Meinung

Die Massenerschießung in Texas spaltete die US-Gesellschaft statt sie in Trauer zu vereinen

Der Schrecken des Massakers an der Schule der texanischen Kleinstadt Uvalde hat die US-Amerikaner nicht in Trauer geeint; im Gegenteil, die vorhandene Spaltung wurde sichtbarer und noch tiefer. Die beiden Teile wirken bereits wie zwei verschiedene Gattungen.
Die Massenerschießung in Texas spaltete die US-Gesellschaft statt sie in Trauer zu vereinenQuelle: www.globallookpress.com © Wu Xiaoling

von Kirill Benediktow

Das Massaker an einer Texas High School des Städchens Uvalde hat Amerika erschüttert. Schießereien in Bildungseinrichtungen sind seit langem ein Markenzeichen der Vereinigten Staaten. Obwohl sich im Alltag die Bezeichnung "Columbine" eingebürgert hat, benannt nach der Schule in Colorado, an der zwei Schüler 1999 zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen, ist das Massaker von Austin, Texas, im Jahr 1966 als die erste echte Massenerschießung zu betrachten.

Charles Whitman, später als "Texas Sniper" bekannt, tötete damals 14 Menschen, darunter Frau und Mutter, und verwundete 31 weitere Opfer. Whitman platzierte sich im Turm der texanischen Universität und wurde von gewöhnlichen Polizisten liquidiert (die Spezialeinheit, das SWAT, wurde nach diesem Fall gegründet). Am Ende wurde dem texanischen Scharfschützen gar die Ehre erwiesen, indem er in einem mit dem Sternenbanner drapierten Sarg beigesetzt wurde – denn schließlich war er nicht nur ein Verrückter, sondern auch ein Sergeant der Marines.

In demselben Bundesstaat Texas kam sechsundfünfzig Jahre später der 18-jährige Salvador Ramos mit einer Waffe in seine frühere Schule, schloss sich in einem Klassenzimmer ein und tötete alle dort Anwesenden: 19 Kinder und zwei Lehrer, die versuchten, ihre Schüler zu schützen. Die Polizei – und es waren Polizisten in der Schule anwesend! – bewies entweder eine frevelhafte Fahrlässigkeit, oder eine unglaubliche Inkompetenz: Zuerst ließen die Wachleute den bewaffneten Mann ganz gelassen in die Schule, und dann erlaubten sie ihm, seine Bluttat zu vollenden. Erst nachdem fast alle Geiseln tot waren, brachen die beiden Grenzschutzbeamten, die am Tatort eingetroffen waren, die Tür auf, stürmten in das Klassenzimmer und töteten den Bewaffneten.

Das geschah am Dienstagmorgen, dem 24. Mai 2022. Seitdem befindet sich Amerika in einem chronischen Zustand der Aufregung und das Massaker von Uvalde hat das Bewusstsein der Nation weitaus stärker getroffen als alle Massenmorde der letzten Jahre. Vielleicht deshalb, weil die Opfer dieses Mal sehr junge Kinder waren, überwiegend 9- bis 10-Jährige, es gab aber auch Jüngere. Vielleicht aber, weil die Gesellschaft erschöpft ist, von der Pandemie, den Lockdowns, den BLM-Krawallen, den ungestüm einstürzenden "Bidenomics", den Kulturkriegen und anderen Köstlichkeiten der letzten Jahre, und einfach ihre psychologische Schwelle erreicht hat.

Der amerikanische Präsident Joe Biden, der soeben seine Asienreise beendet hatte (ohne großen Erfolg übrigens – es gelang ihm nicht, Indien auf dem QUAD-Gipfel in Tokio in die antirussische Koalition zu locken), versprach bald nach Uvalde zu kommen. "Ich glaube, als Nation sollten wir alle für sie (die Opfer und ihre Eltern – K.B.) da sein", sagte ein wenig verwirrt der hochbetagte Anführer der "freien Welt". Und weiter: "Wir sollten uns fragen: Wann, in Gottes Namen, werden wir das tun, was getan werden muss – wenn schon nicht komplett stoppen, so doch das Ausmaß des Gemetzels in diesem Land grundlegend verändern?"

