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291 Jahre Haft – Die Geschichte hinter dem Aus der größten Private-Equity-Gesellschaft in Nahost

Die RT-Journalistin Lubna Hamdan sprach mit Arif Naqwi, einem Unternehmer, der beschuldigt wird, einige der mächtigsten Menschen des Planeten bestohlen zu haben. Ihm drohen nun 291 Jahre Haft in einem US-Gefängnis.
291 Jahre Haft – Die Geschichte hinter dem Aus der größten Private-Equity-Gesellschaft in NahostQuelle: Gettyimages.ru © Nadine Rupp

von Lubna Hamdan

Es ist ein kühler Tag in London. Ich betrete einen Mitgliederclub im eleganten Stadtteil Mayfair, wo ich ein Treffen haben werde, auf das ich fast zwei Jahre gewartet habe. Ein Treffen mit Arif Naqwi. Er ist der Mann, der beschuldigt wird, über seine Private-Equity-Gesellschaft aus dem Nahen Osten, die inzwischen aufgelöste Abraaj Group, Hunderte Millionen Dollar von der mächtigsten Elite der Welt gestohlen zu haben.

Ich suche mit den Augen den gut besuchten Salon des Clubs ab, als mein Blick auf eine gebrechliche Gestalt fällt, die in einer ruhigen Ecke an einem Fenster sitzt. Ohne sein berühmtes, dickes und nach hinten gekämmtes silbernes Haar hätte ich ihn nicht erkannt. Es ist mindestens ein paar Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Die Freizeitkleidung von Naqwi, ein marineblauer Pullover und Jeans, die lang genug sind, um seine Fußfessel zu bedecken – ein Geschenk des Hausarrests –, steht in starkem Kontrast zu den eleganten Anzügen, die er fast 40 Jahre lang jeden Tag trug.

"Arif Naqwi sagt unseren Unternehmern, dass sie einen Vorteil haben, den das Silicon Valley nicht hat – sie kennen die Region und die Verbraucher!", schrieb der Unternehmergipfel RiseUp 2017 über Naqwi. "Die Abraaj Group ist ein Leuchtfeuer. Versierte Investoren, die zweistellige Renditen anstreben, sollten dies zur Kenntnis nehmen", sagte ein Unternehmer im selben Jahr über das Unternehmen selbst. "Ich werde deinen Jungen nehmen und ihn dir als Mann zurückgeben", sagte Naqwi zu einem Freund, der mir von dem Tag erzählte, an dem sein Sohn eine Karriere bei Abraaj begann. "Er war ein sehr großzügiger Typ, sowohl auf persönlicher Ebene als auch gegenüber seinen Mitarbeitern", sagte ein anderer über Naqwi. "Er liebte das Leben."

Und wie könnte Naqwi das Leben nicht lieben, wenn ihm zugeschrieben wird, die Abraaj Group, die er 2002 gegründet hat, zu einem der 20 weltweit führenden Private-Equity-Unternehmen und zum führenden Investor in Wachstumsmärkten zu machen, die ein Vermögen von 14 Milliarden US-Dollar in Afrika, Asien, Lateinamerika, der Türkei und dem Nahen Osten verwaltete, mit Investitionen in Gesundheit, sauberer Energie, Verkehrswesen, Bildung und Immobilien. Bill Gates, Barack Obama und John Kerry sind nur einige der namhaften Persönlichkeiten, die Naqwi überzeugen konnte, das Potenzial der Schwellenländer zu erkennen, die er Wachstumsmärkte nannte, mit dem Ziel, Gutes zu tun und gleichzeitig Geld zu verdienen.

Es ist kaum zu glauben, dass er nur wenige Jahre später, im Jahr 2018, stattdessen für den Zusammenbruch des größten Private-Equity-Unternehmens des Nahen Ostens bekannt wurde und wegen des Verdachts des Betrugs von US-Investoren, einschließlich der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, verhaftet wurde.

Heute droht ihm die Auslieferung an die USA, wo er wegen Betrugs und Geldwäsche in 16 Fällen vor Gericht stehen soll, einschließlich wegen Irreführung von Investoren und Wirtschaftsprüfern; wegen Manipulationen an Jahresabschlüssen, um die Offenlegung eines Fehlbetrags von 200 Millionen US-Dollar zu vermeiden; wegen 350 Millionen Dollar, die er sich von einem einzelnen Abraaj-Aktionär und Freund geliehen haben soll, um das Unternehmen als zahlungsfähig erscheinen zu lassen.

