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Russland und der Westen: Anpassung, Imitation oder Sonderweg

Russland und der Westen: Anpassung, Imitation oder Sonderweg
Die Basilius-Kathedrale in Moskau.
Die Historiker Jörg Baberowski und Rainer Lindner gaben Anfang dieses Jahres die Vorlesungen des renommierten Tübinger Lehrstuhlinhabers für Osteuropäische Geschichte Dietrich Geyer heraus: "Das russische Imperium. Von den Romanows bis zum Ende der Sowjetunion".

von Seyed Alireza Mousavi

Das Buch des Historikers Dietrich Geyer handelt von der Geschichte Russlands von der Thronbesteigung der Romanows 1613 bis zum Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991. Geyers Darstellung ist der Versuch, die Grundzüge russischer "Staatlichkeit" und Mentalität sichtbar zu machen und nicht die russische Geschichte chronologisch zu erzählen. Der Autor konzentriert sich weniger auf Details geschichtlicher Abläufe als Analyse der russischen "Staats- und Gesellschaftsverfassung". Das Buch soll sich als Folie gegenwärtiger Ereignisse lesen. Nach diesem Konzept führt Geyer den Leser durch vier Jahrhunderte russischer Geschichte.

Das Werk vertritt die These, dass die russische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts "eine staatliche Veranstaltung" gewesen sei. Die Begriffe, die aus dem Westen importiert wurden, hätten nicht der Lebensstruktur Russlands entsprochen. "Russland wurde von Dienstleuten verwaltet, aber nicht von Ständen. Seine Zaren waren absolutistische Herrscher, die auf niemanden Rücksicht zu nehmen hatten. Im europäischen Westen war, was Gesellschaft genannt werden kann, ein Produkt der ständischen Ordnung." Unter dieser Prämisse stellt der Autor fest, dass die russische Gesellschaft nichts anderes als eine "staatliche Veranstaltung" sei, aus der "keine Zivilgesellschaft" entstehen kann. Die Opposition sei "ein Spiegelbild der zaristischen Bevormundungsherrschaft", und "das bolschewistische Projekt" sei eine Fortsetzung all jener Versuche des russischen Staates gewesen, die Gesellschaft nach einem "Ebenbild" zu formen. Dieser Staat wird, so Dietrich Geyer, aufgrund der geschichtlichen Entwicklung nicht nur von der "Obrigkeit", sondern vielmehr von vielen Bürgern selbst und mit "Stolz" inszeniert.

Die Romanows auf der Feier zum dreihundertjährigen Jubiläum ihrer Herrschaft.

Die These, die Geyer aufstellt, ist im Grunde keine neue Entdeckung. Seine methodische Vorgehensweise ist der klassische Umgang mit der Geschichte nicht-westeuropäischer Länder durch westliche Historiker. Homa Katouzian hatte beispielsweise seinerzeit in dem Buch "State and Society in Iran: From Constitution to the Rise of the Pahlavi State" thematisiert, dass das iranische Herrschaftssystem aufgrund der mangelnden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ständeordnung "autokratisch" geprägt gewesen sei. Dass Historiker im Westen die Entwicklung der westeuropäischen Gesellschaft als ein allerorts geltendes Muster für die Analyse anderer Kulturverhältnisse betrachten, entpuppt ihre enge Sicht auf das historische Geschehen.

Geyers Buch legt dar, warum es zu keiner "Demokratie" im Sinne der westlichen Aufklärung in Russland gekommen ist. Weltliche Herrschaft und rechtsgläubige Kirche (byzantinisches Erbe) in Moskau hätten in einem Verhältnis der Symphonie zueinandergestanden. Der Moskauer Selbstherrscher sei ohne die geistlichen Legitimationsinstanzen nicht zu denken gewesen, also die heilige Kirche nicht ohne den Schutz und Schirm der weltlichen Gewalt. Der Unterschied zur "lateinisch-christlichen Welt" tritt an dieser Stelle besonders scharf hervor. Geyer philosophiert, dass es in Moskau keinen Dualismus zwischen Reich und Kirche gegeben habe. Stattdessen habe es eine wechselseitige Durchdringung von Herrschaft und Glauben gegeben.

Links: Der britische Premier Neville Chamberlain und Adolf Hitler (1938). Rechts: Sowjetführer Josef Stalin und der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop (1939)

Tatsache ist, dass die lateinisch-christliche Welt das byzantinische Erbe immer mit großem Misstrauen beäugt hat. Dies führte dazu, dass die letzten Jahre des Byzantinischen Reiches von zunehmend verzweifelten Versuchen geprägt waren, aus dem sogenannten "lateinischen Westen" militärische Hilfe gegen die Invasion der muslimischen Osmanen zu erhalten. Eine Hilfe, die aber ausblieb. Der Dualismus, den Geyer in der lateinisch-christlichen Welt lobt, ist im Grunde die Hauptursache der Identitätskrise im säkularisierten Westen, deren Markenzeichen heute ein umkehrbarer demographischer Wandel aufgrund unkontrollierter Massenauswanderung und einem Rückgang der Geburtenrate ist. Die Kirche im Abendland macht – im Gegenteil zu der Hypothese des Buches – heute im Einklang mit den staatlichen Programmen bei der Schwächung der traditionellen Institutionen wie Familie und nationaler Sicherheit mit und ist zudem voll in den neoliberalen Machtapparat und dessen Kulturbild integriert.