Und bevor die Leichen der in Uvalde Getöteten abgekühlt waren, explodierte das liberal-progressive Amerika mit hysterischen Rufen: Verkaufsverbot für Schusswaffen! Abschaffung des 2. Zusatzartikels zur Verfassung! Auflösung der National Rifle Association (NRA)! Die Nutzerkonten, in den sozialen Netzwerken, von Sympathisanten der Demokraten brodeln in diesen Tagen vor Hass auf Mitbürger, die es wagen, etwas über das heilige Recht auf den Besitz von Schusswaffen zu murmeln, beschert durch den zweiten Zusatzartikel. Vor allem, da Biden selbst gesagt hat, dass der Zusatzartikel "nicht absolut" sei und der Kongress das Waffenreformgesetz verabschieden sollte. Den Verkauf von Waffen einzuschränken und das ganze Land so auszugestalten, dass es aussieht wie New York oder sogar Massachusetts – wo Waffen mehr Probleme bereiten, als sie Privilegien verschaffen –, ist ein alter und süßer Traum der "Obama Progressiven", dem die Republikaner hartnäckig widerstehen.

Am Tage nach der Tragödie ging der texanische Demokrat und Politiker Beto O'Rourke – eine sehr markante Persönlichkeit, wenn auch nicht ohne Makel in seiner Biografie – auf den republikanischen Gouverneur von Texas, Greg Abbott, zu, der gerade eine Pressekonferenz abhielt, und schrie ihm ins Gesicht, mit unkontrolliertem Speichelfluss:

"Das ist alles Ihre Schuld! Sie machen gar nichts!"

Den aufgewühlten Demokraten versuchte der Bürgermeister von Uvalde, Don McLaughlin, zur Ordnung zu rufen. Er sagte:

"Ich kann es nicht glauben, Sie kranker Hurensohn, dass Sie zu solch einer Veranstaltung gekommen sind, um politische Fragen aufzuwerfen!"

Ironischerweise fand das Uvalde-Massaker wenige Tage vor dem Jahreskongress der National Rifle Association (NRA) statt, der einflussreichsten Organisation, die eng mit der Republikanischen Partei verbunden ist. Die Tagung wird am Freitag in Houston, Texas, eröffnet und dauert das ganze Wochenende – ein großer Konvent von Waffenlobbyisten, eine massive Zusammenkunft von Marketingexperten aus der Schusswaffenindustrie und eine Feier der traditionellen amerikanischen Werte. Erwartet wird eine Rede von Donald Trump selbst, der schon immer wärmste Beziehungen zur NRA pflegte: Der ehemalige Präsident hat bereits eine "wichtige Ansprache" zugesagt. Er sagte:

"Amerika braucht jetzt reale Lösungen und richtige Führung, nicht Politiker und Parteinahme. Deshalb werde ich mein langjähriges Versprechen einlösen, auf dem NRA-Kongress in Texas zu sprechen."

Von ihrer Absicht auf der Tagung Reden zu halten, haben Senator Ted Cruz, Gouverneur Abbott und einige andere prominente Republikaner ebenfalls nicht abgelassen. Doch sie alle verstehen, selbstverständlich, dass das Besteigen der NRA-Tribüne nur wenige Tage nach der Tragödie, die das Land erschüttert hat, sie zu bequemen Zielen macht, sowohl für die Kritiker der liberalen Medien als auch für die lauten und schreienden Massen, die mit Sicherheit Protestkundgebungen vor dem John Brown Convention Center in Houston abhalten werden. Die Führung der NRA hat natürlich versucht, die Negativität abzuschwächen, indem sie eine Pressemitteilung herausgegeben hat, in der es heißt: Die Versammlung werde über die Tragödie von Uvalde "nachdenken" und "für die Opfer beten" ... und "wir versprechen unser Engagement für die Sicherheit unserer Schulen zu verdoppeln."