Naqwi scheint das Leben heute nicht mehr so sehr zu lieben. Es geht eine gewisse Verzweiflung von ihm aus und ich bemerke, dass unser Schokoladencroissant und unser süßes Plundergebäck während unseres gesamten Gesprächs unberührt bleiben. Gemäß den Bedingungen seiner Kaution darf er nur zwei Stunden im Freien sein, also verlassen wir das Clubhaus und gehen durch den Hyde Park zurück zu seiner Wohnung im Stadtteil Knightsbridge. Er schlägt vor, eine Abkürzung zu nehmen, indem wir eine stark befahrene Kreuzung überqueren.

"Angst?", fragt er mich. "Nein, machen wir", antworte ich und erhalte somit einen Einblick in seinen milden rebellischen Charakter, für den Naqwi so berühmt ist. Als wir auf die andere Straßenseite rennen, erkenne ich einen Hauch von Lächeln auf seinem Gesicht und für einen Moment wirkt er fast kindlich. Ich frage mich, ob dieser scheinbar unbedeutende Akt der Rebellion ihm heutzutage das bisschen Trost gibt und ihm ein Gefühl der Freiheit bringt. Vielleicht ist es derselbe trotzige Geist, der ihn dazu veranlasste, in die unruhigen Märkte der Golfregion zu investieren, wo sich nur wenige hinwagten.

Tatsächlich war ich nach London gereist, um den Mann zu treffen, der beschuldigt wird, Hunderte von Millionen Dollar gestohlen zu haben. Aber ich werde London wieder verlassen, nachdem ich einen Mann getroffen habe, dem etwas von ihm gestohlen wurde: seine Lebensgeschichte.

Googelt man den Namen Arif Naqwi, wird man sicherlich einen endlosen Strom sensationeller Schlagzeilen finden: "Ein Finanzmärchen: Wie ein Mann die globale Elite zum Narren hielt" (The Guardian); "Er hat die Elite davon überzeugt, dass er für die Ewigkeit investiert hat. Dann war das Geld weg" (Wall Street Journal); "Wie ein pakistanischer Betrüger Bill Gates 100 Millionen Dollar raubte" (New York Post).

Wenn man ein wenig tiefer gräbt, wird man feststellen, dass diese Schlagzeilen alle eines gemeinsam haben: Sie wären gute Vorlagen für hervorragende Netflix-Produktionen. Es gibt sogar ein Buch der beiden Journalisten des Wall Street Journal, Simon Clark und Will Louch, mit dem Titel "The Key Man" (Der Schlüsselmann), in dem behauptet wird, ein ehemaliger Buchhalter von Abraaj habe "mit dem Messer neben seinem Bett geschlafen", während ein IT-Manager unter seinem Auto "jedes Mal nach Bomben gesucht" habe. "Die beiden Briten mussten vorsichtig vorgehen und es gab Momente, in denen sie um ihr Leben fürchteten. Arif blieb ein mächtiger Mann", heißt es in dem überdramatisierten Buch.

Dies warf ein paar Fragen in mir auf, zum Beispiel, ob es ihr Leben war, um das die beiden Männer fürchteten oder um ihren Lebensstil. Immerhin war Naqwi dafür bekannt, seinen Mitarbeitern – sowohl den Senioren als auch den Junioren – hohe Gehälter und großzügige Prämien zu zahlen, wobei die am schlechtesten bezahlten Mitarbeiter der Abraaj Group laut der HR-Firma Emolument 120.000 US-Dollar pro Jahr heimtrugen.

Das besagte Buch beschreibt die Arbeit für Abraaj als "traumatischer als beschossen oder bombardiert zu werden", obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass es für die Mitarbeiter traumatisch war, SMS von ihren Banken zu erhalten, die sie über ihre neuesten Bonuszahlungen auf ihre Konten informierten. Zudem ist die Behauptung im Buch überraschend, angesichts der langjährigen Treue zur Firma, die eine Mehrheit der Direktoren, Geschäftsführer und Partner gegenüber Abraaj gezeigt haben.

Es gibt jedoch Aspekte im Buch, die Parallelen zum wirklichen Leben ziehen, etwa wie Naqwi nach dem Zusammenbruch von Abraaj in den Medien dargestellt wurde. Fast jeder erwähnte Protagonist im Buch wird als Opfer von Naqwi dargestellt.