Das Werk legt ausführlich dar, wie die europäischen Konservativen im Laufe der neuen Geschichte Europas begeistert von Russland waren. "Das Zarenreich galt als Bollwerk gegen die Revolution und der Zar als Hort der gottgewollten Ordnung." Nach den napoleonischen Kriegen und unter der Wiener Friedensordnung von 1815 sei Russland als "Stütze Europas" in Erscheinung getreten. Der Ausdruck "Heilige Allianz", unter dem die drei Monarchen Russland, Österreich und Preußen nach dem Sieg über Napoleon Europa gestaltet hatten, machte allerdings dem Autor zufolge deutlich, wie Russland seinerzeit das in den Säkularisierungsvorgang und das revolutionäre Modus geratene Europa nach seinem eigenen Weltbild umformieren wollte. Das Werk stellt fest, dass dieser Eindruck von Russland als Ordnungsmacher sich teils bei den konservativ-politischen Eliten bis zur Gründung der Sowjetunion durchgezogen habe. 

Zum Abschluss beschränkt sich der Autor beim "Europabegriff" (Stichwort: Ralf Dahrendorf) auf den Raum von Brest bis Brest-Litowsk und zwar auf "ein lateinisches Europa", dessen historischer Gemeinbesitz auf den "Rechtstraditionen des Mittelalters", den "Bürgertugenden der Civil Society" und dem "westlichen Modell des heterogenen Nationalstaats" beruht. Von diesem Ausgangspunkt her zieht das Werk dann implizit den Bogen bis zum gegenwärtigen geopolitischen Konflikt zwischen Russland und dem transatlantischen Block in Osteuropa: Polen, Ungarn, der tschechoslowakische Raum sowie das Baltikum schienen sich dem lateinischen Erbe zu fügen, aber nicht eben die "Ostslawen" und nicht der "griechisch-orthodoxe Südosten" mit seinen islamischen Enklaven. Nährboden der Westorientierung für osteuropäische Länder wie Tschechien, Ungarn und Polen sei die "Rückbesinnung auf die europäischen Revolutionen des Jahres 1848", wo sich die "Verflechtungen von demokratischer und nationaler Emanzipation" ausgetragen haben.

Die demokratische und nationale Emanzipation, wovon der Autor und Herausgeber in dieser Schrift schwärmt, ist im Grunde die historische Brutstätte der gegenwärtigen Interventionspolitik des Westens und der Identitätspolitik der LGBT-Bewegung, die die Osteuropäer heute am stärksten in Europa ablehnen. Hier ist anzumerken, dass sich Ideengeschichten genauso wie geschichtliche Ereignisse weiterentwickeln und keine Endstation haben.

Im Buch wird Alexander Solschenizyns berühmter kritischer Brief vom September 1973 erwähnt, in dem der russische Schriftsteller die Politik der Regierung kritisierte. Der Historiker Geyer beklagt sich darüber, dass Solschenizyn nicht in seinem Brief "weltbürgerliche Normen der Menschenrechte" hochgehalten habe. Er habe unter Verweis auf "nationalistische Werte" von der Regierung gefordert, dem Volk die "geistige Freiheit" wiederzugeben und nicht die "politische und die zivile Freiheit der Gesellschaft". Ohne über die Bedeutung des Freiheitsbegriffes in der russischen Gesellschaft und deren Unterschied in der westlichen Kultur zu spekulieren, macht dieses Beispiel aus dem Werk deutlich, inwieweit westliche Historiker eine enge und westzentrische Sicht auf das historische Geschehen haben. Es ist ein Denkmodell, das grundsätzlich in der nächsten Phase politischer Entscheidungen mündet und die politische Landkarte gestaltet.

Bei der Frage nach den Beziehungen zwischen Russland und Europa, und zwar Russland und dem Westen, lohnt es sich, dieses Buch zu lesen und sich damit auseinandersetzen, ob es um Anpassung, Imitation oder einen Sonderweg geht: Russland in Europa, Russland zwischen Europa und Asien, Russland als Eurasien oder als eine Zivilisation für sich.

Dietrich Geyer: Das russische Imperium: Von den Romanows bis zum Ende der Sowjetunion, Jörg Baberowski (Hrsg.), Berlin 2020.

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