Allerdings kann zur Zeit keiner vorhersagen, in welche Richtung das Pendel schwingen wird, wen die meisten Amerikaner wohl unterstützen werden. Zugunsten der Befürworter des zweiten Zusatzartikels, die der Meinung sind, dass die Lösung nicht im Verbot von Waffen besteht, sondern in stärkerer Aufmerksamkeit für die Verbesserung der geistigen Gesundheit der Nation? Oder zu den Gegnern, die bereit wären, ihr Leben zu opfern, um das "heilige Recht" auf Abtreibung zu verteidigen, die aber gleichzeitig ein bedingungsloses Verbot des Verkaufs von Waffen fordern?

Eines muss gesagt werden: Es scheint die Demokraten und Progressiven am wenigsten zu kümmern, was das Schicksal der in Uvalde getöteten Kinder angeht. Vielmehr sind sie mit solche Fragen beschäftigt, was den Rechtsschutz von Transgender-Persönlichkeiten und den Kampf gegen Transphobie angeht. Weswegen die "Trans-Menschen"? Deswegen: In den ersten Stunden nach dem Shooting sind auf Reddit und im beliebten Forum 4chan Fotos eines Transmädchens aufgetaucht, die eine leichte Ähnlichkeit mit Ramos hat (später machte das entsetzte Transmädchen sogar ein Foto mit einer Pappe, auf der in großen Buchstaben "25. Mai" stand, um zu beweisen, dass sie und der am 24. Mai in Texas getötete Schütze unterschiedliche Personen sind). Und diese böswillige Fälschung, nach Ansicht der Liberalen, hat eine Welle öffentlicher Feindseligkeit gegenüber Transpersonen, eine Flut homophober Äußerungen und anderer inakzeptable Formen von "Hassreden" ausgelöst. Im Vergleich zu diesen abscheulichen Verbrechen geriet der Tod der Kinder in Uvalde in den Hintergrund.

Da schrieb noch der republikanische Kongressabgeordnete Paul Gosar aus Arizona auf Twitter, dass der texanische Mörder "ein transsexueller, linksgerichteter illegaler Einwanderer namens Salvatore Ramos" sei. Was da abging! Der Zerberus der Demokraten in Arizona, Laurie Roberts, beschimpfte Gosar als "König der Desinformation" und behauptete, der Kongressabgeordnete sei "völlig inkompetent und ungeeignet, ein Amt zu bekleiden". Und er rief nicht nur seine "Beleidigungen" von Trans-Personen ins Gedächtnis, sondern auch die früheren Äußerungen – dass die Wahlergebnisse von 2020 von den Demokraten gestohlen worden seien, dass Ashley Babbitt, die am 6. Januar 2021 im Kapitol starb, "hingerichtet" worden sei, usw.

"Während die zivilisierte Welt den Massenmord an Schulkindern und ihren Lehrern betrauerte, griff der Kongressabgeordnete Paul Gosar sein Lieblingsthema auf und packte die Gelegenheit beim Schopfe, um eine Attacke an zwei Fronten in den rechtsextremen Kulturkriegen zu starten", spottete der Kongressabgeordnete Roberts.

Möglicherweise hat er sogar recht, und Gosar hätte ihn nicht vorschnell abstempeln sollen (obwohl Ramos selbst ein offenes Thema bleibt: Er wurde in der Schule gemobbt, unter anderem wegen Fotos, die er auf Facebook gepostet hatte und auf denen seine Augen dick mit Mascara umrandet waren). Da jedoch von Kulturkriegen die Rede ist, sollte man nicht vergessen, dass im Krieg immer zwei Seiten kämpfen. Und auf der anderen Seite, bei den Demokraten, läuft es sehr schlecht.