"Die Mitarbeiter wurden zum Alkoholkonsum gezwungen", heißt es im Buch. Führungskräfte texteten für die Abraaj Group einen Slogan, der sich an den Text des Liedes "Hotel California" der amerikanischen Band "Eagles" anlehnte: "Man kann jederzeit auschecken, aber niemals gehen." Nur jeder der Mitarbeiter hätte gehen können und einige taten es auch, obwohl Clark und Louch andeuteten, dass die Mitarbeiter durch Naqwi "zu sehr dazu gedrängt" wurden, nicht zu kündigen. Bei 400 Mitarbeitern, die bei Abraaj hätten "gedrängt" werden müssen, liest sich das wie eine Erzählung fürs Kino.

Mustafa Abdel-Wadood, ehemaliger geschäftsführender Gesellschafter bei Abraaj – der in New York festgenommen wurde und sich in sieben Fällen einer Anklage gegen ihn für schuldig bekannte, darunter eine Anklage wegen Erpressung und Wertpapierbetrug –, wollte laut dem Buch das Unternehmen verlassen, aber Naqwi soll Druck auf ihn ausgeübt haben, um ihn "durch eine seltsame Kombination aus Mobbing und Freundlichkeit" zum Bleiben zu bewegen. Seltsam. Entweder hatte Arif eine Art übernatürliche Fähigkeit, jeden dazu zu bringen, das zu tun, was er wollte, oder die Angestellten hatten ein sehr geringes Selbstbewusstsein.

Abdel-Wadood ist selbst ein Mann mit guten Beziehungen, sein ehemaliger Chef, der ägyptische Milliardär Naguib Sawiris, war laut Wall Street Journal einer der Bürgen für seine Kaution in Höhe von 10 Millionen Dollar. Abdel-Wadood sagte vor Gericht: "Mein Engagement für Abraaj hat die Integrität meines Urteilsvermögens beeinflusst, und am Ende habe ich mich von dem entfernt, was ich wirklich bin."

Aber wer ist Mustafa Abdel-Wadood? War er ein Opfer von Naqwi? Er war sicherlich sein Nachbar. Die beiden lebten in derselben luxuriösen Wohnanlage, Emirates Hills, in Dubai. Laut einem ehemaligen Mitarbeiter von Abraaj lud Abdel-Wadood, wenn er gerade mal keine Partys für Hunderte von Gästen in seiner riesigen Villa veranstaltete, seine Freunde auf eine 30-Meter-Yacht namens Caramel ein. Und doch behauptete sein Anwalt vor Gericht: "Dies ist die tragische Geschichte eines guten Mannes, der bei Abraaj blieb, um zu versuchen, den Wahnsinn zu korrigieren, den Arif Naqwi verursacht hat und sich dabei am unrechtmäßigen Verhalten beteiligte, das er heute eingestanden hat."

Abdel-Wadood, der seine ersten Nächte in Haft im selben Gefängnis wie der berüchtigte Ex-Drogenboss El Chapo verbrachte, könnte zu 125 Jahren verurteilt werden. Aber das Schicksal scheint freundlicher zu ihm zu sein, da er mit den US-Behörden kooperiert, um eine mildere Strafe auszuhandeln, als Gegenleistung dafür, dass er mithilft, eine Anklage gegen Naqwi aufzubauen.

Aber was genau war die Rolle von Abdel-Wadood bei Abraaj? Ein Bekannter von ihm erzählte mir: "Diese ganze Masche von 'Oh, ich bin doch nur ein armer Kerl, der da mit reingezogen wurde' ist lächerlich. Bis zurück ins Jahr 2007, als ich noch im Verlagswesen arbeitete, verlangte er, auf dem Cover eines unserer Magazine zu erscheinen und bei einer unserer Ehrungen eine Auszeichnung zu bekommen. Ich ging zu meinem Chef und fragte ihn: 'Warte mal, warum bekommt dieser Typ ein Cover und eine Auszeichnung?' Und mein Chef antwortete mir: 'Du verstehst es nicht. Dieser Typ ist derjenige, der bei Abraaj die Fäden zieht, bekommt dafür aber keine Anerkennung. Arif steckt alle Lorbeeren ein.'" Eine andere Person, der Abdel-Wadood bekannt ist, sagte mir: "Man sollte meinen, dass ein Typ, der mit Naguib Sawiris zusammengearbeitet hat, genau wusste, was er bei Abraaj tat."

Eine weitere Figur, deren genaue Rolle undurchsichtig bleibt, ist der Ex-Geschäftsführer von Abraaj, Sev Vettivetpillai, der mit neun Anklagen wegen krimineller Aktivitäten und 115 Jahren Gefängnis konfrontiert ist und der sein Plädoyer von nicht schuldig auf schuldig geändert hat, um durch einen Handel mit den US-Behörden seine Gefängnisstrafe reduziert zu bekommen, indem er gegen Naqwi aussagen soll. Laut dem erwähnten Buch soll er angeblich "die Last in seinem Gewissen gespürt haben, selbst als er sich noch mit Naqwi zu den kriminellen Taten verschworen hat".

