrussland die Verkörperung des Guten ist. Die imperialen Ausmaße der antiimperialistischen Offensiven Lenins, die nicht immer erfolgreich waren, lassen den Atem stocken: Er setzte nicht nur das Ziel, die Westgebiete der Ukraine und Weißrusslands unter Kontrolle Moskaus zu bringen, er befahl auch die Eroberung von Warschau, plante Feldzüge nach Konstantinopel und nach Iran. An diesem nahm mit dem Futuristen Welimir Chlebnikow ein weiteres russisches Dichtergenie teil, der den Feldzug der Roten Armee nach Persien besungen hat.

Ja, Sowjetrussland war viel zu erschöpft, um all diese Ideen Lenins sofort in die Praxis umzusetzen, aber, um Ostap Bender aus dem Kultroman "Die Zwölf Stühle" zu zitieren: "Bewundern Sie die Schönheit des Spiels!"

Jessenin, Chlebnikow und Majakowski wussten die Schönheit von Lenins Spiel zu bewundern. Seither ist Lenins Name auch ein fester Bestandteil der russischen Kultur. Wenn Lenins Denkmäler abgerissen werden, so ist dies stets auch ein Versuch, die russisch-sowjetische Poesie mit zu demontieren, die den globalen Maßstab dieses Mannes besungen hat.

Wenn es nur die drei genannten Dichter gewesen wären... Doch nein! Im zwanzigsten Jahrhundert war Lenins Name auf allen Kontinenten, überall, wo Völker die Freiheit und Unabhängigkeit von den weißen Herren anstrebten, die Losung und die Parole.

Als Russlands verlorene Brüder in Kiew Lenin, der in Tausenden von Oden in vielerlei Sprachen besungen wird, vom Postament stürzten und den lächerlichen Boris Johnson auf seinen Platz hoben, dem in der Geschichte eine Wirkdauer von nicht mehr als einem Augenblick der Schande vergönnt sein wird, verhielten sie sich wie die sprichwörtlichen Wilden, die sich für Glasperlen und Feuerwasser kaufen ließen. In nicht einmal 100, ja, lächerlichen 15 Jahren wird niemand mehr erklären können, wer Boris Johnson ist. Lenin hingegen wird auch weitere 100 Jahre später am gleichen Platz in der Geschichte stehen: Häuptling der sprichwörtlichen wie buchstäblichen Neger und Rothäute in deren Freiheitskampf, eine Weltmarke, Held der Jessenin-Gedichte, der ewige Schrecken und die ewige Geißel der Weltbourgeoisie, der Kolonisatoren, der Oligarchen.

Was die von Lenin, wie es oft heißt, "erschaffene" Ukraine  betrifft, so fühle ich mich aus irgendeinem Grund an die Worte des derzeitigen russischen Zaren erinnert, der die weißen Herren wieder einmal herausgefordert hat. Über Boris Jelzin sagte er an einem der Jahrestage von dessen Ableben:

"Im Nachhinein wissen wir doch alle immer alles besser."

Er erinnerte an die katastrophale Schwierigkeit, in schicksalhaften Tagen präzise Entscheidungen zu treffen.

Lenin hatte das fertige Konstrukt Ukraine von den Deutschen, von Skoropadski und Petljura geerbt. Er hat es nicht abgeschafft?

Nun, meine Freunde, haben denn die russischen Kaiser – zählen Sie jetzt ruhig mit mir mit – das Königreich Polen, das Großfürstentum Finnland, das Khanat Chiwa, das Emirat Buchara, Jakutien, das Baltikum, die Innere Kirgisische Horde und andere Formen von Autonomie abgeschafft?

Dass Georgien "Georgisches Gouvernement" und Armenien "Armenisches Gouvernement" hießen, änderte nichts am Kern ihrer Natur. Sie strebten als Gouvernements nicht weniger nach Unabhängigkeit als das formal autonome Königreich Polen und das tatsächlich autonome Großfürstentum Finnland.

Ja, auch Peter der Große, Katharina die Große und Alexander der Herrliche haben den russischen Staat mit "Bomben vermint", indem sie umstrittene Gebiete – einschließlich genuin russischer – mit dem Status nationaler Autonomien versahen, einfach im Glauben, an ihrem Reich sei nicht zu rütteln. Auch diese "Bomben" pflegten von Zeit zu Zeit hochzugehen.

So wie alle gegenwärtigen Autonomien, die heute Teil Russlands sind, nicht nur ein kreatives, sondern auch ein destruktives Potenzial in sich bergen.

Was uns nicht daran hindert, all diese blühende Komplexität in dem uns anvertrauten Land zu würdigen – und zu wahren. Denn wir sind eben keine weißen Herren. Wir sind die Hoffnung der Menschheit.

"Einer fragte dann: Was bitte ist Putin? ..."

Übersetzt aus dem Russischen

Sachar Prilepin ist ein russischer Schriftsteller und Journalist, der in den 1990er Jahren im Krieg in Tschetschenien gekämpft hat. Er kämpfte später als stellvertretender Kommandeur eines Freiwilligenbataillons der Volksmiliz der Volksrepublik Donezk in der Ukraine.

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