Am 25. Mai, am Tag nach der Schießerei in Texas, beschloss der ehemalige US-Präsident Barack Hussein Obama, den Drogenabhängigen und Wiederholungstäter George Floyd zu ehren, mit dessen Tod vor zwei Jahren eine Welle von BLM-Krawallen ausgelöst wurde, die das heutige Amerika in vielerlei Hinsicht veränderte (nicht zum Besseren).

"Während wir heute um die Uvalde-Kinder trauern, müssen wir uns die Zeit nehmen, um zu würdigen, dass es zwei Jahre her ist, dass George Floyd von einem Polizeibeamten ermordet wurde ", schrieb Obama. "Seine Ermordung bleibt uns bis heute in Erinnerung, vor allem denen, die ihn liebten."

Heutzutage haben in den sozialen Medien der USA nur noch die größten Faulenzer nicht über das Massaker von Texas geschrieben. Aber einzig Obama kam darauf, den Tod des schwarzen Mannes George Floyd im Mai 2020 mit der aktuellen Nationaltrauer um die in Texas getöteten Kinder in Verbindung zu bringen. Der erstaunliche Mangel an Empathie des ehemaligen Herrn des Weißen Hauses hat den konservativen Teil der amerikanischen Gesellschaft schockiert.

"Es ist beschissen, dass diese Kinder gestorben sind, aber erinnern Sie sich an George Floyd? Er ist jemand, an den ich immer noch denke", äffte der Geschäftsführer der Satire-Website Babylon Bee, Seth Dillon, Obama nach.

"Keiner der trauernden Eltern macht sich heute Sorgen darüber, was mit Floyd oder sonst jemand passiert ist", sagte die Redstate-Website-Redakteurin Kira Davis. "Jetzt, wenn alle laut weinen, ist nicht der richtige Zeitpunkt, um für seine geliebte Aktivistengruppe (z.B. BLM) zu werben. Was für eine Niedertracht!"

"Bruder. Das ist nicht dasselbe. Das ist überhaupt nicht dasselbe", schimpfte Fox News-Korrespondent Ben Domenech über Obama.

"George Floyd – ein echtes Uvalde Opfer", kommentierte mit Sarkasmus der Journalist Harry Khachatryan vom Washington Examiner den Tweet des Ex-Präsidenten.

"Bruder, so ist es nicht. Kleine Kinder, die in der Schule getötet wurden, sind nicht dasselbe wie der Tod von Floyd, nachdem er sich der Verhaftung im betrunkenen Zustand widersetzt hat", schrieb Jason Whitlock, Moderator des Podcasts Blaze Media, und er brachte es auf den Punkt:

"Dieser Tweet ist einer der schlimmsten in der Geschichte."

Die Tragödie an der texanischen Schule und die Reaktionen darauf zeigen, wie tief der tektonische Graben ist, der die amerikanische Gesellschaft gespalten hat. Er ist längst über die übliche politische Dichotomie "Republikaner – Demokraten" hinausgewachsen und gleicht eher einer Konfrontation zweier verschiedener Arten. Auf der einen Seite – normale, lebendige Menschen, die den Tod von Kindern betrauern und mit ihren Eltern mitfühlen. Und auf der anderen Seite – Bioroboter, die der "progressiven" ideologischen Doktrin blind gehorchen. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendeine Annäherung zwischen ihnen möglich ist. Eher umgekehrt, mit jeder neuen Schießerei, mit jeder neuen Tragödie wird sich die Distanz zwischen Traditionalisten und Progressiven nur noch vergrößern. Und angesichts des wachsenden Hasses in der Gesellschaft sind weitere Schießereien unvermeidlich – unabhängig davon, wie entsetzt die ganze Welt jetzt ist, wenn sie die Bilder der ermordeten Kinder von Uvalde betrachtet.

Kirill Benediktow ist Politikwissenschaftler und Autor einer Biografie von Donald Trump mit dem Titel "Der schwarze Schwan".

Übersetzung aus dem Russischen

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