Während die Medien Naqwi als Drahtzieher hinter einer "globalen kriminellen Verschwörung" beschreiben, erfreuten sich die Investoren – ebenso wie die Mitarbeiter – unter seiner Führung an überdurchschnittlichen Renditen. Einige Erfolgsgeschichten umfassen ein Unternehmen zur Wasseraufbereitung in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ein Versicherungsunternehmen im Oman, ein Finanzdienstleistungsunternehmen in Katar und ein jordanisches Internetunternehmen, die alle weiterverkauft wurden, mit einen Gewinn von insgesamt 81 Millionen US-Dollar, das Dreifache der Summe, den Abraaj für den Kauf dieser Unternehmen investierte.

Sogar das Kronjuwel von Fadi Ghandour, das Logistikunternehmen Aramex, verdoppelte seinen Umsatz, während es im Besitz von Abraaj war, auf 232 Millionen US-Dollar, während sich der Gewinn in nur vier Jahren auf 20 Millionen US-Dollar vervierfachte. Als Abraaj 2005 seine Anteile an dem Unternehmen an der Börse von Dubai verkaufte, erhielt es 86 Millionen Dollar, mehr als das Fünffache der 15 Millionen Dollar, die es investiert hatte. Hunderte von Aramex-Mitarbeitern, die Aktienoptionen besaßen, teilten sich eine Auszahlung in der Höhe von 14 Millionen US-Dollar.

Abraaj bescherte den Investoren auch eine Dividende von 600 Millionen US-Dollar, nachdem er 2006 ein Viertel von EFG Hermes für 505 Millionen US-Dollar gekauft und die Aktien über ein Jahr später für den doppelten Preis von 1,1 Milliarden US-Dollar wieder verkauft hatte. Weitere erfolgreiche Abraaj-Investitionen waren Aktien des Bauunternehmens Arabtech sowie der türkischen Krankenhauskette Acıbadem, die Abraaj mit einem Gewinn von 355 Millionen US-Dollar an Investoren aus Malaysia und Singapur verkaufte.

Darüber hinaus verkaufte Abraaj seine Anteile an Integrated Diagnostics Holdings (IDH), die Kliniken für medizinische Tests in Ägypten betreibt, bei einem Börsengang an der Londoner Börse im Jahr 2015, nachdem es die Größe des Kliniknetzwerks von IDH verdoppelt hatte. Im Besitz von Abraaj überlebte das Kliniknetzwerk nicht nur die Strapazen des Arabischen Frühlings, es gelang ihm sogar noch zu gedeihen.

Ein Investmentbanker, der für die Zwecke dieses Artikels lieber anonym bleiben möchte, sagte mir: "Finanzmärkte sind Kriegsgebiete. Sie greifen Menschen an, wenn sie Geld verlieren, und vergessen die Zeiten, in denen sie mit den selben Menschen Geld verdient haben. Abraaj hat seinen Investoren enorme Gewinne beschert. Startups geben Geld aus, bevor sie Gewinne machen und Abraaj stand kurz vor dem Durchstarten."

Und während die Welt vielleicht weiß, wer vom Aufstieg von Abraaj profitiert hat, ist die Frage, die die Medien und die Autoren von "The Key Man" nicht angegangen sind, die Frage, wer vom Zusammenbruch von Abraaj profitiert hat. Sicherlich nicht Naqwi, dessen Auslieferung an die USA laut Gerichtsakten von einem Richter vertagt wurde, nachdem Naqwi geäußert hatte, "zeitweilig daran zu denken, nicht mehr leben zu wollen". Wenn Naqwi an die USA ausgeliefert werden soll, wird er nach einem US-Gesetz verfolgt, das geschaffen wurde, um kriminelle Banden wie die Mafia zu verfolgen. Wenn Naqwi für schuldig befunden wird, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe: 291 Jahre in einem US-Bundesgefängnis.

Es ist ein härteres Urteil als das der berüchtigtsten Kriminellen Großbritanniens und der USA, wie dem in Ungnade gefallenen englischen Technologieunternehmer Mike Lynch oder dem amerikanischen Betrüger Bernie Madoff, der das größte Ponzi-System der Geschichte im Wert von rund 64,8 Milliarden US-Dollar betrieb.

Die Kaution von Naqwi wurde auf 15 Millionen Pfund festgesetzt, die höchste in der britischen Gerichtsgeschichte, während die Kaution für Mike Lynch bei lediglich einer Million Pfund festgesetzt wurde. Der Engländer, der den Preis seines Unternehmens vor dem Verkauf an ein US-Konglomerat auf 11 Milliarden Dollar in die Höhe getrieben hatte, verdiente 800 Millionen Dollar mit dem Deal. Sogar der berüchtigte Bernie Madoff wurde "nur" zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt, verglichen mit den potenziellen 291 Jahren von Naqwi, während die Haftstrafe von Lynch milde 20 Jahre beträgt.

Was rechtfertigt also, dass die mutmaßlichen Verbrechen von Naqwi doppelt so hart bestraft werden wie andere? Der US-Verteidiger Michael Baldassare – der von den Anwälten von Naqwi damit beauftragt wurde, ein Gutachten abzugeben – sagte, dass Naqwi vor US-Gerichten wahrscheinlich keine Kaution gewährt wird, wo Bundesrichter "ein Gesetz für sich selbst sind".

Laut dem oben erwähnten Finanzanalysten, der anonym bleiben wollte, gibt es auch die Theorie, dass "US-Unternehmen versuchten, Marktanteile zu gewinnen, indem sie Vermögenswerte von Abraaj für Cents pro Dollar kauften". Eine relevante Vorhersage wurde 2019 von Khalid Howladar, Geschäftsführer und Gründer des Risiko- und Regulierungsberatungsunternehmens Acreditus, geäußert. "Es gibt wahrscheinlich einige attraktive Vermögenswerte in der Bilanz von Abraaj und ein Verkauf von einem oder mehreren davon im Laufe des Jahres 2019 ist wahrscheinlich", so die Zeitung The National.

Zu den Unternehmen, die für Abraaj bieten, gehören zwei der mächtigsten und politisch bestens vernetzten Private-Equity-Firmen Amerikas, Colony Capital von Thomas Barrack und Cerberus Capital Management von Stephen Feinberg, die 125 Millionen Dollar für den Kauf von Abraaj boten. Später zogen beide ihr Angebot zurück und reichten ein neues, weit niedrigeres Angebote ein. "Indem sie sich in letzter Minute zurückzogen, öffneten sie effektiv die Tür für den scheibchenweisen Verkauf von Vermögenswerten, die auch von westlichen Private-Equity-Firmen übernommen wurden", sagte mir derselbe Finanzanalyst, der anonym bleiben wollte.

Laut dem Buch "The Key Man" unterbreitete sogar Obamas ehemalige Handelsministerin Penny Pritzker ein Angebot zum Kauf von Abraaj über eine Gruppe, von der sie sagte, dass sie "bedeutende Beziehungen auf den höchsten Ebenen der Regierung und des privaten Sektors habe, die, wie Sie wissen, entscheidend sein können, um Wachstumschancen in Schwellenländern zu erschließen".

Es stellt sich die Frage, warum die Ex-Handelsministerin des ehemaligen US-Präsidenten an einem Unternehmen aus dem Nahen Osten wie Abraaj interessiert ist. Es sei denn, Naqwi hat etwas so Wertvolles aufgebaut, dass Führungskräfte auf den höchsten Ebenen der US-Regierung auch nach dem Zusammenbruch ein Auge darauf werfen wollten.

Alle Angebote, Abraaj als Firma zu kaufen, scheiterten, sodass die Liquidatoren das Unternehmen schließlich auflösten und scheibchenweise verkauften, und zwar zu Ramschpreisen, wie mir meine Quellen sagten. Laut dem Buch "The Key Man" könnte der Kauf von Vermögenswerten von Abraaj den Käufern ermöglichen, in neuen Märkten in Afrika, Asien und Lateinamerika Fuß zu fassen. Einige behaupten, dass damit ironischerweise das Argument von Naqwi bestätigt wird, dass Wachstumsmärkte – wie er sie nannte – die Zukunft seien.

Und so verabschiede ich mich von einem Mann, der den Rest seiner Tage in einer fünf Quadratmeter großen Gefängniszelle verbringen wird. Heute ist ein kühler Tag in London. Ich lehne es jedoch ab, ein Taxi zurück zu meinem Hotel zu nehmen und beschließe stattdessen zu Fuß zu gehen. Ich habe eine neue Wertschätzung für den Begriff Freiheit gefunden.

Übersetzt aus dem Englischen.

Lubna Hamdan ist Journalistin und Moderatorin einer Wirtschaftstalkshow, ehemalige Redakteurin bei arabianbusiness.com und Journalistin für RT.

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